Samstag, 23. August 2014

Icebucketchallenge - wenn das Hirn auf Eis gelegt wird

Es sieht wirklich sehr lustig aus, wenn Prominente und Nichtpromis sich den Eiskübel voller Eiswasser über den Kopf schütten lassen.

Die Idee hinter der Icebucketchallenge war eine gute Idee, denn mit dem Übergießen mit dem eiskalten Eiswasser sollte ein kurzzeitiger Lähmungseffekt simuliert werden, also das was ALS-Betroffene empfinden und womit sie leben müssen. Das ist eigentlich eine großartige Idee gewesen, um Nichtbehinderten kurzzeitig aufzuzeigen, wie es Menschen mit ALS geht.

Aber die Sache verwässert mehr und mehr, der Spaß daran, das zu machen und die Leute zu nominieren, steht immer mehr im Vordergrund. Es geht schon lange nicht mehr um ALS, sondern darum sich zu profilieren und zu beweisen, dass man den Spaß mitmacht. Es wird kaum noch darauf hingewiesen, was ALS ist und warum man spenden soll. Da gibt es zum Beispiel Prominente, die ein Video von sich machen mit der Icebucketchallenge und dann hinterher ERST fragen: "Äh und wohin soll ich das Geld nun am besten spenden?" Kein Einzelfall.

Außerdem: Wasser ist ein kostbares Gut. Ein normaler Eimer fasst ungefähr 10 Liter und so wird ganz viel Wasser einfach weggekippt. Können wir das überhaupt verantworten? In Kalifornien wird z.b. ja im Sommer immer dazu aufgerufen, Wasser zu sparen. Oder denkt mal an Afrika - dort ist Wasser knapp. Oder in Kriegsgebieten. Die Kriege der Zukunft werden um Wasser geführt werden, nicht um Öl.

Man kann ja jetzt an dieser Stelle ruhig mit dem Zeigefinger auf mich deuten und mich als Spaßbremse betiteln, weil ich auf diesen Aspekt der Icebucketchallenge hinweise - ich bin da genügend abgehärtet und ziemlich gut im Überhören, was ja auch ein Vorteil ist, wenn man gehörlos ist. ;-)

Es gibt aber meiner Meinung nach noch mehr Gründe, warum ich kein Fan der Icebucketchallenge bin. (Bitte notieren: Kein Fan zu sein, bedeutet nicht automatisch ein Hater zu sein - diesen Punkt hätten wir jetzt also auch geklärt.)

Der weitere Grund ist: Bei der Icebucketchallenge wird der Fokus auf den medizinischen Aspekt der Behinderung gelegt, es geht um Forschung und Heilung von ALS. Und wohin werden die ganzen Spendegelder fließen? In die Forschung. Dort wird mit Tierversuchen geforscht und das an Affen.

Affen sind uns sehr ähnlich, sie denken und fühlen wie wir und für diese Aussage gibt es genügend wissenschaftliche Belege, außerdem sind sie fähig zur Kommunikation mit uns durch die Gebärdensprache. Da gibt den Gorilla Koko, da gibt es die Schimpansin Washoe, da gibt es noch eine Gruppe von Orang-Utans und Bonobos und sie alle beherrschen die Gebärdensprache.

Von Koko wissen wir zum Beispiel, dass Affen wissen, was der Tod ist und dass sie auch trauern können wie wir Menschen. Koko hat mehrere Metaphern in Gebärdensprache selbst erfunden, z.b den Begriff "Tigerpferd" für Zebra, außerdem ist sie in der Lage mehr als 2000 gesprochene Wörter auf Englisch zu verstehen.

Und an sowas machen wir Tierversuche? Das ist im höchsten Maße verwerflich und überhaupt nichts, worauf wir Menschen stolz sein sollten. Darum werde ich kein Geld für die ALS-Forschung spenden, aber das heißt nicht, dass ich untätig bin oder kein Verständnis habe für die Situation der ALS-Betroffenen, ganz im Gegenteil. Doch davon später.

Pamela Anderson hat es sehr gut erklärt und ich stimme ihr voll zu: Warum Pamela Anderson nicht mitmacht bei der Icebucketchallenge Dort führt sie Alternativen aus zu den Tierversuchen:  Untersuchungen im Reagenzglas, moderne Computertechnik oder Studien an Menschen mit Freiwilligen. Ich bin übrigens mal gespannt, wie lange es dauert, bis es in den USA einen Entrüstungsturm geben wird, weil man für die ALS-Forschung eben auch mit menschlichen embryonalen Zellen arbeiten muss. (Da leidet aber niemand darunter. Das ist nur ein Zellhaufen im Reagenzglas dann.)

Mein Punkt, warum ich gegen die Icebucketchallenge bin, ist ganz einfach erklärt: Von einem Eimer Wasser über den Kopf geschüttet und Geld spenden ändert sich von heute auf morgen NICHTS für die Betroffenen. Menschen wissen lediglich durch den viralen Hit, dass es ALS gibt und man spenden soll.
Und dann? Was davon übrig bleibt ist: ALS-Betroffene werden auf ihre Behinderung reduziert, man denkt dass die meisten Menschen mit ALS "leidend" vor sich "hinsiechen".

Und das Argument: "Aber vor der ICEbucketchallenge hat doch kaum jemand gewusst, was ALS ist!!" zieht auch nicht so ganz richtig. Stephen Hawking dürfte wohl fast jedem ein Begriff sein, er ist unbestritten wohl der berühmteste ALS-Betroffene unserer Zeit. Und er "siecht" ja nicht zuhause vor sich hin, sondern ist sehr aktiv und auch aktiv unterwegs.

Und da kommen wir an einen Punkt: Wenn man aktiv unterwegs ist als ALS-Betroffener, dann sitzt man im Rollstuhl, der für die Betroffenen Mobilität darstellt - sie sind nicht an den Rollstuhl gefesselt, sondern er gibt ihnen die Freiheit, das zu tun, was sie wollen.

