Freitag, 30. März 2012

Videos zum Lernen der Gebärdensprache

Auf YouTube finden sich ja immer mal wieder ganz interessante Videos zum Lernen der Gebärdensprache, welche auch für mich interessant sind, weil ich da auch merke, welche regionale Dialekte es in der Gebärdensprache gibt.

Die Gebärdensprache ist von Land zu Land verschieden, hat aber viele Gemeinsamkeiten wie auch Unterschiedlichkeiten, aber allen gemein ist, dass es regionale Dialekte gibt.

Ich habe in der Vergangenheit ja schon mal auf SpreadtheSign hingewiesen, wo man die verschiedenen Wörter in den verschiedenen Gebärdensprachen weltweit vergleichen kann. Dort sieht man die Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten der Gebärdensprachen ganz genau - hier gehts entlang zu SpreadtheSign.

Und jetzt komme ich auf YouTube zu sprechen, dort fand ich schon vor einigen Monaten das Video zum Erlernen der Deutschen Gebärdensprache, aber irgendwie habe ich das nie in einem Blogeintrag verwurstet! Schimpf und Schande über mich, aber jetzt habe ich das ja nachgeholt!

Der junge Mann @Beacher1991 ist ein CODA, das heißt, dass seine Eltern gehörlos sind und er somit mit der Gebärdensprache aufgewachsen ist wie sein Bruder, die dann auch zur seiner Muttersprache wurde. Nicht bei allen Codas ist es automatisch so, dass die Gebärdensprache zur Muttersprache wird, aber bei der Mehrheit ist das die Regel.

Und das hat er nun genutzt, um ein Videotutorial zum Erlernen der Deutschen Gebärdensprache (DGS) online zu stellen und ich finde, dass ihm das sehr gelungen ist!

Also Vorhang auf für den Unterricht - die Videos sind übrigens mit Untertitel für die Hörenden! ;-)






Und wo wir schon beim Thema der CODA sind, da hätte ich noch ein interessantes Video über die Familie Albrecht, wo alle gehörlos sind außer dem Jungen Aaron.


Und hier geht's lang zum Video über die CODA-Familie Schäfer bei Kerner: http://www.sat1.de/video/hoerende-kinder-tauben-eltern-clip Und hier findet sich der Blogeintrag über diesen Auftritt der Familie Schäfer: http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2011/11/coda-familie-bei-kerner.html Was übrigens sehr schade ist: Es gibt keine Untertitel für nicht gebärdensprachkompetente Schwerhörige oder gehörlose bei der Talkrunde. Es muss immer beides zusammen angeboten werden, damit es komplett barrierefrei ist. Man will ja die gesamte Breitbande der hörgeschädigten Menschen ansprechen, oder?

Wo ihr übrigens noch die Gebärdensprache lernen könnt außer bei YouTube? Nun ja, die Volkshochschulen, Universitäten, Gehörlosenverbände und Gebärdensprachschulen bieten den Unterricht an. Einfach mal googlen oder hier mal auf dieser Karte herumklicken, sie ist ganz gut finde ich: http://www.gebaerdensprache-lernen.de/?p=303

Und zum Verlieben in die Deutsche Gebärdensprache eignet sich ja der Film "Jenseits der Stille am besten! Jenseits der Stille -Trailer

Dazu habe ich auch schon mal ganz schön gebloggt, mit einem echten Schmankerl, denn Hansa Czypionka, der den Tom im Film spielte, erzählte mir etwas über den Film:

http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2011/07/jenseits-der-stille.html

Und auf www.spreadthesign.com kann man die Gebärdensprachen aller Welt vergleichen. :-) Einfach das Wort oder einen Satz eingeben und staunen, wie ähnlich oder unterschiedlich die Gebärdensprachen sein können von Land zu Land! 

Sehr nett ist auch dieser kleiner Gebärdensprachkurs, der sehr viele Informationen hat:
 

Ein schönes Wochenende und viel Spaß mit den Verrenkungen der Hände vor dem PC!

Donnerstag, 29. März 2012

Gebärdenname für Gauck!

Nun hat auch unser neuer Bundespräsident einen Gebärdennamen bekommen und dieser wird sich in den Zeiten des Internets schneller als früher verbreiten - die gute alte Buschtrommel unter den Gehörlosen, die früher schon wahnsinnig schnell war, ist jetzt mit Turbogeschwindigkeit unterwegs. ;-)

Martin Zierold, Deutschlands erster gehörloser Politiker, der für sich die Bezeichnung taub bevorzugt, hat ein Video online gestellt, indem er den Gebärdennamen für Gauck erklärt:

Gebärdenname für Gauck <- hier klicken!

Übersetzung aus der Gebärdensprache:

"Hallo zusammen, ich möchte euch informieren, dass unser neuer Bundespräsident einen Gebärdennamen bekommen hat, der so gebärdet wird: (gekrümmter Finger wackelt über derAugenbraue auf und ab, das sollen die Augenbrauen von Gauck symbolisieren), so wird Herr Gauck nun gebärdet. Gut? Ich bitte euch, diese Information zu verbreiten! Danke!"

Ja, mal sehen, wie lange es dauert, bis Herr Gauck davon Wind bekommt. ;-)

Und weil es schon wieder so schön passt, verlinke ich schon wieder auf den Blogeintrag:


Mittwoch, 28. März 2012

Präsident aller Deutschen?

Wir haben ja einen neuen Bundespräsidenten in Deutschland, der in seiner Antrittsrede bei seiner Vereidigung auch von Menschen mit Behinderungen sprach, was wirklich nett von ihm war.

Nur: Die Vereidigung von Joachim Gauck fand ohne Gebärdensprachdolmetscher im Fernsehen statt, lediglich die ARD brachte die Vereidigung mit Untertitel, also war dieses politische Ereignis wie viele andere auch nicht komplett barrierefrei.

Die Problematik der Qualität der Untertitel im deutschen Fernsehen ist ja hinreichend erklärt, es besteht da einfach durch die Vereinfachung und Verkürzung ein sehr hoher Informationsverlust, was besonders bei Livesendungen wie Talkshows ersichtlich wird.

Hier geht's zu meinem längeren Blogeintrag zur nicht barrierefreien Übertragung der Bundesversammlung: Barrierefreie Übertragung der Bundesversammlung gescheitert!

Dieses Foto von der Bundesversammlung will ich euch nicht vorenthalten - sie ist aus dem aktuellen Spiegel 13/2012, Seite 50. Credits by: Michael Kappeler/DPA:


Der Artikel ist toll geworden, aber ich stelle fest, dass sich ein kleiner Fehler eingeschlichen hat, denn es wurde der falsche Begriff: "Gebärdendolmetscher" anstatt dem korrekten Begriff "Gebärdensprachdolmetscher" verwendet. Noch mal der Hinweis für die Medienbranche: Es heißt korrekterweise Gebärdensprachdolmetscher, um klarzustellen, dass es sich um Dolmetscher handelt, die in die Gebärdensprache übersetzen oder aus ihr.

Ein kleines Beispiel: Man sagt ja auch: "Er hat sich völlig verrückt gebärdet." Damit ist aber etwas komplett anders gemeint als die Gebärdensprache. Wenn man also von der Gebärdensprache spricht, dann sollte man auch den korrekten Begriff verwenden. :-)

Die Deutsche Gebärdensprache besteht aus festgelegten Gebärden, welche aber trotzdem nicht starr ist, sondern sehr lebendig, sie ist eine vollwertige Sprache, keine Hilfssprache, keine Sprachkrücke. Sie funktioniert nach ihren eigenen Gesetzen, sie hat ihre eigene Grammatik und Syntax und vor allem funktioniert sie im Zusammenspiel mit der Mimik, Mundbild und im dreidimensionalen Raum.

Ja und was war eigentlich los auf dem Foto? Martin Zierold applaudiert auf dem Foto in Gebärdensprache, wie es zum Beispiel bei den Auftritten von Tobias Kramer beim Supertalent geschah oder bei meinem Auftritt bei der re:publica 2011:


Hier ist nochmal ein ganz wichtiger Hinweis für die Medienbranche, den sich wirklich alle Verlage an die Pinnwand heften sollten, wenn sie über Gehörlose und die Gebärdensprache berichten wollen: http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2009/05/ein-wichtiger-hinweis-fur-die.html

Wenn es um andere Menschen mit Behinderungen geht, so hat Christiane Link vom Behindertenparkplatz einen guten und wichtigen Blogeintrag dazu:


Ich wünsche mir für 2012, dass die Medien sich die Einträge von Christiane und mir sowie die dortigen Verlinkungen als Styleguide an die Pinnwand heften. :-) Richtlinien helfen einem einfach dabei, dass man sich korrekt ausdrückt und weniger Zuschauerpost oder Blogeinträge mit Kritik auf einen niederprasseln. Niemand bewegt sich gerne auf dünnem Eis, oder? ;-)

Und noch etwas: Es gab bei der Bundesversammlung zwar Gebärdensprachdolmetscher für Martin Zierold - für ihn wurde alles 100% in Gebärdensprache übersetzt. Phoenix aber ließ nur die Eröffnungsrede von Lammert, die Begrüßungsrede von Thierse und die Rede vom Gewinner Gauck dolmetschen. Alles andere wurde NICHT in Gebärdensprache im TV verdolmetscht, obwohl das Fernsehen dazu nur die Gebärdensprachdolmetscher für Martin Zierold abfilmen hätten müssen!

Achja, wo wir schon beim Thema Politik und Gebärdensprache sind, will ich doch mal schnell darauf verweisen, dass Barack und Michelle American Sign Language können:


Und hier ist ein sehr beliebter Blogeintrag von mir, der sich mit den Gebärdennamen für Politiker befasst: Gebärdennamen der Politiker

Viel Spaß beim Lesen!


Dienstag, 27. März 2012

Mein Name auf der Seite der Bundesregierung

Nunja, da habe ich die arme Bundesregierung schon so oft genervt mit meiner Präsenz in der Presse und auf Twitter sowie per Blog, so dass mir dann irgendwann eine Anfrage der Bundesregierung anlässlich des Zukunftsdialogs ins die Mailbox flatterte.

Und jetzt kann ich meinen Namen direkt auf der Seite der Bundeskanzlerin lesen, das ist schon ein sehr erhebendes Gefühl und eine wichtige Etappe auf dem Weg für eine barrierefreie und Inklusive Gesellschaft in Deutschland ist hoffentlich geschafft.


