Montag, 9. Januar 2017

"Mörderische Stille" und die Illusion der Hörenden über die Gehörlosen

Heute Abend kommt um 20:15 Uhr der Kriminalfilm "Mörderische Stille" auf ZDF - ursprünglich hieß der Film sogar "Lautloser Schrei".

Das ist meine Rezension des Films als Betroffene. Als Gehörlose und somit als Expertin in eigener Sache.

Den Film konnte ich übrigens vorab anschauen und konnte es übrigens kaum ertragen. Das liegt nicht an der Darstellung von Jan Josef Liefers, den ich als Schauspieler übrigens sehr liebe, weil er den Mimikjunkie in mir befriedigt mit seiner vielfältigen Spielweise und ich ihm gerne nicht nur im Tatort zuschaue - Liefers ist eindeutig mehr als nur den Boerne im Tatort. Die beste Darstellung, die er abgeliefert hat war bisher in meinen Augen im Film "Simon - Jede Familie hat ihr Geheimnis."

Es liegt daran, dass man die gehörlose Rolle im Film, die der Elena Kühnert mit Sylvie Testud besetzt hat. Sylvie Testud ist eine französische Schauspielerin und hörend. Bekannt wurde sie dem Publikum als hörende Tochter gehörloser Eltern im Film "Jenseits der Stille" von Caroline Link.

Elena Kühnert in "Mörderische Stille" aber ist gehörlos und wird von einer hörenden Schauspielerin gespielt. Diese Art der Besetzung ist Blackfacing. Was ist eigentlich Blackfacing? In Hollywood hat man in den frühen Anfängen weiße Schauspieler schwarz angemalt, wenn diese schwarz sein mussten für die Rollen.

Die Botschaft dahinter war stets: "Schwarze können keine Schauspieler sein." Und genau diese gleiche strukturelle Diskriminierung findet statt, wenn Nichtbehinderte Schauspieler Rollen mit Behinderung spielen. Sie nehmen so auf diese Weise den Schauspielern mit Behinderung die Rollen weg.

Eine Behinderung zu spielen ist nicht das gleiche, als würde man einen Alkoholkranken/Krebskranken/Mörder oder sonst was spielen. Man kann einen Alkoholkranken spielen, weil man sich hineinlesen kann in die Gedankenwelt und dieser Leute und das auch umsetzen kann, weil man beide Seiten der Perspektive so erfahren kann.

 Eine Behinderung zu haben ist nicht einfach nur eine Behinderung zu haben, sondern es ist das Leben damit. Und dieses Leben kann man nicht einfach mit ein bisschen "Ich setz mich mal für paar Tage in den Rollstuhl/lerne mal für paar Wochen Gebärdensprache" umsetzen. Dazu gehört soviel mehr.

Ich kenne keinen einzigen Nichtbehinderten Schauspieler, der es je geschafft hat, glaubwürdig und authentisch einen Menschen mit Behinderung zu darstellen, so dass man den Schauspieler hinter der Rolle völlig vergisst in der Art: "Oh, der ist das wirklich."

In der Gehörlosenszene ist niemand begeistert davon, dass eine hörende Schauspielerin eine gehörlose Rolle bekommen hat.

Störend an der Darstellung der Rolle von Elena Kühnert ist sovieles: Die Gebärdensprache ist absolut nicht flüssig, es sieht wahnsinnig abgehackt und steif aus. Und sie nimmt sich das heraus, den Kommisar, gespielt von Liefers, einfach so anfassen und küssen zu dürfen - die ist behindert, die darf übergriffig sein und beide haben ja eh das gleiche Schicksal: Sie hört nichts - er hat einen Tinnitus. Und es ist total unglaubwürdig, dass sie nicht gleich checkt, dass ihr Mann ins Wasser gefallen ist bei der Wende und von Holzer angestupst werden muss.  Gehörlose reagieren nämlich sehr schnell auf visuelle Veränderungen.

Diese Zeichnung, dass man als Mensch mit Behinderung so übergriffig sein darf, ist äußerst klischeebehaftet.

Was Sylvie Testud da spielt: Es ist die Illusion der hörenden Welt, wie man sich das so vorstellt mit der Gehörlosigkeit.  Es passt überhaupt nichts zusammen bei der Darstellung - die Körpersprache ist immer noch die einer Hörenden, der Ausdruck in den Augen ist immer noch hörend. Gehörlose GUCKEN ganz anders mit den Augen - das kann man nicht lernen.

Wir Gehörlosen erkennen uns an den Augen. Ich hab das schon sehr häufig erlebt, wenn ich z.B. im Zug sitze und mir unbekannte Leute sehe, die gerade nicht gebärden oder sprechen - aber durch den Augenkontakt erkennen wir aneinander und dann geht es los durch:"Du gehörlos? Woher bist du denn?" mit dem Austausch. Das kann man sich nicht vorstellen, aber es ist so.

Daran erkennen wir Gehörlose auch immer im Fernsehen, wenn hörende Schauspieler Gehörlose spielen, dass es hörende Schauspieler sind.

Elenas Mann Michael Kühnert, gespielt von Peter Lohmeyer, gebärdet auch sehr abgehackt und befolgt zudem die einfachsten Kommunikationsregeln im Umgang mit Gehörlosen nicht.