Und diese Freiheit wird jäh gestoppt aufgrund der fehlenden Barrierefreiheit für Menschen mit Behinderung. Ein Eimer Wasser über den Kopf beseitigt nicht die Barrieren in der Umwelt - bei der ICEbucketchallenge wurde nicht darauf hingewiesen, dass Barrierefreiheit für die Betroffenen die Lebensqualität verbessern kann. Meiner Meinung nach wurde hier ganz viel Potential verschenkt.

Da hat sich zum Beispiel Bill Gates einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet, aber hat er ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass seine Veranstaltungsräume oder Programme barrierefrei sein sollten? Das ist nicht der Fall.

Da hat sich Marc Zuckerberg einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet, aber ist Facebook barrierefrei bedienbar für Menschen mit Behinderungen und deren Ein-und- Ausgabegeräte? Das ist nicht der Fall - viele melden sich frustriert ab, weil es nicht klappt.

Dabei sind soziale Kontakte sehr wichtig für Menschen, egal ob behindert oder nichtbehindert. Und ich denke mal, dass es für ALS-Betroffene und andere Menschen mit Behinderung, die nicht mehr so mobil sind, schön ist, wenn sie trotzdem mit der ganzen Welt in Verbindung sein können über das Internet.

Und auch die soziale Kontakte im echten Leben sind wichtig, dass man einfach mal rausgeht und barrierefrei auf Veranstaltungen gehen kann, auf die man Lust hat. Jeder von uns kennt bestimmt das Gefühl, dass er krank im Bett liegt und nicht auf eine Veranstaltung gehen kann, weil man eben krank ist, aber die Freunde sind alle dort - man fühlt sich ausgeschlossen, nicht wahr? So geht es eben auch Menschen mit Behinderungen aufgrund der nicht barrierefreien Umwelt.

Und dann springen die deutschen Politiker auch noch auf die Icebucketchallenge auf und machen da mit anstatt endlich dafür zu sorgen, dass Deutschland zu 100% barrierefrei ist und somit die UN-Behindertenrechtskonvention umgesetzt worden ist, was hier seit 5 Jahren gilt. Aber umgesetzt ist kaum etwas davon, man spürt es nicht so. Deutschland wurde von der UN gerügt, weil hier die Menschenrechte der Menschen mit Behinderung verletzt werden.

Das Mitmachen der deutschen Politiker bei der Icebucketchallenge ist in dem Fall eine ganz besondere kalte Dusche für alle Menschen mit Behinderung, weil wir alle im Regen stehen gelassen werden, wenn es um unsere Rechte geht. Von der Politik. Menschen mit Behinderungen müssen mehr um ihre Rechte kämpfen, aber auch Angehörige eines Menschen mit Behinderung erfahren längst nicht diese Unterstützung, die sie vom Staat eigentlich brauchen!

Bei der Icebucketchallenge wurde nur gesagt: "Hallo, ALS ist eine ganz miese Krankheit, da gibt es bisher kein Heilmittel dagegen, aber ich schütte mir jetzt mal Wasser über den Kopf und spende was." Das ist der Grundtenor der Challenge.

Es wurde nicht erklärt, wie wichtig barrierefreie Bauten sind und barrierefreie Veranstaltungen. Man ging auch nicht darauf ein, dass ein Symptom von ALS auch sein kann, dass die Sprache sich verwaschen anhören kann so wie die eines Betrunkenen. Das ist auch ein Stigma, mit dem viele Menschen mit Behinderung zu kämpfen haben, nicht nur ALS-Betroffene.

Man hat hier einfach nur auf den medizinischen Aspekt der Behinderung gesetzt, also primär auf Heilung, aber dabei völlig übersehen, dass JEDER von uns ganz simpel und einfach für eine Lebensverbesserung von Menschen mit Behinderungen sorgen kann, die auch Nichtbehinderten zugute kommt. Rampen für Rollstuhlfahrer können ja auch von Eltern mit Kinderwagen, Fahrradfahrern, Gehbehinderten benützt werden. Barrierefreiheit ist keine Einbahnstraße.

Barrierefreiheit und Inklusion sind untrennbar miteinander verbunden, das ist ein ganz großes Thema für die nächsten Jahre und man kann dies mit einfachen und simpeln Mitteln schnell und effektiv umsetzen. Man muss nur wollen.

Schade, dass das Hirn in der Sache so auf das Eis gelegt worden ist. Schade, um das Potential der Challenge. Schade um die verpasste Akzeptanz der Menschen mit Behinderung.

Ich möchte allen Lesern, die es bis hierher ausgehalten haben, den Blogartikel von Christiane Link, die selbst im Rollstuhl sitzt, ans Herz legen. Auch sie sieht die Icebucketchallenge aus den gleichen Gründen, wie ich skeptisch:

Stufenlos - warum ein Eimer Eiswasser nicht genug ist

Und was mich übrigens noch sehr überrascht hat, war die Tatsache, dass jemand aus der CDU goldrichtig das Problem hinter der Icebucketchallenge erkannt hat und das hier aufschreibt, was das Problem ist: Der Brief von Markus Klein an den Gesundheitsminister wegen ALS

P.S. Wer trotzdem ein Fan der Icebucketchallenge ist und Geld spenden möchte, der kann das natürlich tun, aber dann wäre es auch sinnvoll an die deutschen ALS-Stiftungen zu spenden. Oder an die Charite. Da gibt es z.B. die Krzysztof-Nowak-Stiftung.

