Freitag, 25. Dezember 2015

Dieser Artikel ist ein Appell für Respekt im gemeinsamen Miteinander.

Und das ist auch gut so.

Respekt fängt auch an bei der Sprache, sie ist sogar sprachlich sehr wichtig, denn Worte sind nun mal das mächtigste Schwert, welches man einsetzen kann. Und Worte erzeugen beim Leser/Empfänger nun mal ein bestimmtes Bild der Situation.

Ich möchte Ihnen heute eine Frau vorstellen, der JEDES Gespür für Respekt im gemeinsamen Miteinander abgeht und sich dafür feiern lassen will.

Roswitha Müller-Schenkenbrink, Chefredakteurin der Psychologie aktuell, hat eine Polemik geschrieben, wo sie die Gesinnungspolizei verdammt, weil man ja bestimmte Begriffe nicht mehr verwenden darf, weil dann sonst die Gesinnungspolizei kommt.

http://www.huffingtonpost.de/roswitha-mueller-schenkenbrink/dieser-artikel-wird-sie-beleidigen-und-das-ist-auch-gut-so_b_8856832.html?1450785798

Es tut mir so leid für Frau Müller-Schenkenbrink, denn leider ist ihr Artikel deutlich im 20. Jahrhundert zurückgeblieben und alles andere als weltoffen und respektvoll. Ich würde sie ja gerne mit den Adjektiven bewerfen, die mir bei deren Wortgebrauch spontan durch den Kopf schießen, aber ich verzichte aus Respekt vor dem Alter von Frau Müller-Schenkenbrink darauf, sie deutlich zu überforden, denn ganz offensichtlich fehlt bei ihr der Wille dazu etwas grundsätzliches zu verstehen: Respekt und Anstand im gemeinsamen Miteinander.

Solche Dinge hat man sogar schon im 20. Jahrhundert, im 19. Jahrhundert, im 18. Jahrhundert und so weiter gelehrt, auch wenn sich die Werte und Normen sich im Laufe der Zeit angepasst haben, damit der Respekt und Anstand weiterhin gewahrt bleibt.

Und wir sind jetzt im 21. Jahrhundert, wo langsam das Bewusstsein durchsickert, dass Worte verletzen können. Ich bin froh, ein solch moderner Mensch zu sein, der sowas grundsätzliches begriffen hat. :-) Und oh, ich bin sogar ein Mensch mit Behinderung. Na, sowas. :-D

Im übrigen lache ich laut bei dem Gedanken, dass Frau Müller-Schenkenbrink mich als taubstumm bezeichnen wird, weil ja Gehörlose nicht sprechen können und Gebärdensprache nach ihrer urzeitlichen Auffassung von Menschen mit Behinderungen ja gar keine richtige Sprache ist, weil sie eben "nur" mit den Händen gesprochen wird und überhaupt nur ein sprachliches Krüppel von Sprache ist.

Es spricht nicht gerade für die Chefredakteurin der Psychologie aktuell und die Huffington Post, wenn sie sich dafür feiern wollen, dass sie im Bewusstsein der vollen Absicht Menschen jeder Herkunft verletzen mit ihrem Sprachgefühl. Sie wollen sich für Rassismus, Behindertenfeindlichkeit und Anstandslosigkeit, Respektslosigkeit feiern lassen.

Ich bin da so erwachsen und mach da nicht mit. Und Sie?

Sonntag, 29. November 2015

"Ich lass mich nicht behindern"

Das war der Titel eines Kamingesprächs in Warendorf bei Münster, wo ich vor Journalisten meine Sicht auf die Inklusion erklären durfte, was sehr viel Spaß gemacht hat. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Und hier gibt es auch schon einen Beitrag dazu: http://www.drehscheibe.org/blog/inklusion-fuer-alle

Für mich sind solche Aufritte meistens mit viel Spaß verbunden, manchmal guckte ich bei einem Argument allerdings so wie Angela Merkel damals bei der legendären Elefantenrunde am Wahlabend, wo Schröder sie abgekanzelt hat und hoffe, dass niemand jetzt diesen Blick jetzt von mir mitbekommen hat. ;-)

Ich war nicht immer mit den Positionen der anderen Seite einverstanden aufgrund der Tatsache, dass ich so denke: "Wer für Inklusion ist, der findet immer Wege und Lösungen dafür. Wer keine will, der macht sich erst gar nicht erst die Mühe."

Was ich auch sehr lustig fand: Am Tag der Veranstaltung, wo der Pressesprecher der Aktion Mensch auch was erzählen durfte, war ich längst nicht mehr vor Ort dabei, sondern längst in Berlin. Aber dank meiner guten Vernetzung habe ich erfahren, dass ich dennoch anwesend war bei dem Werbegespräch von Sascha Decker, weil man nämlich mehrfach über mich gesprochen hat.

Mein Gedanke dazu war: "Du hast ja alles richtig gemacht, wenn man auf einer Veranstaltung, wo du nicht anwesend bist, über dich redet." Und das stimmt auch. Auf die Frage aus dem Publikum, warum die Aktion Mensch keinen Pressesprecher mit Behinderung habe, antwortet der Pressesprecher ohne Behinderung: "Warum muss ich eine Behinderung haben, um für Menschen mit Behinderung zu sprechen?" Beim Lesen auf Twitter dieser Aussage dachte ich mir so: "Aktion Arschloch halt."

Aha, alles klar. Die Aktion Mensch behindert also lieber Menschen mit Behinderung, weil sie immer noch nicht kapiert hat, dass Nichtbehinderte nullkomamnull Recht darauf haben, für Menschen mit Behinderung zu sprechen. Diese "Wir sprechen als große Organisation für Menschen mit Behinderung im Namen von Menschen mit Behinderung-"Attitüde der Aktion Mensch schadet der Inklusion und der öffentlichen Wahrnehmung von Menschen mit Behinderung erheblich.

Nur noch mal zur Klarstellung: Ich habe nichts dagegen, wenn Nichtbehinderte sich stark machen für Menschen mit Behinderung und so eine Unterstützung liefern, aber das darf nicht dazu führen, dass die Stimme von Menschen mit Behinderung weniger zählt als die von Nichtbehinderten, denn auch das ist Inklusion: Niemand nimmt irgendwem die Stimme weg, sondern man ist auf Augenhöhe.

Zum besseren Verständnis: Die Unterdrückung von Menschen mit Behinderung und der paternalistische Umgang mit Menschen mit Behinderung ist schon seit Jahren das "normale" Bild von Menschen mit Behinderung. Das sollte man im Kopf behalten, damit man besser versteht, warum Nichtbehinderte kein Recht haben FÜR und an der Stelle von Menschen mit Behinderung für sie zu sprechen, denn das eine ist meist der Deckmantel des anderen.

Im übrigen: Wenn jemand Hilfe braucht und sagt: "Kannst du mir helfen?", dann ist es doch völlig okay zu helfen - und da macht man doch überhaupt keinen Unterschied, ob die Person eine Behinderung hat oder nicht. Das gleiche gilt auch für: "Kann ich dir helfen?"

Und wenn man sich das mal verinnerlicht hat mit der Unterdrückung, dann ist wird einem klar: Gerade dieses Verhalten wie von der Aktion Mensch, dass sie in der Öffentlichkeit fast immer für Menschen mit Behinderung redet und AN deren Stelle, ist eine Unverschämtheit.

Zur Deutlichen Hevorhebung: Ich habe, wie viele andere Menschen mit Behinderungen, ein starkes Problem damit, wenn Nichtbehinderte FÜR und an DER Stelle von Menschen mit Behinderungen für sie reden.

Auf der IFA Berlin gab es am Stand der ARD ein Gespräch mit der Gebärdensprachdolmetscherin Laura Schwengber. Sie hat dann Fragen des Moderator Holger Klein zur Gehörlose, Gebärdensprache und so beantwortet.

Aus meiner Sicht eine Unverschämtheit. Ich habe mich dann auch beschwert und gefragt: "Warum wird  hier eine Gebärdensprachdolmetscherin über Gehörlose und Gebärdensprache befragt?" Daraufhin kam die Antwort: "Wir haben Laura nur zu ihrem Beruf befragt." und man teilte mir später noch mit, dass dies ja auch eine schöne Werbung wäre für den Beruf des Gebärdensprachdolmetschers. Nein, eben das ist nicht passiert.

Das Gespräch war übrigens nicht barrierefrei - da wurde über Gehörlose und Gebärdensprache gesprochen, aber es wurde nicht für Gehörlose gedolmetscht. Das ist einer der vielen Negativpunkte vom Gespräch.

Die beste Werbung für den Beruf des Gebärdensprachdolmetschers wäre gewesen, wenn man eine gehörlose Person auf die Bühne gebeten hätte und sie dann befragt hätte zum Leben als gehörloser Mensch und der Gehörlosenkultur.

Gebärdensprachdolmetscher/innen haben kein Recht für Gehörlose oder über Gehörlosenkultur zu sprechen, wenn sie von den Medien dazu befragt werden. Was ist das denn bitte für ein Bild, das hier vermittelt wird? Damit hält man Gehörlose für unfähig als Vermittler/Botschafter für ihre Kultur, Sprache und Welt zu agieren.

Gute Gebärdensprachdolmetscher/innen sagen von sich selbst auch, dass sie nur das Werkzeug sind, d.h. sie dolmetschen von Gebärdensprache in Lautsprache und umgekehrt. Sie sind Brückenbauer.
Alles andere ist übergriffig.

Und Übergriffigkeit ist so 70er/80erJahre - erinnert sich noch jemand an die damalige "Aktion Sorgenkind", welche heute "Aktion Mensch" heißt? Am Weltbild der Aktion Mensch hat sich nichts geändert.

Bei Behindertenorganisationen, die NICHT von Menschen mit Behinderungen geleitet werden, muss man immer im Kopf haben, welches Weltbild und Geschäftsmodell die haben: Die verdienen ihr Geld damit, dass sie die Notlage von Menschen mit Behinderungen ausnützen und auch mit dem Bild von Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft.

Ich finde, dass es längst überfällig ist, dass die AktionMensch und andere Organisationen dieser Art sich zu diesem Geschäftsmodell bekennen sollten. Vielleicht hilft ja die dicke Freundschaft zum Bundespräsidenten zu diesem Bekenntnis...

Auf dem Bürgerfest des Bundespräsidenten finanziert die Aktion Mensch die Gebärdensprachdolmetscher und darf dafür da vor Ort "tätig" werden, siehe auch Blogpost: "Die Aktion Mensch und der Bundespräsident"

Dieses Beispiel erklärt das Geschäftsmodell und die "Beziehungen" der Aktion Mensch zum Staat sehr gut: Die Aktion Mensch finanziert etwas, was der Staat, hier der Bundespräsident als Bundesbehörde selbst finanzieren müsste und ermöglicht es dem Staat so, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Wenn man mal nach Amerika guckt, dann stellt man fest, dass viele Charity-Organisationen dort Aufgaben übernehmen, die eigentlich der Staat leisten müsste und dies ist ganz eindeutig die Rolle, die die Aktion Mensch für sich vorsieht.

Nein - ich will nicht, dass es in Deutschland normal wird, dass Aufgaben, die der Staat von Gesetzes wegen machen muss, aus Bequemlichkeit oder weil sich eben solche Organisationen wie die Aktion Mensch anbieten, wegdelegiert.

Die deutsche Bundesregierung, egal welche, stiehlt sich schon seit Jahren aus der Verantwortung in Sachen Menschen mit Behinderung, der sie eigentlich von Gesetzes wegen nachkommen müsste, da sie ja auch die UN-Behindertenrechtskonvention unterschrieben hat. Nur leider passiert gar nichts spürbares, denn das Signal aus der Bundesregierung ist sehr entmutigend, vor allem was das Bundesteilhabegesetz angeht oder die "Wir beteiligen uns GAR NICHT-"Beteiligung am europäiischen Schwerbehindertenausweis.

Und ich wiederhole hier gerne noch mal das gleiche: Die Aktion Mensch gehört abgeschafft, denn mit ihr wird es nie eine 100% Inklusion geben, denn das würde bedeuten, dass die Aktion Mensch sich selbst überflüssig macht. Und das will sie eben nicht.

Von daher lasse ich mich nicht behindern, sondern werde auch immer wieder meine Meinung zu solchen Dingen sagen.

Derzeit bin ich gerade in Berlin und war am Donnerstag im Musical "Grand Hotel Vegas" und habe da vor allem eins gelernt, dass da wo ausdrücklich mit "Inklusion" geworben wird, lediglich Integration stattfindet. Aber dazu morgen mehr im Blogeintrag. :-) 

Samstag, 21. November 2015

Der "Tatort" und ich

An den meisten Sonntagabende bin ich von 20:15 Uhr - 21:45 Uhr nicht ansprechbar, wenn da ein neuer Tatort von meinen favorisierten Teams kommt. Und es hat den Vorteil, wenn man gehörlos ist, denn dann braucht man nicht Bescheid zu geben, dass Telefonate um diese Uhrzeit herum nicht erwünscht sind. :-D

Und wer mich kennt, der weiß, dass ich regelmässig die Augen rolle, wenn im Tatort oder in anderen Fernsehfilmen das Thema Menschen mit Behinderung vorkommt und die Rollen dann von nichtbehinderten Schauspielern gespielt werden und falsche Fakten über die jeweilige Behinderung kolportiert werden.

