Montag, 20. April 2015

Meine Session auf der re:publica 2015 ist abgesagt.

Dieses Jahr hab ich mich endlich mal wieder getraut ein Paper einzureichen, nachdem ich schon 2011 und 2012 Speakerin war dort.

Und mir ging es immer um Barrierefreiheit und Inklusion dort, weshalb es mich die letzten 2 Jahre sehr erfreut hat zu sehen, dass die re:publica vermehrt auf Barrierefreiheit achtet und die Hauptbühne mit Live-Untertitel ausgestattet hat, so wie sie es auch auf ihrem Code of Conduct erklärt:" Eine Gesellschaft lebt von der Vielfalt ihrer Mitglieder – das gilt erst recht auch für die digitale Gesellschaft! Deshalb ist die re:publica eine Konferenz, die die Andersartigkeit feiert und keinen Menschen aufgrund von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung, Aussehen, Hautfarbe, Herkunft oder Religion ausgeschlossen wissen möchte. Dieselbe Einstellung erwarten wir auch von unseren TeilnehmerInnen. Wir wollen mit euch eine gewaltfreie und friedliche Veranstaltung erleben. Die re:publica steht für Barrierefreiheit und Inklusion. Unser Gelände ist selbstverständlich mit Rollstuhl zugänglich und wir bieten ermäßigte Tickets an. Internationale Gäste finden sich bei uns auch ohne Deutschkenntnisse zurecht. Schließlich wird ein nicht unbeträchtlicher Teil des Programms auf Englisch angeboten. Die Talks und Vorträge auf der Hauptbühne werden zudem auch simultan als Text in der jeweiligen Sprache eingeblendet. Und für alle, die gar nicht dabei sein können, ist die Mehrzahl der Vorträge im Nachhinein im Netz als Video verfügbar. Um diesen Anspruch mit Leben zu füllen, seid auch ihr gefragt: Tragt dazu bei, dass sich alle auf der re:publica sicher und willkommen fühlen. Sprecht uns und euch gegenseitig an, wenn sich jemand daneben benimmt oder wenn ihr Unterstützung brauchen könnt. Genauere Infos und Kontaktdaten ergänzen wir hier kurz vor der Konferenz."

Mich nervt es bei den vielen tollen Themen, die die re:publica alljährlich anzubieten hat, dass ich nicht einfach ankreuzen kann, was ich mit Live-Untertitel und/der Gebärdensprache haben möchte und so meine Sessions völlig frei auswählen kann wie jeder andere auch. Diese Wahlfreiheit habe ich nicht. Ich bin darauf angewiesen, was die Orga der Re:publica auf die Hauptbühne schmeisst und muss mich dann damit zufrieden geben, was de facto Exklusion ist. Exklusion von vielen anderen aufregenden Themen auf der re:publica.

Dieses Jahr hat die re:publica übrigens 7 oder 8 Panels zum Thema Transhumanismus/Cyborgdasein.

Seit ein paar Jahren beobachte ich die Transhumanisten/Cyborg-Bewegung argewöhnisch und das mit Recht aus verschiedenen Gründen:

Ich bin selbst ein Cyborg dank meines Cochlear Implantats und kenne mich mit der Materie also ganz gut aus. Aber ich habe nie daran gedacht, mein Cochlear Implantat biohacken zu wollen, um wie eine Fledermaus hören zu können. Und warum nicht? Es ist einfach nicht vorgesehen, dass Menschen das können müssen, weil es eine überflüssige Sache ist. Und wenn man weiter darüber nachdenkt, wird einem klar: Die Antwort auf diese Frage ist so simpel wie gefährlich:

Transhumanisten/Cyborgs wollen mit dieser Selbstoptimierung/Erweiterung etwas können, was andere Menschen nicht können und sich dadurch von der Masse abheben. Etwas besonderes sein.

Und schon Menschen mit Behinderungen müssen sich sehr oft den Vorwurf gefallen lassen:"Warum lässt du das nicht operieren?"

Da ist es die einfache Schlussfolgerung, dass die Transhumanismus/Cyborg-Bewegung dazu führen wird, dass Nichtbehinderte sich "behindert" fühlen werden, weil sie sich nicht selbstoptimieren/erweitern, obwohl sie eigentlich "perfekt" sind - eben die Otto Normalverbraucher-Ausrüstung der Natur.

7 oder 8 Panels auf der re:publica, wo die Transhumanisten/Cyborg-Bewegung sich feiern lassen darf, dass sie ja ein ganz neues Feld aufmachen, welches früher in Sci-FI angesiedelt werden war, so nach dem Motto: "Die Zukunft ist jetzt - guckt mal, was alles möglich ist."

Die Akzeptanz der Transhumanisten/Cyborg-Bewegung wird dazu führen, dass Menschen mit Behinderung weniger akzeptiert werden. Und knallhart gesagt: Transhumanisten ist ein euphemistisches Wort für die mit Cyborg-Technologie etwas besseres sein wollen als mit Basisaustattung. Menschen mit Magnet-Implantaten in den Fingern - und lauter so unsinnigen Erweiterungen - ich kann da echt nur darüber lachen, wäre da nicht der behindertenfeindliche Kern dieser Bewegung. Im übrigen bin ich dafür, dass Transhumanisten/Cyborgs, wenn sie sich selbst biohacken wollen, ALLES von A-Z selber zahlen: Die Operationen, die Nachsorgebehandlungen, die ärztliche Versorgung, wenn etwas schiefgeht. ALLES.