Ich werde mich weiterhin für Barrierefreiheit und Inklusion engagieren. Das ist meine Art von Engagement und das kommt auch den ALS-BEtroffenen zugute. :-) 

P.P.S: Übrigens: Man kann auch kreativ für Aufmerksamkeit sorgen, ohne etwas zu verschwenden. Downton Abbey, meine Lieblingsserie hat einen Shitstorm abbekommen, weil auf einem Pressefoto eine Plastikflasche im Hintergrund zu sehen war, die es damals logischerweise noch gar nicht gab. Die Cast und die Crew von Downton Abbey haben dann ganz charmant auf den Shitstorm reagiert und sich alle mit Plastikflaschen fotografieren lassen und darauf hingewiesen, dass sie die Hilfsorgansation "Water Aid" unterstützen, die sich für die Wasserversorgung einsetzen. Das war kreative Problemlösung vom Feinsten - ein Problem in etwas Gutes verwandelt!

Freitag, 18. Juli 2014

Passen Barrierefreiheit und Politik überhaupt zusammen?

Diesen Satz beantworten wohl die Politiker des hessischen Landtags derzeit mit "NEIN!", denn sie haben nun beschlossen, die Plenarsitzungen nicht mehr barrierefrei im Livestream mit Untertitel und Gebärdensprachdolmetschern anzubieten.

Landtag Hessen stoppt Livestream mit Untertitel und Gebärdensprache

Die CDU Hessen begründet das damit, dass das Angebot mit 150.000 Euro zu teuer sei und überhaupt würden nur 120 Nutzer auf das Angebot zugreifen. An dieser Stelle muss man mal bisschen innehalten und überlegen, woran das liegt, dass Gehörlose und Schwerhörige das Angebot nicht ausreichend nutzen und mal kurz fragen, warum man eigentlich einen Unterschied macht zwischen hörenden und nicht hörenden Menschen bei der politischen Teilhabe?

Absolut kein Politiker würde es wagen zu sagen: "Wir brauchen diese Live-Streams der Plenarsitzungen gar nicht, es greifen nicht genügend Hörende auf das Angebot zu." Aber bei Gehörlosen und Schwerhörigen soll es erlaubt sein, so zu argumentieren?

Das sagt nicht mal das Grundgesetz. Da heißt es schon sehr schön:

Artikel (3) des Grundgesetz: Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Offenbar weiß die hessische Landesregierung nichts von diesem schönen Satz im Grundgesetz:"Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.", sonst würde sie sich die Frechheit nicht herausnehmen und sagen: "Das ist zu teuer, da gucken ja nur 120 Leute zu."

Selbst wenn nur 120 Leute zuschauen, bedeutet nicht automatisch, dass das Angebot nutzlos ist und das Geld schlecht angelegt ist. Es bedeutet einfach, dass Gehörlose und Schwerhörige sich so sehr daran gewöhnt haben, dass die Politik uns jahrelang auf das heftigste diskriminiert hat, was die politische Teilhabe angeht. Es ist heute völlig normal, dass politische Veranstaltungen zu 95% OHNE Gebärdensprachdolmetscher oder Schriftdolmetscher durchgeführt werden.

An dieser Stelle frage ich mich schon, warum die Grünen Hessen auf ihrem Twitterprofil stehen haben: "Seit 30 Jahren streitbar für soziale, ökologische Politik."

Die Abschaffung des barrierefreien Livestreams mit Live-Untertitel und Gebärdensprache durch die hessische Landesregierung, welche aus CDU und Grünen besteht, ist in keinster Weise sozial und durchdacht. Das wird auch klar durch die Formulierung, dass man überlegt, das Gesagte durch die Spracherkennungsoftware als Text anzubieten. Sorry, Leute - die Spracherkennungsoftware ist heute noch nicht soweit, dass sie das Gesagte vollkommen fehlerfrei 1:1 wiedergeben kann. Ein ganz einfaches Beispiel für die Realität? Schaltet mal bei Youtube die automatischen Untertitel für die Spracherkennung ein, da werdet ihr mit der harten Realität konfrontiert.

Zweitens: Die Muttersprache der Mehrheit der Gehörlosen ist die Gebärdenspache. Deutsch in Wort und Schrift ist für sie eine Fremdsprache, was auch dazu führt, dass die Mehrheit der Gehörlosen ungerne Zeitungen/Zeitschriften und Bücher liest. Der Grund dafür liegt in der schlechten Bildungspolitik für Gehörlose - in den Gehörlosen können 90% der Lehrer keine Gebärdensprache. Wie sollen da dann die Kinder die Grundlagen der deutschen Sprache in Wort und Schrift barrierefrei lernen können? Long Story, aber so ist die Realität!

Ich selbst habe 2 Jahre lang dafür gekämpft, dass der Tag der offenen Türe der Politik im August mit Gebärdensprachdolmetscher durchgeführt wird - das ist einer der Erfolge, die ich verbuchen kann. Kurzfassung: Ich war 2010 da vor Ort in den Ministerien und völlig entsetzt darüber, dass die Werbefilme und die Veranstaltungen ohne Gebärdensprachdolmetscher & Schriftdolmetscher sind, obwohl Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention bereits 2009 unterschrieben hat. Ich bin auf die Veranstalter zugegangen und habe darum gebeten, dass man für 2011 daran denkt. Man hat gesagt: "Ja, machen wir." 2011 war ich da. ES hat sich nullkommanull geändert, weswegen ich dann bei der Interviewrunde von Merkel aufgestanden bin und vor allen Leuten gesagt habe: "Entschuldigen Sie bitte, ich bin gehörlos. Hier sind keine Gebärdensprachdolmetscher da. Wie soll ich hier etwas mitbekommen?" Daraufhin versprach mir Merkel für 2012 zu, dass es Gebärdensprachdolmetscher geben wird. Und später habe ich sie noch mal abgefangen und gefragt, ob es 2012 wirklich Gebärdensprachdolmetscher geben wird. Und sie sagte: "Ja, habe ich ja versprochen." Ich dann lächelnd: "Ich komme 2012 wieder und kontrolliere das dann." Daraufhin guckte Frau Merkel mich ganz verdutzt an: "Okay."