Jüngstes Beispiel? Der jüngste Folge "Schwanensee" vom Münsteraner Tatort hat sich mit Autisten beschäftigt und behauptet, dass Autisten automatisch alle inselbegabt sind und so weiter. Viele Autisten waren gar nicht einverstanden mit der Darstellung von Autisten dort, weil dort eben nicht die Realität abgebildet wurde. Ich könnte jetzt noch weiter auflisten, was da alles falsch dargestellt wurde, aber das ist nicht meine Aufgabe oder der Sinn des Blogbeitrags jetzt, weil ich etwas anderes erzählen möchte. :-)

Es ist ja kein Geheimnis mehr, aber ich möchte ganz gerne auch hier erzählen, was mich im Jahr 2015 so beschäftigt hat: Ich habe eine Anfrage bekommen vom bekannten Drehbuchautor Peter Probst, ob ich ihm zur Seite stehen mag am Drehbuch für einen Tatort und ich habe dieses Angebot sehr, sehr, sehr gerne angenommen, nicht zuletzt weil die Zusammenarbeit mit Peter so unheimlich bereichernd und toll war.

Das Team? Tatort Saarbrücken! Die Story:
Während in einer Gaststätte ein Leichenschmaus für den bekannten Leiter einer Gehörlosenschule stattfindet, kommt in einem Zimmer ein Stockwerk höher eine Frau ums Leben, die wenig später als Leiche aus der Saar gezogen wird. Natürlich ermittelt Hauptkommissar Jens Stellbrink zunächst unter den Gästen der Beerdigungsgesellschaft. Als dann eine weitere Leiche aufgefunden wird, stellt Stellbrink überrascht fest, dass beide Fälle über einen Gast der Beerdigungsfeier miteinander verbunden scheinen ...

Und jetzt kommt es: Alle gehörlosen Rollen im Tatort werden von gehörlosen Schauspielern gespielt, sogar die Gebärdensprachdolmetscherin im Tatort ist eine echte Gebärdensprachdolmetscherin. Es wird also einen tiefen Einblick geben in die Welt der Gehörlosen und viel Gebärdensprache zu sehen sein.

Mehr dazu: http://www.daserste.de/unterhaltung/krimi/tatort/specials/drehstart-saarbrueckeh-totenstille100.html

Hier mal zwei Setfotos vom Tatort:
Hier ist Kassandra Wedel in ihrer Rolle als "Kassandra Feldhausen" zu sehen.  Der Name ist ihr geblieben, den mussten wir einfach nehmen! :-)
Credit: SR/Manuela Meyer
Links neben Devid Striesow als "Kommissar Jens Stellbrink" steht Franz Hartwig, welcher den "Marc" spielt. Der hübsche Lockenkopf ist "Ambra", welche von der gehörlosen Schauspielerin Jessica Jaksa gespielt wird. Von hinten sieht man die herausragende Lena Stolze als Mutter der beiden.
Credit: SR/Manuela Meyer
Und wann wird denn der Tatort ausgestrahlt? Am 24. Januar 2016! :-)

Das war es dann mal für das erste an Infos, es wird hier sicherlich noch mehr Infos zum Tatort geben, je näher der Ausstrahlungstermin rückt. Aufregung und Wackelpuddingknie galore wird es dann bei mir geben. :-) Ich hoffe, ihr steht mir bei, wenn der Tatort im TV kommt!

Montag, 7. September 2015

Die Aktion Mensch und der Bundespräsident

Die beiden verbindet eine ganz dicke Freundschaft, die so dick ist, dass der Bundespräsident die Aktion Mensch als total geniales Geschäftsmodell bezeichnet in seiner Rede deren 50. Geburtstag und sich die Gebärdensprachdolmetscher auf dem Bürgerfest durch die Aktion Mensch finanzieren lässt.

Ich zitiere mal aus dem Bericht der Aktion Mensch zum 50. Geburtstag: "Das Geschäftsmodell der Aktion Mensch  nannte Gauck kurz eine „total geniale Aktion“ und meint damit die Verbindung, selbst zum Lotterie-Gewinner zu werden – und gleichzeitig für andere etwas Gutes zu tun. „Das WIR gewinnt – drei Worte, maßgeschneidert für die Lotterie, wie für das Leben“, fasste Gauck zusammen. Zudem sei es „die kürzeste Beschreibung für Inklusion, die ich kenne.“ Und auch zu diesem Thema – Inklusion – hatte Gauck einiges zu sagen. „Inklusion ist eine enorme Herausforderung, aber keine Utopie“, hielt er fest. Wir seien erst dann in einer inklusiven Gesellschaft angekommen, „wenn Menschen mit Behinderung das gleiche Maß an Hoffnungen, das gleiche Maß an Wünschen zugestanden wird, wie jedem anderen Menschen auch.“ Der spontane Applaus zeigte: Hier sprach Gauck vielen der Anwesenden aus dem Herzen." Quelle: https://www.aktion-mensch.de/blog/beitraege/ein_hoch_auf_uns.html

Total genial, wenn man dann zur Aktion Mensch gehen kann: "Mach es zu deinem Projekt" und einen Antrag auf die Finanzierung der Gebärdensprachdolmetscher einreichen kann und im Gegenzug der Aktion Mensch die Möglichkeit gibt, sich werbewirksam auf dem Bürgerfest zu präsentieren. "Schaut mal her, wie sozial und barrierefrei wir sind." Sehr geniale Freundschaft.

An diesem Punkt stelle ich mal die Frage: Hat der Bundespräsident bzw. das Bundespräsidialamt kein eigenes Budget für Barrierefreiheit, so dass diese bei der Aktion Mensch betteln gehen muss?

Der springende Punkt bei allem ist nämlich: Das Bundespräsidalamt ist eine Bundesbehörde ist, die laut BGG zu Barrierefreiheit verpflichtet ist, was also bedeutet, dass die ein eigenes Budget für Barrierefreiheit haben müssen und sich das nicht über irgendwelche Amigos äh.. Finanzierungsanträge von außen sponsern lassen müssen.

Woher weiß ich eigentlich, dass die Aktion Mensch die Gebärdensprachdolmetscher auf dem Bürgerfest finanziert? Unter anderem habe ich das hier beim Taubenschlag gelesen:

Bürgerfest des Bundespräsidenten Dort heißt es wie folgt: "Das Bühnenprogramm wird für gehörlose Menschen von Gebärdensprachdolmetscherinnen übersetzt. Dies ist der Aktion Mensch zu verdanken, die den Dolmetscheinsatz finanziert."

Und ich hab noch bisschen weiter gewühlt, im Programmheft von 2013 findet sich dieser Satz zur Aktion Mensch:"Die Sozialorganisation Aktion Mensch e.V. sorgt außerdem für barrierefreie Auftritte auf der Hauptbühne: Gebärdensprachdolmetscher machen die Darbietungen für alle erlebbar."

Gauck und die Aktion Mensch stehen sich wirklich sehr nahe von der Denkweise her, wie man weiter in der Jubelrede nachlesen kann:
„Unsere Gesellschaft musste und muss noch immer lernen, wie man mit Einschränkungen umgehen kann. Die Aktion Mensch entwickelte sich dabei zu einer erkennbaren Stimme in der gesellschaftlichen Debatte“. So habe die Aktion Mensch entscheidend dazu beigetragen, Denkmuster zu verändern. Ein besonderes Anliegen des Bundespräsidenten war, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und Unterstützern der Aktion Mensch zu danken: „Sie haben vorgelebt, was eine Gesellschaft braucht, um sich zu verändern. Ohne all die Haupt- und ehrenamtlich Engagierten hätte die Aktion Mensch nicht werden können, was sie heute ist.“ 

Das stimmt überhaupt nicht.  Die Aktion Mensch ist keine erkennbare Stimme der gesellschaftlichen Debatte - sie präsentiert überhaupt nicht die Haltung der Menschen mit Behinderungen, sondern gibt VOR, diese Haltung zu präsentieren. Und sie hat die Denkmuster nicht verändert, sondern macht es salonfähig, dass Nichtbehinderte für Menschen mit Behinderungen sprechen und als deren Samariter auftreten...

Wie ist es sonst zu erklären, dass die Aktion Mensch ständig falsche Informationen über Menschen mit Behinderungen verbreitet? Bei der WM 2014 hat die Aktion Mensch Fußballergebärden verbreiten lassen und behauptet, die würden auf der deutschen Gebärdensprache basieren, was überhaupt nicht stimmte! Hier dazu mein Blogbeitrag: Die Aktion Mensch und die Fußballergebärden
 

Es ist immer wieder sehr deutlich erkennbar, dass die Aktion Mensch NULL Wissen über die Menchen hat, die sie eigentlich vertreten will. In Wahrheit vertritt die Aktion Mensch etwas ganz anderes: Sie ist nichts anderes als eine Organisation von Nichtbehinderten, die sich durch ihren Bekanntheitsgrad zum "Freund" der Menschen mit Behinderungen aufschwingt und damit Geld vertritt. In meinen Augen gehört die Aktion Mensch komplett verboten, denn es geht nicht, dass eine "Sozialorganisation" Aufgaben des Staates in Sachen Barrierefreiheit übernimmt.

Die Wahrheit ist: Die Aktion Mensch ist das schlimmste, was uns Menschen mit Behinderungen passiert! Sie verbreitet unter anderem gezielt Desinformationen und kümmert sich einen Dreck darum, wie Menschen mit Behinderungen in den Medien dastehen. Hauptsache, es wird über die Aktion Mensch geredet und deren Förderung - ohne die Aktion Mensch wäre das gar nicht zustande gekommen und Menschen mit Behinderungen hätten ohne die Aktion Mensch gar keine Stimme.

So eine hübsche Win-Win-Situation für beide, nicht wahr? Der Bundespräsident hat ein barrierefreies Bürgerfest und die Aktion Mensch kann sich im Sonnenschein des Bundespräsidenten fläzen..

Und, Herr Gauck, wir sind erst in dann in einer inklusiven Gesellschaft angekommen, wo Menschen mit Behinderungen GENAU die gleichen Rechte und Chancen zugestanden wird wie Nichtbehinderten. Mit Wünschen hat das Recht auf die Chancengleichheit und kompletter Augenhöhe durch Gleichstellung in jeder Lebensituation nichts zu tun!

Und im übrigen finde ich diese Aussage von Ihnen zum Kotzen:

"Es reißt mich mehr mit, es ist für mich noch faszinierender, diesen Mut dieser Menschen zu sehen, dieses Ja zu einem Leben, das nicht perfekt ist", sagte Gauck im ZDF über seine größere Begeisterung für Behinderte im Vergleich mit den Olympioniken. Quelle: http://www.abendblatt.de/sport/welt-des-sports/article108888869/Gluecksbringer-Gauck-Deutscher-Medaillenregen-zum-Auftakt.html

Wieso meinen Sie eigentlich, sie könnten darüber BESTIMMEN, dass das Leben von Menschen mit Behinderungen nicht perfekt ist? So als Außenstehender? Und dann haben Sie das auf dem Kirchentag in Hamburg nochmal wiederholt:" Bei einer Veranstaltung des evangelischen Kirchentags in Hamburg sagte Gauck am Donnerstag, diese Menschen seien Vorbilder, weil sie trotz ihrer enormen Lasten etwas leisteten. Dieses "Vorbild in Lebensfreude und Lebensbejahung" brauche das Land. "Dich springt ein 'Ja zum Leben' an", sagte er." Quelle: http://www.epd.de/zentralredaktion/epd-zentralredaktion/gauck-behinderte-sind-vorbilder-f%C3%BCr-die-gesellschaft

Meine Güte, da haben zwei echt gesucht und gefunden! 

Es ist nicht in Ordnung, wenn eine Bundesbehörde sich die Gebärdensprachdolmetscher, also die Barrierefreiheit von Menschen mit Behinderungen, durch eine "Sozialorganisation" sponsern lässt. Das darf einfach nicht sein, da "stiehlt" sich eine Bundesbehörde aus ihrer eigenen finanziellen und sozialen Verantwortung mit dieser Art der Finanzierung.


Mittwoch, 2. September 2015

Der WDR hat kein Herz für Minderheiten!

Die Sendung "Sehen statt Hören" feiert dieses Jahr den 40. Geburtstag. Eine Sendung in ihren besten Jahren also, die nichts von ihrer Attraktivität für Gehörlose verloren hat trotz des Weggangs der Ikone Jürgen Stachlewitz, der wegweisend für "Sehen statt Hören" war.

Stachlewitz war für mich eine der prägendesten Identifikationen in der Gehörlosenszene, er war der erste gehörlose Moderator im deutschen Fernsehen, der in deutscher Gebärdensprache moderiert hat. Eben einer, der durch seine Anwesenheit sagte: "Yes, we can!"

Aber was ist "Sehen statt Hören" eigentlich? Es ist die einzige Sendung bisher im deutschen Fernsehen, welche in Gebärdensprache moderiert und informiert und sich an Gehörlose, Schwerhörige und Hörende richtet, was daraus ersichtlich wird, dass es feste Untertitel gibt. Die Sendung kommt immer Samstags um 10 Uhr vormittags im Bayerischen Fernsehen. Informiert wird über Gehörlosenkultur, Gebärdensprache und allem drum und Dran aus der Gehörlosenwelt und das nicht nur auf Deutschland begrenzt, sondern auch mit dem Blick in andere Länder. Auch für mich ist das immer wieder spannend zu gucken, wie die Gehörlosenkultur in anderen Ländern aussieht.

Die Finanzierung war bisher so: Der BR trägt den Löwenanteil der Kosten, der WDR ist Ko-Produzent der Sendung.

Jetzt steigt der WDR jedoch aus der Ko-Produktion aus, was zur Folge hat, dass der BR prüfen muss, ob man genausoviele Folgen produzieren kann wie bisher.

