Mittwoch, 29. August 2012

"Weltmeister im Aussortieren"

Es hat mich sehr gefreut, dass das ZDF mich um einen Gastkommentar zu den Paralympics gebeten hat, welchen ich gerne geliefert habe.

Lesen kann man ihn hier: http://www.heute.de/ZDF/zdfportal/web/heute-Nachrichten/4672/24098634/729d73/Wir-sind-Weltmeister-im-Aussortieren-von-Behinderten.html

Diese Gelegenheit nehme ich gleich mal wahr, um auf einige angerissene Tatsachen zu verdeutlichen, die ich im Gastkommentar erwähnt habe und bereits mal verbloggt habe.




und vom gleichen Tag:
Deutschland, Deutschland... vom 16. September 2009

Und hier finden sich meine Gedanken zu meiner Einschulung, die ich inklusiv erlebt habe, der Bericht lohnt sich:  Der Monitor-Bericht und meine Gedanken dazu vom 09. April 2011

 War noch was? Achja, der SMS-Notruf ist dringend notwendig und muss dringend Standart in Deutschland werden:  Der SMS-Notruf vom 07. Juli 2012 und in diesem Artikel erzähle ich auch etwas über den SMS-Notruf:




Ich wünsche allen viel Spaß beim Lesen! :-)

Sonntag, 26. August 2012

Eine Bitte in eigener Sache

Seit einigen Tagen schon arbeite ich bei der Firma VerbaVoice GmbH in München und kümmere mich unter anderem um die Social Media Aktivitäten dort, was mir wirklich sehr viel Spaß macht.

Nach wenigen Tagen hier kann ich schon sagen, dass mir die Arbeit Spaß macht und der Job wie geschaffen ist für mich, denn ich kann weiterhin aktiv sein als Bloggerin und Twitterin und gleichzeitig die Barrierefreiheit in Deutschland für gehörlose und schwerhörige Menschen aktiv vorantreiben.

Die Firma VerbaVoice GmbH ist ein Universalanbieter für kommunikative Barrierefreiheit, genauer gesagt: Der erste mobiler Ferndolmetschdienst in Deutschland. Über das Internet wird ein Gebärdensprach- oder Schriftdolmetscher zugeschaltet. Der Text des Schriftdolmetschers oder das Video des Gebärdensprachdolmetschers wird an den Laptop oder das Smartphone des Nutzers gesendet. Hörgeschädigte können so in Echtzeit lautsprachlichen Inhalten folgen. Die Übertragung ist live und dient sowohl als direkte Kommunikationshilfe für Hörgeschädigte, als auch für Live-Mitschriften und Live-Untertitelungen bei Veranstaltungen.

Und wir sind als anerkannte Kommunikationshilfe bei den Kostenträger anerkannt und sorgen so für Barrierefreiheit in den Schulen und im Studium, aber auch bei Veranstaltungen sind wir im Einsatz. 

Unsere Homepage wird demnächst noch neu gestaltet, aber einen Blick auf unser Tätigkeitsfeld könnt ihr trotzdem ja schon mal werfen:
www.verbavoice.de

und unseren Newsletter kann man auch direkt auf der Homepage abonnieren! :-) 

Bei der Republica hatte ich ja meinen Aufrtitt und im Livestream im Internet und vor Ort sah die Barrierefreiheit beim Auftritt des Regierungssprechers Steffen Seibert so aus: 

Barrierefreie Gestaltung der republica mit VerbaVoice
VerbaVoice Webplayer







Aber mehr könnt ihr ja auf unserer Homepage erfahren und auch auf unserer Facebookseite. Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr unsere Facebookseite liken, teilen und weiterempfehlen würdet! :-)




Samstag, 25. August 2012

Sky und ich

arbeiten nun auch zusammen, denn sie haben meinen Ableseservice bei den Fußballspielen verpflichtet für die Bundesligasaison, die der BVB Dortmund standesgemäß mit einem Sieg begonnen hat! :-)

Ich weiß noch, wie ich mich vor einiger Zeit anlässlich meiner Verpflichtung für Adidas gefragt habe, ob das irgendwann mal so kommen wird, dass Lippenleser hierzulande bei Fußballspielen im Fernsehen eingesetzt werden, wie das längst in Italien und Spanien üblich ist.

http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2011/04/lippenleser-sind-jetzt-gefragt-nicht.html

Zu meinem Engagement bei Sky Deutschland wurde ich bereits interviewt:

http://www.welt.de/print/die_welt/sport/article108767051/Die-Frau-die-an-den-Lippen-haengt.html

Ich bin gespannt, wie sich mein Engagement bei Sky entwickeln wird.

P.S. Es warten noch einige Blogeinträge in der Warteschleifen, aber ich finde derzeit nicht die Zeit dazu. Ich hoffe, ihr seid mir nicht böse, dass ich in letzter Zeit mein Blog etwas vernächlässigt habe. In meinem neuen Job, wozu auch noch ein Blogeintrag folgen wird, muss ich mich erst mal etwas einarbeiten und dann kann ich auch hier häufiger loslegen.

Aber am meisten freue ich mich darauf, wenn ich von der Bundesregierung endlich das Foto von Frau Merkel und mir Arm in Arm bekomme. Sie war übrigens sehr nett im kurzen Gespräch - irgendwo mag ich Angie ja, aber ihre Politik nicht. Aber diese Differenz kenne ich ja bereits aus meiner politischen Arbeit bisher: Es kommt nicht auf das Parteibuch an, sondern auf den Menschen. Und soweit ich Frau Merkel als Person bereits 3 x live erlebt habe, habe ich den Überblick darüber bekommen, dass sie live eine ganz andere Nummer ist als im Fernsehen. Ihre Ausstrahlung live würde ich als sehr warm und herzlich bezeichnen.

Aber mit ihrer Politik des "Gefallens" bin ich nicht einverstanden und auch nicht mit ihrer Partei sowie der Arbeit von Schwarz-Gelb. Ich wünsche mir eine überzeugende Politik, die sozial gerecht ist und uns als Gesellschaft zusammenwachsen lässt anstatt auseinander zu driften.