Und 2012 gab es dann auch wirklich Gebärdensprachdolmetscher, wofür ich mich auch bei ihr bedankt habe. 2 Jahre Kampf als Einzelkämpferin haben sich wirklich gelohnt! Und ich hoffe noch, das es in den nächsten Jahren auch noch Schriftdolmetscher geben wird für Schwerhörige, denn die Mehrheit der Schwerhörigen verfügen über keine Kenntnisse in der Gebärdensprache.

Hier übrigens meine "Beharkung" des Regierungssprecher und der  Bundeskanzlerin in Sachen Barrierefreiheit in den Jahren 2010 und 2011 im Blogpost festgehalten:

2010: "Mein Appell an die Politik"

2011: The same procedure as last year, Mrs. Merkel? - The Same procedure as last year, Steffen." 

2012: Die Fotos von mir und Merkel sind da - Ich bedanke mich bei Merkel für die Gebärdensprachdolmetscher! 

Nochmal zurück: Die Nutzung des barrierefreien Livestreams ist ein Menschenrecht und wenn der zuwenig von den Gehörlosen und Schwerhörigen genutzt wird, dann ist das Angebot trotzdem aufrecht zu halten. Dann ist es die Arbeit der Politik das Angebot noch attraktiver zu machen. Bietet halt barrierefreie Führungen im Landtag an und weist dann auf den Livestream hin! Das liegt doch total auf der Hand, denn um Diskriminierungen abzubauen muss man ja auch erst mal darauf hinweisen, dass man es ernst meint damit und nicht gleich wieder die Flinte ins Korn werfen.

Inklusion ist nun mal nichts, was es zum Nulltarif gibt. Aber sie lohnt sich und darum dürfen wir alle nicht einfach aufgeben.

Umso schöner finde ich es, dass der Niedersächsische Landtag die Plenarsitzungen seit Dezember 2013 barrierefrei mit Gebärdensprachdolmetscher und Live-Untertitel anbietet - hier die PM des niedersächsischen Landtags,  die sind ganz stolz darauf:

Startschuss für barrierefreien Livestream mit Gebärdensprachdolmetscher und Live-Untertitel im Landtag Niedersachsen

Ich frage mich ja, wann der Bundestag nachzieht - die Plenarsitzungen sind bis heute nicht barrierefrei mit Gebärdensprachdolmetscher und Live-Untertitel verfügbar. Hätten die Piraten 2013 den Sprung in den Bundestag geschafft, so würde ich heute im Bundestag sitzen und der Bundestag wäre längst in diesem Punkt barrierefrei. *seufz*

Question of the Day: Dürfen Politiker politische Teilhabe mit dem Argument "Das ist zu teuer, das Angebot wird nicht gut genug aufgenommen!" stoppen?

Nein. Ganz klar Nein. Bei (nicht barrierefreien) Livestreams fragt sich auch keiner:"Gucken da genügend Hörende zu?"

Warum also einen Unterschied machen zwischen Nichtbehinderten und Behinderten? Eine Gesellschaft, die da einen Unterschied macht, ist noch ganz weit weg von echter Teilhabe in allen Bereichen der Gesellschaft. Echte Teilhabe heißt Inklusion. Nicht mehr und nicht weniger.

Samstag, 12. Juli 2014

Wie mache ich eigentlich den #Ableseservice?

Ich denke, es könnte gar nicht so schlecht sein, mal zu zeigen, wie der Ableseservice so in der Realität abläuft, da ich ja auch diese Woche schon beim ZDF gezeigt werde bei der "Arbeit" daran.


Jedenfalls wurde das Video im Studio des ZDF in München gedreht und auch an dem Schreibtisch dort. Und: Das Equipment demzufolge logischerweise gar nicht mein Schreibtisch! Es wäre schon ziemlich genial, wenn ich ein solches Equipment hätte. *träum*

(UPDATE vom 13.07.2014: Dieser Einschub ist wichtig: Ich stelle fest, das viele Leute ernsthaft trotz meines Hinweises oben glauben, dass der Schreibtisch und die Monitore aus dem ZDF-Beitrag über den Ableseservice meine Ausrüstung sind, dass ich von da aus jedes Spiel verfolge. DAS ist FALSCH. Der ZDF-Beitrag wurde lediglich im Studio gedreht am Donnerstag dieser Woche, also nicht live. Ich wiederhole: Der Schreibtisch und die Monitore aus dem ZDF-Beitrag im ZDF-Studio sind nicht meine Ausrüstung. ES wäre toll, wenn ich eine solche Ausrüstung hätte. Habe ich aber nicht. Weiter unten in diesem Blogbeitrag gibt es ein Video, wo man mich in meinem ECHTEN Wohnzimmer sehen kann, wie ich DORT den Ableseservice mache - und SO sieht die Realität aus! Danke! Ja - es gibt 2 Videos in diesem Blogbeitrag!! ) 

Und es war sehr lustig, den Rasen der Allianz-Arena streicheln zu dürfen. :-)

Ja, wie sieht denn eigentlich die Realität aus? Die Realität sieht so aus, dass mich dabei gar keiner stören darf in meinem Wohnzimmer - außer meinem Hund. 2010 hat mich der SWR live beim Halbfinalspiel gegen Spanien gefilmt - einem Spiel, dass ziemlich scheiße war, nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es so gut wie keine Nahaufnahmen gab. Was ich daraus gelernt habe? Trotz des netten Kamerateams stört es mich, wenn ich bei der "Arbeit" gefilmt werde. Also habe ich ab da die Regel eingeführt, dass mich das Fernsehen live gar nicht filmen darf, auch wenn das dem Fernsehen gar nicht "schmeckt." So haben z.b. Sat1 und RTL damals bei der EM2012 gefragt, ob sie mich denn live filmen dürfen und ich habe abgelehnt. 