Für den WDR ist der Ausstieg beschlossene Sache, womit der Fernsehsender also in den Zeiten, wo jeder über Inklusion redet, ein Signal gegen Inklusion gibt, indem er eine barrierefreie Sendung nicht mehr mitproduziert.

Das steht entgegen dem Programmauftrag des WDR, denn dort heißt es unter § 4 folgendes:
"In seinem Angebot leistet der WDR einen Beitrag zur Vermittlung von Allgemeinbildung und Fachwissen in Ergänzung zu Schule, Ausbildung und Beruf. Er trägt mit seinen Angeboten dem Erfordernis lebenslangen Lernens ebenso Rechnung wie der Stärkung der Medienkompetenz und der Förderung der sozialen und gesellschaftlichen Integration. Bildungsangebote im Sinne der Sätze 1 und 2 sind Angebote der Wissensvermittlung und Weiterbildung insbesondere in den Bereichen Wissenschaft und Technik, Kultur und Religion, Geschichte und Gesellschaft, Politik und Wirtschaft sowie Sprache." Quelle: http://www1.wdr.de/unternehmen/organisation/rechtsgrundlagen/rechtsgrundlagen_gesetz100.pdf

Der Ausstieg des WDR aus der Koproduktion ist eine Katastrophe aus vielen Gründen. Seinem Programmauftrag kommt der WDR damit nicht nach.

Und Geld ist nicht das Problem. Ganz im Gegenteil: Das Fernsehen hat 1,5 Milliarden Euro Mehreinnahmen an Rundfunkgebühren eingenommen - das Geld wird derzeit geparkt. Die Entscheidung, was mit dem Geld passieren soll, ist auf Frühjahr 2016 verschoben worden. In dieser Sache habe ich die Ministerpräsidenten der Länder bereits im Juni 2015 angschrieben mit der Bitte, dass das Geld für die Barrierefreiheit im deutschen Fernsehen ausgegeben wird. Die Antworten waren übrigens mehrheitlich lang und schwurbelig.

Dazu kommt noch, dass Deutschland vor dem UN-Menschenrechtsratsauschuss im März 2015 heftig dafür gerügt worden ist, dass es kaum Nachrichten und Sendungen mit Gebärdensprache im deutschen Fernsehen gibt.

An dieser Stelle muss ich mich doch sehr fragen, ob der WDR überhaupt weiss, welcher wichtigen gesellschaftlichen und politischen Verantwortung er sich damit entzieht?

Wenn man sich so die Argumente des WDR durchliest, dass der WDR die Sendung "Sehen statt Hören" für überholt hält in dieser Form und nur dann weiterhin mitfinanziert hätte, wenn es die Sendung nur noch online gegeben hätte, dann ist das ein gewaltiger Verstoß gegen den eigenen Programmauftrag.

Auf gut Deutsch heißt das nämlich: Der WDR will, dass die einzige Sendung mit Gebärdensprache und festen Untertitel online in der Versenkung verschwindet, womit auch die Sichtbarkeit der deutschen Gebärdensprache minimalisiert wird im deutschen Fernsehen.

Ich erinnere mich noch gut daran, dass es ewig gedauert hat, bis "Sehen statt Hören" endlich auch in der Mediathek verfügbar war, denn es hat ewig geheißen, dass dies nicht möglich ist, bis dann vor etwa 2 Jahren die Verfügbarkeit auch in der Mediathek möglich war, was ein enormer Vorteil war: Endlich konnten wir Gehörlosen keine Sendung mehr verpassen und auch Hörende eine Link zu der Sendung zeigen. Eben eine Eingangstüre in unsere Welt. :-)

Übrigens ist ebenfalls "CosmoTV" beim WDR von der Absetzung betroffen, das ist eine Sendung, die sich sich an Menschen mit Migrationshintergrund richtete.

Die neue Charmeoffensive des WDR kann man also ganz klar bezeichnen als:"Wir haben kein Herz für Minderheiten."

Ich bin gespannt, wie der WDR sich aus dieser Äffäre ziehen will.

Ebenfalls bin ich gespannt, ob der Rundfunkrat diesem Kahlschlag in der Rundfunkratsitzung am 18.8.15 zugestimmt hat. Dann ist das ein doppelter Skandal, wenn da ein zweifaches Signal gegen Inklusion kommt aus der Medienlandschaft und aus der Politik. 

Hier geht es übrigens zu dem TAZ-Link, wo über die Pläne des WDR berichtet wird: http://www.taubenschlag.de/cms_pics/SSH-Co-Finanzierung.jpg

Bericht von Medienmeister: https://medienmeister.wordpress.com/2015/08/12/kahlschlag-im-programm-wo-der-wdr-die-axt-ansetzt/

Mittwoch, 19. August 2015

Ikea in falschen Händen

Den Möbelriesen Ikea kennt ja jeder - auch ich warte schon ganz ungeduldig auf den neuen Katalog von Ikea. Auch bringen mich die Ikea Spots im Fernsehen oft zum Lachen, weil sie oft witzig oder herzerwärmend sind.

Nun gibt es einen Spot von Ikea Österreich, welcher mich wirklich nicht zum Lachen bringt oder dazu bringt, dass ich ihn teilen will. Ich tue es aber dennoch auf diese Weise im Blogartikel, da es wichtig ist, klarzumachen, dass dieser Spot Gehörlose und unsere wunderschöne Sprache, die Gebärdensprache diskriminiert.

Da sitzen zwei Leute am Tisch, gebärden. Und alle denken: "Oh, wie süß!"

Dabei ist nichts an dem Werbeclip süß. Die Frau ist eindeutig nicht gehörlos, der Mann nach meinen Informationen auch nicht, obwohl er ganz gut die Gebärden verinnerlicht hat. Aber er gebärdet vor allem am Anfang sehr holperig. Das Verhalten der beiden ist nicht gehörlosentypisch - heute morgen habe ich darüber mit meinen gehörlosen Freunden diskutiert.

Durch die holperigen Gebärden der beiden wird die Schönheit der Gebärdensprache gar nicht erst erfasst und vor allem das Bild von der Gebärdensprache in der Öffentlichkeit verzerrt.

Und was auch noch auffällt: Die Frau dreht dem Mann den Rücken zu und sagt: "Ich bin schwanger." So ein Verhalten würden Gehörlose untereinander nie machen. Bei uns gilt es als äußerst unhöflich, wenn man im Gespräch mit uns ohne besonderen Grund irgendwohin guckt, denn für uns ist Augenkontakt sehr wichtig. Und das wissen auch Hörende, die mit Gehörlosen zusammen sind, dass Augenkontakt wichtig ist oder dass man einem Gehörlosen im Gespräch nie den Rücken zudrehen sollte.

Das ist für uns so, als ob jemand im Telefonat plötzlich keine Rückmeldung mehr gibt, ob die Person am anderen Ende der Leitung noch da ist oder plötzlich ohne Vorwarnung einfach auflegt.

Im Ikea-Werbeclip wird an mehreren Stellen Audismus gegen Gehörlose praktiziert: 1. Man lässt Hörende Gehörlose spielen, die dann noch sehr schlecht gebärden. 2. Die Frau dreht sich im Gespräch um.

Kleiner Exkurs in Sachen Audismus: Unter Audismus versteht man das diskriminierende Verhalten gegen taube/gehörlose und schwerhörige Personen, welches aus verschiedenen Formen von systematischer Unterdrückung besteht.

Schade, dass hier ausgerechnet Ikea ein Paradebeispiel abgibt für einen Werbeclip, der mehrfach diskriminierend ist. Ich habe nicht den Eindruck von Ikea aufgrund deren Firmenphilosophie, dass dies so gewollt war. Dennoch: Ikea hat das Budget dazu sich zu informieren und zu schauen, was es sonst so an netten Werbeclips in Sachen Gebärdensprache gibt. Schade, dass es nicht hingehauen hat bei Ikea.

Ikea wollte offensichtlich einen Werbeclip, der sich von anderen abhebt im positiven Sinne. Das tut er leider nicht. Wirklich innovativ wäre ein Werbeclip gewesen mit echten gehörlosen Darstellern - das hätte Ikea erst recht von der Masse abgehoben.

Mir hätte es sehr gut gefallen, wenn es einen netten Ikea-Clip gegeben hätte mit echten Gehörlosen - etwa so: Ein gehörloses Paar zieht um - Freunde helfen dem Paar beim Umziehen. Alle lachen, sind gut gelaunt. Plötzlich klingelt es an der Türe - dies wird durch eine Lichtsignalanlage angezeigt, die Nachbarn stehen vor der Türe mit Brot und Salz. Beim Aufmachen der Türe bemerken die Nachbarn, dass die neuen Nachbarn gehörlos sind. Das gehörlose Paar gebärdet: "Willkommen in unserem neuen Zuhause." Dann hätte der Slogan kommen können: "Zuhause ist, wo wir willkommen sind." oder :"Zuhause ist, wo wir zusammen sind."

Ja doch. Das hätte mir sehr gut gefallen.

Ich habe also einen Wunsch an die Werbeindustrie: Wenn ihr schon Gebärdensprache und Gehörlose für die Werbung entdeckt, dann lasst euch bitte in dieser Hinsicht anständig beraten und nehmt echte Gehörlose als Darsteller.

Mal sehen, ob sich da was ändern wird. Auch die Werbung muss inklusiv sein, damit das Signal ganz eindeutig in Sachen Inklusion geht.



Samstag, 18. Juli 2015

Mehr Musikvideos statt mehr ECHTE Barrierefreiheit im Fernsehprogramm?!

Ich bin momentan ziemlich sauer auf den NDR! 

Warum? Die haben jetzt mit stolz geschwellter Brust verkündet, die wollen jetzt MEHR Musikvideos in Gebärdensprache anbieten statt MEHR Untertitel und Nachrichten in Gebärdensprache. Hier ist die Pressemitteilung: http://www.ndr.de/fernsehen/service/Mehr-Untertitel-im-NDR-Fernsehen-Leichte-Sprache-neu-im-Angebot-,barrierefrei172.html

Und der Deutsche Gehörlosenbund stimmt dem auch noch zu. Hallo? Wie kann man einer solchen Vereinbarung zustimmen, dass man den Fokus auf etwas völlig unwichtiges setzt statt echter Barrierefreiheit und somit Teilhabe am Geschehen?

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Der NDR setzt auf die Musikvideos in Gebärdensprache, die von einer hörenden Gebärdensprachdolmetscherin übersetzt werden. Mehrwert für Gehörlose? Gleich null.

Beim ESC in Wien konnte man auf EinsPlus die Übersetzungen der Lieder in Gebärdensprache mitverfolgen und das war ein ganz großer Hit. Und das lag auch daran, das die Übersetzungen der Lieder von tauben/gehörlosen Gebärdensprachdolmetschern, also echten Muttersprachlern gemacht wurde. Das hat eine ganz andere und sehr viel höhere Qualität als die Übersetzungen einer Gebärdensprachdolmetscherin in solchen Musikvideos, die sich dafür feiern lässt, dass sie die Musik für die armen, armen, armen Gehörlosen übersetzt.

Hier mal der Song "Black Smoke"  von Ann Sophie von der Dänin Camila Abelgren in International Sign performt: http://www.eurovision.de/videos/Black-Smoke-in-Gebaerdensprache,blacksmoke102.html

Kleiner Exkurs: Internationals Sign ist sozusagen das Esperanto in Gebärdensprache, da dort 4 verschiedene Gebärdensprache diese Gebärdensprache am stärksten beeinflussen. Es ist eine Mischung aus amerikanischer, britischer, französischer, skandinavischer Gebärdensprache. Kann man hier nachlesen: https://en.wikipedia.org/wiki/International_Sign

Für mich als Gebärdensprachlerin hat es einfach eine bessere Qualität, weil hier wirklich echte und pure Gebärdensprache von Gehörlosen gezeigt wird. Es gibt RARE Ausnahmen von hörenden Gebärdensprachdolmetschern/Gebärdensprachler, die das übersetzen können, aber das sind dann meistens CODAS. (Children of deaf Adults - Hörende Kinder mit gehörlosen Eltern - die saugen die Gebärdensprache schon mit der Muttermilch auf).

Hier ein interessanter Bericht über die tauben/gehörlosen Gebärdensprachdolmetscher vom ESC 2015: http://songcontest.orf.at/events/stories/2692040/ Bestes Zitat daraus: "YouTube-Hits wie den des Schweden Tommy Krangh, der durch seine Gebärdensprachinterpretation des diesjährigen schwedischen Beitrags zu Berühmtheit gelangte, finden gehörlose Menschen meist nur mäßig lustig. Kritisiert werden die extrovertierten Gebärden, die mehr an eine Tanzshow als an eine Übersetzung erinnern und eine visuelle Überflutung bewirken. Die Körperhaltung müsse viel ruhiger sein, so Yilmaz, der mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält: „Wieder einmal sind hier Hörende beeindruckt, Gehörlose schmunzeln - mehr nicht. Zielpublikum verfehlt.“

Die Frage ist: Warum setzt der NDR den Fokus auf die Musikvideos in Gebärdensprache? Die Antwort ist so zynisch wie einfach: Es kommt gut an bei den unaufgeklärten Hörenden, die den NDR dann für seine soziale Ader feiern, den (armen) Gehörlosen den Zugang zur Musik durch diese Musikvideos zu geben.

Wenn der NDR es mit der Inklusion wirklich ernst meinen würde, dann sollte der NDR die Musikvideos von gehörlosen/tauben Gebärdensprachdolmetschern übersetzen lassen - eben von Gehörlosen FÜR Gehörlose!