Über das Foto mit Frau Merkel bin ich aus dem einfachen Grund froh, da es für mich eine Belohnung für meine Hartnäckigkeit in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion darstellt. Aber dazu mehr im ausführlichen Blogeintrag!

Mittwoch, 15. August 2012

Fehlverhalten der Haspa und anderer Dienstleister

Gestern nachmittag brach auf Twitter und Facebook ein Shitstorm über die Hamburger Sparkasse, die dort unter dem Kürzel HASPA bekannt ist - ich hätte sehr gerne gestern Abend schon darüber gebloggt, war aber unterwegs.

Auf Twitter finden sich unter dem Hashtag #Haspa viele Einträge dazu und auch auf der Facebook-Seite der HASPA kann man Kundenmeinungen zum Shitstorm lesen.

Aber was war eigentlich der Anlass dafür?

Ein Rollstuhlfahrer mit einer Muskelschwäche hat über seine Erfahrungen mit der HASPA gebloggt und erfuhr ungeheuren Zuspruch. Besagter Blogartikel geht seit gestern durch das Internet und findet sich hier: 

http://gerlef.blog.de/2012/08/14/unglaubliche-vorkommnisse-zeiten-un-konvention-notwendige-lernprozesse-haspa-herr-w-kunde-14498925/

Die Kurzfassung ist, dass die Mitarbeiter der HASPA einem behinderten Kunden, der bereits 20 Jahre lang Kunde bei ihr ist, nicht mehr bedienen wollen und ihm das auch ganz offen gesagt haben.  Man muss den Blogbericht selbst lesen oder besser gesagt, auf sich wirken lassen, um die Dimension des Falles zu verstehen.

Und beim Lesen des Artikels kamen mir sofort 2 Gedanken in den Kopf: "Unternehmen brauchen qualifizierte Schulungen, wie man mit behinderten Kunden umgeht." und als zweiter Gedanke: "Hätten wir in Deutschland ein gut ausformuliertes Anti-Diskriminationsgesetzt, dann wären solche Schulungen in Unternehmen längst normal und solche Vorfälle würde es nicht geben oder wären wirkliche Einzelfälle."

Christiane vom Behindertenparkplatz hat zu den Schulungen einen sehr guten Artikel verfasst, dem ich aus ganzem Herzen, wie immer bei Christiane zustimme:

Was bei der Haspa und den anderen schiefläuft

Bei Jens Bertrams im Blog gibt es auch eine gute Zusammenfassung zur Haspa-Sache und er hat es auf den Kern gebracht: "Im Grunde hätte der Mitarbeiterin der Sparkasse sofort fristlos gekündigt werden müssen."

Hier geht es zum Blogeintrag von Jens Bertrams: http://blog.jens-bertrams.de/2012/08/aus-gerlefs-blog-der-ekel-vor-behinderten-haspa-kunden/

Und aus den Kommentaren Jens Bertrams' Blog wird ersichtlich, dass Herr W. aus dem besagten Vorfall nicht der einzige Behinderte ist, den die Haspa erst gar nicht oder nicht mehr als Kunde haben wollte.  Jens Betrams beschreibt es übrigens sehr gut, was gutmeinende Mitmenschen oft zu einem sagen, wenn sie von einer Diskriminierung erfahren: "Nun kennt jeder Mensch mit Behinderung Alltagsdiskriminierung und hat sich daran gewöhnt. Man macht kein Aufhebens mehr darum, denn die Umwelt reagiert fast immer mit Unverständnis. “Der hat es doch nur gut gemeint”, oder “Du musst verstehen, dass er Hemmungen dir gegenüber hat”, oder “sei doch mal ein bisschen dankbar und gehe nicht immer nur von dir aus” sind typische Gesprächsaussagen wohlmeinender Familienangehöriger oder sogenannter Freunde, die doch nie versuchen, dich als gleichberechtigten Menschen zu sehen, sondern als das behinderte Opfer, an dem man seine gute Tat abreagieren kann."

Sven Dietrich hat ebenfalls einen guten Blogeintrag dazu verfasst: http://www.pop64.de/unentschieden/haspa-und-behinderte-kunden/

Meine Meinung dazu ist: Auch Behinderte sind Kunden. Und gerade behinderte Kunden haben häufig ein gutes Netzwerk - wenn sie mit dem Service irgendwo zufrieden sind, dann empfehlen sie es ihren behinderten Freunden weiter. Im Prinzip machen nichtbehinderte Kunden genau das gleiche, nur haben sie freie Auswahl, da sie nicht in der Regel nicht mit Barrieren zu kämpfen haben. Aber ich kann es mir auch vorstellen, dass nichtbehinderte Kunden, die sensibiliert dafür sind, ob eine Einrichtung barrierefrei ist oder aufgeschlossen ist gegenüber Behinderten, eine solch gefundene Einrichtung ihren Freunden/Nachbarn, egal ob diese nichtbehindert sind oder nicht, weiterempfehlen.

Und es gibt ja die alte Weisheit: Schlechter Kundenservice rächt sich irgendwann doch.

Ich bin mal gespannt, was die SPD Hamburg und die anderen ansässigen Parteien im Hamburg aus dem Thema machen, die SPD Hamburg hat jedenfalls schon auf meinen Tweet reagiert.
Heute morgen habe ich versucht mit einem Tweet die großen Medien auf den Shitstorm aufmerksam zu machen, damit nun endlich eine Aufklärung stattfinden kann durch die Medien und Unternehmen in Deutschland verstärkt nach Schulungen fragen. 

Was hier bei der HASPA passiert ist, ist etwas, was durch Unwissenheit und fehlende Schulungen ausgelöst worden ist, genauer gesagt: Durch die fatale Aussortierungspolitik von Menschen mit Behinderungen aus der Gesellschaft.