Es ist halt so, dass ich hochkonzentiert sein muss und gar keine Ablenkung gebrauchen kann. Menschen neigen nun mal dazu zu sagen: "HEY, was hat er gesagt???" und schon bin ich abgelenkt und zudem bin ich ein sehr visueller Mensch. Ich registriere alles, was in meinem Blickwinkel ist und da lenkt es schon ab, wenn da eine Kamera um einen herumtanzt. Und mein Hund guckt mich höchstens strafend an, wenn ich zu laut "TOOOOOOR!" schreie. ;-) 

Das Video von diesem Spiel Deutschland vs Spanien kann man sich auf Youtube auf meinem You-Tube-Kanal angucken - vielen Dank noch mal an Nicolas Dombeck für die Arbeit am Video!

#Ableseservice bei Deutschland vs. Spanien bei der WM2010

In der Minute 1:21 im Video wird übrigens gesagt, dass #Gebärdensprache nie so mein Ding war. Das stimmt so nicht - ich wurde gefragt, welche Sprache ich als Muttersprache ansehe und da habe ich gesagt, dass ich mit der Lautsprache aufgewachsen bin und meine Mutter mir Gebärdensprache angeboten hätte, wenn sie gemerkt hätte, dass es mein Ding wäre, also ich es gebraucht hätte, was aber nicht der Fall war. Das wurde dann dooferweise halt verkürzt. :-( Sehr schade, denn ich liebe die Gebärdensprache wirklich sehr. Und heute, 4 Jahre später, weiß ich wie man beim Fernsehen sprechen muss. :-) Und hier gibt es noch den gesammelten Ableseservice von der WM 2010:


Oh Mann, beim Nachlesen des Best of des Ableseservices habe ich die ganze WM 2010 noch mal vor meinem inneren Auge nacherlebt. Jetzt sind unsere Jungs bereit wie nie für den Titel! :-)

Wir sehen uns dann am Sonntag auf Twitter beim Finale, oho! 

Dienstag, 10. Juni 2014

Gebärdensprache oder Gehörlose unter königlichen Häuptern

Heute ist zu lesen, dass Prinz Philip, der Ehemann der Queen, seinen 93. Geburtstag aussieht. Für das Alter sieht er wirklich noch richtig rüstig aus. Ob es an dem flotten Programm liegt, dass die Queen und er immer noch in ihrem Alter absolvieren?

Über Diana, die Prinzessin von Wales, habe ich schon mal in der Vergangenheit gebloggt, denn sie hatte ein ganz bemerkenswertes Engagement: Sie hat sich sehr für die Sache der britischen Gehörlosen eingesetzt und hat mit vollem Eifer freiwillig Gebärdensprache gelernt, um sich mit Gehörlosen unterhalten zu können, wann es immer ihr möglich war.

Das alles kann man in diesem Blogeintrag nachlesen, dort gibt es sogar ein Video von Diana, wie sie in Gebärdensprache spricht. Und es gibt auch ein Video von Harry, wie er mit gehörlosen Kindern spielt und kommuniziert:

Diana war nicht nur die Königin der Herzen, sondern auch die Prinzessin der Gehörlosen

Nun ja, was hat das alles mit Prinz Philip zu tun? Seine Mutter war Princess Alice of Battenburg und sie war von Geburt an gehörlos und konnte trotzdem Englisch, Deutsch, Französisch und Griechisch fliessend, was zeigt, das sie in all diese Sprachen lippenlesen konnte und sich auch fliessend darin unterhalten.

Der Wikipedia-Eintrag über Alice of Battenburg ist sehr interessant zu lesen: http://en.wikipedia.org/wiki/Alice_of_Battenberg

Bei der Diskussion um das Geschlecht von Kate und William's Baby war es mir egal, was das Baby wird - hauptsache es ist gesund. Spannend hätte ich es allerdings gefunden, wie das englische Königshaus damit umgegangen wäre, wenn Baby George gehörlos gewesen wäre aufgrund der Familiengeschichte.

Aber jetzt erst mal: Happy Birthday, Prince Philip!

P.S. Mir fällt gerade noch ein, dass Königin Silvia von Schweden auch die Gebärdensprache beherrscht. :-) Mir haben mal Gehörlose erzählt, dass schwedische Freunde von denen Silvia auf einer Veranstaltung gesehen haben und sie bekam die Unterhaltung in Gebärdensprache mit. Und ist rübergekommen und hat sich mit ihnen auf Gebärdensprache unterhalten. :-) Auch der Wikipedia-Eintrag von Silvia bestätigt das: http://de.wikipedia.org/wiki/Silvia_von_Schweden

Der Bruder von Juan Carlos, welcher König von Spanien ist, hatte im Alter von 4 Jahren eine missgeglückte Operation und wurde gehörlos dadurch. Er wäre eigentlich der Kronprinz gewesen. Eigentlich eine spannende Story für einen Blogeintrag.

Freitag, 6. Juni 2014

Die Aktion Mensch und die Fußballergebärden

Wir müssen reden. Dringend. Und zwar über die Aktion Mensch.

Die Aktion Mensch ist  Deutschlands größte Förderorganisation - die Lose der Aktion Mensch werden wohl jedem schon mal begegnet sein in einer Zeitschrift oder in der Post. Damit werden Projekte gefördert und die Inklusion, so wie sie es selbst auf ihrer Homepage beschreibt mit dem Slogan:

DAS WIR GEWINNT! 

Die Aktion Mensch ist aber das schlimmste, was Menschen mit Behinderungen passieren kann. Sie verbreitet gezielt Desinformationen und kümmert sich einen Dreck darum, wie Menschen mit Behinderungen in den Medien dastehen. Hauptsache, es wird über die Aktion Mensch geredet und deren Förderung - ohne die Aktion Mensch wäre das gar nicht zustande gekommen und Menschen mit Behinderungen hätten ohne die Aktion Mensch gar keine Stimme. (Man beachte bitte meine Ironie im letzten Satz.)