Ich hab es also geschafft, die Botschaft an den Mann äh an die Frau zu bringen da im Elfenbeinturm, dass in Deutschland noch viel Arbeit auf die Politik bzw. Bundesregierung wartet im Bereich der Behindertenpolitik. Das Schöne ist auch, dass die Bundesregierung selbstverständlich auch auf mein Blog verlinkt - Chapeau! Schließlich kritisiere ich sie ja hier wiederholt, aber natürlich lobe ich sie auch,wenn ich dazu Grund habe. :-)

Eigentlich ist es auch egal, dass die Gebärdensprache nicht meine Muttersprache ist, aber das ist ja auch egal jetzt, denn für die Mehrheit der 80tausend Gehörlosen in Deutschland ist sie das nämlich.

Aber auch ihr könnt uns dabei helfen, dass die Gesellschaft in Deutschland barrierefrei und inklusiv wird - unter dem Interview mit mir kann man nämlich den Eintrag bewerten. :-) Schreibt doch alle mal eure Meinung dazu, wie wichtig das ist für Deutschland und das eben Barrierefreiheit für alle da ist und Inklusion sowieso.

Montag, 26. März 2012

Wie kommuniziert man eigentlich mit Taubblinden?

Nach meinem vorherigen Blogeintrag über die Lebensituation der Taubblinden in Deutschland, habe ich mir gedacht, dass es auch interessant wäre zu beschreiben, wie die Kommunikation mit Taubblinden von statten geht.

Taubblindheit ist Gehörlosigkeit und Blindheit gleichzeitig, also der Verlust von zwei sehr wichtigen Sinnen gleichzeitig oder kurz nacheinander.

Es gibt diese Möglichkeiten:

-blind geboren und ertaubt vor dem Spracherwerb, also vor/ab dem 2. Lebensjahr herum.
-blind geboren und ertaubt nach Spracherwerb, also nach dem 4-6 Lebensjahr.
- gehörlos geboren und erblindet im Kindersalter
- gehörlos geboren und und erblindet im Laufe des Lebens.
- weder taub noch blind geboren, später ertaubt und erblindet. Oft geschieht das bei einer sogenannten Defektheilung, aber es gibt auch noch das USHER-Syndrom.
- taubblind geboren

Ich will hier noch kurz auf das USHER-Syndrom eingehen, welches so abläuft: Der betroffene Mensch kommt als schwerhöriger oder gehörloser Mensch auf die Welt und im Laufe seines Lebens setzt der Verlust seines Sichtfeldes ein. Das Augenlicht verschlechtert sich in verschiedenen Stadien immer mehr bis zur völligen Blindheit.

Peter Hepp ist ein sehr gutes Beispiel für einen Taubblinden, auch er war zuerst nur gehörlos, bis er dann erblindete im Laufe seines Lebens. Seine Frau hat er noch sehen können, bevor er völlig blind war. Und sein Lebenslauf ist wirklich bemerkenswert und hier möchte ich mal auf sein Buch hinweisen: Die Welt in meinen Händen - ein Leben ohne Hören und sehen

Peter Hepp hat also den Zugang zur Sprache gefunden, weil er als Gehörloser noch sehen konnte wie Sprache funktioniert und die Gebärdensprache erlernen konnte. Anders als Helen Keller: Sie ertaubte und erblindete im Alter von 2 Jahren, weswegen sie nur sehr schwer zur Sprache kam und ihre Brücke zur Welt wurde Annie Sullivan. Der Film " Licht im Dunkel - The Miracle Worker" erzählt die Lebensgeschichte von Helen Keller und sie hat selbst auch eine Autobiographie verfasst: Geschichte meines Lebens

Ragnild Kaata, von der ich ja schon im Blogeintrag über Taubblinde erzählte, ertaubte und erblindete im Alter vom 4 Jahren, weswegen sie noch über einen Zugang zur Sprache verfügte und dank unfassbar hartem Training wieder zur Sprache kam als Taubblinde.

Aber wie kommuniziert man denn eigentlich mit einem Taubblinden? Peter Hepp unterhält sich mit seiner Frau durch Taktile Gebärdensprache, was bedeutet, dass er seine Hände auf die seiner Frau legt, wenn sie gebärdet. Er erfühlt einfach die Gebärden und kann ihre Bedeutung entziffern, weil er ja den Code kennt. Aber die beiden benützen auch das Lormen, das Fingeralphabet der Taubblinden auf der Handfläche. Hier sieht man das in die Handfläche geschriebene ABC: http://www.taubblindenwerk.de/aufsatz_lormen.html

Ich fand es wirklich sehr faszinierend, wie rasch Magherita ihrem Peter die Buchstaben in die Handfläche tippte und er den Code auch in einem Wahnsinnstempo entziffern konnte, das konnte man alles bei dem Auftritt der beiden bei Lanz sehen.

Hier stelle ich Peter Hepp vor: Längst überfällige Vorstellung von Peter Hepp und hier ist der Blogeintrag zu dem Auftritt der beiden bei Lanz: Ehepaar Hepp bei Markus Lanz.

Die sozialhaptische Kommunikation bei Taubblinden funktioniert zum Beispiel nach festgelegten Regeln. Ich bekam von der Blogleserin "Julia aus Finnland" aus Finnland interessante Videos zugeschickt, die ihre taubblinde Freundin auf dieser Seite ins Internet gestellt hat: http://vonhattunen.rollemaa.org/2012/01/03/esimerkkeja-sosiaalishaptisesta-kommunikaatiosta/

Video 1: Erklärung: "Ich geh mal auf die Toilette" -- damit der Taubblinde nicht erschrickt, wenn er auf einmal merkt, daß er allein im Zimmer ist, oder anfängt, ins leere Zimmer zu reden/gebärden. -> http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=GOjWKnXZ1G4

Video 2: Erklärung: "Ich geh da rüber (ins Nebenzimmer)" -- sozusagen "im Vorbeigehen" mitgeteilt." http://www.youtube.com/watch?v=Jg6ltEelsX8&feature=player_embedded

Video 3: Erklärung:"Hallo, ich bin hier hinter dir" -- auch "Ich bin da"; die eben eingetroffene Person macht ihre Namensgebärde an der Schulter des Taubblinden. In diesem konkreten Beispiel handelt es sich um jemand mit dem Spitznamen "Omppu-täti" ("Tante Äpfelchen") und die Gebärde APFEL. http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=gYgDu0v6xt0

Video 4: Erklärung: "Willst du auch einen Kaffee?/Lust auf einen Kaffee? mit der Gebärde für Kaffee auf dem Rücken des Taubblinden." http://www.youtube.com/watch?v=hJGQbaaBdHg&feature=player_embedded

Video 5: Erklärung: "Notfall". Hier wird erklärt, wie man mit dem Taubblinden in einem Notfall kommuniziert, falls dieser schläft - nicht einfach aus dem Bett reißen und nach draußen zerren, sondern erst erklären mit dem Zeichen für Notfall erklären, dass ein solcher vorliegt und dann zusammen flüchten. http://www.youtube.com/watch?v=6S5U8AwfkPA&feature=player_embedded

Eins der vielen Beispiele für sozialhaptische Kommunikation mit/unter Taubblinden, woraus ersichtlich wird, wie Kommunikation funktionieren kann auf verschiedene Arten!

Ich selbst bin froh, dass ich nur gehörlos bin und daher nicht blind bin für die Nöten der Blinden und Taubblinden in Deutschland. Es ist höchste Zeit, dass die Politik, v.a. die Bundesregierung Taubblindheit endlich als eine eigenständige Behinderung anerkennt und ihnen genau die Hilfen verbindlich gewährt, die sie brauchen, um ein selbstbestimmtes und soweit wie möglich ein normales Leben unter diesen Umständen zu haben.

Wenn hier eigentlich jemand taubblind ist, dann ist es die Politik, denn sie tut herzlich wenig für die Menschen mit Behinderungen in Deutschland. Recht haben bedeutet in Deutschland nicht, dass du auch zu deinem Recht kommst. Und das gilt ganz besonders für Menschen mit Behinderung - es ist schon fast die Norm.

UPDATE vom 29.08.2013: Spiegel-TV hat einen sehr guten Beitrag gebracht über die aktuelle Lebenssituation von Taubblinden. Die Bundesregierung lässt sie nach wie vor im Regen stehen, was ich nach wie vor als eine Verletzung der Menschenrechte bezeichne.

Hier ist das Video: http://www.spiegel.tv/#/filme/mit-den-haenden-reden/


Samstag, 24. März 2012

Taubblinde in Deutschland

Es gibt auch Taubblinde, also Menschen, die gehörlos bzw. taub und blind sind. Und zwar gleichzeitig.
Der berühmteste Fall ist wohl Helen Keller, der dieses Zitat irrtümlich zugeschrieben wird: Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen." In Wahrheit stammt dieses Zitat aber vom Philosophen Immanuel Kant, aber das Zitat ist darum nicht falscher. ;-) Helen Keller wußte halt besser als Kant, wie zutreffend das ist. Und sie machte das beste aus ihrem Leben - sie hat als Taubblinde es geschafft mehrere FREMDSPRACHEN zu lernen, so zum Beispiel Deutsch und Französisch und den Studienabschluss zu machen.


Das alles im Jahre 1904. Das muss man sich mal vorstellen, was für eine Wahnsinnsleistung dahintersteckt, wenn man bedenkt, dass sich damals die Brailleschrift noch nicht komplett durchgesetzt hatte.

Ein anderes spektakuläres Beispiel für eine herausragende taubblinde Persönlichkeit ist die Norwegerin Ragnild Kaata. Ragnild erkrankte im Alter von 4 Jahren an Scharlach und verlor daraufhin das Hör-und Sehvermögen. Die Lautsprache verlernte sie auch bald darauf. 1887 machte der Schrifsteller und Lehrer Hallvard Bergh ihre Bekanntschaft, die ihn so nachhaltig beeindruckte, dass er einen Zeitungsbericht über sie verfasste. Dieser Artikel schlug so hohe Wellen, so dass Ragnild in Amerika und Norwegen bekannt wurde. Es kamen Spendengelder für ihre Erziehung zusammen.

Ein gehörloser/tauber Zeitungsreporter Namens Lars Havstad, der die Einführung der Schulpflicht für Ragnild forderte, unterstützte sie ebenfalls.

So kam Ragnild 1888 in die Gehörlosenschule Hamar, wo die Gehörlosen dort mit Hilfe des Fingeralphabets kommunizieren lernten. Ragnild lernte dann durch das Abtasten der Hände das Fingeralphabet.

1888? War da nicht längst der berühmt-berüchtigte Mailänder Kongress in Kraft? Ja, war er. Ich denke, dass man den Gehörlosen in Norwegen erlaubt HAT, das Fingeralphabet, aber auch nicht mehr zu benützten. Kurzfassung: Der Mailänder Kongress, ist deshalb berühmt-berüchtigt, da dort der Beschluss getroffen wurde, dass die Gebärdensprache verboten wird als Unterrichtssprache an Schulen. Dieses Verbot hat die Bildung der Gehörlosen wertvolle Jahre bis heute zurückgeworfen, denn es war auch gleichzeitig ein Berufsverbot für die damals unterrichtenden gehörlosen Lehrer.

