Donnerstag, 21. Dezember 2017

Audismus - was ist das eigentlich?

Mir fielen eben zwei Sachen auf: Über Audismus hatte ich bisher noch nie zusammengefasst gebloggt, nur hin und wieder Beispiele aufgezeigt, die audistisch sind, aber nicht klar als Audismus deklariert.

Und Hörende wissen kaum, was der Begriff Audismus eigentlich alles umfasst, daher möchte ich
einfach mal zu dem Thema bloggen anhand eines gutes Beispiels.

Die Südwest-Presse hat mich neulich interviewt im Rahmen der Vorstellung von Bloggern aus dem Landkreis. Und das Gespräch war ein sehr gutes Gespräch und auch sehr angenehm.


Hier ist der Link zu dem Interview: http://www.swp.de/ulm/lokales/kreis_neu_ulm/warum-die-gehoerlose-bloggerin-julia-probst-alles-andere-als-still-ist-24353162.html
Im Interview kam auch die drohende Zwangsimplantatierung bzw. Zwangsversorgung von gehörlosen Kindern mit dem Cochlea Implantat zur Sprache. Ich habe dann erklärt, wie ich dazu stehe und welche Linie ich für mein Kind verfolge: "Sie hat sich dazu entschieden, kein Hörscreening beim Neugeborenen machen zu lassen, sondern damit bis zur Vorsorgeuntersuchung im Alter von drei bis vier Monaten zu warten. Man muss nicht in den ersten Lebenstagen wissen, ob das Kind hört oder nicht, es ist in meinen Augen einfach nur wichtig, eine Bindung zum Kind aufzubauen und zwar ganz ohne Belastung“, heißt es dazu in ihrem Blog. Auf jeden Fall soll das Kind von Anfang anauch die Gebärdensprache lernen. Und auch zunächst – im Falle einer Gehörlosigkeit – kein Hörimplantat bekommen. „Darüber kann es dann selbst entscheiden, wenn es groß ist.“

Diese Passage im Interview brachte einen Professor aus dem Raum Ulm dazu, mir gestern Abend eine E-Mail zu schreiben, um mir mitzuteilen, dass er das besagte Interview mit mir mit großen Interesse und Ehrfurcht vor meinem Engagement für die Inklusion gelesen habe. Er zitierte dann die oben genannte Passage und nannte das als den Grund für die E-Mail und sagte dazu, dass dies im Sinne der Autonome eines jeden Menschen zwar lobenswert und konsequent, aber er möchte mir doch eins zu bedenken geben: Er habe sich vor 15 Jahre mit einem  Cochlea Implantat versorgen lassen und habe eine Versorgung damit, wie sie nicht besser sein könnte. Außerdem habe er verschiedene Symposien über das Cochlea Implantat bescuht und Vorträge dazu angehört. Und all diese Vorträge würden hinlänglich beweisen, dass das Cochlea Implantat eine hohe Wahrscheinlichkeit haben die Taubheit zu beheben, aber es sei total wichtig, dass man es in den eresten Lebensjahren einsetzt.

Deswegen würde er mir empfehlen eine eingehende Beratung in der HNO-Abteilung des BWK Ulm oder an der Uni-Klinik Ulm in Anspruch zu nehmen, die seien total auf dem neuesten Stand der Technik.

Diese E-Mail ist ganz klar audistisch, denn Audismus ist die Bezeichnung einer Geisteshaltung, die gegen taube/gehörlose und schwerhörige Personen gerichtet ist, woraus sich verschiedene Formen von systematischen Diskriminierungen dieser Personengruppen ableiten lassen

Dieser Professor hat erstens ernsthaft angenommen, ich wäre als Gehörlose nicht kompetent und umfassend genug über die Materie des Cochlea Implantat informiert und könne das alles nicht berurteilen, weshalb er mir die Empfehlung ausgesprochen hat, womit er mir auch die erzieherische Kompetenz abgesprochen hat. Seine ganze E-Mail war die Reinform von Audismus auf mehreren Ebenen. Und ja, Audismus kann auch von CI-Trägern gegen Gehörlose ausgeübt werden, wenn diese von ihrem Umfeld dahingehend so erzogen werden, dass Gehörlosigkeit etwas schlechtes ist.