Ich will nicht MEHR Musikvideos in Gebärdensprache von dieser Gebärdensprachdolmetscherin. Es sind in der Regel meistens wirklich nur Hörende, die die Videos auf YouTube anklicken. Was macht eigentlich der NDR mit dem Geld, welches er durch die Klicks erzielt? Das ist der Punkt, warum man auch auf die Musikvideos in Gebärdensprache setzt. Bringt alles Geld und sieht toll aus. Um die Gehörlosen und Barrierefreiheit geht es da gar nicht. Im übrigen: Mit einem Budget von jährlich 2,5 Mio € hat der NDR genügend Geld, um Sendungen barrierefrei mit Untertitel, Gebärdensprachdolmetscher und Audiodeskription zu erstellen.

Auf den Wunsch, dass mehr Nachrichtensendungen in Gebärdensprache notwendig sind, geht der NDR gar nicht ein in seiner Pressemitteilung. Deutschland wurde vom UN-Menschenrechtsratausschuss erst im März 2015 dafür gerügt, dass es zu wenige Angebote mit Gebärdensprache im Fernsehen gibt.

Und die Deutsche Gesellschaft für Hörgeschädigte, die eher für Schwerhörige zuständig ist, äußert den Wunsch nach mehr Gebärdensprache, während der Deutsche Gehörlosenbund sich dem NDR gegenüber sehr unterwürfig zeigt und mit dem Angebot des NDR zufrieden ist?!

Weshalb schluckt der Deutsche Gehörlosenbund diese Kröte? Vor einigen Jahren gab der NDR die Parole aus, dass der Fokus erst mal auf der Erhöhung der Untertitel liegt und man deshalb die Angebote in Gebärdensprache zurückstellt. Und der Wunsch nach mehr Angeboten in Gebärdensprache bedeutet NICHT: Mehr Musikvideos in Gebärdensprache, sondern NACHRICHTEN und Kindersendungen mit Gebärdensprache! Eben Teilhabe AM Fernsehprogramm und nicht extern ein Zuckerlbonbon, von dem wir Gehörlosen/Schwerhörigen kaum etwas haben.

An dieser Stelle: Ich bin mit dem Angebot des NDR ganz und gar nicht zufrieden. Ich erlebe es sehr oft, dass die Untertitel beim NDR sehr stark verkürzt und vereinfacht sind. Es ist grauenhaft, wenn man MEHR ablesen kann als tatsächlich im Untertitel steht. Besonderes schlimm kann man das beobachten bei der Sendung "DAS!" vom NDR. Kommt mit Untertitel. Und zwar live - die Untertitel sind erbärmlich schlecht, es wird höchstens 40% des Gesagten untertitelt. Aber es kommt noch schlimmer, denn schaut euch mal das hier an:
29. Januar 2015

03. Juli 2015

Das ist wirklich ein heftiger Bock, oder?  Die Sendung "DAS!" wird in der Mediathek nicht mit Untertitel zur Verfügung gestellt, weil…. das nicht GEHT! Hallo? Wir Gehörlosen und Schwerhörigen zahlen auch GEZ, da dürfen wir dann erwarten, dass dann eine Sendung mit Untertitel SELBSTVERSTÄNDLICH auch mit Untertitel in die Mediathek gestellt wird. Punkt!

Und besonders dreist finde ich auch, dass der NDR in seiner Pressemitteilung verlauten lässt, man lege jetzt nun AUCH den Fokus auf die "Leichte Sprache."

Ich habe absolut nichts dagegen, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk erkennt, dass es den Bedarf nach leichter Sprache gibt und dem Wunsch auch nachkommt.

Aber man darf unter keinen Umständen verschiedene Bedürfnisse gegeneinander ausspielen. Das geht gar nicht.

Meiner Meinung nach sollte der NDR die Musikvideos in Gebärdensprache komplett streichen und eine Nachrichtensendung mit Gebärdensprache anbieten. Das wäre ein gutes und wichtiges Signal für Inklusion und würde auch die Sichtbarkeit der Gebärdensprache erhöhen. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass dadurch bei dem einen oder dem anderen Zuschauer der Wunsch nach dem Beruf des Gebärdensprachdolmetschers wach wird, denn es gibt einen hohen Gebärdensprachdolmetschermangel hier in Deutschland.

Zum Abschluss lege ich euch nochmal den Artikel von der gehörlosen/tauben Karin Schmidt aus der Deutschen Gehörlosenzeitung ans Herz, die sehr TREFFEND beschrieben hat, warum das Musikdolmetschen durch Fernsehen und Presse die Sicht auf taube/gehörlose Menschen verzerren:

http://www.taubenschlag.de/cms_pics/dgz_201411_taube_musik.pdf

Bester Satz aus diesem Artikel:"Über taube Menschen zu berichten und dabei Musik als Hauptaugenmerk zu haben ist genauso politisch und kulturell inkorrekt, wie wenn eine Talkshow zum Thema "Ethisch-moralischer Umgang in Schweinezucht und Schlachtung" veranstaltet wird und dazu strenggläubige Muslime eingeladen werden."

So ist es und ich hoffe, dass der NDR sich die Zeit nimmt und mal darüber nachdenkt, dass er sich da in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion wirklich nicht korrekt verhält.

Mittwoch, 24. Juni 2015

Behinderung der Barrierefreiheit durch die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung

Heute ist die Veranstaltung: "UN-Behindertenrechtskonvention: Prüfung abgelegt - und nun?"

Dazu kann man auf der Homepage der Behindertenbeauftragten den Livestream angucken, was ich auch gemacht habe, da ich derzeit nicht in Berlin bin.

Und dann sehe ich dieses Bild hier im Livestream:

Was fällt da auf? Die Gebärdensprachdolmetscherin steht am Rand, schlechte Kameraposition, man versteht nicht alles, was sie sagt, da sie aus der Kameraposition auch etwas zu weit weg ist. Mir ist es völig schleierhaft, warum man kein BILD-in-BILD-Livestream anbietet, wie es häufig auf Parteitagen einiger Parteien der Fall ist, die sich des Themas Inklusion und der damit verbundenen Barrierefreiheit immer mehr bewusster werden.

Und zudem gibt es gar keine Untertitel für Schwerhörige. 

UND DAS ist ein Livestream der Behindertenbeauftragte Verena Bentele - die ist Behindertenbeauftragte der Regierung und sie und ihr Team kriegen es einfach nicht hin, BARRIEREFREI zu sein. Ich frag mich da echt: Denken die denn auch selbst an Barrierefreiheit? Komplett? Von Anfang bis Ende? Tun sie nicht. 

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Eine selbst behinderte Behindertenbeauftragte denkt nicht an Barrierefreiheit, sondern macht das so halb! 

Tut mir leid, aber das ist echt die Höhe! Was für ein Vorbild ist denn Frau Bentele mit ihrem Team, wenn die es nicht schaffen barrierefrei zu sein? Da können ja die anderen Politiker mit dem Finger auf sie zeigen und sagen: "Aber die Bentele macht das auch nicht mit der Barrierefreiheit, also warum müssen wir das machen?" 

Himmelherrgott nochmal! Das war eine grandiose Behinderung der Barrierefreiheit, was Frau Bentele da gerade mit ihrem Team angestellt hat. Wirklich ganz tolle Glanzleistung! 

Ich schnaube hier vor mir hin. Und mit was? Mit RECHT! 

P.S. Zum Tagungsthema kurz eine Einschätzung von mir: Es ist völlig überflüssig, so eine Tagung abzuhalten, denn Deutschland hat die Staatenprüfung der UN-Behindertenrechtskonvention gerade mal so mit der Note 5 bestanden. Gerettet hat Deutschland die Anerkennung der Gebärdensprache und der lächerliche NAP vor dem Sitzenbleiben. Und die Bundesregierung hat es fertig gebracht, sich für das Abschneiden bei der Staatenprüfung dafür zu feiern, dass man auf einem guten Weg sei in Sachen Inklusion und überhaupt! 

Tut mir leid, aber eine Note 5 heißt nicht, dass man die Sektkorken knallen lässt und sich feiern lässt, sondern ARSCH hoch und aufhören mit dem Herumlabern, sondern endlich genau das MACHEN, was in der UN-Behindertenrechtskonvention steht.


Mittwoch, 17. Juni 2015

Fußball-Europameisterschaft der Gehörlosen in Hannover hat begonnen!

Ja, ihr habt richtig gelesen:

Derzeit läuft in Deutschland die Fußballeuropameisterschaft der Gehörlosen und unsere Nationalmannschaften, sowohl die Herren als auch die Frauen haben sehr gute Chancen auf den Titel!

In der Vergangenheit waren wir schon sehr erfolgreich, es hat leider nur keiner bemerkt. Darüber habe ich bereits 2011 mal gebloggt:

"Wir sind Europa- und Weltmeister!"  vom 16. Juli 2010

"Wir sind Europa - und Weltmeister" vom 06. April 2011 (Den damals gedrehten Dokumentar-Film über die National11 konnte man bei Filmblau bestellen, aber in ihrem Portofolio taucht der Film nicht mehr auf, aber nachfragen kann man ja! Der Film lohnt sich auf alle Fälle sehr!")

Und nun hat die HAZ ein sehr schönes Interview mit dem Bundestrainer der Gehörlosen online stehen, dort kann man übrigens auch erfahren, wie man beim Gehörlosenfußball dopt.. :-D

http://www.haz.de/Nachrichten/Sport/Fussball/Uebersicht/Frank-Zuern-ist-Bundestrainer-der-deutschen-Nationalmannschaft-der-Gehoerlosen

Wenn der Link sich hinter dem Abo verstecken sollte, dann sagt mir doch bitte Bescheid, dann schreibe ich nämlich dann die Doping-Auflösung hier rein! :-)


Und heute Abend um 19 Uhr spielt die Herren-Nationalmannschaft im Erika-Fritsch-Stadion in Hannover gegen Italien! Wer also Lust hat, kann gerne hingehen - die Spieler freuen sich über jeden Zuschauer!

Und für Hörende Zuschauer ein kleiner Tipp:

Wenn ihr euch mit einem Gehörlosen unterhaltet, dann ist es wichtig, dass ihr den Augenkontakt beim Sprechen haltet, denn das ist wichtig bei der Kommunikation.

Und falls euch jemand im Weg steht, vorsichtig in sein Blickfeld winken oder ihn ganz vorsichtig auf die Schulter tippen.

Nur Mut, wird schon alles gut gehen! Habt viel Spaß beim Zuschauen!




Montag, 1. Juni 2015

Der Arsch mit den Ohren

geht völlig verdient an die TAZ.

Im Artikel über mich sind Aussagen drinnen, die ich so nicht getätigt habe, darüber hinaus ist der Artikel noch audistisch. Und wenn die Redaktion sich weigert, den Artikel zu ändern nach meinen Beanstandungen, dann heimst man eben ein völlig verdient eine unehrenhafte Auszeichnung ein.

Falls sich ja mal jemand von der TAZ hierhier verrirt und wissen will, was Audismus ist, hier bitte schön:

http://de.wikipedia.org/wiki/Audismus

Der Arsch mit Ohren, auch liebevoll AMO genannt, wird an Personen oder Organsationen verliehen, die sich im negativen Sinne um die Belane der Gehörlosen und Schwerhörigen verdient gemacht haben.

Und herzlichen Glückwünsch für die Auszeichnung mit dem ARSCH mit Ohren, liebe TAZ!


Donnerstag, 21. Mai 2015

Gebärdensprache ist die schönste Sprache der Welt. :-)

Und das ist keine Untertreibung, sondern es stimmt für mich einfach. Sie ist lebendiger, ironischer, kreativer und ausdruckstärker als die Lautsprache, darüber hinaus hat sie einen entscheidenden Vorteil gegenüber der Lautsprache: Sie ist dreidimensional, die Lautsprache jedoch nur zweidimensional.

Heute hab ich mal wieder ein paar Videos gesehen, die euch ans Herz legen mögen, weil sie mir Pipi in die Augen trieben, doch dazu komme ich gleich..

Die Schönheit der Gebärdensprache entdeckt man am besten im Bewegtbild und aus diesem Grund möchte ich euch zwei ältere Blogeinträge von mir zeigen,  wo ich Videos aus der Werbung zusammengestellt habe, wo man in Gebärdensprache kommuniziert.

Gebärdensprache in der Werbung - Teil 1 vom 26. Januar 2010

Ich bin mir sicher, ihr werdet den süßen Typ aus der Senseo Reklame genauso nett finden wie ich.. :-)

Hier der zweite Blogeintrag, wo ich noch mehr solcher Werbefilme mit Gebärdensprache zusammengetragen habe:

Gebärdensprache in der Werbung - Teil 2 vom 18. Oktober 2010

Nun ja, ich bin heute auf zwei sehr schöne Videos gestoßen. Bei dem einen habe ich geseufzt, weil Kinder einfach wunderbar ist, auch wenn das Video ja eigentlich nur ein Werbevideo ist, aber es ist so toll gedreht worden. Und hinterher hatte ich Pipi in den Augen, da der kleine süße gehörlose Junge aus dem Video 2014 gestorben ist. :-(

Leider kann man das Video nur auf Facebook sehen: https://www.facebook.com/robert.manganelli/videos/10152709334345194/?pnref=story

Auch dieses Video hier ist ein sehr, sehr, sehr schönes Video, weil die beiden Frauen in dem Video alles richtig machen. Sie lernen Gebärdensprache aus einem besonders schönen Grund.

https://www.youtube.com/watch?v=DxDsx8HfXEk&spfreload=10

Leider ist es bis heute noch so, dass viele Eltern, die ein gehörloses Kind haben, keine Gebärdensprache lernen - vor allem bei den Kindern aus meiner Generation ist es so gewesen. Wunderbarerweise scheint es heutzutage immer mehr Eltern zu geben, die Gebärdensprache lernen und so in die Welt ihrer Kinder eintauchen:

Und wir Gehörlosen/Tauben sind übrigens sehr stolz darauf gehörlos/taub zu sein, denn wir haben eine eigene Kultur und dieses Video gibt einen kleinen Einblick darauf - im Video sind übrigens vieler meiner gehörlosen Freunde zu sehen:

https://www.youtube.com/watch?v=8ozF1G1B86Q#t=478


Ich bin gespannt, was ihr zu den Videos sagt. :-)


Montag, 20. April 2015

Meine Session auf der re:publica 2015 ist abgesagt.