Zudem darf man einen Gehörlosen auch nicht ohne Gebärdensprachdolmetescher auch nicht verhören, weil dann ein mögliche Geständnis und somit die Aussagen wertlos werden können.

Ich hatte übrigens sehr gehofft, dass Fromm es schafft mit seiner Bildersprache die Schönheit der Gebärdensprache zu zeigen. Aber leider missachtet die Kameraführung auch sehr den und schneidet den Gebärdensprachraum ab, so dass die Hände nicht mit im Bild sind oder unterhalb im Bild, sodass die Gebärdensprache abgehackt und unrund erscheint auf dem Bild und somit auch grob unverständlich scheint. Außerdem gehört zur Gebärdensprache auch das Mundbild - es wurde aber kaum verwendet - zur Gebärdensprache gehört eben viel mehr als nur die Hände und die Mimik.

Für die Rolle der Elena Kühnert hätte mir und vielen anderen Gehörlosen die gehörlose französische Schauspielerin Emanuelle Laborit, die Mutter aus "Jenseits der Stille" viel beser gefallen. FunFact ist übrigens: Sylvie Testud, die die hörende Tochter gehörloser Eltern in "Jenseits der Stille" gespielt hat, ist im echten Leben ein Jahr älter als Emanuelle Laborit, die ja im Film ihre Mutter gespielt hat.

Die einzigen authentischen Gehörlosen, die man da im Film sieht, sind übrigens die gehörlosen Segler  am Heck des Bords. Und selbst da ist die Kameraführung äußerst gemein zu ihnen und der Gebärdensprache. Man sieht aber trotzdem sehr gut, wie hoch Qualität der gezeigten Gebärdensprache ist und wie flüssig sie abläuft, wenn man es eben auf Muttersprachniveau kann - da gegen fallen Lohmeyer, Testud und deren Tochter Brandmaier mit ihrer abgehackten Gebärdensprache doch extrem deutlich ab.

Beim Verhör selbst sah man eine Gebärdensprachdolmetscherin, die übrigens auch im echten Leben als Gebärdensprachdolmetescherin arbeitet. Auch dort konnte man im Vergleich zu Testud sehen, wie schlecht und laienhaft sie gebärdet.

Schade um die Chance, die das ZDF da verschenkt hat besetzungstechnisch.

Funfact: Es gab übrigens eine Fachberatung bei "Mörderische Stille" durch eine Gehörlose, die ich auch kenne. Man hat aber nicht auf sie gehört. Kein Wunder, dass dann so eine Vergewaltigung der Gebärdensprache bildtechnisch passiert und der weitere Rest auch auch sehr verquer ist.

Wenn nicht mal das Fernsehen den Mut hat zur inklusiven Besetzung, wie soll dann die Gesellschaft spielerisch durch das Fernsehen mitbekommen, was für ein Geschenk und Chance die Inklusion ist?

Ich habe übrigens schon mal auch sehr umfassender als gerade jetzt zur Blackfacing-Besetzung beim Film gebloggt:

Blogpost Schrecklich "behinderte" Schauspieler  von Februar 2015.

Was mich heute immer noch sehr stolz macht: Mein Tatort "Totenstille" mit dem Team aus Saarbrücken vom 24. Januar 2016 hatte eine Einschaltquote von 9,69 Millionen Zuschauern und landete damit unter den Top Ten der quotenstärksten Tatorte im Jahr 2016. Alle gehörlosen Rollen im Tatort wurden auch von gehörlosen Schauspielern gespielt - damit wurde der Beweis erbracht: Authentische und inklusive Besetzung ist erfolgreich.

Weitere Beispiele? "Jenseits der Stille" wurde ja auch schon genannt - dort wurden ja alle gehörlosen Rollen ebenfalls von gehörlosen Schauspielern gespielt. Oder "Switched at Birth." - dort sind ebenfalls alle gehörlosen Rollen mit gehörlosen Schauspielern besetzt. Achja, "Gottes vergessene Kinder" mit der gehörlosen Schauspielerin Marlee Matlin.

Und übrigens: Der Film "Der mit dem Wolf tanzt" kam auch deswegen so gut an, weil die Ureinwohner Amerikas dort sich selbst alle gespielt haben. Anders bei "Winnetou" - dort hat man kroatische/albanische Schauspieler die Ureinwohner spielen lassen. Meiner Meinung nach ist das auch einer von vielen  Gründen, warum das Remake so sagenhaft floppte.

Ich kenne übrigens alle Argumente gegen inklusive Besetzung zur Genüge und sie zählen alle für mich nicht, weil ich eben den Beweis mit meinem Tatort angetreten habe, dass es auch inklusiv geht.

Man muss nur wollen.

Und solange die Filmindustrie so mut- und saftlos ist bei bei der Besetzung ist, darf sie sich nicht wundern bei so einer geharnischten Kritik von Betroffenen, wenn es um die Besetzung und Menschen mit Behinderungen im Film geht.

Wir haben 2017, Leute.

Im übrigen habe ich gerade eine sehr spannende Wetter mit jemandem aus dem Filmgeschäft laufen. Mal sehen, wer diese gewinnt.