Ich möchte daher noch mal auf den Blog von "Jule -Stinkesocke" hinweisen. Sie sitzt seit ihrem 15. Lebensjahr unverschuldet im Rollstuhl durch einen Unfall und bloggt unverblümt über ihr Leben damit. Sehr lesenswert ist die FAQ, wo sie auch die hgyienischen Probleme beschreibt.


Und dieser Blogeintrag von ihr "Nur die Augen" enthält in meinen Augen alles, was die fatale Aussortierungspolitik von Menschen mit Behinderungen unter uns Menschen anrichtet, womit Menschen, die nicht der Norm entsprechen, eine völlig unverdiente Abwertunge enthalten.

Mehr zu Jule in meinem Blogeintrag: "Applaus für Jule!"

In meinen Augen muss so schnell wie möglich ein wirksames Anti-Diskriminationsgesetz her, welches genau beschreibt, was in Unternehmen/Einrichtungen getan werden muss für die Barrierefreiheit und Kundenfreundlichkeit - die da wären z.b. Schulungen in diesem Bereich. Und Verstöße darin mit saftigen Sanktionen ahnden, wie empfindliche Geldstrafen, die richtig wehtun. 

Anders geht es leider nicht. Die Erfahrungen, die Menschen mit Behinderungen im Ausland machen ist, dass dort Barrierefreiheit und Kundenfreundlichkeit eben aus diesen Dingen funktionieren, weil es dort solche Gesetze gibt - hier in dem Blogeintrag steht in aller Ausführlichkeit, was ich damit meine:


Ach übrigens, nicht nur die HASPA fiel in den letzten Wochen auf mit unfreundlichem Verhalten gegenüber Behinderten, sondern auch PENNY und NETTOl. Beide Supermärkte warfen in den letzten Wochen blinde Kunden mit einem Führhund aus dem Supermarkt.


Aber die Sache hat ein gutes Ende bei PENNY genommen, denn wenige Stunden nach der Aufdeckung der Fälle durch Rollingplanet, veröffnetlichte Penny dieses Statement auf der Homepage: 

Was tut PENNY für Menschen mit Handicap? PENNY legt großen Wert darauf, Menschen mit Handicap in ihrem Grund- und Menschenrecht zu unterstützen, ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen. Dazu zählt auch der Einkauf von Lebensmitteln.
Aus diesem Grund sind nachweislich als Führ- und/oder Rehabilitationshunde ausgebildete Tiere in allen PENNY Märkten erlaubt. Diese Tiere gelten im Sinne des Gesetzgebers und der Kontrollbehörden nicht als Haustiere, sondern als Hilfsmittel.
Um Missverständnissen vorzubeugen bitten wir Kunden, die auf einen Führ- oder Rehabilitationshund angewiesen sind, darum – falls sie nicht im Markt bekannt sind – einen Mitarbeiter kurz darauf hinzuweisen, dass es sich um einen Führ- bzw. Rehabilitationshund handelt.


Sehr schön, wie schnell PENNY daraus gelernt hat und die Meldung auf die Homepage gesetzt hat!

Netto hält sich leider immer noch bedeckt, denn auch dort wurde eine blinde Kundin aus dem Markt geworfen.

Mehr zum guten Ende bei Penny kann man auf Rollingplanet nachlesen: 

http://rollingplanet.net/2012/08/10/unser-liebling-des-tages-jetzt-aber-erstmal-zu-penny/

Es gibt noch viel mehr, was tagtäglich an Alltagsdiskrimination passiert. Nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern auch Nichtbehinderten. Uns allen. Und es ist traurig und schade, dass dies im Jahr 2012 immer noch passiert, egal wo auf der Welt.

Samstag, 11. August 2012

Ich bin nicht mein Defizit - oder auch 10 Dinge, die man niemals zu einer gehörlosen Person sagen sollte!

credits: Alle Rechte liegen bei Julia Probst, d.h. ohne Erlaubnis keine Veröffnetlichung.
 Was ist das? Das sind meine beiden Ohren mit einer "Amy-Winehouse"-Frisur. Beim Herumspielen mit meinem Macbook habe ich dieses sehr passende Foto für diesen Blogeintrag geschossen.

Ein Satz, den ich hin und wieder denke ist: "Ich bin nicht mein Defizit." Ich weiß, dass mein Blog ganz schön monothematisch ist, weil sich hier alles um Gehörlose, Gehörlosigkeit, Gebärdensprache, Barrierefreiheit etc. dreht, aber da ist viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Und ich denke, dass ich über Twitter auch schon zeige, dass ich eben MEHR bin als die gehörlose Julia Probst, die zufällig ziemlich gut von den Lippen ablesen kann.

 Gestern stolperte ich in meiner Facebook-Timeline über diesen Link hier:

http://becomingdeaf.wordpress.com/2012/07/24/10-things-you-should-never-say-to-a-deaf-person/

Da sind 10 Dinge aufgelistet, die man nicht auf zu einer gehörlosen Person sagen sollte - in Englisch. Ich habe mir mal die Mühe gemacht, diesen Blogeintrag ins Deutsche zu übersetzen und meinen Senf dazu zugeben. Eins vorneweg: Der Blogeintrag dieser gehörlosen Person mag vielleicht etwas dünnhäutig wirken, aber ich kann es sogar sehr gut verstehen, wenn dir diese Fragen immer wieder gestellt werden und du dir irgendwann denkst: "Oh bitte - ich wär schon reich, wenn ich für jede dieser solchen Fragen 1 € bzw. $ kriege." Irgendwann nervt es eben, obwohl man natürlich im Hinterkopf hat, dass der Fragesteller es wirklich nicht böse meint - er ist einfach nur ahnungslos und daher oft interessiert. An einigen Stellen habe ich sehr frei übersetzt, aber im Kern kommt doch das rüber, was der englischsprachige Blogger sagen wollte, denke ich.