Dieses Jahr hab ich mich endlich mal wieder getraut ein Paper einzureichen, nachdem ich schon 2011 und 2012 Speakerin war dort.

Und mir ging es immer um Barrierefreiheit und Inklusion dort, weshalb es mich die letzten 2 Jahre sehr erfreut hat zu sehen, dass die re:publica vermehrt auf Barrierefreiheit achtet und die Hauptbühne mit Live-Untertitel ausgestattet hat, so wie sie es auch auf ihrem Code of Conduct erklärt:" Eine Gesellschaft lebt von der Vielfalt ihrer Mitglieder – das gilt erst recht auch für die digitale Gesellschaft! Deshalb ist die re:publica eine Konferenz, die die Andersartigkeit feiert und keinen Menschen aufgrund von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung, Aussehen, Hautfarbe, Herkunft oder Religion ausgeschlossen wissen möchte. Dieselbe Einstellung erwarten wir auch von unseren TeilnehmerInnen. Wir wollen mit euch eine gewaltfreie und friedliche Veranstaltung erleben. Die re:publica steht für Barrierefreiheit und Inklusion. Unser Gelände ist selbstverständlich mit Rollstuhl zugänglich und wir bieten ermäßigte Tickets an. Internationale Gäste finden sich bei uns auch ohne Deutschkenntnisse zurecht. Schließlich wird ein nicht unbeträchtlicher Teil des Programms auf Englisch angeboten. Die Talks und Vorträge auf der Hauptbühne werden zudem auch simultan als Text in der jeweiligen Sprache eingeblendet. Und für alle, die gar nicht dabei sein können, ist die Mehrzahl der Vorträge im Nachhinein im Netz als Video verfügbar. Um diesen Anspruch mit Leben zu füllen, seid auch ihr gefragt: Tragt dazu bei, dass sich alle auf der re:publica sicher und willkommen fühlen. Sprecht uns und euch gegenseitig an, wenn sich jemand daneben benimmt oder wenn ihr Unterstützung brauchen könnt. Genauere Infos und Kontaktdaten ergänzen wir hier kurz vor der Konferenz."

Mich nervt es bei den vielen tollen Themen, die die re:publica alljährlich anzubieten hat, dass ich nicht einfach ankreuzen kann, was ich mit Live-Untertitel und/der Gebärdensprache haben möchte und so meine Sessions völlig frei auswählen kann wie jeder andere auch. Diese Wahlfreiheit habe ich nicht. Ich bin darauf angewiesen, was die Orga der Re:publica auf die Hauptbühne schmeisst und muss mich dann damit zufrieden geben, was de facto Exklusion ist. Exklusion von vielen anderen aufregenden Themen auf der re:publica.

Dieses Jahr hat die re:publica übrigens 7 oder 8 Panels zum Thema Transhumanismus/Cyborgdasein.

Seit ein paar Jahren beobachte ich die Transhumanisten/Cyborg-Bewegung argewöhnisch und das mit Recht aus verschiedenen Gründen:

Ich bin selbst ein Cyborg dank meines Cochlear Implantats und kenne mich mit der Materie also ganz gut aus. Aber ich habe nie daran gedacht, mein Cochlear Implantat biohacken zu wollen, um wie eine Fledermaus hören zu können. Und warum nicht? Es ist einfach nicht vorgesehen, dass Menschen das können müssen, weil es eine überflüssige Sache ist. Und wenn man weiter darüber nachdenkt, wird einem klar: Die Antwort auf diese Frage ist so simpel wie gefährlich:

Transhumanisten/Cyborgs wollen mit dieser Selbstoptimierung/Erweiterung etwas können, was andere Menschen nicht können und sich dadurch von der Masse abheben. Etwas besonderes sein.

Und schon Menschen mit Behinderungen müssen sich sehr oft den Vorwurf gefallen lassen:"Warum lässt du das nicht operieren?"

Da ist es die einfache Schlussfolgerung, dass die Transhumanismus/Cyborg-Bewegung dazu führen wird, dass Nichtbehinderte sich "behindert" fühlen werden, weil sie sich nicht selbstoptimieren/erweitern, obwohl sie eigentlich "perfekt" sind - eben die Otto Normalverbraucher-Ausrüstung der Natur.

7 oder 8 Panels auf der re:publica, wo die Transhumanisten/Cyborg-Bewegung sich feiern lassen darf, dass sie ja ein ganz neues Feld aufmachen, welches früher in Sci-FI angesiedelt werden war, so nach dem Motto: "Die Zukunft ist jetzt - guckt mal, was alles möglich ist."

Die Akzeptanz der Transhumanisten/Cyborg-Bewegung wird dazu führen, dass Menschen mit Behinderung weniger akzeptiert werden. Und knallhart gesagt: Transhumanisten ist ein euphemistisches Wort für die mit Cyborg-Technologie etwas besseres sein wollen als mit Basisaustattung. Menschen mit Magnet-Implantaten in den Fingern - und lauter so unsinnigen Erweiterungen - ich kann da echt nur darüber lachen, wäre da nicht der behindertenfeindliche Kern dieser Bewegung. Im übrigen bin ich dafür, dass Transhumanisten/Cyborgs, wenn sie sich selbst biohacken wollen, ALLES von A-Z selber zahlen: Die Operationen, die Nachsorgebehandlungen, die ärztliche Versorgung, wenn etwas schiefgeht. ALLES.

Und diese Unausgewogenheit auf der re:publica wiederspricht dem Code of Conduct der Re:publica. Wie kann man nur so unausgewogen einer behindertenfeindlichen Bewegung soviel Raum geben, obwohl man im Verhaltenskodex sagt, man stehe für Barrierefreiheit und Inklusion? Ich finde gerade mal 3 Sessions zum Thema Inklusion. Barrierefreiheit spielt da nur eine ganz untergeordnete Rolle.

Mit meinem Panel über die Gebärdensprache wollte ich meinen Teil zur Inklusion beitragen, sehe es aber nicht ein, warum und wieso das Thema Inklusion und Barrierefreiheit soweit untergeordnet wird, so dass die Re:publica ihrem eigenen Conde of Conduct nicht treu bleibt.

Das will mir nicht in den Kopf. Und hiermit sage ich mein Panel über Gebärdensprache auf der re:publica ab, obwohl ich mich mit meinen Freunden sehr darauf gefreut habe.

Mag sein, dass ich der behindertenfeindlichen Transhumanistenbewegung damit auf der Republica mehr Raum gebe als nötig, aber ich habe für mich selbst ein Zeichen gesetzt, denn ich möchte in einer Gesellschaft leben, wo Menschen sich selbst für perfekt halten, egal mit oder ohne Behinderungen und mit ihrem Körper völlig zufrieden sind. Ganz ohne Erweiterungen.

Die E-Mail geht heute vormittag raus - erst mal gehe ich schlafen, bevor ich dem Team eine liebe und freundliche Absage-Mail schreibe. Mit Wut im Bauch lassen sich Blogeinträge sehr gut schreiben, aber E-Mails weniger gut.

P.S. Vielleicht mögen dem einen oder dem anderen meine Argumente gegen Transhumanismus/Cyborgdasein nicht ausführlich genug sein. Aber das wichtigste habe ich erklärt.


Mittwoch, 1. April 2015

Wenn der Gebärdensprachdolmetscher im Mittelpunkt steht...

dann ist er entweder ein Fake-Gebärdensprachdolmetscher wie bei der Beerdigung von Mandela oder aber ein so mitreißender Gebärdensprachdolmetscher, so dass er auf auf positive Art viral geht.

In diesen Tagen werde ich immer wieder auf den schwedischen Gebärdensprachdolmetscher Tommy Krångh hingewiesen. Ganz verschiedene Menschen schreiben mir: "Guck mal hier, hast du das schon gesehen?" und sind begeistert.

Und heute hatte ich endlich mal bisschen die Zeit mich über den Gebärdensprachdolmetscher Tommy Krångh zu informieren. Verschiedene Quellen sagen, er habe keine Ausbildung zum Gebärdensprachdolmetscher, sondern sei einfacher Angestellter. Aber die Art der Darbietung und der Einsatz der Gebärdenprache liessen mich schnell zum Schluss kommen, dass Tommy ein CODA sein muss.

CODA? Was ist das denn bitte? Diese Abkürzung steht für "Child(ren) of Deaf Adults" - also Kind(er) von gehörlosen Erwachsenen - bzw. mit gehörlosen Eltern!

Und mit etwas googlen fandd ich auch die Bestätigung, dass Tommy ein Coda ist, denn er hat mit Eurovision über seine Auftritt gesprochen und er sagt im übrigen genau das, was Gebärdensprachdolmetscher tun sollten, wenn sie Musik dolmetschen. Nur schade, dass Eurovision ständig den falschen Begriff "Gebärdendolmetscher" verwendet im Interiew, obwohl es korrekterweise Gebärdensprachdolmetscher heißt.

Aber lest euch mal das Interview durch, es ist sehr lesenswert: https://www.eurovision.de/news/Tommy-der-Performer,krangh100.html

Das Melodifestival in Schweden wird übrigens seit Jahren schon gedolmetscht in Gebärdensprache - ein Standard, von dem wir hier in Deutschland noch weit entfernt sind. Jedoch wird der ESC in Wien dieses Jahr die barrierefreiste Show sein im Rahmen des ESC.

Der ORF hat nämlich einen Livestream mit International Sign im Angebot und auch den Fernsehsendern den Gebärdensprachstream im Gesamtpaket angeboten - die Sender müssen also nichts zusätzlich zahlen, um den Gebärdensprachstream zu zeigen. Ich bin gespannt, wieviele Sender dies in Anspruch nehmen werden.

Die Begeisterung auf Tommy Krångh's Darbietung hat doch nur eins gezeigt: Auch Hörende können sich für Gebärdensprache begeistern, auch wenn sie dieser nicht mächtig sind und das Angebot als Bereicherung empfinden anstatt als störendes Bildelement!

Achja, hier ist das Video von seinem Auftritt - leider wird hier das Video beschnitten, daher nur der Link zum Video statt Einbettung: https://www.youtube.com/watch?v=S0OeBrQBPNc#t=11

P.S. Der Gebärdensprachdolmetscher von Mandelas Beerdigung kann übrigens kein Wort Gebärdensprache, weswegen er auch sehr schnell aufflog damals.

Mittwoch, 11. März 2015

Mit Hängen und Würgen

werden manche Artikel verfasst über Gehörlose und Gebärdensprache. Dies betrifft auch den Artikel in  des Journalisten Christian Palm, der in der FAZ einen Artikel über den Beruf des Gebärdensprachdolmetschers verfasst hat:

"Mit Händen und Würgen" vom 27.02.2015

Beim Lesen des Artikels war ich mehr als entsetzt, denn im Artikel wimmelt es nur so vor haarsträubenden Fehlern. Der erste Schnitzer ist ganz klar derjene, dass Herr Palm von "Gebärdendolmetschern"  und "Gebärdendolmetschen" spricht statt korrekterweise von Gebärdensprachdolmetschern und gebärdensprachdolmetschen. Wie kann das einem passieren, wenn man mit einer Gebärdensprachdolmetscherin zum Interview trifft?

Im Einleitungssatz heißt es dann: "Wer wenig Geld für harte Arbeit bekommen möchte, sollte sich zum Gebärdendolmetscher ausbilden lassen. Unter den schlechten Bedingungen leiden nicht nur die Übersetzer."

Der Autor scheint sich nur ganz oberflächlich mit dem Beruf und dem damit verbundenen Hintergrund befasst zu haben, wenn man sich seine Fehler beim Thema ansieht.

Der Beruf des Gebärdensprachdolmetschers ist hart und die Bezahlung ist ordentlich, nicht die Bezahlung ist das Problem, sondern die hohe Bürokratie auf der Seiten der Gehörlosen UND auf den Seiten der Gebärdensprachdolmetschern.

Es ist oft ein harter Kampf eine Kostenübernahme zu bekommen für einen Gebärdensprachdolmetscher und es ist auch nicht immer einfach einen Gebärdensprachdolmetscher zu bekommen, weil es nämlich viel zu wenige Gebärdensprachdolmetscher gibt. Allein für Baden-Württemberg wird ein Gebärdensprachdolmetschermangel von ca. 250 Gebärdensprachdolmetschern angegeben für eine effizente Versorgung der Gehörlosen.

Zurück zum Artikel: Weshalb verwendet Herr Palm den Begriff Gesten für Gebärden? Gesten sind keine Gebärden. Gestikulieren ist nicht gleich Gebärdensprache.

Auch diese Beschreibung der Gebärensprache ist falsch: "Die Männer können manches Wort von den Lippen ablesen - oder „abgucken“, wie es Wagner ausdrückt. Deshalb bewegt sie ihren Mund simultan zu den Gebärden."

