Mittwoch, 26. Oktober 2011

140 Zeichen = 140 Sekunden

Tja, das kann passieren, wenn man twittert - man kommt ins Fernsehen.

Nun kann man das Ergebnis der Berliner Dreharbeiten von August 2011 im Fernsehen bewundern und ich kann mich selbst wie immer kaum angucken dabei. Das wichtigste ist, dass man mir es anmerkt wie nahe mir das geht, dass Deutschland so wenig barrierefrei ist für Gehörlose&Schwerhörige. Ich hatte mich ganz gut im Griff, denke ich. Normalerweise werde ich bei dem Thema an einem Punkt im sehr sauer, weil ich mit der Gesamtsituation einfach unzufrieden bin. :-D

Die Dreharbeiten waren toll - die Mia hat super gefilmt, die Atmosphäre im Berliner Jahn-Stadion hat auch super dazu gepasst.

Nun, hier kann man sich das angucken im Rahmen des Elektrischen Reporters:

Folge 018: Kleines Geborgtes, gelesene Lippen und bewertete Güter

Ab der 04:40 Minute geht's los mit mir. Selbstverständlich kann man sich auch die ganze Folge angucken!

Und wer wirklich nur MICH anschauen will, der klicke hier auf diesen Link, wo es 140 Sekunden lang nur mich gibt:

Die Lippen der Liberos - 140 Sekunden

Montag, 10. Oktober 2011

Falsche Darstellung von Gehörlosen in Filmen

Gestern wurde ich auf Twitter darauf angesprochen, dass Barbara Meier ihre Rolle im Film "Schreie der Vergessenen" als taubstumm bezeichnet, was mir bestimmt nicht gefallen wird.

So ist es - diese Bezeichnung gefällt mir nicht und damit bin ich nicht die einzige - hier in Deutschland leben ca. 80tausend Gehörlose, denen das auch nicht gefallen wird.

Aber Moment mal, Barbara Meier - ist es nicht dieses rothaarige Topmodel von 2007? Genau die.
Hier ist das Interview, wo sie ihre Rolle als "taubstumm" bezeichnet.

Es macht mir Spaß, andere zu irritieren!
Zuerst liest es sich wie ein braves Interview mit den üblichen Bonmots, dann aber kommt man zu dieser Stelle aus diesem Interview:

"teleschau: Als Morgana Le Fey kommunizieren sie in "Schreie der Vergessenen" ausschließlich in Gebärdensprache.
Barbara Meier: Das war toll. Ich ging in München zu einer Taubstummenschule und wollte mir dort erst einmal die Grundidee dieser Sprache beibringen lassen. Ich war ganz alleine mit der taubstummen Lehrerin. Sie hat mich nicht verstanden und ich sie schon gar nicht. Für mich hatte es dennoch etwas ganz, ganz Spannendes, weil wir uns letztlich doch verständigen konnten. Ich verstehe immer noch nicht, wie wir das geschafft haben. Sehr faszinierend. Den Rest brachte ich mir dann durch Videos selbstständig bei. Ich saß viele, viele Stunden vor meinem Computer, habe geübt, und ständig auf Standbild geschaltet."

Da stehen mir die Haare zu Berge, denn jeder Schüler, der Gebärdensprachunterricht hatte, wird gleich am Anfang der Stunde etwas in die Welt der Gehörlosen eingeführt und ermahnt: "Verwendet bloss nicht das Wort "taubstumm" für uns, das ist ein No-GO!" Und was macht Barbara Meier? Sie verwendet das Wort im Interview. Und wo hatte sie eigentlich Gebärdensprachunterricht? War sie in einer Gehörlosenschule zu Besuch und hat dort eine gehörlose Lehrerin gehabt, die sie etwas eingeführt hat oder besuchte sie die Münchner Gebärdensprachschule, wo Gehörlose Hörenden Gebärdensprache beibringen?

Aber es kommt noch besser: Sie habe sich den Rest der Gebärdensprache ganz alleine am PC beigebracht. Ob sie da bedacht hat, dass die Deutsche Gebärdensprache eine ganz andere Syntax hat als die deutsche Sprache?

Ich bin sehr skeptisch, ob Frau Meier auf diese Weise überhaupt in der Lage ist, überzeugend eine gehörlose Person in einem Film darzustellen. Ich lasse mich mal überraschen, denn am Donnerstag, den 27. Oktober kann man sich also "Schreie der Vergessenen" um 20:15 auf Pro 7 angucken.