Jüngstes Beispiel der Aktion Mensch für so eine schlimme Pressearbeit: Sie hat verbreiten lassen, dass es für Abläufe im Fußball keine Gebärden gibt oder für Fußballer selbst es keine Namensgebärden gibt.  Und nur der Aktion Mensch und deren Förderung sei es zu verdanken, dass man sich zusammengesetzt hat mit der Heimsonderschule Haslach und Begriffe in Gebärdensprache erdacht hat, die man dann fotografiert hat für die Verbreitung als Poster.




O-Ton der PM der Aktion Mensch: "Die Schüler und Jungredakteure der Heimsonderschule Haslachmühle, die eine der erfolgreichsten Schülerzeitungen Deutschlands veröffentlichen, haben dazu Namensgebärden gemeinsam mit einer ausgebildeten Gebärdensprachdolmetscherin erdacht und zu einem Poster zusammengefasst."

Die PM im Detail: https://www.aktion-mensch.de/presse/pressemitteilungen/detail.php?id=2243

Fakt 1: Das ist komplett falsch. Es gab schon immer Begriffe in Gebärdensprache für Abläufe im Fußball. Schließlich gibt es ja auch den Gehörlosenfußball. Die Nationalelf der Gehörlosen war übrigens in den letzten Jahren erfolgreicher als die hörende Nationalelf - man wurde Europameister und Weltmeister!

Und die Begriffe, wovon die Aktion Mensch behauptet, es würde sie nicht geben und man müsse sie sich darum extra ausdenken, sind ganz einfach hier zu finden: http://www.deafkids.de/blogs/wm-2010/ Meine Lieblingsgebärde im Fußball ist übrigens "FOUL!", denn die sieht in der Gebärdensprache genauso schmerzhaft aus: http://www.deafkids.de/blogs/2008/06/13/foul/

Neue Begriffe in der Gebärdensprache verbreiten sich von selbst, wenn ein Begriff in normalen Entstehungsprozeß durch den Austausch der Gehörlosen untereinander entsteht und auch ankommt, das ist der normale Dokumentationsprozess. Als zum Beispiel die DVD auf den Markt herausgekommen ist, war das natürlich für die Gehörlosenwelt eine Revolution, weil diese eben Untertitel hatte, also ein totaler Hit aufgrund der Barrierefreiheit, wenn die DVD deutsche Untertitel hat. Da hat es nicht lange gedauert, bis sich die Gebärde für DVD in der Gehörlosenwelt herumgesprochen hat.

In einem Satz zusammengefasst: Die Aktion Mensch lügt dreist, um ihr Projekt zu promoten und sie tut so, als ob es nur Dank ihr so ist, dass die Gebärdensprache um 250 Fußballerbegriffe reicher ist.
Das ist kompletter Humburg: Die Fußballergebärden gab es schon immer. Es ist nichts neues - sie waren schon da. Die Schüler haben lediglich die ihnen bekannten Begriffe in Gebärdensprache dokumentiert.

Fakt 2: Es hat schon immer Namensgebärden für Fußballer gegeben! Schon immer!

Für den besten Fußballer aller Zeiten, Zinedane Zidane hat man "Der Mönch" gebärdet, was sich auf die Tonsur auf seinem Kopf bezogen hat.
Franck Ribery heißt in der Gebärdensprache einfach "Narbengesicht.", was so gebärdet wird: Man fährt sich mit dem Finger über das Gesicht an der Schläfe, wo Ribery seine Narbe hat.
Luca Toni's Torjubel mit der typischen Handbewegung für ihn wurde zu seiner Namensgebärde.

Für Jogi kenne ich zwei Gebärden: Einmal "Löwe" und die andere ist "Der Ärmelaufkrempler" - die Gebärde ist ziemlich selbsterklärend.

Hier geht es übrigens zum Blogeintrag, wo ich die Fußballergebärden erkläre, die mir bekannt sind. Und für Fans von Werder Bremen gibt es ein besonderes Schmankerl: Es werden die Namensgebärden der Spieler in einem Video erklärt. Ich habe das Video in Lautsprache übersetzt:

http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2011/08/gebardennamen-der-fuballer-von-werder.html

Fakt 3: Die Aktion Mensch behauptet weiterhin in ihrer PM, dass es nur 20.000 Gebärden gibt.

Das ist FALSCH. Der "Duden" der Deutschen Gebärdensprache sagt, dass es 18.000 bis zu 20.000 Gebärden im Grundwortschatz der Gebärdensprache gibt, welche man mit beliebig vielen anderen zusammensetzen kann, womit dann ein Wortschatz von etwa 250.000 Wörtern entsteht.

Mein Blogeintrag vom 02.06.2009: Wie groß ist eigentlich der Wortschatz der deutschen Gebärdensprache? 

Fakt 4: In der PM steht auch: "Die Poster mit den wichtigsten Gesten und den Nationalspielern sowie das Buch mit 250 Begriffen der Fußballsprache sind unter www.aktion-mensch.de/bildungsservice kostenfrei zu bestellen."

GESTEN? GESTEN! Dieser Fakt, den die Aktion Mensch da also behauptet, ist so falsch wie es nur geht!  Und mit diesem Fakt wertet die Aktion Mensch die Gebärdensprache herab, indem sie als keine vollwertige Sprache darstellt, indem sie einfach den Begriff Gesten benützt.

GESTEN sind etwas, was jede Kultur hat und versteht, z.B. "Arschloch" ist so eine. ;-)

Aber Gebärden sind keine GESTEN!

Die Aktion Mensch behauptet also: "DAS WIR GEWINNT!" Aber redet sie denn überhaupt mit den Betroffenen? NEIN. Das tut sie nicht - sie redet ÜBER die Betroffenen und verbreitet fröhlich falsche Informationen, was dann auf Menschen mit Behinderungen zurückfällt. Diesmal besonders auf die Gehörlosen, weil denn mehr als denn je der Eindruck entstanden ist, dass die Gebärdensprache keine vollwertige Sprache ist.