Das Mundbild gehört immer zur Gebärdensprache dazu. Und Gehörlose können eigentlich immer lippenlesen, aber das Niveau des Lippenlesen ist unterschiedlich gut bei Gehörlosen. Manche können nicht sehr gut ablesen, manche etwas besser und manche ganz gut. Und nur extrem wenige können extrem gut von den Lippen lesen.

Für Gehörlose sind Hörende zudem keine "Sprechenden", wie im Artikel behauptet wird, sondern einfach Hörende.

Weiterhin heißt es im Artikel:" Sie begleiten Taube und Hörgeschädigte zu Arztterminen, helfen ihnen am Arbeitsplatz und in vielen privaten Situationen."

Nein, Gebärdensprachdolmetscher begleiten Gehörlose und Schwerhörige nicht zum Arzttermin wie ein "Betreuer", sondern sind beim Arzttermin anwesend und sorgen für eine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Arzt und Patient. In dem Fall ist sowas sehr wichtig.

Und für private Situationen, wie z.b. eine Hochzeit muss man den Gebärdensprachdolmetscher selbst bezahlen.

Es ist auch falsch zu sagen, dass Gebärdensprachdolmetscher Gehörlosen am Arbeitsplatz helfen, denn es ist anders: Sie helfen nicht. Sie sind einfach zum Dolmetschen da. Oder würde man sagen, dass ein Dolmetscher für Mandarin einem Chinesen am Arbeitsplatz bei der Arbeit hilft? Die ganze Formulierungen klingen so betreuungsmässig.

Und richtig, der Autor des Artikels hält Gebärdensprachdolmetscher wirklich für Betreuer der Gehörlosen, denn er schreibt nämlich: In Hessen betreuen rund 50 Simultanübersetzer etwa 5000 Leute, die eine solche Unterstützung brauchen."

Nochmal: Gebärdensprachdolmetscher sind keine Betreuer von Gehörlosen, sondern Kommunikationswerkzeuge, wenn man es ganz hart ausdrücken will. Dolmetscher sagen ja auch von sich, sie sind eigentlich als Person bei der Arbeit nicht da, sondern sie sind das Werkzeug der Gehörlosen.

Zudem ist die Verkrampfung im Arm der Gebärdensprachdolmetscherin keine Verkrampfung gewesen, sondern eine Armentzündung, was ab und zu bei Gebärdensprachdolmetscher*innen vorkommt. Und woher weiß ich, dass es eine Armentzündung ist? ;-) Ich kenne dieses Leiden von Gebärdensprachdolmetscher*innen, es gibt einige die davon betroffen sind, denn der Beruf ist eben auch körperlich anstrengend.

Die im Artikel vorgestellten Gebärdensprachdolmetscherinnen sind mit dem Artikel auch ganz und gar auch einverstanden und haben eine lesenswerte Stellungsnahme geschrieben:

Der Artikel von Herrn Palm wurde also mit viel Hängen und Würgen und schlechter Recherche geschrieben. Vielleicht sollten Journalisten bei einem Thema, wovon sie keine Ahnung haben oder sich nicht ganz sicher sind, lieber mit den Interviewpartnern zusammenarbeiten statt sich für die Fehler im Artikel kritisieren lassen zu müssen. Das tut beiden Seiten gut - man kann doch gut voneinander lernen! 

Dienstag, 10. März 2015

Verstehen Sie Gebärdensprache?

Aller Wahrscheinlichkeit nach nicht, aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Sie die Gebärdensprache als eine sehr schöne Sprache empfinden und Sie diese auch gerne können würden, richtig? :-)

Es stimmt, die Gebärdensprache ist eine der schönsten Sprachen der Welt und nicht gerade einfach zu erlernen.

Quizfrage: Was ist das? Ein Typ, der wie verrückt mit den Händen herumfuchtelt und dabei grimassiert wie ein Neandertaler?

Der hörende Schauspieler, der im Film "Verstehen Sie die Béliers?" einen Gehörlosen spielt.

Weitere Quizfrage: Was ist das? Eine Frau, die unkontrollliert mit den Händen herumzappelt, als würde man sie mit Stromschlägen traktieren?

Die hörende Schauspielerin, die im Film "Verstehen Sie die Béliers?" eine Gehörlose spielt.

Die Story von "Verstehen Sie die Béliers?" geht so: Die Bauernfamilie Bélier sind eine ganz normale Familie, die auf dem Wochenmarkt ihren selbstgemachten Käse verkauft. Bis auf die 16jährige Tochter Paula sind alle gehörlos. "Amtssprache" der Beliers ist die Gebärdensprache. Paula ist die die Dolmetscherin ihrer Familie und übersetzt auf dem Markt für ihre Eltern. Auch in der Schule oder beim Arzt muss sie für ihre Eltern übersetzen -  auch dass ihre Eltern vorerst Sexverbot haben. So läuft das Leben der Familie Béliers ganz normal, bis Paulas Gesangstalent entdeckt wird und sie nach Paris gehen soll - räumlich weg von ihrer Familie.

(An dieser Stelle, die dicke und fette Anmerkung: Ich habe den Film nicht gesehen und werde ihn auch nicht sehen. Mir hat es gereicht, den Trailer zu sehen, um die Fehler aufzuzählen. Klingt jetzt zwar bockig, aber warum soll ich einen Film anschauen, wenn der Trailer schon tausend Fehler enthalten hat? Und der Trailer selbst hat keine Untertitel, obwohl es im Film über Gehörlose geht. Wir vom Deafmag haben den Trailer untertiteln lassen.)

Hier geht es zum Filmtrailer "Verstehen Sie die Béliers?" mit den Untertiteln by DeafMag: http://blog.deafmagazine.de/?p=432


Ui, was für eine innovative Story! Das hat es jetzt noch nicht gegeben, echt jetzt! So ähnlich haben wohl die Produzenten der Filmfirma anhands des Drehbuchs gedacht.

Doch - der Plot ähnelt dem Film "Jenseits der Stille" von 1996 sehr: In Laras Familie sind alle außer Lara gehörlos, die "Amtssprache" der Familie ist Gebärdensprache. Und Lara muss für ihre Eltern auf der Bank die Gespräche übersetzen oder die Gespräche mit Laras Lehrerin. Eines Tages bekommt Lara eine Klarinette geschenkt und ihr musikalisches Talent wird entdeckt, was für die Eltern befremdlich ist. Auch wird dieser Weg Lara weg von ihrer Familie führen - also räumlich.

Interssante Ähnlichkeiten, nicht wahr? Und sehr augenöffnend, denn es ist kein Zufall, das Hörende sehr auf die Musik fixiert sind, ohne es zu wissen. Ich bekomme es ja immer wieder mit, denn die Lieblingsfrage der Hörenden, wenn sie mitbekommen, dass ich gehörlos bin ist: "Aber was ist mit der Musik? Vermisst du sie nicht?" Blogeintrag hierzu: "Die Lieblingsfrage aller Hörenden dreht sich um die Musik"

An dieser Stelle sei mir die Frage erlaubt, warum man Geschichten über Gehörlose aus hörender Sicht immer mit Musik verbinden muss. Ich bin übrigens nicht die einzige, die sich diese Frage stellt - Artikel aus dem Guardian:

La Famille Bélier is yet another cinematic insult to the deaf community

Bei "Jenseits der Stille" funktioniert dieser Plot aber aus vielen verschiedenen Gründen: Die gehörlosen Rollen im Film werden alle von echten Gehörlosen gespielt. Die Geschichte konzentiert sich nicht auf das vermeintliche Defizit des Nichthörens, sondern es geht um die Beziehung eines Kindes zu ihren Eltern und ich finde, das "Jenseits der Stille" sehr klar gemacht hat, dass Gehörlose eben so wie du und ich sind. Und es wird mehr als eine Geschichte erzählt: Da wäre zu einem die schwierige Beziehung des Vaters zu seiner Familie aufgrund seiner Gehörlosigkeit und die Mutter als sein Rettungsanker. Und die Tante als Laras großes Vorbild in Sachen Musik, die Laras Talent auch fördert. Und es ist die Mutter, die mit ihrer Klugheit und Sanftheit dem Vater erklärt, dass er seine Tochter so akzeptieren muss, wie sie ist: hörend. Auch wird in einer Szene mehr als andedeutet, wie froh Lara ist, dass die kleine Schwester auch hören kann…

"Jenseits der Stille" ist ein starker Film, der sich keine Minute über Gehörlose lustig macht oder allzu belehrend vorkommt. Und vor allem ist er authentisch. Und wir Menschen lieben authentische Darstellungen, weil wir uns damit identifizieren können. Hier ein Blogeintrag mit interessanten Fakten zum Film und den Darstellern, ua. hat man am Set in 3 verschiedenen Gebärdensprachen kommuniziert: http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2011/07/jenseits-der-stille.html

Und hier eine meiner Lieblingsszenen aus "Jenseits der Stille" - achtet mal darauf, wie man ganz beiläufig eingebaut hat, wie man z.b. "klingelt": https://www.youtube.com/watch?v=-DgnbQCnsVI&spfreload=10

Mit der Darstellung der Gehörlosen von "Verstehen Sie die Béliers?" kann ich mich keine Sekunde lang identifizieren. Ich muss nur in die Gesichter der hörenden Schauspielern sehen, um zu wisssen, dass sie nicht gehörlos sind. Auch habe ich gelesen, dass die hörenden Darsteller 6 Monate lang Gebärdensprache gelernt haben sollen für den Film. Davon ist aber nichts zu merken. Auch ist die Bewerbung des Vaters als Bürgermeister der Stadt eher so eine Nebengeschichte, die plötzlich versickert und offenbar nur für den Gag:"Warum sollten die Leuten keinen Gehörlosen zum Bügermeister wählen? Sie haben doch auch einen Idioten gewählt." gedacht war. Die Gebärdensprache wurde im Film sehr offenkundig ins Lächerliche gezogen und mehrfach war lediglich nur Gezappel zu sehen, welches irgendetwas darstellen sollte in Gebärdensprache.

Die Schönheit der Gebärdensprache hat diese Verzerrung in ein undefinierbares Gezappel nicht verdient. Und es zeigt Hörenden ein völlig falsches Bild von der Kreativität, der Ironie und der Kraft der Gebärdensprache. Und vor allem erzeugt es ein falsches Bild von Gehörlosen. Und was soll die Aussage sein? So stellen sich Hörende vor, wie es wäre gehörlos zu sein und sich per Gebärdensprache zu verständigen?

Was viele Hörende nicht wissen und es auch für sie nicht vorstellbar ist, aber es ist wirklich so: Wenn ich irgendwo unterwegs bin und ich sehe zufällig einen Unbekannten, der in dem Moment nicht spricht oder nicht gebärdet, dann merke ich aber trotzdem an der Art, wie die Person schaut, dass sie gehörlos ist. Und wenn sich dann unsere Blicke treffen, dann kommen wir meistens immer sofort ins Gespräch, denn wir haben durch unseren Scanner entdeckt, dass wir eine gemeinsame Verbundenheit haben: Die Gehörlosigkeit und die Gebärdensprache.

Diesen Ausdruck in den Augen können Hörende einfach nicht kopieren, weil es nun mal nicht möglich ist. Auch nicht von Schauspielern, denn ich kenne bisher keinen einzigen Hörenden Schauspieler, der es geschafft hat, einen Gehörlosen authentisch zu spielen.

Noch ein interessanter wichtiger Punkt: Der Film "Jenseits der Stille" spielt 1996. Damals gab es noch viel weniger Gebärdensprachdolmetscher als heute, weswgen "CODAS" (Child(ren) of Deaf Adults) häufig als Gebärdensprachdolmetscher für ihre Eltern fungiert haben. Diese Praxis des Dolmetschens lehnen aber heute die Gehörlosen alle ab für ihre hörenden Kindern, weil sie nicht wollen, dass die Kinder mit "erwachsenen" Dingen belästigt werden und daher zu schnell erwachsen werden, weil sie so früh Verantwortung übernehmen müssen.

Der Film "Verstehen Sie die Béliers?" diskriminiert Gehörlose gleich mehrfach.

Wir haben jetzt 2015 und die Filmschaffenden scheinen sich nicht ausgiebig mit der Materie der Gehörlosen beschäftig zu haben, sonst wüssten sie davon, dass es heutzutage verpönt ist unter Gehörlosen, CODAS als Dolmetscher einzusetzen. Weiterhin haben die Filmschaffenden es einfach übersehen, dass es großartige gehörlose Schauspieler gibt - sogar in Frankreich selbst!

Alle gehörlosen Rollen im Film werden von Hörenden gespielt. Das ist eine ganz offenkundige Diskriminierung. Man nimmt Gehörlosen das Recht weg, sich selbst zu spielen.

Emanuelle Laborit, welche in "Jenseits der Stille" die Mutter spielt, ist selbst gehörlos und mehrfach ausgezeichnet worden. Ich frage mich wirklich, warum man sie nicht für die Rolle der gehörlosen Mutter besetzt hat? Es ist wirklich so: Hörende Schauspieler nehmen gehörlosen Schauspielern die Jobs weg, in dem sie die gehörlosen Rollen bekommen und es nicht schaffen, die Rolle authentisch zu spielen.

Die Frage sei mir erlaubt: Warum wird es immer noch toleriert, dass es okay, ist dass Hörende Gehörlose spielen und über diese Art darüber bestimmen, wie Gehörlose von der Außenwelt wahrgenommen werden?