Auch das ist ein deutsches Problem: Die Gehörlosen und die Gebärdensprache werden in Filmen oft falsch dargestellt - nehmen wir nur mal den Tatort "Vergesene Erinnerung vom 31.10.2010 mit Maria Furtwängler. Hier gab es massive Kritik seitens der Gehörlosen am Tatort, was man hier nachlesen kann samt PDF zum Anlicken: "Tatort: Vergessene Erinnerung -Stellungsnahme des deutschen Gehörlosenbundes."

Oder die Pfarrer-Braun- Folge "Ein verhexter Fall" vom 15.April 2004. Auch dort wurde nur Mist erzählt über die Gehörlosen und die Gebärdensprache. Hier die Kritik an der Folge mit PDF zum Anklicken.

Auch "In aller Freundschaft" in ARD kommt auch nicht gut weg, obwohl den Machern der Serie bekannt ist, dass die Serie gerne von Gehörlosen angeschaut wird. Vor einigen Jahren war dort schon mal eine gehörlose Story zu sehen, die mir nicht so gut gefiel, aber leider weiß ich nicht mehr mit Sicherheit, ob die gehörlose Hauptdarstellerin auch wirklich gehörlos war, aber soweit ich mich erinnere, war sie es nicht. Die Folge hieß "Hör auf dein Herz" und wurde am 01.08.2006 ausgestrahlt. Das einzig Gute in der Folge war, dass Kathrin sich überlegt hat, wie man die Kommunikation zwischen dem Arzt und dem gehörlosen Patienten verbessen kann, wenn der Dolmetscher noch nicht da ist, denn das IST wirklich ein realistisches Problem aus der Welt der Gehörlosen.

Aber dann leistete sich die Serie einen fetten Klops: Sie machte am 12.04. 2011 die Folge "Trügerischer Friede" über eine Gehörlose, die ein Cochlear Implantat bekommen soll und nicht damit einverstanden ist. Die Hauptdarstellerin Johanna Ingelfinger war übrigens nicht mal gehörlos, sie konnte etwas DGS durch ihren hochgradig schwerhörigen Bruder. Der Taubenschlag hat das auch kritisiert in der Stellungsnahme: "Trügerische Taube" Und die Folge war eine Schleichwerbung für das Cochlear Implantat und das in einer Sendung, die von Gehörlosen gerne angeschaut wird! Das war ganz klar so geplant und gewollt. Hier gibt es den langen Blogeintrag zu mir über diese Folge von "In aller Freundschaft":

"In aller Freundschaft" die Pistole auf der Brust Da gibt's noch mehr Fakten von mir, warum die Folge von A-Z Schwachsinn war. Und die Haltung der Filmfirma zur der Folge ist eine Unverschämtheit.

Es gibt in Deutschland genügend gehörlose Schauspieler, die in gehörlosen Theaterstücken auftreten und wirklich talentiert sind, aber ins Fernsehen schaffen sie es kaum.

Das wird auch sehr gut hier beschrieben in diesem Blogeintrag, wie das Fernsehen es mit der Inklusion hält - nämlich so gut wie gar nicht: http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2012/05/das-fernsehen-und-die-inklusion.html

Die einzige Ausnahme im deutschen Fernsehen mit einer guten Darstellung der Gehörlosen und der Gehörlosenwelt war der Kölner Tatort "Schützlinge" vom 03.03.2002. Da spielten aber auch Gehörlose mit - der bekannteste darunter ist Marco Lipski, der in der Gehörlosenszene ein Superstar war. 2003 wurden er und ein Freund von der Polizei festgenommen, also in Handschellen gelegt, obwohl sie unschuldig waren und gewehrt haben sie sich auch gegen die Handschellen, da Gehörlose ja mit den Händen reden. Kann man hier nachlesen: Handschellen im Film und in real. Inzwischen macht Marco eher mit einem Schneeballsystem von sich reden als mit seiner Schauspielkunst.

Noch was zu "Jenseits der Stille" - das ist auch neben "Gottes vergessene Kinder" der bekannteste Film, wo Gehörlose mitspielen und alle gehörlosen Rollen auch von gehörlosen Darstellern besetzt sind und die Gebärdensprache gesprochen wird - in diesem Blogeintrag erzähle ich, wie schwierig es für Hansa Czypionka war so flüssig zu gebärden als wäre man mit der Gebärdensprache aufgewachsen: Jenseits der Stille - ein paar Fakten zum Film. Diese Filme stellen die Gehörlosen und die Gebärdensprache auch völlig realistisch dar, wie es wirklich ist.

