Sonntag, 24. Januar 2016

FAQ zum Tatort "Totenstille"

Soeben ging der Tatort zu Ende. :-)

Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ihr da einige Fragen dazu habt, unter anderem zum Lippenlesen...

Ich habe mitbekommen, dass ihr gefragt habt, warum es manchmal keine Untertitel gibt, wenn in Gebärdensprache gesprochen wird - das war ein ganz bewusste Stilmittel um euch zu zeigen, wie es uns Gehörlosen geht, wenn im TV was ohne Untertitel oder schlechten Untertitel kommt.

Der Tatort ist übrigens mit Untertitel - guckt ihn euch doch in der Mediathek oder in der Wiederholung mit Untertitel an.

Und zm Lippenlesen möchte ich wirklich noch was wichtige sagen:

Es ist wirklich nicht so einfach, wie man sich das manch einer vielleicht durch den Tatort vorstellt - ich habe in vielen Interviews zum Tatort gesagt, dass die überdurchschnittliche Lippenlesefähigkeit der Figur Ben auf meiner Person basiert, aber es eben nicht die Norm ist. Nicht alle Gehörlose können so gut lippenlesen, was von vielen Faktoren abhängt. Ich habe das mal einem Blogeintrag erklärt:

Blogbeitrag: Lippenlesen - wie funktioniert das eigentlich?

Hier hab ich mal bei Gaileo erklärt, wie dieses Lippenlesen funktioniert: http://www.prosieben.de/tv/galileo/videos/mission-impossible-mythen-clip ab etwa 4:50 Min herum oder später..

Und hier kann man sich am Lippenlesen ausprobieren und mal sehen, wie schwierig das ist:

Teste dich im Lippenlesen

Blogbeitrag: Die Gebärdensprache war verboten? Warum? Und welche Folgen hatte das für Gehörlose?

Und dann die häufigste Frage, die mir begegnet ist:

Wie hast du eigentlich sprechen gelernt?

Wie funktionieren eigentlich Gebärdensprachen? http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2013/03/wie-funktionieren-eigentlich.html

Für diejenen, die die Gebärdensprache lernen möchten, habe ich eine Übersicht gebloggt, wo man das kann und auf was man achten sollte:
Mit den Händensprechen - Gebärdensprache lernen!






Samstag, 9. Januar 2016

Gut gemeint ist nicht immer gut geschrieben

Bei der Berichterstattung über Menschen mit Behinderungen stolpert man im wahrsten Sinne des Wortes immer wieder über unmögliche Formulierungen, die so nicht da stehen würden, wenn die Person oder die Minderheitengruppe, um die es geht, nicht behindert wäre.

Nun bin ich eben über einen Artikel gestolpert, der an sich lobenswert ist, aber anhand der Gesprächsführung ist es ja doch eher leider ein Gespräch geworden über Gehörlose über ihre Sprache und Kultur mit einer Frau, die sich aus persönlichen Gründen für Gehörlose engagiert.

Hier geht es zum Artikel - ich hab hier einen Do-Not-Link erzeugt, weil ich nicht will, dass so ein grauenhafter Artikel Klicks bekommt: http://www.donotlink.com/hto7

Wirklich lobenswert ist, dass Helga Wallasch angefangen hat für ihren gehörlosen Sohn Gebärdensprache zu lernen, dann das tun leider bis heute nicht viele Eltern. 90% der Gehörlosen haben hörende Eltern und davon können über 50% keine Gebärdensprache.

Im Artikel heißt es unter anderem:
"Wallasch: Nein, es gibt genauso Dialekte und unterschiedliche Sprachen je nach Land. Es gibt viele Variationen in der Sprache. Als Beispiel: Die Geste für Bonn hat sich über die vergangenen Jahre oft verändert. Es war mal eine Faust, dann eine Ministerschärpe, jetzt sind es zwei Finger am Auge. Auch Fachbegriffe sind schwer zu verstehen. Viele Gehörlose können zum Beispiel den Dolmetschern im Fernsehen nicht gut folgen, weil sie zu schnell gebärden oder Fachbegriffe verwenden."

Entschuldigung, aber die Aussage von Frau Wallasch, dass Fachbegriffe in der Gebärdensprache schwer zu verstehen sind und viele Gehörlose den Gebärdensprachdolmetschern in Fernsehen nicht folgen können, weil sie zu schnell oder zuviele Fachbegriffe verwenden, ist wirklich hausgemachter Quatsch! Mit dieser Aussage schadet sie der Barrierefreiheit für Gehörlose im Fernsehen massiv.

Frau Wallasch gehört einer älteren Generation an, für die es schwer sein mag, sich auf neue Gebärden einzustellen, weil die Gebärdensprache erstens nicht deren Muttersprache ist, aber für uns Gehörlose, ist es überhaupt kein Problem sich im Gespräch auf Dialekte in der Gebärdensprache oder Fachbegriffe zu verwenden. Neue und andere Gebärden saugen wir ganz schnell auf und wenden sie auch woanders wieder an.