(Die Auszüge auf Englisch sind kursiv, damit man einen besseren Überblick hat, was von wem ist.) Die anschließende deutsche Übersetzung ist ebenfalls kursiv, meine anschließende Erklärung ist in normaler Schrift. Ich habe überlegt, ob ich sie farbig hevorheben soll, aber mir wurde gesagt, dass schwarz auf weiß immer noch am besten lesbar ist, daher bin ich auf diese Art ausgewichen.)

"We all occasionally say things we really wish we hadn’t, especially when meeting new people.  For some reason, meeting a deaf person seems to really bring out those moments in people.  In the hopes of  helping you avoid these embarrassing moments, I’m sharing 10 things you should never say when meeting a deaf person.  All of which, in case you’re wondering, have been said to me. And my friends. More than once."

Wir alle kennen diese Momente, wo wir Dinge sagen, von denen wir uns wünschen, wir hätten sie nicht geagt - besonders dann, wenn wir neue Leute kennenlernen. Aus irgendeinem besonderen Grund treten diese Momente dann auf, wenn Leute eine gehörlose Person treffen. In der Hoffnung, dass dieser Eintrag dazu beiträgt, dass diese peinlichen Momente vermieden werden bei einem solchen treffen, zähle ich diese 10 Dinge auf, die Sie niemals zu einer gehörlosen Person sagen sollten. Für den Fall, dass Ihnen diese Dinge merkwürdig vorkommen, versichere ich Ihnen, dass diese Sachen mir gesagt wurden. Und meinen Freunden. Mehr als einmal.

1 – Oh, I’m sorry. (And then walking away.)

Deaf people are really not that scary. When someone tells you they can’t hear you, try making sure you’re looking directly at the person when you talk to them.  Speak clearly, but don’t exaggerate your lip movements.  Or, hey, get a piece of paper or use your phone to write down what you’re saying.


1. Oh, Entschuldigung. (Und dann weggehen.)

Gehörlose sind nicht gefährlich. Wenn Ihnen jemand erzählt, dass er nicht hören kann, dann stellen Sie sicher, dass Sie die Person direkt anschauen, wenn sie mit ihr sprechen. Sprechen Sie deutlich, aber auch nicht übertrieben deutlich. Oder schreiben Sie es auf oder benützen ihr Handy zum Aufschreiben, was Sie sagen wollen.

Kenne ich. Häufig passiert es mir, dass ich am Bahnhof oder unterwegs nach dem Weg oder nach der Uhrzeit gefragt werde. Meistens verstehe ich die Person auf Anhieb und gebe dann die gewünschte Auskunft und es klappt alles ganz normal. Aber es gibt auch natürlich auch die Situation, dass  ich nicht verstanden werde und die Leute gehen dann leicht erschrocken weg mit "Oh, Entschuldigung." Oder sie tun so, als ob sie mich verstanden hätten - es wird selten nachgefragt: "Oh, Entschuldigung, ich habe Sie grad nicht verstanden. Würden Sie das noch mal wiederholen?" Bei Personen, die mir sympahtisch sind und erschrocken weggehen wollen mit "Oh, Entschuldigung." sage ich dann: "Ich bin gehörlos. Ich habe Sie nicht sofort verstanden. Bitte wiederholen Sie die Frage dann noch mal. Einfach deutlich und normal langsam sprechen."

In der Regel huscht dann immer die große Erleichterung über das Gesicht der Leute, die froh sind, dass sie eine Erklärung haben, dass sie wirklich auf kein Alien gestoßen sind und sie sind auch bereit die Frage noch mal zu stellen.

Also endet dieser "Zustammenstoß" doch erfreulich. :-) Natürlich gibt es auch ungeduldige Mitmenschen, die keine Geduld dafür haben oder einen schlicht und einfach für dumm halten.

2 – How do you drive?

I use my eyes. How do YOU drive??  I’m amazed at how many people think that deaf people cannot–or should not–get their driver’s license.  Studies have shown that deaf drivers are no more likely to get in to an accident than hearing drivers, and actually tend to have lower accident rates.


2. Darfst du Auto fahren?

Ich benütze meine Augen. Oder wie fährst du Auto? Ich bin erstaunt darüber, wieviele Leute denken, dass Gehörlose nicht Auto fahren können, halt dass sie keinen Führerschen machen dürfen. Studien haben gezeigt, dass gehörlose Fahrer nicht öfters in Unfälle verwickelt sind als hörende Fahrer und niedrigere Unfallbilanzen haben.

Jaja, diese Frage wird mir auch immer wieder gestellt und ich habe sie schon mal hier im Blog beantwortet. Nach dieser Frage kann man echt die Uhr stellen bei neuen Begegnungen und sie ist auch nicht böse gemeint. Ich weiß, dass für Hörende die Welt der Gehörlosen einfach sehr weit weg ist und sie mit den Fragen nur mal versuchen wollen, nachvollziehen zu können, wie DAS ist.

Hier meine Blogeinträge dazu:

Kannst du/Darfst du Autofahren?

Nachtrag zu "Kannst du/Darfst du Autofahren?"

3 – Can you read?

I have now been asked this twice, once at the doctor’s office and once at the DMV.  My Deaf friends have told me they get asked this all the time.  On one hand, I understand the question- after all, English might not be my primary or first language.  On the other… guess what? Deaf people go to school, have jobs, and do everything that their hearing pals do.  Oh, except hear. Assuming that deaf people can’t read is just insulting.


3. Kannst du lesen?

Ich bin das zweimal gefragt worden, einmal beim Arzt und einmal beim DMV. Meine gehörlosen Freunde haben mir erzählt, sie werden das sehr häufig gefragt. Auf der einen Seite verstehe ich diese Frage, denn schließlich ist Englisch sehr wahrscheinlich nicht meine primäre bzw. Muttersprache. Aber auf der anderen Seite.... weißt du was? Gehörlose gehen zur Schule, haben Berufe und tun all das, was ihre hörenden Freunde tun. Außer Hören. Die Annahme, dass Gehörlose nicht lesen können, ist beleidigend.