Also, zurück zum deutschen Fernsehen, welches total mutlos ist, wenn es darum geht gehörlose Rollen auch von Gehörlosen zu besetzen zu lassen oder sich RICHTIG beraten zu lassen von Gehörlosen, wenn es um die Darstellung von denen geht. Dieser fehlende Mut liegt aber auch an der Aussortierung der Menschen mit Behinderung(en) in Deutschland, was sich echt wie ein roter Faden durch alle Lebensbereiche zieht durch die fehlende Inklusion und Barrierefreiheit von Anfang an.

In Amerika hat Marlee Matlin den Golden Globe und den Oscar für ihre Darstellung in "Gottes vergessene Kinder" gewonnen, in Frankreich gibt es die bekannte gehörlose Schauspielerin Emanuelle Laborit, die dort auch unzählige Preise gewann und außerdem Laras Mutter in "Jenseits der Stille spielte." Das sind die großen Namen, die einem auf Anhieb einfallen, aber es gibt noch mehr im Ausland. Nur nicht in Deutschland.

Nun startet am 27. Oktober in den USA ein Film über Matt Hamill, einen gehörlosen Amerikaner, welcher ein erfolgreicher Ringer war, denn er gab erst kürzlich seinen Rücktritt vom Profisport bekannt. Matt Hamill konnte 2001 bei den Deaflympics die Goldmedaille im Freistil sowie die Silbermedaille im griechisch-römischen Stil holen.

Aber er war auch sehr erfolgreich unter Hörenden: Dreimal wurde er National Champion bei der NCAA. Sportlich bekam er den Spitznamen "The Hammer", was auch zum Titel des Filmes über ihn wurde.

Und der Kommentar unter dem Youtube-Trailer ist sehr interessant, denn dort steht, dass die Rollen alle von gehörlosen Schauspielern besetzt worden sind, die im Film auch gehörlos sind. Außerdem kommt der Film in den USA mit offenen Untertiteln in die Kinos.

You-Tube-Trailer Matt Hamill - The Hammer


Homepage des Filmes "The Hammer"

Der Film hat in den USA bei vielen Filmfestivals mächtig abgeräumt. Ich bin gespannt, ob der Film in Deutschland auch mit offenen (deutschen) Unteretiteln starten wird oder nur auf OMU verfügbar ist.

Aber was ich eigentlich sagen will - mit der falschen Darstellung der Gehörlosen und der Gebärdensprache in den Filmen ist es wie mit den Indianern in den Westernfilmen - es ist schädigend für unser Image und macht oft die ganze Aufklärungsarbeit zunichte. Auf Twitter wurde mir gesagt, dass Hacker oft das gleiche Problem haben, weil sie mit Crackern verwechselt werden, aber haben Hacker oder Cracker das Problem, dass sie von der Gesellschaft ausgeschlossen werden aufgrund der fehlenden Barrierefreiheit? Eben. Und es ist doch ein Kompliment für die Hacker/Cracker, wenn man ihnen mehr zutraut, als es tatsächlich möglich ist, aber für uns gilt das nicht.

Bei solchen sensiblen Dingen hat das Fernsehen die Pflicht dem gesetzlich verordneten Bildungsauftrag nachzukommen und die Realität zu zeigen. Und barrierefrei sollte dies auch sein.

Schlussatz: Man merkt es als Gehörloser einfach, wenn die Darstellung nicht korrekt ist und ob die Rolle von einer hörenden oder gehörlosen Person gespielt wird.

UPDATE vom 12. Oktober: Ich war mal so frei und habe Barbara auf ihrer Facebookseite darauf hingewiesen und mal nachgefragt, warum sie den falschen Begriff "taubstumm" verwendet hat und ihr diesen Blogeintrag von mir verlinkt: Ein wichtiger Hinweis für Medienschaffende!

Daraufhin schrieb sie mir folgendes: "Liebe Julia! Vielen Dank für Ihre Nachricht!!
Das tut mir sehr leid, diesen Fehler gemacht zu haben! Ich habe mir gerade Ihren Blogeintrag durchgelesen und kann mich nur für die Verwendung des falschen Begriffs entschuldigen!
Dieser Fehler war mir nicht bewusst und war in keinster Weise despektierlich gemeint!!