Hier sind meine Blogeinträge zum berühmt-berühmt berüchtigten Mailänder Kongress:





Nun ja, zurück zu Ragnild Kaata: Sie schaffte es sogar durch hartes Training wieder zur Lautsprache zu kommen und konnte so als Taubblinde mit gehörlosen und hörenden Menschen kommunizierne. Hier ist der Wikipedia-Eintrag zur Ragnild Kataa! Bei Helen Keller hat man auch versucht, dass sie wieder zur Lautsprache kommt, aber anders als Ragnild ertaubte und erblindete Helen zu früh mit 2 Jahren und bei ihrem lautsprachlichen Training wurden einige gravierende Fehler gemacht, die sich nicht mehr beheben ließen.

Dennoch: Hut ab vor den beiden Taubblinden, die ihr Leben in diesem Zeitalter ohne moderne Hilfsmittel so gut bewältigt haben.

Warum hole ich eigentlich so weit aus? Einfach um zu zeigen, dass es auch besser geht, wenn man das heutige Leben der Taubblinde betrachtet und wenn man nach Deutschland blickt, dann kann man es sich denken, dass Taubblinde hier keine richtige Lobby haben und ein sehr karges Dasein führen hier.

Ich möchte hier mal ganz besonders die Arbeit loben, die sich Melanie Mühl derzeit mit ihren Artikeln über Taubblinde macht und damit ein ganz wichtiges Thema in die Gesellschaft schiebt:



Die UN-Behindertenrechtskonvention ist seit 2009 auch in Deutschland gültiges Recht und gilt für alle Formen der Behinderungen. Die Taubblinden lässt der Staat aber noch mehr als alle anderen Behinderten im Regen stehen. Taubblinde fallen in Deutschland einfach durch das Raster -sie haben nicht mal ein eigenes Merkzeichen im Schwerbehindertenausweis, also ist es für sie NOCH schwerer an staatliche Hilfen zu kommen, da sie einen erhöhten behördlichen Spießrutenlauf vor sich haben. Taubblinde erhalten im Schwerbehindertenausweis einfach die Merkzeichen "GL" (Gehörlos) und "BL" für blind. Sie werden einfach auf ihre beiden Behinderungen zerlegt, was aber so nicht funktioniert.

Das Europaparlament hat die Taubblinden längst als eigenständige Form der Behinderung anerkannt und das bereits 2004!

Taubblinde erhalten anders wo in Europa längst genau die Hilfen, die ihnen zugestehen und die sie auch brauchen!

Als gehörloser Mensch bist du in Deutschland häufig im Arsch, sei es z.B. in einer Notfallsituation, weil es hier eben noch keinen barrierefreien Notruf per SMS gibt. Oder weil das Fernsehen nicht barrierefrei genug ist durch die fehlenden Untertitel und Gebärdensprachdolmetschereinblendungen.

Aber als taubblinder Mensch in Deutschland sitzt du richtig in der Scheiße. Hierzulande haben wir geschätzt etwa 6tausend Taubblinde.

Und wenn ich im Artikel von Malanie Mühl dann sowas lese wie:"Um die Lebenswirklichkeit Taubblinder zu verbessern, hat die Stiftung taubblind leben Unterschriften für die Einführung eines Merkzeichens gesammelt. Nach einigem Hin und Her hat sich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales dazu durchgerungen, Ende März die bisher 14 000 Unterschriften im Ministerium entgegenzunehmen. Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband wird dabei sein. Bei der Übergabe darf die Presse nicht dabei sein. Sie ist erst bei einer gemeinsamen Diskussionsrunde zugelassen. Will das Ministerium die Taubblindenproblematik unauffällig über die Bühne bringen, um erkannte Versäumnisse verschämt nachzuholen? Effizienter aber wäre es, unter Mitwirkung der Medien das gesellschaftliche Verständnis und die private wie die staatliche Hilfe für die Taubblinden zu mobilisieren.", dann bin ich wieder mal an einem Punkt angelangt, wo ich mich einmal mehr für Deutschland schäme, weil es einfach ein Armutzeugnis im Bereich der Behindertenpolitik am laufenden Band hinlegt oder besser gesagt ablegt.

An der Stelle des scheuen Amtsschimmel mit den fast blickdichten Scheuklappen würde ich mich jetzt mal richtig heftig in Grund und Boden schämen über die Weigerung zur einer inklusiven und barrierefreien Gesellschaft. Ich schlage dem Ministerium für Soziales und Arbeit mal vor, dass sie sich an die Lektüre des Grundgesetz machen sowie der UN-Behindertenrechtskonvention, was mit Sicherheit einmal mehr sehr aufschlussreich sein wird.

Ministerium für Arbeit und Soziales? Da klingelt was bei mir - das wird doch von Ursula
"Röschen" von der Leyen geführt. Die hat nämlich ganz medienwirksam am 15.06.2011 bei der Pressekonferenz, wo sie den Nationalen Aktionsplan der Bundesregierung für Menschen mit Behinderungen vorgestellt hat, die ersten Sätze in Gebärdensprache gesprochen. Kann man hier mitverfolgen: http://www.youtube.com/watch?v=nh6V5NhVc9c&feature=player_embedded

Das Video hat selbstverständlich keine Untertitel für weniger gebärdensprachkompentente Gehörlose und Schwerhörige. Die Gebärdensprachvideos auf der Seite der Ministerien haben übrigens auch keine Untertitel! Es sollte immer beides zusammen angeboten werden, logischerweise. Und vor diesen Hintergründen ist es mehr als scheinheilig, wenn von der Leyen gebärdet, sie wolle die Idee von einer barrierefreien und inklusiven Gesellschaft in Deutschland verbreiten.

Also - wann werden sich die ganzen Problemanzeigen in Deutschland für Menschen mit Behinderungen endlich lösen? Sehr schade ist es ja, dass der Regierungsprecher bei seiner Fragestunde meine sehr konkreten Fragen zur fehlenden Barrierefreiheit nicht beantwortet hat, was die ZEIT ja auch kritisiert hat.


Achja, an dem Tag des Twitterinterview trafen sich Jack Dorsey und Katie Stanton mit der Bundeskanzlerin Merkel und Regierungssprecher Seibert.

Ich war da ein bisschen schneller - die beiden traf ich schon im Januar. :-)

Und zum Schluss möchte ich euch noch die Artikel über den taubblinden Diakon Peter Hepp ans Herz legen:

P.S. Falls sich jemand gefragt hat, wie man mit Taubblinden kommuniziert, so gibt es zwei Wege: Wenn der Taubblinde zuerst gehörlos war und dann erst erblinden ist, dann hat er meistens die Gebärdensprache gelernt, welche dann zur taktilen Gebärdensprache wird, d.h. der Taubblinde legt die Hände um die gebärdenden Hände des Gesprächspartner und erfühlt die Gebärde.

Und/Oder zusätzlich wird auch das Lormen angewandt, welches nach dem Prinzip funktioniert: Auf der Handfläche ist das gesamte Fingeralphabet verteilt und dort tippt man dann mit dem Finger auf den jeweiligen Buchstaben. Als Peter Hepp und seine Frau bei Lanz waren habe ich Bauklötze gestaunt über das rasante Tempo mit dem Marghita ihrem Peter die Fragen in die Hand getippt hat.

Hier geht's lang zum Wikipedia-Eintrag über das Lormen: http://de.wikipedia.org/wiki/Lormen

Mittwoch, 21. März 2012

Präsident der Gehörlosen

Ich habe hier ja schon das eine oder da andere Mal über Obama berichtet, er ist einer meiner Lieblingspolitiker, auch wenn er so dumm war und einige falsche Gesetze unterzeichnet hat, aber vielleicht rudert er ja noch zurück.

Und da es gerade so schön passt, wenn man so an die Bundesversammlung zurückdenkt, als erster älterer Blogeintrag von vielen zu Obama: Die Amtsteinführung von Obama war selbstverständlich barrierefrei - mit Gebärdensprachdolmetscher und Untertitel!

Auch hat er seinen Urlaub auf St. Martha's Vineyard verbracht. Diese Insel hat eine interessante Geschichte, sie wird als die "Insel der Gehörlosen" bezeichnet, der Blogeintrag dazu findet sich hier: Präsident Obama macht derzeit Urlaub auf der "Insel der Gehörlosen".

Natürlich bloggte ich hier auch über die Körpersprache von Obama: Obama und sein wichtigstes Instrument!

Und jetzt geht gerade ein Video von Obama durch's Internet, wo er einem jungen gehörlosen Studenten in seiner Muttersprache - der Gebärdensprache antwortet. Das Video findet sich hier: http://www.youtube.com/watch?v=womXEh8jnTg

Stephon, so heißt der junge Mann, ergreift die Chance seines Lebens und gebärdet Obama zu: "I'm proud of you." Und Obama versteht ihn und antwortet ihm mit "Thank you." Und total süß finde ich es ja, dass er dann total verlegen wird, als ihm die gehörlose Lady "I love you" gebärdet.

Die ganze Story dazu findet man hier: http://distriction.com/2012/03/sign-of-the-times/ und dort wird einem auch klar, dass Barack nicht der einzige Obama ist, der American Sign Language (ASL) kann, auch Michelle kann sie! :-)

Mir war beim Anschauen des Videos von Obama und Stephon klar, dass er mehr in ASL versteht und kann als ein simples "Thank you" und wisst ihr, was cool ist? Wenn man die ehemalige Wahlkampfchefin von Obama persönlich kennt und ihr eine E-Mail schicken kann mit der Frage, wieviel er so versteht und zur Antwort bekommt, dass er wirklich so einiges in ASL kann, dann ist das sehr toll oder? Hach. :-) <3

Und hier ist noch eine nette Anekdote von Obama, welche ich aus meinem bekannten Blogeintrag "Gebärdennamen der Politiker" herauskopiert habe:Mir ist soeben noch die Namensgebärde für Obama eingefallen, der übrigens einige Kenntnisse ASL (American Sign Language) besitzt, denn er sagte zu seiner Namensgebärde: "Oh, ich dachte, man benützt offiziell die "Dumbo"-Gebärde wegen meiner Ohren?" Einige Gehörlose in den USA nehmen die Dumbo-Gebärde: Man deckt beide Ohren mit beiden Händen ab und klappt sie dann auf und zu, andere wiederum sagen sich: "Oh Mensch, wir können doch unseren Präsidenten nicht herumdumboisieren lassen!" und kamen auf diese neutrale Gebärde: http://www.lifeprint.com/asl101/pages-signs/o/obama.htm

Die offizielle Gebärde wird so gebärdet: Man man macht eine Faust und bildet mit dem Daumen und Zeigefinger ein O, es entsteht sozusagen eine Tunnelhand, da ja die Faust nicht geschlossen ist. Nach dem O wandelt sich die Hand zu einer Flagge, indem man die Hand in der Luft etwas dreht und dabei die Hand öffnet, so dass die Handinnenseite zu einem zeigt und der Daumen abgespreizt bleibt. Warum die offizielle Gebärde so ist? Obama's Wahlkampflogo zeigte ein großes O, welches im Inneren mit der US-Flage ausgefüllt war!