Nun, mir ist das nur ein einziges mal passiert vor vielen Jahren: Bei einem neuen Arzt wurde ich von dem Arzt gefragt schriftlich gefragt, ob ich denn lesen könne, da ich ja gehörlos bin. Ich kniff die Augen kurz beleidigt zu, dann schaute ich ihn an und sagte: "Natürlich kann ich lesen. Ich kann sogar sprechen. Und sie müssen nur langsam und deutlich sprechen, damit ich Sie verstehe." Es war ihm nicht zu verdenken, dass er sich dann etwas blamiert gefühlt hat, aber was hätte ich tun sollen? Den Arzt hab ich übrigens nur diese eine Mal aufgesucht und danach nie wieder, obwohl mir klar war, dass er es nicht böse gemeint hat.

Was allerdings stimmt: Deutsch in Wort und Schrift ist für viele Gehörlose eine Fremdsprache, weswegen sie auch nicht gerne lesen, weil es für sie schwierig ist, den Text in der Gesamtheit zu erfassen, was an der schlechten Bildungspolitik liegt, was man hier nachlesen kann:

Die Folgen des Mailänder Kongresses von 1880

4 - Oh, I know exactly what you mean.  I think I have hearing loss, too – I have a hard time understanding people sometimes. You know, like at concerts and moster truck rallies.

Seriously, why is it that everyone I meet suddenly has hearing loss? Not being able to hear people talking when you’re in a loud environment is not exactly the same thing as being deaf or hard of hearing. I understand that people’s first instinct is to try to find common ground, and connect.  I recognize that this statement is supposed to show understanding and support.  That said, it usually comes across as dismissive, and completely misses the point.  When someone is telling you that they need you to look at them when you’re speaking because they can’t hear you, they’re not looking for you to say you know all about it.  They’re just trying to let you know what they need in order to understand you.  Do that.


4 - Oh, ich weiß genau, wie du dich fühlst - ich kenne das Gefühl von Hörverlust auch. Es war hart für mich die Leute zu verstehen. Besonders bei Konzerten und Monster Truck Rallys.

Im Ernst, warum ist es so, dass jeder, den ich treffe, mir von seinem vorübergehendem Hörverlust erzählt? Nicht in der Lage zu sein, Menschen zu verstehen in einer lauten Umgebung ist nicht das gleiche wie gehörlos oder schwerhörig zu sein. Ich verstehe, das Menschen versuchen mitfühlend zu sein und nach einer Gemeinsamkeit zu suchen, um die Sache zu verstehen, aber es kommt doof rüber. Wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie ihn anschauen müssen, damit er sie versteht und sie mit ihm sprechen müssen, bedeutet das nicht, das Sie nach einer Gemeinsamkeit suchen müssen. Das wird nur gesagt, damit die Kommunikation funktioniert.

Ich kenn das, wenn auch nicht so häufig, aber es es ist mir auch schon mal passiert. Ein vorübergehende Hörverlust ist, soweit ich das überblicke, für hörende Menschen zwar ein gravierender Verlust zeitweise, aber die weitgehende Folgen sind nicht derartig bewußt, wenn man eben nicht mit Gehörlosen zu tun hat und dadurch merkt, wie schwierig das Leben für Gehörlose ist, weil die Umgebung eben nicht barrierefrei ist.

5 - Oh, but you can lipread, right? Neat. Can you tell what the guy across the room is saying?

To this I say, lip reading is NOT a super power.  No, I cannot tell what that guy is saying from across the room. It’s hard enough figuring out what’s going on in the conversation I’m currently having, thanks.  Also, stop being a snoop.


5. Oh, aber du kannst lippenlesen, richtig? Toll. Kannst du mir sagen, was die Leute da drüben im Raum sagen?

Zur Klarstellung: Lippenlesen ist keine Superkraft. Nein, ich kann es dir nicht erzählen, was die Leute da drüben im Raum sagen. Es ist hart genug für mich, herauszufinden, worum es in der Konversation geht, die ich grad habe. Hör dann auf schnüffeln zu wollen.

Das ist die sehr persönliche Meinung des Bloggers aus diesem Beitrag. Und ja, diese Frage wird mir auch oft gestellt, ob ich Lippenlesen kann. Meine Antwort ist dann immer: "Da tue ich doch schon die ganze Zeit." Das finden alle dann immer sehr cool und die nächste Frage ist dann auch meistens: "Du kannst ablesen, was die Leute da drüben sagen?" Und meine Antwort ist dann: "Ja, aber ich interessiere mich mehr für diese Unterhaltung hier als für die da drüben." Damit stelle ich dann klar, dass ich das erstens nicht will und zweitens die Unterhaltung, die ich im Moment führe, interessanter ist als eine von XY.

6 – Oh, I’m so sorry.  Losing my hearing would be the worst thing in the world.

It has its down sides, for sure, but really it’s not that bad.  This response makes me feel like I’m something to be pitied, and completely dismisses the awesomeness of Deaf culture.  Even if you’re thinking this, please don’t say it. Just don’t.


6 - Oh, es tut mir leid. Wenn ich mein Gehör verlieren würde, wäre es das Schlimmste für mich auf der Welt.

Es hat seine Schattenseiten, das ist sicher. Aber eigentlich ist es nicht so schlimm. Diese Frage lässt das so erscheinen, als wär Gehörlosigkeit etwas bedauernswertes und so mit meine Person auch, lässt aber vollkommen außer Acht wie wunderbar die Gehörlosenwelt mit ihrer Kultur sein kann. Selbst wenn Sie das denken, bitte sagen Sie es nicht. Bitte nicht.

Jaaa, diese Frage kenne ich auch und ich antworte dann auch immer mit "Was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen.", worauf dann auch die Antwort kommt: "Das stimmt." Dann ist dieses Thema meistens auch schnell erledigt.

7 – But, you have hearing aids.

Yep, I do. They’re pretty awesome, and I’m glad I have them, but they’re not miracle devices.  They don’t suddenly “cure” my hearing loss. I still need to read lips or use ASL to know what people are saying.  They tell me THAT people are talking, but it’s like catching shadows of words. I have to fill in the blanks.  If someone has hearing aids, don’t assume that they can hear things–or that they can’t, for that matter.