Susan Sarandon sagte bei der goldenen Kamera, dass Film eine wichtige Aufgabe hat und Filmschaffende sich dessen bewusst sein sollten, wen sie oder was sie darstellen und vor allem die Realität nicht verzerren sollten. Weiterhin sprach sich Sarandon sich noch energisch gegen Diskriminierung im Filmbusiness aus. Und damit hat sie Recht. Nichtbehinderte Schauspieler, die Menschen mit Behinderung spielen, diskriminieren Menschen mit Behinderung. So einfach ist das.

Wir haben nicht zu wenige gehörlose Schauspieler, sondern wir haben eigentlich genügend gehörlose Schauspieler weltweit. Die bekanntesten sind natürlich:
Marlee Matlin aus "Gottes vergessene Kinder", "The West Wing", "The L-Word", "Switched at Birth"
Emanuelle Laborit ("Jenseits der Stille", "StilleLiebe", "Die stumme Herzogin")
Howie Seago (Jenseits der Stille, "Hunter", "Star Trek" "A permant Grave)

Wenn ich jetzt noch mehr aufzählen würde, dann würde das den Blogeintrag zu lang werden.

In Amerika gibt es eine interessante Bewegung unter den gehörlosen Filmschaffenden, denn in dem Film "Medeas" spielt eine Hörende die Rolle einer Gehörlosen. Und die Darstellung ist natürlich sehr falsch, weswegen sie die gehörlosen Filmschaffenden in Amerika unter dem Hashtag #deaftalent zusammengetan haben.

Lydia Callis, die Gebärdensprachdolmetscherin aus New York, die wegen des Sturmes Sandy berühmt wurde, unterstützt diese Bewegung auch und hat einen Artikel für die HuffPo geschrieben:
"Lets see more #deaftalent in Hollywood!"

Schaut mal rein unter dem Hashtag #deaftalent und beim Twitteraccount: @deaftalent vorbei und bei Youtube: https://www.youtube.com/channel/UC_-dD1cD8AshwGuVAwpfOxQ Dazu gibt es dieses schöne Bild:
(Bildbeschreibung - Dort steht: DEAF PEOPLE HAVE THE RIGHT TO REPRESENT THEMSELVES. DEAF ROLES ARE MEANT FOR DEAF ACTORS.)

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. So ist es. :-)

P.S. Am 15. März habe ich zufällig den Film in Berlin gesehen, da er im Kino direkt um die Ecke von mir mit OMU kam. Und nach dem Schauen des Films war noch noch entsetzer als zuvor, weil der Film genau die Eindrücke aus dem Trailer regelrecht zementiert hat.

Der Film ist einfach nur eine Katastrophe.


Montag, 16. Februar 2015

Berlinale und so. :-)

Mittlerweile weiß man wohl ganz gut, dass ich ein Filmfreak bin. Und auch in naher Zukunft werden Filme eine große Rolle in meinem Leben spielen. :-) Und ich freue mich riesig darauf, das dann im kommenden Frühjahr verkünden zu dürfen, was ich angestellt habe in Sachen Film.

Die Berlinale ist nun vorbei und es war ganz toll. :-) Ich bin gar nicht so auf Promi-Watching gegangen, also zu den Hotspots der Promis, obwohl ich wirklich ganz gerne gucken gehe, aber es hat offenbar ausgereicht einfach mal auf dem Kudamm spazieren zu gehen und dann liefen mir Christiane Paul, Katy Karrenbauer innerhalb von 5 Minuten über den Weg. Ok, das ist wirklich nicht die ganz große Prominenz, aber es kommt ja noch besser.

Doch von ganz Anfang an: Ganz am Anfang der Berlinale wurde ich auf eine Party mitgenommen, auf so eine PRE-Berlinale-Party und befand mich plötzlich in einem Raum wieder mit Detlev Buck, Meret Becker, Stefan Kornaske und anderen Leuten, die verdächtig wichtig aussahen, die ich aber nicht erkannt habe oder nicht auf meinem Radar waren. Ich lese halt NICHT die ganzen Klatschblätter wie "Closer" "InStyle"oder wie die alle heißen. Außer, wenn ich beim Frisör bin und dann lache ich mich kaputt über die ganzen Schlagzeilen wie: "Schicksalsliebe - was er/sie bis jetzt verschwiegen hat!"

Stefan Konarske war übrigens ein Higlight für mich, denn ich hatte ihn ja schon erkannt, aber mich nicht getraut ihn anzusprechen - ja, auch ich kann sehr schüchtern sein und ich bin von Natur aus schüchtern, obwohl mir das ja fast keiner das abnimmt.. Aber ich bin es wirklich. Ehrlich.

Lustig war auf der Party: Ich guck mir einen Typen an und der Typ guckt zurück und wir so unisono:"WAS? Du hier?" Fun Fact: Den Typen habe ich im November 2014 auf der Entwicklungshilfetagung der Bundesregierung in Berlin kennengelernt und wir stellten damals zu unserer Verblüffung in Gespräch fest, dass wir aus dem gleichen KAFF kommen und er mit meiner Großcousine zur Schule ging. Und dann standen wir uns wieder auf einer Veranstaltung gegenüber mitten in Berlin und haben uns erst mal doof angeglotzt. :-D

Da es im Raum erstens sehr laut war und auch sehr warm waren, gingen wir mal kurz vor die Türe an an die frische Luft und dann stand da Stefan Konarske, der sich mit einer Frau unterhielt, mit der ich mich vorhin schon unterhalten habe. Die hat mich dann ihm vorgestellt und er stellt sich mich vor mit: "Stefan." Ich: "Stefan und weiter?" Er etwas schüchtern: "Konarske." Ich: "AHH, der aus dem Tatort Dortmund, stimmts?"  Er: "Jup." Ich nun nicht mehr so schüchtern: "Ich hab dich vorhin schon erkannt, aber mich nicht getraut dich anzusprechen." Auf seinem Gesicht machte sich Verblüffung bereit: "Wieso denn nicht?" "Ähem, ich find es immer so doof, wenn man fragt: "Entschuldigung, sind Sie nicht…?" Daraufhin musste er auch lachen:"Stimmt auch wieder." Und dann fand ich mich in einer kleinen Unterhaltung mit ihm wieder und kann nur sagen: Stefan Kornaske ist irre nett. Und er hat eine noch bessere Lache als im Tatort.

Entschuldigt den Sabberanfall. Man möge ihn mir verzeihen so als Tatort-Fan.

Detlef Buck war auch da, den ich aber nicht angesprochen habe, nur mal gefragt habe, ob er den Weg frei machen kann. Er stand nämlich direkt vor dem Klo.

Meret Becker ist übrigens wahnsinnig ätherisch mit ganz tollen Augen. Sie kam kurz, bevor ich beschlossen habe, dass es ein schöner Abend ist und ich nun gehen werde, was ich auch getan habe.

Und was hab ich eigentlich so filmmässig auf der Berlinale angeschaut? "Elser" von Oliver Hirschbiegel. Ich sag's euch, Hirschbiegel hat es geschafft, einen Film hinzuknallen, der erstklassig erzählt ist und von vorne bis hinten einen erstklassigen Cast hat. Achja - wie war das mit der Barrierefreiheit auf der Berlinale? Die Filme haben meistens deutsche oder englische Untertitel. :-)

Und so konnte ich mir "Elser" mit englischen Untertitel angucken. Johann von Bülow spielt erstklassig, aber  wirklich grandios ist Simon Licht als tief bösartiger SS-Offizier. So böse, dass es einen schaudert.

Katharina Schüttler hat mich irgendwie bisschen genervt, obwohl sie auch fantastisch ist. Ich vermute aber, dass es daran liegt, dass ich sie in "Simon och ekarna", "Unsere Mütter, Unsere Väter" und eben in "Elser" in sehr ähnlichen Rollen gesehen habe und ihre Rollen sich ziemlich geähnelt haben - es war einfach in der Darstellung kein Unterschied zu sehen. Vielleicht bin ich auch zu hart zu ihr? Sie hat wirklich gut gespielt, muss ich sagen. Aber hätte man mir eine Szene aus einem Film gezeigt, dann wäre es schwierig gewesen zu sagen, zu welchem Film die Szene gehört.

Der Hauptdarsteller Christian Friedel hat mich wirklich sehr vom Hocker gerissen. Sein Elser ist so vielschichtig angelegt und zutiefst menschlich, abgeklärt und dennoch verliert er irgendwie nie die Hoffnung in den Zeiten der Herabwürdigung der Menschlichkeit und bietet den Nazis in den Verhörern ganz aufrecht die Stirn. Die beste Szene im Film? Der Tango.

Es ist eine symbolisch tiefe Verneigung vor der Person Elsers, dass der Film den Kinostart am 09. April 2015 haben wird, denn Elser wurde am 09. April 1945 kurz vor Kriegesende auf Anordnung Hitlers erschossen. Schaut euch den Film an, er ist es wert!

Letzten Freitag war ich auf der Premiere des Films: "Was heißt hier Ende?" über den deutschen Filmkritiker Michael Althen auf Einladung. Plötzlich stand da Ulrich Matthes neben meiner Begleitung und wir fingen an zu plaudern. Ich sagte ihm, wie gut er mir im Tatort "Im Schmerz geboren" mit ihm gefallen hat. Und er hat sich darüber gefreut und es war wirklich sehr nett mit ihm. Und er kann auch freundlich gucken. ;-)

Später kam dann noch Iris Berben auf meine Begleitung zugeschwebt. Ja, wirklich zugeschwebt. Und ich dachte: "Meine Güte, was ist diese Frau schön!" Mit ihr konnte ich mich auch kurz unterhalten und sie ist nicht nur schön, sondern auch wahnsinnig nett. Wenn ich mal in ihrem Alter bin, dann möchte ich bitte auch so sagenhaft gut aussehen!

Später auf der Aftershow-Party lief mir eine Frau über den Weg, die ich als Caroline Link identifziert habe - die Regisseurin von "Jenseits der Stille"! Und ich habe allen meinen Mut zusammengenommen und ihr gesagt, dass der Film für immer zu meinen Top-5 der Filme gehört und sie damit einen enorm wichtigen Beitrag für uns Gehörlose geleistet hat. :-) Darüber hat sie sich auch gefreut.

Hier noch der Blogbeitrag zu "Jenseits der Stille" - http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2011/07/jenseits-der-stille.html

Aber mein Superhiglight war definitv Tom Tykwer - ich hab ihn mit großen Augen angeschaut und mich einfach den ganzen Abend nicht getraut: "Hallo" zu sagen. Als er nach draußen gegangen ist, bin ihm hinterher und hab ihn angesprochen: "Hallo, Sie sind doch Tom Tykwer, gell? Ich wollte nur sagen, dass ich "Lola rennt" sehr liebe." Und dann plauderten wir über den Film und übers Filme machen und so. :-) Und dann musste er gehen und hat mich umarmt zum Abschied.

Und ich dachte mir nur: "Wow. Tom Tykwer." Ein ganz toller Typ, total unkompliziert und sehr lässig.

Später lief mir noch Max Raabe über den Weg, wofür mir eine Freundin von mir schrieb: "WAS? Du sitzt an einem Tisch mit Max Raabe? ARRRGL. Ich will auch!!!"

Das war also meine Berlinale. Nächstes Jahr gern wieder.


Montag, 2. Februar 2015

Schreckliche "behinderte" Schauspieler.

Taucht in einem Film eine Rolle auf, die eine Behinderung hat, dann kann man zu 98% davon ausgehen, dass

a) Es spielt ein Nichtbehinderter die Rolle mit Behinderung. 
b) Sitzt die Rolle im Rollstuhl, dann kann man so gut wie sicher sein, dass die Person suizidale Absichten hat.
c) gesagt wird, dass man lieber tot wäre als behindert zu sein.
d) gesagt wird, dass es ja so schwierig sein muss für das Umfeld. 
e) Es wird sehr oft eine Wunderheillung gezeigt. 

Es ist nichts anderes als Blackfacing, was da betrieben wird, wenn ein Nichtbehinderter eine Rolle mit Behinderung spielt. Früher war es in Hollywood gang und gäbe, dass Weiße Schauspieler Schwarze in Filmen gespielt habe - das muss nicht unbedingt bedeuten, dass die Rolle des Schwarzen automatisch lächerlich dargestellt wird, denn Blackfacing wird heute noch verharmlost mit: "Aber Blackfacing ist doch, wenn Schwarze als tölpelhaft und doof dargestellt werden." 

Blackfacing ist mehr als das. Blackfacing bedeutete auch schon immer: "Wir halten Weiße für bessere Schauspieler als ihr. Ihr könnt das einfach nicht, was Weiße können. Nicht mal sich selbst spielen, Und Schwarze Menschen gibt es nicht in unserer Mitte - Wir kennen einfach keine Schwarzen Menschen. Ihr könnt nichts. Und es interessiert uns einen Scheißdreck, was Schwarze von dieser Rolle halten würden, wenn sie es unter uns geben würde." 

In einem Satz zusammengefasst: Man blendet das Vorhandensein einer Minderheit aus, weil man die Minderheit nicht in der Mitte der Gesellschaft haben will und die Darstellung sowie Meinung der Minderheit scheißegal ist.