Und diese Unausgewogenheit auf der re:publica wiederspricht dem Code of Conduct der Re:publica. Wie kann man nur so unausgewogen einer behindertenfeindlichen Bewegung soviel Raum geben, obwohl man im Verhaltenskodex sagt, man stehe für Barrierefreiheit und Inklusion? Ich finde gerade mal 3 Sessions zum Thema Inklusion. Barrierefreiheit spielt da nur eine ganz untergeordnete Rolle.

Mit meinem Panel über die Gebärdensprache wollte ich meinen Teil zur Inklusion beitragen, sehe es aber nicht ein, warum und wieso das Thema Inklusion und Barrierefreiheit soweit untergeordnet wird, so dass die Re:publica ihrem eigenen Conde of Conduct nicht treu bleibt.

Das will mir nicht in den Kopf. Und hiermit sage ich mein Panel über Gebärdensprache auf der re:publica ab, obwohl ich mich mit meinen Freunden sehr darauf gefreut habe.

Mag sein, dass ich der behindertenfeindlichen Transhumanistenbewegung damit auf der Republica mehr Raum gebe als nötig, aber ich habe für mich selbst ein Zeichen gesetzt, denn ich möchte in einer Gesellschaft leben, wo Menschen sich selbst für perfekt halten, egal mit oder ohne Behinderungen und mit ihrem Körper völlig zufrieden sind. Ganz ohne Erweiterungen.

Die E-Mail geht heute vormittag raus - erst mal gehe ich schlafen, bevor ich dem Team eine liebe und freundliche Absage-Mail schreibe. Mit Wut im Bauch lassen sich Blogeinträge sehr gut schreiben, aber E-Mails weniger gut.

P.S. Vielleicht mögen dem einen oder dem anderen meine Argumente gegen Transhumanismus/Cyborgdasein nicht ausführlich genug sein. Aber das wichtigste habe ich erklärt.


Mittwoch, 1. April 2015

Wenn der Gebärdensprachdolmetscher im Mittelpunkt steht...

dann ist er entweder ein Fake-Gebärdensprachdolmetscher wie bei der Beerdigung von Mandela oder aber ein so mitreißender Gebärdensprachdolmetscher, so dass er auf auf positive Art viral geht.

In diesen Tagen werde ich immer wieder auf den schwedischen Gebärdensprachdolmetscher Tommy Krångh hingewiesen. Ganz verschiedene Menschen schreiben mir: "Guck mal hier, hast du das schon gesehen?" und sind begeistert.

Und heute hatte ich endlich mal bisschen die Zeit mich über den Gebärdensprachdolmetscher Tommy Krångh zu informieren. Verschiedene Quellen sagen, er habe keine Ausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher, sondern sei einfacher Angestellter. Aber die Art der Darbietung und der Einsatz der Gebärdenprache liessen mich schnell zum Schluss kommen, dass Tommy ein CODA sein muss.

CODA? Was ist das denn bitte? Diese Abkürzung steht für "Child(ren) of Deaf Adults" - also Kind(er) von gehörlosen Erwachsenen - bzw. mit gehörlosen Eltern!

Und mit etwas googlen fandd ich auch die Bestätigung, dass Tommy ein Coda ist, denn er hat mit Eurovision über seine Auftritt gesprochen und er sagt im übrigen genau das, was Gebärdensprachdolmetscher tun sollten, wenn sie Musik dolmetschen. Nur schade, dass Eurovision ständig den falschen Begriff "Gebärdendolmetscher" verwendet im Interiew, obwohl es korrekterweise Gebärdensprachdolmetscher heißt.

Aber lest euch mal das Interview durch, es ist sehr lesenswert: https://www.eurovision.de/news/Tommy-der-Performer,krangh100.html

Das Melodifestival in Schweden wird übrigens seit Jahren schon gedolmetscht in Gebärdensprache - ein Standard, von dem wir hier in Deutschland noch weit entfernt sind. Jedoch wird der ESC in Wien dieses Jahr die barrierefreiste Show sein im Rahmen des ESC.

Der ORF hat nämlich einen Livestream mit International Sign im Angebot und auch den Fernsehsendern den Gebärdensprachstream im Gesamtpaket angeboten - die Sender müssen also nichts zusätzlich zahlen, um den Gebärdensprachstream zu zeigen. Ich bin gespannt, wieviele Sender dies in Anspruch nehmen werden.

Die Begeisterung auf Tommy Krångh's Darbietung hat doch nur eins gezeigt: Auch Hörende können sich für Gebärdensprache begeistern, auch wenn sie dieser nicht mächtig sind und das Angebot als Bereicherung empfinden anstatt als störendes Bildelement!

Achja, hier ist das Video von seinem Auftritt - leider wird hier das Video beschnitten, daher nur der Link zum Video statt Einbettung: https://www.youtube.com/watch?v=S0OeBrQBPNc#t=11

P.S. Der Gebärdensprachdolmetscher von Mandelas Beerdigung kann übrigens kein Wort Gebärdensprache, weswegen er auch sehr schnell aufflog damals.