Ja, das tue ich. Sie sind ziemlich genial und ich bin froh sie zu haben, aber sie sind keine Wundergeräte. Sie heilen nicht "plötzlich" meine Schwerhörigkeit. Ich muss immer noch von den Lippen ableen oder ASL (American Sign Language) benützen, um zu wissen was Leute sagen. Ich bekomme mit, was die Leute sagen, aber es ist wie Schatten fangen. Ich muss die Leerstellen füllen. Sollte jemand Hörgeräte tragen, bitte gehen Sie nicht selbstverständlich davon aus, dass die Person auch damit richtig hören kann.  

Die Zeit, wo ich selbst Hörgeräte getragen habe, ist lange vorbei - das letzte Mal trug ich sie mit 13 und legte sie also ab, nachdem ich das Cochlear Implantat ein Jahr lang auf dem einen Ohr bereits in Betrieb hatte. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass meine hörenden Freunde selbstverständlich davon ausgingen, dass ich mit den Hörgeräten normal höre und die haben auch schon in dem Alter darauf geachtet, dass es klappt mit der Kommunikation, was aber nicht schwierig war, da ich schon von klein auf ein Ass war im Lippenlesen.

8. Oh, are you going to get that implant thing to fix your hearing?
I’ve had people launch in to how the cochlear implant is a miracle within 3 minutes of meeting me.  They’re usually basing this on a) seeing Ellen talk about it on TV and b) the fact that they like hearing birds chirp, or whatever. The decision to get a cochlear implant is a big one, and involves a lot of factors that you probably aren’t aware of if you haven’t been around the Deaf community for very long.  Besides the fact that this question assumes that something is wrong with me that needs to be fixed, it’s a really personal, complicated question.  If you’re going to ask someone about CI, please be sensitive to that.  And maybe wait until you’ve known the person a while before you bring it up.

8. Oh, willst du kein Cochlear Implantat erhalten, um die Sache zu beheben?

Es ist schon seltam, wie schnell Leute innerhalb von 3 Minuten im Gespräch mit mir auf das Thema Cochlear Implantat kommen. Es liegt in der Regel daran, dass dieses gehörlose Mädchen bei Ellen zu sehen war und zweitens, dass sie damit die Vögel zwitschern hört oder was auch immer. 

Die Entscheidung für ein Cochlear-Implantat ist eine große und erfordert eine Menge Wissen der Faktoren, deren Sie sich wahrscheinlich nicht bewußt sind, wenn Sie keine Ahnung von der Materie  und der Gehörlosen-Welt haben. 

Außerdem setzt die Frage voraus, dass mit mir ewas nicht stimmt, was demzufolge behoben werden werden muss und ist daher eine sehr persönliche und komplizierte Frage. Wenn Sie etwas über das CI wissen wollen, dann seien Sie bitte diplomatischer. Und vielleicht kommt Gespräch auch von selbst darauf zu sprechen, also haben Sie einfach Geduld. 

Ich denke, dass man hier sehr gut sehen kann, warum das Thema Cochlear Implantat ein heißes Eisen ist, da dort eindeutig der Reperaturwille mitschwingt und man außerdem voraussetzt, dass etwas mit der Person nicht stimmt, was man beheben muss. Gehörlose sind nicht anders, sie können alles außer hören.

Sehr gut zeigt auch dieser Blogeintrag von mir, was ich damit meine, wie sehr es einen nerven kann, wenn man auf das Cochlear Implantat angesprochen wird:

Danke, ich habe es doch schon!


10 – Wow, your speech is really good!
I get this well-meaning comment from almost everyone I meet – even interpreters sometimes say this to me.  There are several reasons why you should never say this to someone.  For one thing, it makes the person feel awkward and self-conscious. For another, the underlying message is that speaking skills are to be highly valued, and praised.  It implies that people who don’t have clear speech are less intelligent, capable, or aren’t trying hard enough.
This comment makes me feel like I’m being patted on the back.  I didn’t do anything special to earn my speaking skills. My speech says nothing about my intelligence or abilities.  I just happened to grow up with enough residual hearing to make speech work for me.  In some ways, my clear speech is a drawback – it makes it that much harder for other people to understand my deafness.
Have you ever said something you wished you could take back?  What are some awkward/awful things people have said to YOU?

Ich bekomme diese wohlmeinenden Kommentare von fast jedem, den ich treffe - auch Dolmetscher sagen das zu mir. Es gibt mehrere Gründe, warum sie das nie zu jemandem (gehörlosen) sagen sollten. Zum einen macht es Person peinlich und selbstbewußt, zum anderen liegt da die Botschaft zugrunde, dass die Sprechfähigkeit zu hoch bewertet und gelobt wird. Es impliziert, dass Menschen, die keine klare Sprechverständlichkeit haben weniger intelligent, fähig sind oder sich nicht genüg Mühe geben. 

Dieser Kommentar klopft mir selbst auf den Rücken. Ich habe nichts besonders gemacht, um meine rhetorischen Fähigkeiten zu verdienen. Meine Rede sagt nichts über meine Intelligenz oder Fähigkeiten aus. Ich hatte zufällig noch genügend Restgehör, um an meiner Aussprache zu Arbeiten. 

Auf eine gewisse Weise aber ist meine klare Aussprache auch ein Nachteil - sie macht es so viel schwerer für andere Menschen meine Taubheit zu verstehen. 