Ein Beispiel für Blackfacing in Deutschland? Oh, mir fallen viele ein: Nehmen wir mal die "Wetten, dass"-Wette mit "Jim Knopf und Lukas." Da wurde dazu aufgerufen, sich wie die beiden anzuziehen und sich das Gesicht schwarz anzumalen. Dazu gibt es eine sehr gute Stellungsnahme des Bundes der Schwarzen Menschen in Deutschland: http://isdonline.de/offener-brief-an-die-zdf-wetten-dass-redaktion-schockiert-ueber-die-saalwette-der-sendung-in-augsburg-14-12-2013/

Didi Hallervorden, den ich übrigens jüngst gesehen habe bei einer Deutschlandpremiere eines Filmes, musste sich völlig zu Recht 2012 Blackfacing vorwerfen lassen, da er an seinem Schlosstheater die Rolle eines Schwarzen mit einem Weißen besetzen ließ, der sich das Gesicht schwarz angemalt hat. Auf die berechtigten Vorwürfe rechtfertigte sich das Theater damit: "Der übliche Spielplan der deutschsprachrigen Bühnen würde die Festanstellung eines Schwarzen Darstellers kaum gestatten."

Diese Rechtfertigung ist sehr lächerlich. Wir haben doch in Deutschland genügend Schwarze Schauspieler, die dafür in Frage kommen und auch schon sehr viel Theatererfahrung haben. Auf Anhieb fallen mir ohne NACHDENKEN gleich zwei Schwarze Schauspieler ein: Pierre Sanoussi-Bliss und Peter Pearce ein.

Was hat Blackfacing nun denn genau mit der Darstellung von Menschen mit Behinderung durch Nichtbehinderte zu tun? Es steckt genau das gleiche menschenfeindliche System dahinter, denn die Besetzung der Rolle mit Behinderung durch einen Nichtbehinderten wird so oft damit begründet: "Leider konnten wir keinen Menschen mit Behinderung für die Rolle nehmen, da der übliche Ablauf an einem Filmset dies nicht zulässt."

Fällt euch jetzt was auf? Es ist systematische Ausblendung und Unterdrückung einer Minderheit und es ist völlig egal, ob man nun von Schwarzen Schauspielern oder Menschen mit Behinderung spricht.

Dabei hätte gerade der Film bzw. das Fernsehen die Aufgabe, Vielfalt abzubilden, damit das Signal in von Inklusion in die Gesellschaft transportiert werden kann.

Falsche Darstellung von Menschen mit Behinderungen in Filmen durch nichtbehinderte Schauspieler, schaden nämlich der Inklusion, da dadurch erst recht Berühungsängste entstehen.

Ich erlebe das auch ziemlich oft am eigenen Leib, wenn ich neue Bekanntschaften mache, fragen 90% der Menschen immer:"Wieso kannst du als Gehörlose so gut sprechen? Neulich war ein Gehörloser im Fernsehen und der hat nicht gesprochen - der konnte überhaupt nicht kommunizieren."

Und das ist schon so eine Art Siphyusarbeit, wenn man dann die Vorurteile und falsche Botschafen des Fernsehens aus dem Weg räumen muss und wieder mal Aufklärungsarbeit leisten muss. Und sehr oft kommt dann zurück: "Ach so ist das! Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich mich nicht so dumm verhalten/nicht so unwohl gefühlt gegenüber Gehörlosen."

Wie wollen wir als Gesellschaft inklusiv leben und handeln, wenn das Fernsehen ständig durch die falsche Besetzung und Darstellung zeigt, dass Menschen mit Behinderung mitten in unserer Mitte gar keinen Platz haben und nicht mal sich selbst spielen können?

Denkt mal darüber nach. Ich könnte diesen Blogeintrag noch viel länger gestalten, ich werde dies in zwei Teile splitten, auch wenn das ungünstig sein mag an dieser Stelle. Aber es geht darum, zu fragen, warum es in Ordnung ist, wenn Nichtbehinderte Rollen mit Behinderung spielen, obwohl sie nie wissen werden, wie es ist behindert zu sein und das Leben aus der richtig echten Perspektive eines Menschen mit Behinderung zu sehen.

Auch das ist das Problem von diesen Sendungen: "Ich setz mich mal in den Rollstuhl, tu mal so als wär ich blind/gehörlos für einen Tag/Woche." Sie tun nur so, sie bekommen nur einen winzigen Bruchteil mit, aber nicht die Realität. Die Realität ist anders. Und sie ist härter. Und das liegt an unserer Gesellschaft. Nicht an der Behinderung.

Denkt mal darüber nach - welches Signal ihr aussenden wollt, wenn ihr es akzeptabel findet, dass Menschen mit Behinderung im Fernsehen von Nichtbehinderten gespielt werden und falsch dargestellt werden. Inklusion ist nicht, wenn es egal ist, dass Nichtbehinderte Schauspieler Menschen mit Behinderung spielen, sondern Inklusion ist, wenn Menschen mit Behinderung sich selbst spielen und auch mal eine Rolle spielen, ohne dass die Behinderung als "Beipackzettel" mit aufgeführt wird.

Christine Urspruch hat im September 2013 gesagt: "Ich möchte auch mal Rollen spielen, wo meine Behinderung keine Rolle spielt. Also ganz ohne Beipackzettel. "

Ich habe sie dafür nach der Veranstaltung gedrückt, weil ich sie einfach toll finde. Und in der Serie "Dr. Klein" hat sie ja auch sehr gut gezeigt, dass Menschen mit Behinderung auch Rollen spielen können, ohne dass die Behinderung großartig im Vordergrund steht.

Im zweiten Teil von "Schrecklich behinderte Schauspieler" werde ich noch ausführlicher auf die Thematik eingehen, denn ich will keine schrecklich "behinderte" Schauspieler mehr in Rollen mit Behinderung sehen im Fernsehen und Kino.

P.S. Mit Schrecklich "behinderte" Schauspieler meine ich, dass ich es schrecklich finde, dass Schauspieler mit Behinderung so behindert werden, so dass es keine echte Vielfalt abgebildet werden in Filmen. "Behindert" steht hier in Anführungsstrichen, womit ausdrücklich unterstrichen wird, dass ich es nicht als Schimpfwort verwende, da ich es unmöglich finde, wenn man behindert als Schimpfwort verwendet.

Samstag, 31. Januar 2015

Wer darf leben?

Ich habe am Mittwoch anlässlich des bevorstehenden Zeitartikels "Wer darf leben?" meine Mutter gefragt, ob sie mich bekommen hätte, wenn sie damals in der Schwangerschaft durch einen Test erfahren hätte, dass ich gehörlos bin.

Hier ist der Zeitartikel zum Anklicken: http://www.zeit.de/feature/down-syndrom-praenataldiagnostik-bluttest-entscheidung

Die Antwort meiner Mutter war, dass sie das nicht gut findet, wenn man selbst vor die Entscheidung gestellt wird, was "unwertes" Leben ist bzw. die Ärzte einem vorschreiben wollen, ob ein Leben lebenswert ist. Sie war damals 23 Jahre alt und wenn ihr jemand damals, sagen wir mal bis zum 4. Monat sagen hätten können, das ich gehörlos bin, hätte sie mich nicht bekommen.

Aber sie hat auch gesagt, dass sie es schrecklich finden würde, wenn es mich nicht geben würde.

Mit 21 war ich ebenfalls schwanger, habe aber eine Fehlgeburt gehabt. Und wenn ich so zurückdenke, wie jung ich damals war, dann ziehe ich erst recht den Hut vor meiner Mutter, dass sie mich so angenommen hat wie ich bin. Vor und nach der Diagnose. Im Alter von 8 Monaten stand dann fest, dass ich beidseitig hochgradig schwerhörig bin an der Grenze zur Taubheit, so hat man damals in den 80er Jahren das Label "Gehörlosigkeit" etwas verschämt umschrieben vom Standpunkt her, dass hochgradige Schwerhörigkeit ja nicht so schlimm klingt.

Dazu eine kleine Anekdote: Im Dezember war ich beim HNO-Arzt, um ein Attest für das Versorgungsamt einzuholen, dass ich immer noch gehörlos bin und es auch für immer sein werde, um meinen Ausweis verlängern lassen zu können. Auf dem Attest stand: "Die o.g. Patientin leidet unter beidseitiger Taubheit." Da hab ich dann natürlich aufgemuckt und erklärt, dass ich keine Schmerzen oder sonst was und auch nicht darunter leide, nicht hören zu können. Daraufhin wurde das Attest problemlos geändert. :-)

Hier der Tweet dazu:

Dennoch war meine Mutter nach der Diagnose natürlich schockiert, so sehr, dass sie eine Woche lang gar nicht mehr mit mir gesprochen hat. Nachdem Ablauf der Woche hat sie sich gesagt:"Ich rede jetzt wieder mit meinem Kind so wie bisher auch - es spürt und sieht ja, wenn ich mit ihr rede." Sie hat schon früh gemerkt, dass ich die Vibrationen der Stimmen spüre, wenn ich bei jemandem auf dem Arm bin oder auf dem Schoss sitze. Und natürlich habe ich gesehen, wenn jemand mit mir gesprochen hat.

Ich hatte eine wunderbare Kindheit und empfinde mich bis heute nicht als behindert, sondern werde behindert.

Behindert werden in unserer Gesellschaft nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch Eltern mit einem behinderten Kind. Der Staat lässt sie sehr oft im Regen stehen anstatt ihnen unbürokratisch und zielorientiert beizustehen, so dass Eltern eben NICHT das Gefühl haben, sie seien eine Last für die Gesellschaft und sie haben sich für das "falsche" Kind entschieden.

Denn darauf werden die ganzen Tests vor der Schwangerschaft und während der Schwangerschaft hinauslaufen: Eine Gesellschaft, wo nach dem Nutzen des Menschen gefragt wird, wenn er noch gar nicht auf der Welt ist.

Der IST-Zustand heute ist: Man fragt mehr oder weniger unterschwellig, welchen Nutzen Menschen mit Behinderung für die Gesellschaft haben und treibt die Forschung dazu an, eine Vorabselektion zu betreiben, die dann gesellschaftlich von Ärzten akzeptabel gemacht werden, die eher zu eine Abtreibung drängen als für die Austragung des Kindes.

Es entscheiden sich 9 von 10 Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch bei Down-Syndrom.  Dabei sind Menschen mit Down-Syndrom heute gesellschaftlich mehr akzeptierter als früher. Oft werden sie als besonderes einfühlsam und liebevoll beschrieben. Ist es ein Verbrechen solche Eigenschaften in sich zu tragen?

Diese Vorab-Tests, die man heute in der Schwangerschaft machen kann, wären heute der feuchte Traum der Nationalsozialisten. Man hat damals Menschen mit Behinderungen sterilisiert, vergast und für Versuche an Menschen missbraucht. Ich erinnere mich noch gut an die eine Seite im Schulbuch, wo  im Schulbuch in der Naziszeit diese Aufgabe hatte: "125 Mark sind die Ausgaben für ein gesundes deutsches Schulkind. Um wieviel Prozent teurer kommt dem deutschen Volk ein Geisteskranker oder Krüppel?" Und ich fühle mich immer daran erinnert, wenn ich irgendwo lese, dass Inklusion zu teuer seie.

Wir müssen als Gesellschaft davon wegkommen, dass wir Behinderung als eine Last ansehen, denn behindert zu sein ist für Menschen mit Behinderung keine Last, aber behindert zu werden ist für Menschen mit Behinderung und Nichtbehinderte eine Last - das ist ganz unabhängig von der Behinderung.

Ich hatte mal einen Traum, indem ich schwanger bin und auf einer Veranstaltung bin, wo mich jeder fragt, ob ich denn schon einen Test gemacht hätte und schon wüsste, ob das Kind gehörlos oder hörend ist. Und ich fand diese Fragen sehr befremdlich und habe alle Anfragen damit abgeschmettert:"Gehörlos zu sein ist kein Fehler, sondern ein Gewinn." Und alle Anwesenden fanden diese Antwort sehr befremdlich.

An diesem Punkt ist mir, nicht nur im Traum, aufgegangen, dass wir Inklusion brauchen und zwar auf komplett allen Ebenen, damit aus diesen Berühungsängsten und dem Unwissen über Menschen mit Behinderung keine Selektion entsteht wie damals im Nationalsozialismus.

Menschen mit Behinderungen haben Fähigkeiten, die Nichtbehinderte eben nicht haben. Wir sollten mal alle zusammen darüber nachdenken, wie man diese Fähigkeiten in die Gesellschaft transportieren kann und so eine inklusive Gesellschaft für alle gestalten. Von Anfang an.

Irgendwann werden wir diese eine inklusive Gesellschaft haben, das Ziel muss sein, dass dieser Zustand früher als später kommt, denn es wird so sein, dass wir uns eine NICHT-INKLUSIVE Gesellschaft gar nicht mehr vorstellen können, weil Vielfalt eine Bereicherung ist.

Und im übrigen: Dieses Plädoyer für Inklusion und eine Gesellschaft der Vielfalt bedeutet ganz und gar nicht, dass ich gegen Abtreibungen bin - jede Frau hat das Recht darüber zu entscheiden. Aber sie hat auch das Recht darauf, dass sie ihr Kind austragen darf, wenn es behindert ist und dafür nicht schief angeschaut wird oder allein gelassen wird - sei es als Familie oder als Alleinerziehende.

Jeder darf leben. Meine Mutter hätte mich wahrscheinlich nicht bekommen, wenn es damals die Möglichkeit gegeben hätte, dies bereits in der Schwangerschaft zu feststellen. Dann gäbe es dieses Blog hier nicht, meinen Twitteraccount nicht und nicht den Ableseservice zum Fußball.

Was man nicht kennt, würde man nicht vermissen. Aber man würde es vermissen, wenn man es kennen würde.

Was würden wir alle also vermissen, wenn es gar keine Menschen mehr mit Behinderungen gäbe? Die Vielfalt und die Barrierefreiheit, die für Nichtbehinderte auch sehr vieles vereinfacht.

Vielfalt. Barrierefreiheit. Inklusion. Wir sind die Gesellschaft und wir gehören alle dazu.