Von Obama ist übrigens bekannt, dass er während am 23. August 2008 während der Rally in Springfeld "Thank you" zu einem gehörlosen Mann gebärdete, welcher ihm zu seiner Nominierung als Präsidentschaftskandidaten gratulierte.

Dienstag, 20. März 2012

Barrierefreiheie Übertragung der Bundesversammlung gescheitert!

Es ist was faul im Staat Deutschland, das konnte man letzten Sonntag nur allzu gut sehen.

Der neue Bundespräsident wurde in der Bundesversammlung gewählt mit wenig überraschendem Wahlergebnis: Gauck ist nun der neue Amtsträger.

Etwas geschah dabei, was vielleicht nicht alle mitbekommen haben, was aber der Alltag ist für 80.000 Gehörlose und 16 Mio Schwerhörige in Deutschland: Nicht zum ersten Mal wurden ihre Rechte auf politische Teilhabe und zur Willensbildung nicht in dem Umfang beachtet, der eigentlich nötig gewesen wäre.

Es begann alles damit, dass Phoenix sich zuerst weigerte, die Bundesversammlung mit Gebärdensprachdolmetschereinblendung zu zeigen, da ARD & ZDF mit Untertitel senden würden, worüber ich ja schon berichtet habe in einem Blogeintrag.

Dann hieß es plötzlich von Phoenix, dass man selbstverständlich mit Gebärdensprachdolmetscher senden wurde, was eigentlich nie ausser Frage stand.

Dazwischen lag viel Protest von Gehörlosen, die sich alle eine barrierefreie Übertragung bei Phoenix gewünscht haben.

Ich fand es toll zu sehen, wie Gehörlose und Schwerhörige sich mit einigen Hörenden sich aktiv gegen die Diskriminierung stemmten. Dieser lautstarke Protest war längst überfällig.

Mir liegt der Mailverkehr vor, welcher Martin Zierold, der 1.gehörlose Politiker Deutschlands aus der Berliner Bezirksvollversammling, mit Phoenix geführt hat, denn Zierold war einer der grünen Wahlmänner, weswegen es die Dolmetscher überhaupt gab bei der Wahl.

Auch liegt mir das Antwortschreiben von Phoenix an Joachim Brüderle vor.

Und es gab's die Info aus dem Büro von Volker Beck in der eingerichteten Facebookgruppe, dass Phoenix zusätzlich eine Dolmetscherin aus dem Düsseldorfer Büro haben werde.

Klang alles sehr gut. Zu gut, dachte ich mir und hakte bei Phoenix auf Twitter nach, was ich dabei rausfand war: Begrüßung von Lammert, Gesagtes von Thierse, Rede des Gewinners - NUR das war geplant zu dolmetschen.

Ich habe versucht auf Phoenix einzuwirken und daran zu erinnern, dass eine komplette Verdolmetschung der Bundesversammlung eine sehr gute PR wäre. Nun ja, man sagte mir, dass es auf die Bildregie ankommt, wieviel man dolmetschen könne. Ein letztes Mal bat ich um komplette Verdolmetschung im der Hoffnung was zu erreichen, denn man soll ja die Hoffnung nicht aufgeben, gell?

Am Sonntag ging's um 09.00 los bei Phoenix und wie ich es mir gedacht habe: Der Gebärdensprachdolmetscher tauchte erst bei Lammert auf und das Manko war: Er war viel zu klein im Bild eingeblendet, was mir sofort auffiel, da er normalerweise bei der "Tagesschau" und "heutejournal" auf Phoenix größer eingeblendet wird.

Diese viel zu kleine Einblendung war für gehörlose Senioren also kein Augenschmaus. Außerdem verstand man bei einem Abstand von mehr als 4,5 metern vom Fernseher den Dolmetscher nicht mehr sauber. Eine doppelt so große Einblendung wäre einfach optimaler gewesen.

Die Gebärdensprache funktioniert nämlich im Zusammenspiel von Mimik, Gebärden, Körpersprache und Mundbild, weswegen es unerläßlich ist, dass der Gebärdensprachdolmetscher eine gewisse Einblendungsgröße auf im TV haben muss.

Die BBC kriegt es diese mediale Inklusion wunderbar hin und es stört keinen, wie man es hier sehen kann - danke an Christiane Link vom www.behindertenparkplatz.de für das Foto! pic.twitter.com/VFMoFJCE


Man muss das mal vergleichen mit der normalen Einblendung während der "Tagesschau" oder "heutejournal" auf Phoenix, dort erscheint der Gebärdensprachdolmetscher dann etwas größer nach meinem Empfinden und dies haben mir auch andere Gehörlose bestätigt, dass es so ist - hier der das Bild des Gebärdensprachdolmetschers vom Sonntag:
ARD & ZDF haben die Bundesversammlung mit Untertitel gebracht, aber das große Manko war: Zeitverzögert, vereinfacht und oft gingen sehr viele Informationen verloren. Die ARD hatte übrigens das Interview mit Gysi so derartig verfälscht im Untertitel, dass dort das stand, was Gysi gar nicht gesagt hat.

Nun - die nicht 100% barrierefreie Übertragung der Bundesversammlung war eine wichtige politische Lektion für Martin Zierold und die Grünen: Es reicht nämlich nicht aus, wenn man dem Fernsehen einen roten Teppich für Barrierefreiheit ausrollt, indem man sagt: "Schaut mal, die Gebärdensprachdolmetscher sind da, ihr müsst nur noch abfilmen und zusätzlich für gute Untertitel sorgen."

Was lediglich gedolmetscht wurde ist: Begrüßung von Lammert, Gesagtes von Thierse und die Rede des Gewinners sowie die Verabschiedung von Lammert. Das Wahlergebnis sowie die Nationalhymne wurde nicht gedolmetscht. Wir Gehörlosen und Schwerhörigen sind also weit entfernt gewesen von einer vollständigen politischen Teilhabe und Willensbildung an diesem Sonntag.
Es ist schade, dass die Hoffnung auf eine neue Ära im deutschen Fernsehen zerplatzt sind und der Berg an Arbeit immer noch sehr hoch ist, aber eins hat das deutsche Fernsehen hoffentlich gelernt: Die Schwerhörigen und Gehörlosen schlucken nicht mehr alles herunter und engagieren sich aktiv gegen ihre Unterdrückung!

Zur der Übertragung am Sonntag kann man sagen: Trotz zahlreicher Hinweise an Phoenix lief der Versuch der Barrierefreiheit und Inklusion schief.

Mal sehen, wo das deutsche Fernsehen in den nächsten 3 Jahren stehen wird - wie weit wir dann von der Barrierefreiheit entfernt sind.

Freitag, 16. März 2012

Mein Bericht zur Bionik -Teil 3

Inzwischen habe ich gelernt, dass der Begriff Bionik nicht so ganz auf das Cochlear Implantat passt, sondern der richtige Begriff dafür Prothetik ist, was man auf Wikipedia nachlesen kann.

Aber weiter geht es zum meinem Cyborg-Dasein mit dem Cochlear Implantat. Ich habe also immer mal wieder gegen die Tragepflicht rebelliert, welche dann ja aufflog, weil ich zuviele volle Batterien übrig hatte. Die Vorgeschichte gibt es hier in diesen Teilen zu lesen:



Der nächste logische Schritt war, dass nun kontrolliert wurde, ob ich der Sprachprozessor auch eingeschaltet war, den ich am Gürtel in so einer schwarzen punkigen Gürteltasche trug und das lange Kabel unter dem Top oder Pulli trug, welches dann an mein Ohr heranreichte.

Hier ein ganz gutes Bild vom alten Spectra 22, dem Gerät von Cochlear aus dem Jahre 1994:

Das durchsichtige quallenartige Dingens (2) oben ist das Implantat, was einem etwas schräg oberhalb des Ohrs eingebaut wird, die Elektroden (1) reichen dann rein in die Schnecke. Man sieht auch deutlich den grauenMagneten, der dafür da ist, dass der Überträger (4) am Kopf haften bleibt. Die (3) ist der Sprachprozessor, etwas größer wie die heutigen Blackberrys. Die Nummer (5) ist das Hörgerät, wo die Schallwellen mit dem eingebauten Mikrophon eingefangen werden.

Es funktioniert so, dass die Elektroden die Arbeit der beschädigten Haarzellen übernehmen und so die Höreindrücke an das Gehirn weiterleiten. Das Gehirn ist es aber, welches erst mal lernen muss, die ganzen Höreindrucke abzuspeichern und richtig zu decodieren. Man könnte es auch eine Art Enigma-Arbeit leisten, die das Gehirn da leisten muss. Für Spätertaubte ist das Hören mit dem Cochlear Implantat eine Rückreise zu den abgespeicherten Höreindrücken, die einfach nur wieder aktiviert werden müssen und es klingt für die meisten Spätertaubten nach einiger Zeit sogar ganz natürlich, weil das Gehirn die natürliche Erinnerung daran hat.

Aber wie klingt es für ein Gehirn, welches über keine natürlichen Höreindrücke verfügt? Zuallererst klingt es für alle, egal ob spätertaubt oder von Geburt an gehörlos, wie ein einziger Klangbrei. Hier beginnt die eigentliche Arbeit des Patienten und es ist sein Weg, den er ganz alleine gehen muss. Niemand kann ihm dabei helfen, nur unterstützen.

Druck ist hier der völlig falsche Weg. Der Hörerfolg ist für jeden Patienten individuelle und totale Erfolgsstorys sind eben nicht auf jeden Patienten übertragbar, d.h. nicht jeder Gehörlose oder Spätertaubte wird mit dem Cochlear Implantat plötzlich zu den Hörenden gehören.

Irgendwann hatte mein Gehirn das gelernt, den Enigma-Code zu entziffern und überraschte mich mit völlig neuen Höreindrücken: Alles, was du oder andere tun, macht Krach, sofern man nicht darauf achtet. Und es kann furchtbar nervig sein.

Aber auch sehr schön: Ich ging einmal während der Rehabilitation durch den Wald auf dem Gelände zur Logopädin, weil das Wetter so schön war, einer der ersten von vielen Frühlingstagen im Jahr 1995, dem noch viele folgen sollten.