Ich habe postwendend dem Professor geantwortet und ihm um die Ohren gehauen, dass ich die Mail als übergriffig empfinde, da er automatisch davon ausgeht, dass ich erstens keine Ahnung habe von der Materie und er kein Recht dazu hat, jemandem eine belehrende E-Mail zu schicken, weil meine Meinung sich diametrial von seiner unterscheidet und er so das Selbstbestimmungsrecht von Eltern mit Behinderung nicht akzeptiert. Und ihn auf diverse Studien hingewiesen und auf Riskien einer Cochlea-Implantat-Operation hingewiesen.

Heute kam dann die Antwort: Man entschuldige sich bei mir in aller Form, aber auf meine Antwort möchte man nicht weiter eingehen, denn ich würde seinen Hintergrund ja natürlich auch nicht kennen.

Das war eine typische Nicht-Entschuldigung für die audistische E-Mail und die stattgefundene Übergriffigkeit. Ich habe dann geantwortet, dass seine Mail eine klassische Nichtentschuldigung ist für seine Einmischung und das herausgenommene Recht ist, mich belehren zu müssen, ohne meineen Hingergrund zu kennen und ein Ausdruck davon ist, dass ich seinen Tipp gar nicht zu schätzen weiß.
Ich habe ihn dann auf den Wikipedia-Artikel zu Audismus hingewiesen, den ich euch auch ebenfallsans Herz legen möchte: https://de.wikipedia.org/wiki/Audismus

Und das Cochlea Implantat gehört auch zur audistischen Haltung gegen Gehörlose und Schwerhörige, weil es dem medizinischen Modell der Behinderung zugehörig ist - also dem Bild davon, dass Gehörlosigkeit/Schwerhörigkeit etwas ganz schlimmes sei und absolut repariert gehört.

Ich hoffe, dass das eine Beispiel mit der E-Mail euch ein gutes Bild davon gegeben hat von einer ganz bestimmten Form von Audismus. Es gibt noch viele andere Formen davon, aber die werden aj auch im Wikipedia-Artikel erklärt.

Auch ist die Klage des Arztes, der gehörlose Eltern derzeit vor Gericht gezerrt hat, weil sie kein Cochlea Implantat für ihr gehörloses Kind wünschen, eine der Formen des Audismus. Ich bin gespannt, zu welchem Urteil die Richterin demnächst kommen wird. Die Medien haben dazu berichtet und mehrfach war der Tenor der Artikel wie auch die Leserkommentare ganz klar audistisch, weil man die Eltern als egoistisch empfunden hat ohne überhaupt selbst eine umfassende Expertenmeinung zu dem Thema zu haben. Da haben sich Nichtbehinderte als Experten aufgespielt, weil die Norm nun mal das ist, woran sie sich orientieren. Die Meinung von Menschen mit Behinderung zählt wie so oft gar nicht - diese Form der Feindlichkeit nennt man Behindertenfeindlichkeit. Audismus ist die Form der Behindertenfeindlichkeit, die sich gegen gehörlose/schwerhörige Menschen richtet.

Die letzten Tage/Wochen wurde so oft von Antisemitismus gesprochen, was auch gut und richtig ist. Ich bin aber der Meinung, wir sollten über alle Formen von Menschenfeindlichkeit sprechen und so die Menschenrechte aller Menschen wahren als eine wichtige Säule unserer Gesellschaft. Über behindertenfeindlichkeit wird leider so gut wie gar nicht disktutiert.

Sollten wir aber. Gerade auch unter dem Aspekt, dass nur 4% aller Menschen mit Behinderung von
Geburt an behindert sind. 96% erwerben die Behinderung im Laufe des Lebens, was ganz klar eine NICHT-Garantie ist für Nichtbehinderte, demnächst durch eine Krankheit/Unfall selbst behindert zu sein.

Die Gesellschaft sollte aufhören auf diesem Ohr taub und blind zu sein für diese Fakten.

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