Ganz im Gegenteil war ich sogar sehr sehr begeistert, über die wahnsinnigen Kommunikations-Fähigkeiten meiner Lehrerin!! Vielleicht war ich zu sehr von der Technik und den Möglichkeiten dieser Sprache begeistert, dass ich mir zu wenige Gedanken um das Wort selbst gemacht habe. Ich hatte diesen Unterricht genommen, um so wenige Fehler wie nur möglich zu machen.

Das allerletzte, was ich mit solchen Interviews erreichen will ist, dem Bild der Gehörlosen in der Öffentlichkeit zu schaden! Ich werde in jedem folgenden Interview besonders Wert darauf legen, den richtigen Ausdruck zu benutzen und bedanke mich sehr, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben!! Viele Grüße Barbara"

Die Antwort von ihr kann man übrigens auf dieser Facebook-Seite nachlesen:
Antwort von Barbara Meyer.

Schön, mit dieser Antwort bin ich zufrieden. :-) Ich bin gespannt, wie Barbara sich als Gehörlose schlagen wird.

Freitag, 7. Oktober 2011

Die Geburt des Blogs hier...

entstand durch eine Frage, die ich im Frühjahr 2009 bei meinen ersten Gehversuchen unter meinen anderen Twitteraccount in die Runde schmiss: "Was wäre euch lieber, wenn ihr vor der Entscheidung stehen würdet: Blind zu sein oder gehörlos? Und was beeinflusste eure Entscheidung?"

Genau diese Frage habe ich heute wieder in die Runde geschmissen bei Twitter, Facebook und G+ und bekam sehr interessante Antworten zurürck, die im Vergleich zu den damaligen Antworten interessant sind, denn damals wurde Blindheit favorisiert. Diese Tendenz war mir damals schon klar, denn als blinder Mensch bist du ein bisschen besser in die Gesellschaft integriert und du wirst trotz der Blindheit nicht allzu oft komisch angeschaut.

Und damals 2009 habe ich mich dann bei meinem Twitteraccount auf eine Rückfrage einer Followerin namens @textzicke: "PUH, du stellst aber auch Fragen. Aber warum denn nur, Liebelein?" geoutet: "Ganz einfach: Ich bin gehörlos."

Da wurde ich dann bei Twitter dazu befragt und habe die dann auch beantwortet, aber immer sehr darauf geachtet, dass ich nicht nur so "Hörzeugs" twittere, denn ich bin halt nicht mein Defizit. ;-)

Der Satz eines Journalisten zu mir anlässlich meines Outings lautete: "Du solltest darüber bloggen, denn für uns ist diese Welt so weit weg und nicht nachvollziehbar." Das war dann die Geburtststunde von dem Blog hier.

Nun zurück zur Gegenwart und zur der heutigen Fragestellung, bei der ich aber damit gerechnet habe, dass die Tendenz wie gewohnt zu "Blind" tendieren wird, aber das Gegenteil war der Fall: Die meisten entschieden sich heute für die Gehörlosigkeit, was mich sehr zum Überlegen gebracht hat, warum das so ist?

Ich weiß es nicht, warum sich das geändert hat und wodurch. Vielleicht bin ich sogar mit meiner Twitterei/Bloggerei zu einem kleinen Teil daran schuld, dass man über Gehörlosigkeit genauso gut aufgeklärt ist wie über Blindheit?

Gewonnen ist dadurch allerdings gar nichts - es ist nur schön zu lesen, dass Gehörlosigkeit heute offenbar ein bisschen besser akzeptiert ist als Behinderung und nicht mehr so sehr hinter Blindheit hinterher hinkt. Natürlich ist es klar, dass die Antworten auf Twitter, Facebook und G+ nicht für alle sprechen.

Gewonnen haben wir alle erst, wenn es egal ist, ob man behindert ist oder nicht - denn die vollständige Teilhabe an der Gesellschaft macht das Schreckenzensario Behinderung weniger schlimm.

Und das Zauberwort dazu heißt "Inklusion." Eine gemeinsame Gesellschaft für alle. Ohne Barrieren.

Ob das eines Tages mein Deutschland sein wird, in dem mich zeitweise nicht mehr wie eine Ausländerin in meinem eigenen Land fühlen werde, wenn sämtliche Barrieren weggefallen sind?