Plötzlich blieb ich wie versteinert stehen, weil ich da etwas hörte, was ich bisher nur vom Hörensagen her kannte: Vögelgezwitscher! Da gaben irgendwelche Vögel mit Hormonfasching ein Konzert mit ein paar auf und absteigenden Tonleitern. Und in diesem Augenblick verstand ich genau, warum Hörende oft sagen: "Also, ich kann mir das nicht vorstellen nichts hören zu können. Vor allem wäre es schade um das Zwitschern der Vögeln."

Ich kam natürlich viel zu spät bei der Logopädin an, weil ich mich auf einen Baumstamm setzte und dem Konzert noch eine ganze Weile zuhörte, bis es dann an der Zeit für mich war.

Aber die Entschuldigung wurde akzeptiert: "Entschuldigung, aber ich habe im Wald gerade mein erstes Vögelkonzert gehört." ;-)

Ein Jahr später, also irgendwann Anfang 1996 hatte ich eines Abends während der Telefonierstunde im Internat mit meiner Mutter einen Durchbruch zu verzeichnen, denn ich erkundigte mich danach, was mein leider inzwischen verstorbener Hund denn gerade machen würde? Ich hörte die Antwort meiner Mutter durch den Telefonhörer ganz genau:"Er schläft." Es waren nur 2 Wörter, aber ich hörte die Stimme meiner Mutter glasklar im Gehirn. Ich wiederholte etwas paralysiert: "Pauli schläft also." Und dann musste ich mir das Telefon kurz etwas weiter weg halten vom Ohr, weil ich da einen etwas erstickten, aber dennoch lauten Jubelschrei vernahm: "Du hast mich verstanden?" Diesen Satz hörte ich aber etwa so: "Du ....st mi verstanden?" "Ja, Mama." Jedenfalls hat sich dann meine Mutter dann ganz schnell von mir verabschiedet, weil sie nicht mehr weiterreden konnte. Dieses Telefonat muss so etwa an einem Mittwochabend stattgefunden haben, denn als ich am Freitag nach Hause kam, überschlug sich meine ganze Familie mit Lob für mich für das Verstehen am Telefon.

Für die Familie war es ein Meilenstein, für mich aber blieb die ganze Aufregung drumherum ziemlich unverständlich, denn einzig mir war klar, wie viel Arbeit und Frust dahintersteckte. Vor allem: Es war einfach nicht klar, dass hinter meiner Perfektion des Lippenlesens ein sehr hohes Niveau steckte, denn mit dieser konnte ich sehr, sehr, sehr vieles ausgleichen, was andere hochgradig Schwerhörige mit dem Herausreizen der Möglichkeiten ihres Hörgerät taten.

Natürlich blieb ich ab und zu auf der Strecke, wenn ich mich einzig und alleine auf das Lippenlesen verlassen habe, wenn ich mal hörtechnisch offline war, aber es war für mich einfach entspannter. Außerdem war es nichts neues für mich, dass ich mir die Informationen auf dem anderen Weg suchen musste. Vielleicht mag es für den anderen oder einen eine Art Abhängigkeit sein, aber für mich war und ist das bis heute nicht. Ich brauche einfach dieses Abschalten, aber das ist ein eigener Blogeintrag wert, warum und wie ich mit dem Cochlear Implantat heute umgehe.

Außerdem kam da zur dieser Zeit etwas auf, was ich sehr schnell so als halber Technik-Nerd als echte Chance für Gehörlose und Schwerhörige begriff: Das Internet!

Und ich begriff vor allem eins: Mein Onkel hatte recht, als er sagte, dass sich die Technik immer schneller entwickeln wird, denn auch er hatte mit mir ein Gespräch, indem er mich zur Operation überreden wollte. Mein Argument dagegen war unter anderem auch, dass mir die Teile einfach zu groß seien. Er hielt mir sein Handy unter die Nase und sagte: "Schau mal, das ist mein neues Handy." Es war immer noch ein Knochen, wenn man es mit den heutigen Handys vergleicht. Und ich so: "Schön und was ist damit?" "Und das ist mein altes Handy." Dieses Handy WAR wirklich noch größer und schwerer als das neue. Erinnert sich noch jemand an den Film "Jurassic Park?" In einer Szene sieht man das Satelitten-Telefon - das war die Größe der damaligen Handymodelle im Jahre 1992-1993.

Das war mitunter auch ein Grund, warum ich der Fähigkeit zu telefonieren bis heute nicht die Bedeutung beigemessen habe, weil es für mich einfach keine Rolle spielte, denn ich wußte, dass die Technik mir helfen würde unabhängiger zu werden, ohne dass ich etwas an mir selbst ändern musste.

Das ist das, was Technik sein sollte: Sie sollte Menschen helfen unabhängiger zu werden, ohne dass man von ihr abhängig wird. Und als Träger eines Cochlear Implantats bist du immer noch gehörlos, wenn du es z.B. im Schwimmbad, Strand oder im Bett abnimmst. Und in der Dusche sowieso! ;-)

Wir brauchen keine "Brückentechnologie" als Lösung für bestehende Probleme und vor allem keinen Zwang für Menschen mit Behinderungen sich an die Gesellschaft anzupassen. Lässt sich ein Gehörloser/Spätertaubter operieren, dann kann es sein, dass seine Probleme leichter zu lösen sein werden, aber es ist eben keine Lösung für alle.

Eine benützerfreundliche Technik ist die Technik, die mit ihrer Anwesenheit das Leben für alle leichter macht und den barrierefreien Zugang zur Gesellschaft ermöglicht. Nehmen wir nur mal das Beispiel mit den Rampen für Rollstuhlfahrern in der Öffentlichkeit: Auch Fahrradfahrer, Mütter mit Kinderwagen können diese benützen. Es ist also eine WIN-WIN-Situation für die ganze Gesellschaft.

Wir brauchen die Akzeptanz und die Umsetzung der Barrierefreiheit, um zu einer barrierefreien und inklusiven Gesellschaft zu werden.

Das würde echte Wahlfreiheit bedeuten für alle und ganz besonders für Gehörlose/Schwerhörige/Spätertaubte und gehörlose Eltern und hörende Eltern mit einem gehörlosen/schwerhörigen Kind: Mein Kind hat die gleiche Chance im Leben wie ein Kind mit einem Cochlear Implantat - ich verbaue ihm nichts im Leben.

Ich könnte hier noch viel mehr schreiben, aber ich beende meine Gedankengänge damit:

Ich möchte nicht, dass der Mensch durch die Technik in seiner Entscheidungsfreiheit, seiner Mobilität und Teilhabe beschnitten wird.

Und mir ist es auch sehr wichtig, dass die Technik uns Menschen, egal ob behindert, unabhängig macht. Nicht abhängig.

Und ich möchte keinen Zwang zur Prothetik durch die Gesellschaft auf Menschen mit Behinderung. Denn das ist auch ein Teil meiner Geschichte, die mit diesem Blogeintrag noch lange nicht zu Ende ist.


Dienstag, 13. März 2012

Mütter im Rollstuhl

Gestern las ich in der Augsburger Allgemeinen diesen Bericht über Mütter im Rollstuhl und war wieder mal entsetzt darüber, wie schwer das Leben in Deutschland für Menschen mit Behinderung(en) ist, obwohl ich ja selbst auch betroffen bin. Aber es ist halt noch mal was anderes, wenn man diesen Bericht liest:




Kurz gefasst: Mütter im Rollstuhl müssen mehr als alle andere darum kämpfen, dass sie die staatlichen Hilfen bekommen, damit sie ihrer Mutterrolle so nachgehen können, wie sie es wollen, welche ihnen ja auch vom Gesetz her total zugestehen.

Aber es ist ja in Deutschland häufig so, dass man nicht automatisch sein Recht erhält, wenn man im Recht ist. Vor allem für Menschen mit Behinderungen.

Was ebenfalls erschreckend ist: Gerade Mütter im Rollstuhl wird das Recht auf eine gesunde Sexualität und somit auch den Kinderwunsch abgesprochen, weil das doch so egoistisch sei, wenn man unter diesen Umständen ein Kind haben möchte.

Nein, ist es nicht. Behinderte sind Menschen wie du und ich, ihr besonderes Merkmal ist halt das, wie es bei anderen Menschen z.b. die rote Haarfarbe oder eben die zweifarbigen Augen sind. ;-)

Aus diesem Grund plädiere ich noch eindringlicher für eine umfassende Inklusion der Menschen mit Behinderung(en) in die Gesellschaft hinein von Anfang an, denn wenn ich z.B. bei meiner gehörlosen Freundin Steffie lese, dass sie Angst hat, dass ihre hörende Tochter Sara sich mal für ihre Mutter schämt, weil sie einfach anders ist als andere Mütter ist, dann kriege ich feuchte Augen vor Mitgefühl mit Steffie und ihrer Situation, für die sie ja wie alle anderen nichts kann. Hier geht es zu den Blogeinträgen, wo Steffie diese Situationen thematisiert: http://tagebucheinertaubenmama.blogspot.com/2012/03/viele-kinder.html und hier erklärt Steffie, das sie will, dass ihre Tochter sie als eine ganz normale Mama ansieht: http://tagebucheinertaubenmama.blogspot.com/2012/03/mein-kind-als-dolmetscher.html

Aber die Gesellschaft kann etwas dafür, dass sie Menschen außerhalb ihrer Norm als nicht normal empfindet, weil man es ihr eintrichtert von klein auf. Hier muss ein Umdenken stattfinden: Menschen mit Behinderung(en) sind Menschen wie du und ich, die eben auch wie jeder andere spezielle Fähigkeiten und Talente haben. Nichts weiter.

Ein barrierefreies und inklusives Umfeld und Leben ist nicht nur für Behinderte geeignet, sondern auch für "Normale". Hier kommt mir mal wieder mehr Richard von Weizsäcker in den Sinn mit seinem Satz: "Nicht behindert zu sein ist kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit wieder genommen werden kann."

Ich denke, dass man auch einem "normalen" Menschen, der durch einen Unfall z.b. im Rollstuhl sitzt, den Lebensmut wieder geben und die Angst vor der Veränderung nehmen kann, wenn man sagt: "Okay, du sitzt jetzt im Rollstuhl, aber sonst ändern sich nur ein paar Kleinigkeiten für dich." Wenn ich da zum Beispiel an Samuel Koch denke, der sich auch wiederholt über die fehlende Barrierefreiheit in Deutschland in den Medien beklagt hat, was aber leider verschämt unter den Teppich gekehrt wird, dann weiß ich, dass sich sein Leben sich total geändert hat von Grund auf. Wie das von anderen Unfallopfern. Nur: Sie erfahren bei weitem nicht den Zuspruch, den Koch hat. Aber ihnen allen wäre geholfen, wenn sie eben ein barrierefreies Umfeld und Inklusion in Deutschland vorfinden würden, denn das kann eben auch vor Depressionen schützen.

