Sonntag, 19. Juni 2016

Fahrrad fahren als Gehörlose

Das ist auch eine der häufigen Fragen, die mir begegnen im Leben als Gehörlose - fast so häufig wie im Blogpost zu "Kannst/Darfst du Autofahren?"

Im Mai hatte ich ein Beschnupperungsgespräch mit der Vermieterin einer Wohnung in Hamburg, die ich mir ausgeguckt habe. Zum Gespräch bin ich natürlich alleine gekommen, denn erstens hätte ich es als sinnlos empfunden mit einer/m Gebärdensprachdolmetscher*in  zu kommen, weil man eh den Dolmetscher nicht immer bei sich hat. Und außerdem ist es wichtiger zu sehen, ob man eine grundsätzliche Kommunikationsgrundlage hat.

Die hatten wir, wir hatten ein richtig schönes und nettes Gespräch. Am Ende des Gesprächs fragte mich Frau B., ob ich denn Fahrradfahren kann. Ich war etwas verdutzt, weil ich die Frage schon lange nicht mehr gehört habe und gab zurück: "Ja, wieso?" "Ich stelle mir das etwas schwierig vor, wenn man nicht hören kann und auf den Verkehr achtgeben muss.." Ich meinte darufhin, dass ich sehr viel fahrradfahre und noch nie einen Unfall gehabt habe im Straßenverkehr.

Die einzigen 4 Unfälle, die ich mit dem Fahrrad hatte, waren auf dem Feldweg und am Bahnhof sowie als Kind. Ich bin da meiner Mutter hinterhergerast - sie fuhr voraus. Ich strampelte ihr hinterher über eine Straße, als da plötzlich ein Auto kam und mein Vorderrad knutschte mit dem Reifen des Autos herum, wobei es meinen Brustkorb ewas auf den Radlenker knallte.

Der Autofahrer war viel erschrockener als ich. Ich habe nur ganz cool gemeint: "Nix passiert." und bin weitergeradelt. Das war es an Unfällen, die ich mit dem Fahrrad im Straßenverkehr hatte.

Aber jetzt in Hamburg kapiere ich langsam, was Frau B. gemeint hat: Die Fahrradfahrer hier sind etwas rücksichtslos und noch nie war mein Rückspiegel an einer Lenkerseite mir hilfreicher als hier. Demnächst werde ich mir auf der anderen Lenkerseite auch noch einen Spiegel einbauen.

Ich höre ja nichts, also bringt es überhaupt nichts, mich anzuklingeln, wenn man an mir vorbeifahren möchte. Und oft wird man rücksichtslos überholt, wenn ich nicht zufällig die Person im Rückspiegel erheischt habe. An diesem Punkt habe ich mal überlegt, ob es nicht sinnvoll wäre einen Aufkleber mit dem Hinweis, das man nichts hört, am Fahrrad anzubringen. Aber will ich mich selbst "stigmatisieren"? Vertrackte Sache, das.

Also, liebe Radfahrer und Fußgänger: Wenn ihr mal eine Person auf dem Fahrrad oder zu Fuß vor euch stehen habt und diese nicht auf Herumgeklingele oder Zurufe reagiert, dann habt ihr es sehr wahrscheinlich nicht mit einer ignoranten Person zu tun, sondern mit einer gehörlosen Person. Der Blickwinkel von uns Augenmenschen nach hinten ist weiter als bei hörenden Menschen - wir erkennen euch schon oft früh genug, wenn ihr hinter uns steht und vorbeiwollt. Aber das ist eben nicht immer der Fall - wie bei vielen hörenden Menschen auch, die im Weg herumstehen.

Das Radfahren im Hamburg macht mir aber trotzdem Spaß, denn man kann dabei sehr viel entdecken - Hamburgs Schönheiten zum Beispiel. Oder man entdeckt ein paar Unebenheiten im Boden und denkt sich:"Stolperfalle für alte Leute."

Wie gesagt: Es gibt viel zu entdecken in Hamburg. :-)

P.S. Der Mythos, dass viele Gehörlose nicht Radfahren können, stammt aus "Jenseits der Stille." Laras Mutter dort kann nicht Fahrrad fahren, aber das sind seltene Einzelfälle. Deshalb war es mir auch so wichtig, im Tatort "Totenstille" zu zeigen, dass Gehörlose sehr wohl ohne Probleme Radfahren können.

Kommentare:

  1. Hallo Julia Danke für deine Schilderung. Auf die Idee dass jemand deshalb nicht reagiert weil er schlecht hört oder gar gehörlos ist wäre ich gar nicht gekommen. Danke für deinen Hinweis. Weiterhin viel Freude beim Radfahren und möglichst viele rücksichtsvolle Verkehrsteilnehmer wünsche ich dir..

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  2. Es gibt ja auch laut Musik Hörende, die sich ihrer Einschränkungen deutlich weniger bewusst sind. Neulich erst fünf Minuten hupend hinter einem her gefahren...

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