Kenne ich - mir wird aber auch oft im Gespräch gesagt: "Wow, du sprichst so gut und kannst dich so klar ausdrücken." Im Hinterkopf blitzt bei mir dann auch sehr oft für eine Sekunde der Gedanke auf: "Warum in aller Welt sollte meine Gehörlosigkeit meine Intelligenz oder meine Sprachfähigkeit vermindern?" Die klare Aussprache eines Gehörlosen kann ein Hinweis darauf sein, dass er intelligent ist, was aber nicht unbedingt sein muss. Vielleicht hatte die Person auch nur gutes Sprachtraining? Es ist wie mit Hörenden: Eine Person, die ganz tolle rhetorische Fähigkeiten hat, muss nicht unbedingt ein kluger Kopf sein - sieht man ja auch an unseren Politikern, die sich in tollen Schwurbelsätzen verlieren, aber nicht viel kluges zu sagen haben, das beste Beispiel ist ja wohl Karl-Theodor zu Guttenberg gewesen.

Ich kann gut sprechen und mich ziemlich gut ausdrücken, aber damit hat meine Gehörlosigkeit nichts zu tun, die Gehörlosigkeit sorgt lediglich dafür, dass die Sprachmelodie nicht so ausgeprägt ist und einige Wörter nicht so klar sind. Ich kann zum Beispiel bis heute kein R in der Mitte eines Satzes sagen, nur am Anfang. Hört sich etwas chinesisch an. *g* Bin aber noch nicht auf die Idee gekommen, den Buchstaben L statt R zu verwenden. ;-)

Da empfehle ich diesen Blogeinträg hier:

http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2011/08/wie-hast-du-eigentlich-sprechen-gelernt.html

Und zur Klarstellung noch dieser Hinweis: Ich habe nichts gegen die Fragen, weil ich genau weiss, woran das liegt, dass diese Fragen gestellt werden und ich kläre sehr gerne auf. Nur manchmal habe ich eben auch diesen Moment: "AAARGL, diese Fragen habe ich schon so oft gehört und ich kann sie nicht mehr hören." Vor diesem Blog musste ich das sehr oft beantworten, inzwischen bin ich viel lässiger und liefere nur noch die knappe Kurzversion ab, weil ich es nicht mag, wenn sich alles um mein Dezifit dreht, weil das mich auf etwas reduziert, was ich nicht kann. Ich bin halt mehr als mein Dezifit und mehr als eine Lippenleserin. Inzwischen sag ich nach der Kurzfassung der Erklärung: "Ach weißt du was? Ich habe ein Blog darüber - da kannst du alles nachlesen und es ist auch besser, wenn man sich das in aller Ruhe mal durchlesen kann." Und das kommt dann auch gut an.

Dieses "Problem" mit dem Dezifit bei neuen und unbekannten Leuten, habe ich mal hier aufgeschrieben:

Vom Benützt werden und die Gedanken dahinter..

Mir fällt dann noch ein, dass ich auch sehr häufig gefragt werde, ob ich denn die Gebärdensprache kann, was ich dann natürlich bestätige mit: "Ja, aber sie ist nicht meine Muttersprache, ich bin also nicht perfekt darin." Dann kommt das Thema immer auf "Jenseits der Stille", "Gottes vergessene Kinder" zu sprechen. Danach kann man auch so ziemlich die Uhr stellen.  ;-)


Wie seht ihr diesen Blogeintrag? 





Sonntag, 5. August 2012

Lieber Sigi Heinrich,

ich melde mich auf diesen Blogeintrag von Ihnen bei Eurosport: http://de.eurosport.yahoo.com/blogs/sigi-heinrich/streitfall-pistorius-mensch-maschine-065803981--spt.html

Natürlich kann man ganz toll gegen Pistorius abledern, wenn man sich auf veraltete Gutachten stützt. Gegenfrage: Es gibt weitaus mehr Prothesenläufer als Pistorius - warum hat denn keiner außer ihm die Olympia-Norm erfüllt? Die Prothesen, die Pistorius verwendet, gibt es seit 1996. Er läuft mit den gleichen Prothesen seit 2004 und er hat auch nicht vor das zu ändern. Kann man alles nachlesen, wenn man sich mit der Person Pistorius beschäftigt.

Der Zeit-Artikel beschreibt es auch ganz gut: Schnellster Mann ohne Beine

Bei den Paralympics läuft Pistorius derzeit alles in Grund und Boden und er ist der einzige Prothesenläufer der Welt, der die Olympia-Norm erfüllt hat.

Und jeder Laie sieht, dass Pistorius die meisten Probleme hat beim Start, da er dort die Kraft eines nichtbehinderten Sportlers, die diese auf den Fuß übertragen kann, nicht auf die Prothese übertragen kann. Und frei von Verletzungen ist Pistorius auch nicht: Oberschenkelrisse und seine Stümpfe können sich entzünden oder sich wundscheuern.

Pistorius muss beim Laufen seine Oberschenkel auch so bewegen wie jeder, um mit den Prothesen laufen zu können. Er arbeitet genauso wie jeder andere Sportler - von alleine laufen die Prothesen nun mal nicht. Außerdem ist es Unsinn, dass er weniger Gewicht zu tragen hat, da ihm ja zwei Unterschenkel fehlen. Er hat keine richtigen Füße, weshalb er auch n den Kurven leichte Schwierigkeiten hat, die die Prothesen auch nicht ausgleichen können. Fakt ist: Pistorius muss 6 Schritte MEHR als alle anderen machen, um auf 400 m mithalten zu können! (Quelle: Zeitartikel von oben)

Ralf Otto, welcher der Trainer ist beim Berliner Behindertensportverband hat viel geskypt mit Pistorius. Interessanterweise ist Ralf Otto selbst Biomechaniker und sagt ganz entschieden, dass die Prothesen von Pistorius wirklich keine Siebenmeilenstiefel sind. (Quelle: Ebenfalls Zeit-Artikel von Oben)

Pistorius ist in meinen Augen ein Sportler wie jeder andere auch - und er hat das Quentchen Talent, welches ihn mithalten lässt mit nichtbehinderten Sportlern.

Fakt ist: Pistorius hat keinerlei Vorteile durch die Prothesen. Kann man alles hier nachlesen in dem Artikel, den Pistorius selber (!) geschrieben hat: "95 Prozent sind für mich".