Wir müssen als Gesellschaft an den Punkt kommen, dass wirklich jeder sein Recht erhält, ohne dass er lange dafür kämpfen muss und zweitens zur einer Gesellschaft werden, wo es egal ist, ob man behindert ist oder nicht, weil eben für jeden die gleichen Bedingungen herrschen und das geht eben nur mit der Barrierefreiheit und Inklusion.

Und Deutschland ist hier ein totales Entwicklungsland. Und ich schäme mich sehr für mein Land in diesem Punkt - für mein Land, dieses wunderschöne Deutschland mit seiner Industrienation, dass es eine inklusive, integrative und barrierefreie Gesellschaft nicht hinbekommt mit seiner Politik.

Der Ableseservice bei der EM?

Ich überlege mir derzeit noch, ob ich den Ableseservice bei der EM anbiete, denn im Gegensatz zur WM 2010 gibt es einen Unterschied - ich war damals unbekannt und konnte freier und lustiger von der Leber weg twittern. Außerdem war der Druck nicht so gewaltig, dass bei jedem Close-Up die Nachfrage kommt: "UND? Was wurde da gesagt?"

Während des Ableseservices sind meine Augen eben ständig auf den Fernsehbildschirm gerichtet oder kurz auf dem Laptop, weil ich eben mal mit einem Auge checke, ob der Tweet, den ich da raushaue, auch grammatikalisch völlig korrekt ist.

Es ist wirklich sehr anstrengend, die kompletten 120 Minuten, die so ein Fußballspiel dauert mit dem Vorbericht und dem Nachbericht mit den Augen am Bildschirm zu kleben und alles, was man aufgeschnappt hat, zu vertwittern.

Es ist eine Höchstleistung auf höchsten Niveau, die ich da erbringe und anders als in einer normalen Situation kann ich eben nicht für ein paar Minuten kurz abschalten und mal ruhig zur Entspannung woanders hinschauen. Ich habe ja nicht nen normalen Luxus, dass ich da sagen kann: "Stop! Könnten Sie das noch mal wiederholen?" Nein, es muss gleich sitzen von Anfang an.

Wenn ich Glück habe, dann gibt es eine Wiederholung des Geschehens auf dem Spielfeld oder eben später in der Zusammenfassung, aber das ist eben verzögert und nach dem Spiel eben nicht mehr live.

Lustig ist auch, wenn man sich z.B. ein Bundesligaspiel live im TV anschaut aus Spaß und weil man man weiß, dass ein Freund im Stadion ist und man ihm so einiges per SMS schreibt, was der Trainer oder die Spieler auf dem Feld gesagt haben. Oder wenn er nachfragt per SMS: "War das ECHT ein Abseits?"

Ja, ich mache den Ableseservice gerne, aber ich trage mich grad auch mit dem Gedanken, bei der kommenden EM einige Spiele einfach nur als Fan anzuschauen und damit ganz entspannt zu sein.

Aber schauen wir mal, wie es kommt und ob der Ableseservice bei der EM überhaupt gefragt und gewünscht ist.

Hier ist das Lippenlesen-Spiel, welches ich immer wieder gerne verlinke:


Und durch meinen Kopf huschte gerade der Gedanke, wie entspannt ich den Ableseservice wuppen könnte, wenn ich in der Bildregie sitzen würde und auf einem anderen Bildschirm kurz die Wiederholung laufen lassen könnte.. Hach, das wär was.

Freitag, 9. März 2012

Gebärdensprachdolmetscher im Fernsehen - eine Riesenchance für die öffentlich-rechtlichen!

Am 18. März findet die Bundesversammlung statt und zum ersten Mal mit einem gehörlosen Politiker, nämlich Martin Zierold von den Grünen.

Das bedeutet natürlich, dass die gesamte Bundesversammlung für Martin Zierold in Gebärdensprache gedolmetscht wird.

Und genau hier liegt die große Chance für die Fernsehanstalten, denn dies wird von ARD, ZDF und Phoenix und natürlich diversen anderen Nachrichtensendern übertragen.

Als gehörloser Mensch kennt man natürlich die Gebärdensprachdolmetschereinblendungen bei Phoenix während der "Tagesschau" am Abend und später beim "heutejournal". Nicht zuletzt hat Phoenix bei der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin erstmalig in Gebärdensprache dolmetschen lassen.

Aber jetzt weigert sich Phoenix die gesamte Bundesversammlung mit Gebärdensprachdolmetscher zu zeigen, obwohl vor Ort durch Martin Zierold welche da sein werden und begründet das damit, dass ARD und ZDF die Übertragungen mit Untertitel zeigen werden.

Der zuständige Redakteur bei Phoenix hat übrigens verlauten lassen, dass er selbst gehörlose Schwiegereltern hat, die zwar auch Sendungen mit Gebärdensprachdolmetscher angucken, aber aufgrund der unterschiedlichen Präsentationen immer öfters Sendungen mit Untertitel angucken, weil diese besser verständlich seien.

Hä? Nein, das kann man so nicht behaupten, denn erstens wurde schon öfters seitens der Gehörlosen der Wunsch gegenüber Phoenix geäußert, dass man das Bild des Dolmetschers etwas vergrößert einblendet, damit man mehr vom Dolmetscher und damit auch den Gebärden sieht zur besseren Verständlichkeit. Diesem Wunsch der Gehörlosen kam Phoenix bisher nicht genügend nach. Das Bild muss selbstverständlich nicht die eine Bildhälfte ausfüllen, sondern sollte nur etwas größer sein als bisher schon.

Zweitens hat der Redakteur bei Phoenix wohl noch nie die "Tagesschau" auf ARD mit Untertitel angeschaut, denn es gibt ein massives Problem dort: Erstens sind die Untertitel nicht 1:1 dort, es gehen sehr viele Informationen verloren durch die arge Verkürzung und Vereinfachung der Informationen, was ich als herausragende Lippenleserin als sehr störend empfinde, wenn ich sehe, dass viel mehr gesagt wird als tatsächlich im Untertitel steht. Vor allem bei Live-Schaltungen erlebt man oft das, dass der Moderator im Studio den Außenreporter was fragt -> Untertitel erscheint erst verzögert nach Sekunden und dann wartet man EEEEEEEWIG, bis dann die Antwort des Außenreporters erscheint im Untertitel. Die beiden plaudern munter weiter und man sieht ganz deutlich dass da mehr als ca. 10 Sätze miteinander gewechselt wird, aber der Untertitel zeigt mit viel Glück vielleicht mal 3 Sätze des Dialogs an, der dann auch noch total verkürzt ist, ergo entsteht an dieser Stelle ein noch höherer Informationsverlust als schon üblich.

Ich kann echt nur jedem Mal empfehlen, die "Tagesschau" am Nachmittag oder am Abend mit Untertitel anzuschauen, die Untertitel finden sich auf Videotexttafel 150 in der ARD.

Ähnlich schlecht ist der Untertitel auf ZDF in solchen Situationen, aber das ZDF ist nach meinem Empfinden etwas besser darin, denn der Informationsverlust scheint dort nicht so hoch zu sein. Ob es daran liegt, dass das @ZDF twittert und so mitbekommt, was in Sachen Untertitel verbessert werden müsste? ;-) Die Untertitel beim ZDF finden sich auf der Videotext-Seite 777.

Aber nicht nur bei Nachrichtensendungen entsprechen die Untertitel nicht dem tatsächlich gesagten Dialog, sondern auch bei Filmen. Dort ist ebenfalls dieser Vereinfachungs- und Verkürzungswahn ziemlich hoch.

Deutschlands Fernsehsender haben in Sachen Untertitel also noch ganz viel Nachholbedarf und sollten sich mal in anderen Ländern umschauen, denn dort sind 1:1 Untertitel in hoher Qualität längst selbstverständlich und nicht wie der NDR behauptet, nicht machbar. Gerade für Gehörlose und Schwerhörige sind Untertitel in Kombination von Bild und Schrift eine gute Möglichkeit den eigenen Wortschatz zu verbessern. Laut der Argumentation des NDR dürften Gehörlose und Schwerhörige ja auch KAUM DVDs anschauen, weil ja die Untertitel dort vieeeeeeeeeeeel zu schnell und viel zu dicht am Dialog dran sind. *facepalm* Hier geht's zur Begründung des NDR: http://www.ndr.de/fernsehen/videotext/untertitel/gebaerdenuntertitel101.html
Andere Länder jedoch, die Scrolling-Untertitel anbieten, haben komischerweise keine großen Probleme damit und bieten großartige sehr dichte 1:1 Untertitel an. Und hier erkläre ich, wie Untertitel per Scrolling-Verfahren aussehen: Wie sehen Scrolling-Untertitel aus?

Hier übrigens der große Blogeintrag zur der schlechten Qualität der Untertitel im deutschen Fernsehen: Bild dich weiter. Nicht.

Aber zurück zur der großen Chance für Deutschlands Fernsehsender: Ich verstehe die Begründung von Phoenix nicht, dass man den sowieso vorhandenen Gebärdensprachdolmetscher nicht zeigen will, da ARD und ZDF sowieso untertiteln wollen.

Nun meine Bitte an ARD, ZDF und Phoenix: Zeigt doch bitte ALLE den Gebärdensprachdolmetscher, denn so gibt's eine echte Wahlfreiheit für gehörlose und schwerhörige Menschen in Deutschland - sie können dann die Bundesversammlung mit Untertitel und Gebärdensprachdolmetscher angucken. Diese Option ist auch besonders gut geeignet für weniger gebärdensprachkompetente Gehörlose und Schwerhörige, die Untertitel bevorzugen und die sich vielleicht die Bundesversammlung zusammen mit ihren gebärdensprachkompetenten Freunden anschauen möchten.

Die Gebärdensprache gehört auch zu Deutschland, denn sie ist seit 2002 anerkannte Sprache der Gehörlosen hier und es ist so schade, dass sie ein Schattendasein auf Phoenix fristet. Hier besteht also, wie schon gesagt, eine großartige Chance für die öffentlich-rechtlichen Sender zu zeigen, dass sie für Inklusion sind, wenn sie den Gebärdensprachdolmetscher zeigen und Untertitel in hoher Qualität anbieten.

Kann es denn eine bessere PR geben als zu sagen: "Bei uns wird erstmalig ein politisches Ereignis komplett in Gebärdensprache gedolmetscht? Hm? :-)

Denkt mal darüber nach. Und die Gesetze sind auf unserer Seite, eigentlich müsste es selbstverständlich sein, dass die Gebärdensprachdolmetscher auch in ARD und ZDF sowie in den Dritten sichtbar werden während jeder Nachrichtensendung und politischen Ereignissen und Kindersendungen für Kinder unter 6 Jahren. Natürlich zählen auch 100% Untertitel im deutschen Fernsehen zu einem barrierefreien Fernsehangebot.