Nochmal: Die Gebärdensprache ist aber eine vollwertige Sprache, keine Hilfssprache, keine Sprachkrücke. Sie funktioniert nach ihren eigenen Gesetzen, sie hat ihre eigene Grammatik und Syntax und vor allem funktioniert sie im Zusammenspiel mit der Mimik und im dreidimensionalen Raum. Und ist eine der schönsten Sprachen der Welt, die ich kenne.

Beim Projekt mit der Haslachmühle hat die Aktion Mensch auch mit der Gebärdensprachdolmetscherin Laura M. Schwengber zusammengearbeitet, einer ausgebildeten Gebärdensprachdolmetscherin, was ja auch in der PM steht.

Aber hat die Aktion Mensch sie mal gefragt, ob die Fakten so stimmen, die sie verbreitet? Nein. Auch sie hat einen Rant geschrieben, weil sie sich über die falschen Fakten aufgeregt hat: http://www.lauramschwengber.de/index.php?Itemid=148

Es sagt schon viel aus, wenn eine am Projekt beteiligte Person rasend sauer ist über die miese PR-Arbeit der Aktion Mensch.

Fakt 5: Die Aktion Mensch unterschlägt bei ihrer Pressearbeit auch ganz elegant, dass die Schüler der Heimsondermühle zwar hör- und sprachbehindert sind, aber auch eine geistige Behinderung haben, weshalb sie auch eine eigene Gebärdensprache haben, welche NICHT mit der deutschen Gebärdensprache übereinstimmt! Ich habe dazu schon mal vor JAHREN gebloggt, weil auch schon der Tagesspiegel damals bei der WM 2010 über die Fußballergebärden der Haslachmühle berichtet hat.

Zusammenfassung meines Blogeintrags vom 01.Juli 2010 über die Haslachmühle: Die Schule ist eine Einrichtung für Kinder und Jugendliche mit einer Hör- oder Sprachbehinderung, die zusätzlich eine geistige Behinderung haben. Einige dieser Schüler haben in den vergangenen Wochen eine eigene Gebärdensprache für Fußball entwickelt." und weiter geht's im Text: "Natürlich gibt es auch in der DGS Fußballzeichen. Für die geistig behinderten Schüler sind diese aber zu kompliziert oder nicht genau genug. „Wir haben an unserer Schule eine begrenzte Anzahl Gebärden“, erklärt Fabian. Diese Gebärden sind extra für geistig Behinderte entwickelt worden. Etwa 1000 sind das, die die Kinder und Jugendlichen recht intuitiv lernen können. „Das ist nur das Nötigste, was man für den Alltag braucht“, sagt Fabian. „Die offiziellen DGS-Zeichen sind oft sehr abstrakt.“

Hier findet man den ganzen Blogeintrag: Manchmal haben Medien schlicht und einfach keine Ahnung über die Haslachmühle und deren ausgedachten Fußballergebärden aufgrund der Tatsache, dass die deutsche Gebärdensprache zu kompliziert ist für die geistig behinderten. Ich nehme aber an, dass die Pädagogen denken, es sei zu kompliziert für sie.

Schon damals wie heute tun mir die Schüler der Haslachmühle leid, denn sie verwenden einen Mix zwischen der offiziellen Deutschen Gebärdensprache und der vereinfachten Gebärdensprache, die von den Pädagogen ausgedacht wurde. GUK heißt die vereinfachte Kommunikation und ist aus dem Buch "Schau doch meine Hände an."http://www.intakt.info/206-0-unterstuetzte-kommunikation-durch-gebaerden.html">http://www.intakt.info/206-0-unterstuetzte-kommunikation-durch-gebaerden.html, woraus einem klar wird, dass es sich um GUK (Gebärdenunterstützende Kommunikation) handelt, also gar nicht um die echte Deutsche Gebärdensprache. Weiter heißt es in dem Artikel aus dem Link über das Buch:"Diese Sammlung stellt die bekannteste und am weitesten verbreitete Gebärdensammlung für Menschen mit geistiger Behinderung dar. Mit dieser Gebärdensammlung versuchte die Diakonie zu einer Vereinheitlichung der bis zu diesem Zeitpunkt entstandenen Sammlungen zu gelangen. Die Sammlung besteht aus 700 Gebärden, mit denen ein Wortfeld von ca. 2000 Wörtern ausgedrückt werden kann. Zu etwa einen Drittel entsprechen die vorkommenden Gebärden genau den Originalgebärden des Hamburger Gebärdenlexikons, ein weiteres Drittel der Gebärden weist nur eine gewisse Ähnlichkeit mit den Originalgebärden der DGS auf. Die restlichen Gebärden sind Umgestaltungen und Neuschöpfungen, die sich in der Praxis einzelner Einrichtungen gut bewährt haben."

Und dieser Umstand führt dann dazu, dass der DFB in seiner PM dann von Taubstummen spricht und außerdem so tut, als gäbe es nur 1500 Gebärden in der Gebärdensprache.

PM des Deutschen Fußballbundes: http://www.dfb.de/news/de/d-nachhaltigkeit/zur-ersten-seite/59113.html

Der DFB hat eine große Reichweite und es tut mir leid, dass er dank der miesen PR-Arbeit der Aktion Mensch sich solche Fehler erlaubt, denn der DFB hat ja nicht viel Ahnung vom Thema.

Auch spricht die Tagesschau von Taubstummen:



Bei der Tagesschau hätte ich es mir schon gewünscht, dass die von selbst darauf kommen, welche Begriffe man verwenden darf und welche nicht. Das sitzen ja schließlich Journalisten, die wissen, wie man recherchiert.

Bei der weiteren Verfolgung der der Berichterstattung über die Fußballergebärden DANK der Aktion Mensch ihren Weg dorthin gefunden haben mitsamt der Fehler, dann kann man als Expertin nur den Kopf schütteln. Ich kann gar nicht soviel facepalmen, wie ich möchte.