Gebärdensprache ist eine lebendige Sprache, sie ist nicht starr und für alle Zeiten komplett festgeschrieben, von daher verstehe ich die Meckerei von Frau Wallasch nicht, wenn sie jammert, dass sich die Namensgebärde für Bonn sich ständig verändert. Gerade der Umstand, dass sich die Namensgebärde für Bonn sich im Laufe der Zeit ständig verändert hat: eine Faust, dann eine Ministerschärpe, dann zwei Finger am Auge, zeigt doch, dass sich der Blick auf die Stadt Bonn auch durch ihre politische Veränderung verändert hat. Und die Gebärdensprache bildet eben das AUCH ab!

Und ich finde überhaupt nicht, dass die Gebärdensprachdolmetscher im Fernsehen zu schnell gebärden oder zuviele Fachbegriffe verwenden - das sind alles ausgebildete Gebärdensprachdolmetscher, die sind für solche Situationen trainiert. Und bei den Nachrichten werden haben die Sprecher ja auch gelernt ein moderates Sprachtempo zu wahren, weshalb die Sprecher und die Gebärdensprachdolmetscher dort ja quasi Hand in Hand arbeiten. Übrigens: Bei Phoenix wird immer mal wieder ein tauber/gehörloser Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt, also Übersetzungen von einem Gehörlosen Muttersprachler in Gebärdensprache angeboten. Und auch er verwendet genauso oft Fachbegriffe wie die (hörenden) Gebärdensprachdolmetscher.

Aber am allerschlimmsten finde ich die Sache, wie Frau Wallasch das "Gehörlosendeutsch" erklärt. Abwertender kann man nun wirklich nicht über Gebärdensprache sprechen, wenn man sie erklärt.
Es stimmt, dass die Syntax der Gebärdensprache sich erst mal vereinfacht anhört, wenn man sie auf das Schriftdeutsch überträgt, aber die Gebärdensprache ist eine vollwertige und anerkannte Sprache, deren Wortschatz gleichwertig ist mit der Lautsprache. Man kann alles mit der Gebärdensprache sagen und ausdrücken, manchmal sogar noch mehr als in der Lautsprache mit einer Gebärde. Und es ist wirklich eine Frechheit hier die falsche Behauptung aufzustellen, dass alle Gehörlose einen kleineren Wortschatz haben. DAS trifft bei weitem nicht auf alle Gehörlose zu, was sie anhand des Blogs hier deutlich feststellen können.

Und sie hat etwas ganz wichtiges NICHT begriffen: Nicht die Syntax der Gebärdensprache ist schuld, dass der Wortschatz und somit auch die Bildung von Gehörlosen niedriger sind als von Hörenden bzw. Nichtbehinderten. Nicht die Gebärdensprache ist hier der Sündenbock, sondern der Umstand, dass die Gebärdensprache als Unterrichtssprache und als Umgangssprache unter Gehörlosen an Schulen bis 2010 offiziell verboten war.

Dieses Verbot der Gebärdensprache als Folge des Mailänder Kongress von 1880 hat die Bildung der Gehörlose bis heute zurückgeworfen, da es auch ein Berufsverbot war für die gehörlosen Lehrer zu dieser Zeit war. Erst jetzt studieren immer mehr Gehörlose auch auf das Lehramt, um die Bildung für Gehörlose durch Unterricht in Gebärdensprache zu verbessern. An 3 von 5 Universitäten für Gehörlosenpädagogik gibt es bis heute keine verpflichtende Vorschrift, dass man Gebärdensprache können muss, um Gehörlose zu unterrichten. Ein Unding!

Der Umstand, dass Gehörlose in ihrer Schulzeit mehrheitlich dazu gezwungen sind von den Lippen abzulesen, was sehr anstrengend ist, wenn man das über mehrere Stunden machen muss - das IST der Hauptgrund Nummer eins für die niedrige Bildung und kleineren Wortschatz der Gehörlosen. Dazu kommt natürlich auch, dass die meisten Medien nicht 100% barrierefrei sind, wozu ja auch das Fernsehen immer noch zählt.

Nochmal zurück zum Artikel: Frau Wallasch ist Mutter eines gehörlosen Sohns. Das Interview mit ihr hätte man ruhig führen können, aber dann bitte nur darüber, wie sie als Mutter damit umgegangen ist, dass ihr Sohn gehörlos ist und dass sich eben auch ihr Engagement für Gehörlose ableitet. Aber alles andere: Gebärdensprache und Gehörlosenkultur, Notruf und alles - das betrifft uns Gehörlose selbst. Wir sind hier die Betroffene. Sprecht mit uns über uns!

Warum hat der General Anzeiger in Bonn nicht einfach mit einer gehörlosen Person selbst das Interview geführt, wenn man etwas über Gebärdensprache und Gehörlosenkultur erfahren will?

Ich tippe mal ganz stark auf Bequemlichkeit. Schade. Große Chance verschenkt für einen authentischen Artikel, lieber General-Anzeiger Bonn.