Ein Blick ins Grundgesetz ist hilfreich: (1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Noch hilfreicher ist der Blick in die UN-Behindertenrechtskonvention, denn dort heißt es unter anderem in Artikel 21 und 30 ganz klar, dass Menschen mit Behinderungen ebenso das Recht der freien Meinungsäußerung, der Meinungsfreiheit und den Zugang zu Informationen besitzen wie nicht behinderte Menschen. Auch wird dort klargestellt, dass ein Recht darauf besteht, mit anderen am kulturellen Leben teilzunehmen, und alle geeigneten Maßnahmen zu treffen, um sicherzustellen, dass diese Zugang zu Fernsehprogrammen, Filmen und Theatervorstellungen haben.

Also meine Bitte: Blendet den Gebärdensprachdolmetscher im Bild ein während der Bundesversammlung, denn er ist kostenlos. Das sollte das wirtschaftliche Argument überhaupt sein für diese Übertragung.

Ich bin gespannt, wie die Geschichte enden wird: Wird es überhaupt eine Gebärdensprachdolmetschereinblendung bei Phoenix geben, denn die weigern sich ja bisher. Oder wird es für die öffentlich-rechtlichen Sender wie ARD und ZDF eine Premiere geben, dass sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte überhaupt eine Gebärdensprachdolmetschereinblendung anbieten?


Dienstag, 6. März 2012

Geben Sie sofort das Bundesverdienstkreuz zurück!

Diese Ansage gilt dem frischgebackenen Träger des Bundesverdienstkreuzes, Dr. Fritz Baumbach. Aus welchem Grund?

Er hat Gehörlose und Schwerhörige in seiner Dankesrede bei der Preisverleihung in einer unfassbaren Art und Weise diskriminiert, die ich als für ausgestorben hielt, weil die Menschen ja heutzutage zum Teil besser aufgeklärt sind als früher, wenn es um Gehörlose und Schwerhörige gilt.

Und diese Art der Diskrimination wiegt sogar noch schwerer, wenn man weiß, dass Herr Baumbach mit Gehörlosen und Schwerhörigen zu tun gehabt hat!

Aber nochmal von vorne: Dr. Fritz Baumbach, promovierter Chemiker und ganz frischer Träger des Bundesverdienstkreuzes erhielt die Auszeichnung, weil er verschiedene Ehrenämter übernommen habe. In seiner Dankesrede bei der Preisverleihung sagt er folgendes:

"Sie haben hervorgehoben, dass ich neben dem aktiven Schach verschiedene Ehrenämter übernommen habe, alle im Sinne der Verbreitung des schönen Schachspiels auf verschiedenen Ebenen. Das erste war meine Funktion als Trainer von gehörlosen Schachspielern, die mich gefordert und auch bereichert hat. 1970 wurde mir angeboten, die hörgeschädigten, überwiegend gehörlosen Schachspieler der DDR zu trainieren. Es handelte sich um die Nationalauswahl mit ungefähr 20 Spielern und einigen Jugendlichen, sie wurden speziell gefördert. ‘Warum diese Sonderbehandlung?’ haben manche gefragt, vielen ist das auch heute nicht klar. Die Hörgeschädigten gehören zum Behindertensport, nicht weil sie sich nicht so gut verständigen können, sondern weil sie in ihrer geistigen Entwicklung gehemmt sind. Hören und vor allem Sprechen sind die wichtigsten Elemente der geistigen Entwicklung des Menschen, ohne Gehör und die sprachliche Verständigung bleiben sie in der geistigen Entwicklung zurück. Das macht sich auch beim Schachspielen bemerkbar."

Zusammengefasst meint also ein promovierter Chemiker, der gehörlose und schwerhörige Schachspieler trainiert hat, folgendes:

"Ohne GEHÖR bleiben sie geistig zurück!"

Übrigens: Die Schach- DDR-Nationalmannschaft der Gehörlosen errang sich 1974 den Vize-Meister-Titel. Aber das lag bestimmt an seinem Training, nicht an den Leistungen der gehörlosen Schachspielern.

In meinem Internat gab es übrigens immer mal wieder Schachturniere, die mit großer Begeisterung abgehalten und durchgezogen wurden. Das muss ich aber alles geträumt haben, dass Gehörlose und Schwerhörige ohne spezielle Sonderförderung Schach spielen.

Und Herr Baumbach befindet sich sowas von auf dem Holzweg, wenn er meint, dass Gehörlose und Schwerhörige geistig zurückgeblieben sind: Es gibt gehörlose und schwerhörige Lehrer, Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure. Ach übrigens: Ich bin ja mal gespannt, was Dr. Baumbacher zu seinem gehörlosen Kollegen Dr. Ingo Barth meint - dieser ist promovierter Chemiker mit summa cum laude!

Ach und was den Behindertensport angeht: Die Deaflympics für Gehörlose gibt es genau deswegen, weil Gehörlose außer der Fähigkeit nicht hören zu können, sonst körperlich nicht eingeschränkt sind. Damit haben sie einen Vorteil gegenüber den körperlich eingeschränkten Sportlern bei den Paralympics haben. Natürlich gibt es Gleichgewichtsproblemen bei manchen Gehörlosen, aber es gibt doch auch "normale" Menschen mit Gleichgewichtsproblemen.

Deswegen gibt es die Deaflympics, über die berichtet habe - hier mal die zwei wichtigesten Einträge dazu:



Ganz knapp und kurz gesagt: Gehörlose haben ihre eigenen olympischen Spiele und Sportfeste aus diesem Grund:

Akkustische Informationen fehlen den gehörlosen Sportler, also solche wie zum Beispiel:
- die Beschaffenheit eines Untergrundes beim Ski-Sport,
- die Art, wie ein Ball beim Tennis oder Tischtennis geschlagen wird
- die Kommunikation im Teamsport (Zurufe, etc)
- Motivationssteigerung durch die Zurufe der Zuschauer

Achja, Dr. Baumbach hat auch noch nie von dem erfolgreichsten Gehörlosen gehört, der bei den (normalen) Olympischen Spielen 2000 in Sydney Silber über 200m Brust geholt hat - Terence Parkin aus Südafrika!

Blogeintrag über Terence Parkin - kleines Bonmot: Die damalige Charlene Wittstock, heutige Fürstin von Monaco hat damals in der Nationalmannschaft die Gebärdensprache gelernt...

Eine Anmerkung noch von mir zum Blogeintrag: Normalerweise hätte ich hier einen offenen Brief an Dr. Baumbach verfasst, wo ich ihm seine Aussagen richtig schön um die Ohren gehaut hätte, aber ich bin dazu viel zu fassungslos und wütend gewesen, so dass ich mich um einen sachlichen Bericht der erfolgten Diskrimination bemüht habe, was mir wohl auch gelungen ist.

Der Rollingplanet, über den ich erst von diesem Fall erfahren habe, hat einen schönen Beitrag dazu:


Sehr schade übrigens, dass niemand der anwesenden Leute bei der Dankesrede sich dazu geäußert hat oder Staatssekretär Andreas Statzkowski (CDU), der die Auszeichnung vornahm, da mal nachgefragt hat: "Bleiben Sie bei dieser Aussage?"

Das ist Deutschland im Jahre 2012 - ein Träger des Bundesverdienstkreuzes darf Gehörlose und Schwerhörige in einer derartig absurden Art diskriminieren und es stört keinen außer die Betroffenen.

Haben wir nicht ein Antidiskriminierungsgesetz? Oh, da spuckt Wikipedia folgendes aus: Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) – umgangssprachlich auch Antidiskriminierungsgesetz genannt – ist ein deutsches Bundesgesetz, das Benachteiligungen der „Rasse“, der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität verhindern und beseitigen soll. Zur Verwirklichung dieses Ziels erhalten die durch das Gesetz geschützten Personen Rechtsansprüche gegen Arbeitgeber und Private, wenn diese ihnen gegenüber gegen die gesetzlichen Diskriminierungsverbote verstoßen.

Aber zurück zu Dr. Baumbach: Ich fordere eine Stellungsnahme von ihm zu seiner Aussage und eine Entschuldigung an uns Gehörlosen und Schwerhörige.

Wenn die Entschuldigung ausreichend und verständlich ist, dann kann Herr Baumbach sein Bundesverdienstkreuz gerne behalten.

Bleibt er aber dabei, so würde ich es sehr begrüßen, wenn die Bundesregierung Dr. Baumbach sein Bundesverdienstkreuz wieder entzieht!


UPDATE vom 07.03.2012: Auf der Seite des Berliner Schachverbandes findet sich die Ehrungsrede des Staatssekretär Andreas Statzkowski (CDU) und die Dankesrede von Dr. Baumbach in voller Länge. Es liest sich trotzdem nicht weniger schlimm, auch wenn er in der vollen Länge davon spricht, wie er das Vertrauen der gehörlosen und schwerhörigen gewonnen hat - so hängen zum Beispiel diese Passagen zusammen:

"Sie haben hervorgehoben, dass ich neben dem aktiven Schach verschiedene Ehrenämter übernommen habe, alle im Sinne der Verbreitung des schönen Schachspiels auf verschiedenen Ebenen. Das erste war meine Funktion als Trainer von gehörlosen Schachspielern, die mich gefordert und auch bereichert hat. 1970 wurde mir angeboten, die hörgeschädigten, überwiegend gehörlosen Schachspieler der DDR zu trainieren. Es handelte sich um die Nationalauswahl mit ungefähr 20 Spielern und einigen Jugendlichen, sie wurden speziell gefördert. 'Warum diese Sonderbehandlung?' haben manche gefragt, vielen ist das auch heute nicht klar. Die Hörgeschädigten gehören zum Behindertensport, nicht weil sie sich nicht so gut verständigen können, sondern weil sie in ihrer geistigen Entwicklung gehemmt sind. Hören und vor allem Sprechen sind die wichtigsten Elemente der geistigen Entwicklung des Menschen, ohne Gehör und die sprachliche Verständigung bleiben sie in der geistigen Entwicklung zurück. Das macht sich auch beim Schachspielen bemerkbar.
Mich reizte diese Aufgabe, und ich habe sie übernommen und fast 20 Jahre ausgefüllt. Zunächst musste ich eine Verständigung herstellen und ihr Vertrauen gewinnen. Nachdem sie gemerkt haben, dass ich ihnen helfen möchte, kamen wir uns immer näher. Ich führte ein speziell für sie ausgerichtetes Trainingsprogramm durch, zu welchem Lehrgänge, Wettkämpfe und ein Individualtraining, meist schriftlich, gehörten. Die Ergebnisse wurden besser, wir haben später erfolgreich als Mannschaft gegen andere Länder wie Ungarn und Polen gespielt. Der Höhepunkt war der zweite Platz bei der Mannschaftsweltmeisterschaft in Dänemark 1974 (der Vizeweltmeistertitel). Für mich war neben der Verbesserung ihrer Spielstärke auch wichtig, das Selbstvertrauen meiner Schützlinge zu stärken und ihre Integration in die Gesellschaft zu erleichtern. Sie sind ja wegen der schwierigen Verständigung doch Außenseiter, also auch in ihren Schachklubs. Je besser sie spielten, desto mehr wurden sie von anderen Klubmitgliedern anerkannt und konnten sich Respekt verschaffen."