Und was tut die Aktion Mensch, der Förderer dieser Aktion, um diese Fehler zu beseitigen?

Nichts. Und wenn man diese Fakten durchliest, die ich zusammengetragen haben, dann drängt sich mehr als den je der Eindruck auf, dass die Aktion Mensch das eigentlich eigentlich sehr gut weiß, aber das ist ihr egal, denn sie lebt ja auch davon, eine Stimme der Menschen mit Behinderungen zu sein.

Bloss: Wer hat sie gefragt? Wer hat ihr den Auftrag gegeben? Und wieviele Menschen mit Behinderungen arbeiten TATSÄCHLICH bei der der Aktion Mensch?

Der Pressesprecher der Aktion Mensch hat Ende März Behindertenfeindlichkeit geschürt mit einer Aussage, woran aber die Aktion Mensch nicht schuld gewesen sein soll. Sie war es aber ganz eindeutig nach der Faktenlage. Christiane Link vom Behindertenparkplatz hat das ganz gut aufgedröselt:

http://www.behindertenparkplatz.de/wie-ein-sprecher-der-aktion-mensch-behindertenfeindlichkeit-schuert/

Für Menschen mit Behinderung ist eine solche Pressearbeit wie die der Aktion Mensch ein Desaster, denn sie reisst mit diesen Desinformationen die ganze Aufklärungsarbeit der Menschen mit Behinderungen mit dem Hintern ein. Denn es ist nicht der einzige PR-Fail in diesem Jahr, den sie da geschossen hat.

Also ganz laut: Danke für nichts.

Die Aktion Mensch mit ihrer Pressearbeit ist das schlimmste, was uns Menschen mit Behinderung passieren kann. Es ist zwar richtig, dass man keinen Einfluss darauf an, wie über etwas berichtet wird, aber man kann VORAB sagen, dass man bestimmte Begriffe nicht verwenden soll.

Das habe ich schon oft gemacht, wenn ich im Fernehen oder sonstwo in den Medien vorgekommen bin. Und es hat fast immer geklappt. In meinen Augen gehört das zu einer professionellen Pressearbeit dazu. Zur Tagesschau noch ein Bonmot: Auch ich kam schon mal in der Tagesschau vor und wurde als taubstumm bezeichnet - ich habe dann um Verbesserung gebeten - ich habe nicht geschweigen noch so getan als ob man alles mit mir machen lassen kann.

Auch hat Ingo Zamperoni schon mal Besserung gelobt:


Besonders, wenn es um Menschen mit Behinderungen geht, einem Thema, wo die Mehrheit nicht besonders gut aufgeklärt ist, ist es so wichtig, dass man mit korrekten Begriffen und Fakten arbeitet, denn davon profitieren alle davon. Nur so kann man Berührungsängste abbauen und Fettnäpfchen abbauen. Niemand tritt gerne in ein Fettnäpfchen. Und die Verwendung des Wortes "taubstumm" ist nun mal ein Fettnäpfchen, weil Gehörlose ja nicht stumm sind. Sie können sprechen, ihre Stimme hört sich nur anders an als gewohnt. Und wer über eine Sprache verfügt, ist sowieso nicht stumm.

Richtige, professionelle informative Pressearbeit - das kann die Aktion Mensch einfach nicht - in deren Augen sind immer die anderen schuld, wenn man die ganzen Stellungnahmen der Aktion Mensch lesen kann. Zum Beispiel hier auf Facebook zu den Fußballergebärden: https://www.facebook.com/aktion.mensch/posts/10152390837929765?comment_id=10152392516119765&offset=0&total_comments=6&notif_t=share_reply

Oh, interessant - ich finde den Facebookeintrag der Aktion Mensch nicht mehr, wo es um die behindertenfeindlichen Aussagen des Pressesprechers der Aktion Mensch ging. Nachforschungen auf Facebook und bei Facebook-Freunden, die ebenfalls auf der Seite der Aktion Mensch zu den behindertenfeindlichen Aussagen ihren Senf gegeben haben, haben ergeben: Die Aktion Mensch hat diesen Facebook-Eintrag gelöscht. Kritik mag sie also gar nicht gerne.

Die Frage, die wie uns stellen müssen: Wie geht es weiter mit der Aktion Mensch? Wollen wir eine Organisation für uns sprechen lassen, die ohne uns über uns spricht und massiv unsere Aufklärungsarbeit mit dem Hintern einreisst?

Wer hat der Aktion Mensch eigentlich den Auftrag gegeben, dass sie OHNE uns über uns sprechen darf?

Die Aktion Mensch muss sich fragen, ob sie überhaupt noch authentisch ist - ist das authentisch, wenn sie ohne UNS über UNS spricht und so falsche Informationen herausgibt?

Der Satz:"Nicht ohne UNS über UNS!"  darf in meinen Augen nicht nur für die Handlungen der Politik in der Behindertenpolitik handeln, sondern MUSS zwangsläufig auch für die Aktion Mensch und diverse andere Organisationen gelten.

Änderungswünsche an die Aktion Mensch hätte ich viele, aber erst mal wünsche ich mir, dass eine Diskussion in den Gang kommt über die Pressearbeit der Aktion Mensch.

Mit so einer schlechten Pressearbeit heißt es: "DAS WIR VERLIERT!"

Das Projekt der Haslochmühle ist übrigens an sich gut. Es ist die Aktion Mensch, die die Freude daran ziemlich vergällt, was mir sehr leid für die Schüler tut.

Denn Inklusion ist auch, wenn die Pressearbeit oder Aufklärungsarbeit so ist, dass alle Betroffene zufrieden damit ist und Nichtbetroffene etwas dazu gelernt haben.

P.S. Es ist ein langer Blogeintrag geworden mit diversen Links und ich hoffe, er ist trotzdem lesenswert.