Darüber sollten Sie mal nachdenken. Nicht über irgendwelche Vorteile durch Prothesen, die es gar nicht gibt - sondern über die Leistungsbreite unserer Sportler.

Und zweitens: Kein deutscher Sportler hat sich meines Wissens nach für die 400 m qualifiziert bei Olympia. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Vorwürfe gegen Pistorius mehrheitlich aus dem deutschen Lager kommen. Besonders in Deutschland hat man ein Problem mit Menschen mit Behinderung(en), weil man sie in eine gewisse Schublade steckt - das Problem hat Christiane Link vom Behindertenplatz sehr gut beschrieben:

Das deutsche Problem mit Oscar Pistorius <- Diesen Link empfehle ich übrigens allen Medienvertretern, die über Oscar Pistorius berichten wollen.

Darüber sollten Sie mal auch nachdenken. Nicht über irgendwelche Vorteile durch Prothesen, die es gar nicht gibt - sondern über die Leistungsbreite unserer Sportler und den Umgang mit den Behinderten.

Und zweitens: Südafrika hat bereits 3 x Sportler mit Behinderung zu Olympia geschickt: Die beinamputierte Schwimmerin Natalie duTuoit, den gehörlosen Schwimmer Terence Parkin, welcher übrigens Silber über 200m Brust in Sydney gewann und nun eben Oscar Pistorius.

Mehr zu Terence Parkin in diesen Blogeinträgen:

Terence Parkin und das monegassische Fürstenhaus

Franziska van Almsick und Charlene Wittstock schwimmen für die Paralympics

Südafrikas schon fast selbstverständliche Endsendung von behinderten Sportlern zu Olympia wirft natürlich auch noch eine Frage auf, aber ich glaube, das wäre dann doch zu HOCH für Sie, Herr Heinrich. Oder haben Sie das gelesen, was Gideon Sam, der Präsident des südafrikanischen Sportverbandes sagt? "Wir diskriminieren niemanden aufgrund seiner Hautfarbe, Rasse oder sonst etwas. Wir haben in unserer Satzung verankert, auch Menschen mit Behinderungen zu integrieren. Wir freuen uns sehr, dass Oscar zu uns gehört." Ich denke, dass Gideon Sam genau das gleiche gesagt und gedacht hat, als er Natalie duToit und Terence Parkin damals entsendet hat.

Könnten Sie sich nicht einfach ausführlich mit der Person Pistorius befassen, bevor sie ins Mikrophon Stuss reden und so die Leistung eines Sportlers schmälern, der härter arbeitet als alle anderen? Trotz Prothesen.

Und NEIN - seine Stellung als Medienliebling ist nicht nur auf die Prothesen zurückzuführen, sondern mehr aufden Umstand, dass Menschen mit Behinderung(en) zu selten in unserer Mitte anzutreffen sind.

Wären Barrierefreiheit und Inklusion normal in unserer Gesellschaft, ja vor allem in der deutschen Gesellschaft, dann würde Pistorius zwar auch Medienaufmerksam erhalten, aber nicht in dieser überschwappenden Form. Die Medienaufmerksamkeit, die Pistorius erhält, kann auch sehr viel Kraft rauben, die er eigentlich braucht.

Ich hoffe aber, dass Pistorius genügend Energie hat für seinen Traum und das wir alle, die hinter ihm stehen und unterstützen, ihm dabei zuschauen können, wie er das möglich macht.

Oscar Pistorius ist ein Sportler, ein Vorbild für uns alle. Und ein Mensch wie jeder andere, der die gleichen Rechte und Pflichten hat wie auch als Sportler.

Mit freundlichen Grüßen

Julia Probst aka @EinAugenschmaus

P.S. Ich empfehle offenen Brief an Sigi Heinrich ebenfalls Matthias Heitmann von der WeltOnline, der ebenfalls einen unsäglichen Text über Pistorius verfasst hat: Oscar Pistorius - Sportheld ja - Olympionike nein 

Sehr interessant ist ja, dass Heitman sich nicht im klaren darüber ist, dass er sich dauernd widerspricht. Er ist gegen Pistorius aufgestellt in seinem Artikel, aber dann fordert er plötzlich die Gleichstellung der Paralympics - widersprüchlicher geht es gar nicht mehr. Den Sinn der Paralympics hat er nicht so ganz begriffen - natürlich ist es doof, dass die Paralympics nicht in den olympischen Spielen aufgehen, aber es ist völlig ausreichend, wenn die Paralympics medial und vom sportlichen Wert die gleiche Anerkennung und ausgedehnte Berichterstattung erhalten wie die olympischen Spiele. Dazu zählen dann aber auch die Special Olympics, die Deaflympics! Quelle: http://www.ftd.de/sport/olympia/sonstige/:olympia-schafft-die-paralympischen-spiele-ab/70070386.html

Mir ist es unverständlich, weshalb die Teilnahme von Pistorius bei Olympia den Behindertensport wie die Paralympics ingesamt abwertet. Im Gegenteil, die erhalten dadurch endlich die benötigte mediale Aufmerksamkeit, die dem Behindertensport ganz gut tut!

Außerdem kann ich nur über den absurden Vorwurf lachen, dass Oscar Pistorus der Wegbereiter dafür sein wird für nichtbehinderte Athleten, die sich dann Prothesen verpassen lassen, um dann endlich die gewünschten Ergebnisse zu erzielen können.

Die Leute, die diesen Vorwurf äußern, haben nicht bedacht, dass gerade bei einer Amputation Phantomschmerzen am fehlenden Glied auftreten, die einen wahnsinnig machen können und noch andere unschöne Begleiterscheinungen.

Ich könnte noch ewig darüber schreiben, was mich an der ganzen Berichterstattung nervt, aber jetzt ist mal Ruhe damit.

Natürlich kann ich andere Meinungen akzeptieren, aber so wie über Pistorius berichtet wird, bin ich nicht einverstanden, denn der Fokus liegt mehrheitlich auf den Prothesen und nicht auf seinem Talent, dass ihm erst die Teilnahme ermöglicht bei Olympia.