Die volle Länge findet sich hier: http://www.berlinerschachverband.de/entry/401

Wie gesagt, es liest sich trotzdem nicht weniger schlimm, denn er erzählt ja auch wie er mit seinen Schützlingen zusammen kam und er bezeichnet sie trotzdem als geistig gehemmt in ihrer Entwicklung, was für mich einfach nur ein Euphemismus ist für geistig behindert. Mit dieser Pauschalisierung, die ganz und gar nicht der Wahrheit entspricht, behindert Dr. Baumbach die ganze Aufklärungsarbeit über die Gehörlosen/Schwerhörigen und deren besondere Kultur.

Übrigens beschreibt Dr. Baumbach, wie er ein schriftliches (!) Individualtraining für die Spieler einführte, das ist sehr wahrscheinlich der Grund, warum er auf die Beurteilung kommt, dass Gehörlose und Schwerhörige geistig gehemmt sind in ihrer Entwicklung: Die Mehrheit der Gehörlosen haben große Probleme mit dem Schriftdeutsch, was daran liegt, dass sie bis heute zu 90% nicht in der Gebärdensprache unterrichtet werden. Die Schwerhörigen waren bzw. sind nicht so massiv davon betroffen. Damals in der aktiven Zeit von Dr. Baumbach war die Gebärdensprache verboten, sie wurde massiv unterdrückt und als "Affensprache" angesehen. Diese Auffassung hatten Sozialarbeiter, Pädagogen und Lehrer bis in die späten 90er von der Gebärdensprache.

Ich kann es mir sehr gut vorstellen, dass die schriftkompetenten Schwerhörigen Schachspieler in der Nationalmannschaft den gehörlosen Schachspielern die schriftlichen Anweisungen von Dr. Baumbach erklärt haben.

Denn dieses Problem ist weit verbreitet und tritt heute immer noch im Gehörlosensport auf, siehe meinen Blogeintrag zu den abgesagten Winter-Deaflympics 2011, denn dort schreibe ich:

PS. Im heutigen "Sehen statt Hören" lief ein Bericht über das deutsche Nationalteam der Gehörlosen, die für die Deaflympics nominiert worden sind. Hier gibt es einen Bericht auf der Seite vom Deutschen Gehörlosen-Sportverband übe den neuen (hörenden) Trainer Christian Schnepf: http://www.dg-ws.de/skialpin_berichte033.php

Typisch war: Schnepf sah überhaupt keine Kommunikationsprobleme, er meinte, er würde schon sehr viel mit Mimik arbeiten und das würde sehr gut klappen. Aber die Sportler beklagten sich, dass er zuwenig Gebärdensprache einsetzen würde und außerdem manchmal zu schnell und zuviel sprechen würde. Die Kommunikation klappt deswegen ganz gut, weil der schwerhörige Skifahrer Philipp Eisenmann die Gebärdensprache kann und so seine Teamkollegen informieren kann und er selbst sagt, es sei schön, dass er seinen Kollegen helfen kann, aber es sei auch eine Belastung für ihn.
Also lieber DGS-Sportverband: Entweder wird Christian Schnepf ein DGS-Kurs spendiert oder man stellt ihm einen Gebärdensprachdolmetscher zur Seite, damit die Kommunikation reibungsfrei abläuft und alle Sportler sich frei von Einflüssen von Außen auf die Anweisung des Trainers konzentieren können!

So wird es damals abgelaufen sein wie es heute auch noch der Fall ist im Gehörlosensport. Auf den unwissenden Trainer Dr. Baumbach wird es den Eindruck gemacht haben, dass die gehörlosen und schwerhörigen Sportler in ihrer geistigen Entwicklung gehemmt sind, wie er es ausgedrückt hat, denn sie konnten eben seinen Anweisungen nicht zu 100% folgen, außer es wurde vermittelt.

Ich kenne übrigens den einen gehörlosen Sportler, der vor einem Jahr mit der Ski-Nationalmannschaft der Gehörlosen für die abgesagten Deaflympics trainiert hat und er sagte auch, dass diese Bedingungen es auch nicht einfacher machen, dem Trainer voll zu vertrauen und die ganzen Probleme zu erklären.

Umso höher ist die Leistung, aber nur alleine die Leistung der gehörlosen und schwerhörigen Schachspieler zu bewerten, die unter diesen Umständen so erfolgreich sein konnten! Das Training war hilfreich, aber es sind immer noch die Spieler, die die Vorgaben umsetzten mussten! Da kann man nicht ernsthaft behaupten, dass die Spieler geistig gehemmt sind, wenn sie es geschafft haben, die Vorgaben umzusetzen!

Ich hoffe, dass jetzt damit einleuchtend genug erklärt worden ist, warum ich wie andere Gehörlose und Schwerhörige, die von den Aussagen Dr. Baumbachs erfahren haben, darüber empört bin.


P.P.S: Außerdem: ES GAB schon immer gehörlose Sportvereine, also auch Schachvereine für Gehörlose und Schwerhörige! Dr. Baumbach behauptet ja auch, dass Gehörlose und Schwerhörige auch Kommunikationsprobleme in ihren Vereinen gehabt hätten.
Der Gehörlosensport ist von der Vereinsgründung her die älteste Bewegung im Behindertensport, zum Beispiel fanden die ERSTEN Deaflympics 1924 in Paris statt!



UPDATE vom 07.03.2012, 19:48 Uhr: Der Rollingplanet hat sich zu Wort gemeldet mit dem Artikel: Eine Blitzschachpartie wird das nicht mehr! Ganz besonders interessant ist, dass der gehörlose Schachspieler Josef Hanio, der ebenfalls Träger der Bundesverdienstkreuzes am Bande ist, eine Entschuldigung fordert:“Ich bitte Sie um Verständnis, dass wir – als Gehörlose – an einer schnellen Richtigstellung Ihrerseits interessiert sind. Ich erwarte daher eine kurzfristige öffentliche Erklärung / Richtigstellung Ihrerseits spätestens im Monat März 2012.“

Hier die Stellungsnahme von Josef Hanio: http://bdf-fernschachbund.de/news_/printnews.php?nwsid=2191

Es sagt schon sehr viel aus, wenn ein gehörloser Schachspieler ebenfalls nicht einverstanden ist mit den Äußerungen von Dr. Baumbach.

Außerdem distanziert sich der Deutsche Schachbund e.V. von den diskriminierenden Zitaten, der Fernschachlegende und des ehemaligen Präsidenten des Deutschen Fernschachbundes e.V. (BdF) Dr. Baumbach und schreibt folgendes: "Vielen Dank für den Hinweis auf das Zitat von Dr. Fritz Baumbach bezüglich der hörgeschädigten Schachspieler. Es handelt sich um eine Aussage, die nicht die Auffassung des Deutschen Schachbundes darstellt. Wir werden daher den Hinweis auf die Veröffentlichung auf der Website des Berliner Schachverbandes löschen. Wir bitten die dadurch entstandene Betroffenheit zu entschuldigen."

Der Hinweis auf die Auszeichnung Dr. Baumbachs wird also in den den nächsten Tagen dort gelöscht werden.

Auch hat inzwischen der Deutsche Gehörlosenbund eine Stellungsnahme abgegeben und erklärt dort mit der etwa gleichen Begründung wie ich warum die Äußerung diskriminierend und beleidigend ist: Stellungsnahme des DGB

Ich bin gespannt, ob überhaupt noch zeitnah eine Entschuldigung von Dr. Baumbach kommen wird, welche dringend notwendig ist.


P.S. Ich habe mich dazu entschlossen, dass ich unter diesen Blogpost keine Kommentare mehr zulassen werde, da ich meine Sicht erläuternd genug ausgebreitet habe. Es ist ein klarer Fall von Diskrimination, welche Dr. Baumbach da geäußert hat. Und ich bin mit dieser Meinung nicht alleine - es sind noch viele anderer dieser Meinung. Euphemismus sollten den Leser hier geläufig sein und auch die Bedeutung dieser.

Und wenn ich erkläre, warum es die Deaflympics für Gehörlose gibt, bedeutet es nicht, dass ich NICHT für Inklusion bin! Ich bin sehr wohl für Inklusion. Ich habe aber auch erklärt, WARUM die Gehörlosen nicht bei den Paralympics eingegliedert sind und das wirklich ausreichend genug.

Leute - es ist lächerlich, wenn man mir aus dies oder jenem einen Strick drehen will und bei manchen Blogkommentaren hierzu könnte ich mir an den Kopf klatschen und murmeln: "Schmeiß doch bitte diesen feigen und mehrheitlichen anonymen Kommentatoren Hirn zu."

Barrierefreiheit, Inklusion und selbstverständlich auch die Diskrimination sind die Dinge, für die ich mich immer engagieren werde. Und ich bin auch für die Wichtigkeit anonymer Kommentare, nur wenn es total klar ist, dass die Personen dahinter nur provokante Trolls sind, dann hört hier der Spaß auf und die Diskussion ist hier beendet.

UPDATE vom 13. März 2012: Inzwischen hat der Deutsche Fernschachverbund (e.V) die Diskriminierung von der eigenen Webseite gelöscht und distanziert sich außerdem von der Aussage von Dr. Baumbach:

Bundesverdienstkreuz für Dr. Baumbach

Der mit ausdrücklicher Genehmigung des Autors vom Deutschen Fernschachbunde e.V. (BdF) auf seiner Homepage veröffentlichte aus einer Quelle uebernommene fremde Beitrag zur Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Dr. Fritz Baumbach vom 25. Februar 2012 wurde am 10. März entfernt, um Schaden und mögliche rechtliche Konsequenzen vom Deutschen Fernschachbund e. V. (BdF) abzuwenden.

Der Vorstand des Deutschen Fernschachbundes e. V. (BdF) ist mit der Veröffentlichung dieses Beitrages der Berichtspflicht gegenüber seinen Mitgliedern nachgekommen. Der Deutsche Fernschachbund e. V. (BdF) hatte nicht die Absicht, sich die Ansichten von Dr. Fritz Baumbach noch die seiner Kritiker zu eigen zu machen.

Wir bitten die durch die Veröffentlichung in Kreisen unserer hörbehinderten Mitmenschen entstandene Betroffenheit zu entschuldigen!"

Sehr schön, dass der deutsche Fernschachbund wirklich zeitnah seiner Pflicht nachgekommen ist und sich von dieser Diskriminierung durch Dr. Baumbach distanziert hat!