Dienstag, 28. Juni 2011

Ein kritischer Blick muß auch mal sein

Im März 2011 las ich in der Berliner Gehörlosenzeitung "Im Bilde", dass anlässlich der Pressekonferenz zur der ersten bundesweiten Gehörlosenwoche vom 17.09.2010 - 25.09.2010 , zu der der Gehörlosenverband Berlin e.V. (GVB) lud, kein einziger Journalist der Berliner Zeitungen und vom Rundfunk erschien.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Kein einziger, wobei sich mir jetzt die Frage stellt, warum ich dann immer wieder feststelle, dass Hörende mit unverhohlenem Interesse die Gebärdensprache verfolgen, wenn sie diese auf der Straße sehen oder im Kontakt mit mir von der Schönheit der Gebärdensprache vorschwärmen: "Ich würde das ja auch gerne können, aber leider gibt es zu wenige Angebote."

Die Filmklassiker wie "Jenseits der Stille", "Gottes vergessene Kinder", "Voices - Stimmen der Liebe" und noch einige mehr, in denen die Gebärdensprache und die Gehörlosenkultur thematisiert werden, sind immer noch aktuell, weil sich nur sehr langsam etwas an der Situation gehörloser Menschen ändert, vor alllem in Deutschland leben Gehörlose immer noch am Rand der Gesellschaft, was deutlich wurde durch das Fernbleiben der Journalisten anlässlich der "Deaf Week" in Berlin.

Aber für das Fernsehen sind Gehörlose ab und zu immer mal wieder interessant, denn das Fernsehen lebt von Einblicken in verschiedenen Welten. Aber es hat sich was geändert in der Beziehung zwischen dem Fernsehen und den Gehörlosen: Die Gehörlosen haben sich in der Vergangenheit bereitwillig für das Fernsehen filmen lassen in der Hoffnung, es würde sich etwas ändern für die Gehörlosenwelt - nur war es sehr häufig der Fall, dass die Sendung ÜBER Gehörlose dann ohne Untertitel oder ohne die Einblendung des Gebärdensprachdolmetschers ausgestrahlt worden ist. Warum eigentlich? Fernsehsender empfinden die Einblendung eines Gebärdensprachdolmetschers als unästhetisch so als "Bild im Bild" - genauso ist es auch mit den festen Untertiteln, die für jeden sichtbar sind, die manchmal zum Einsatz kommen bei einem solchen Bericht. (Digitale und Videotext-Untertitel können vom Zuschauer frei gewählt werden.)
Hier gibt es einen älteren und längeren Blogeintrag, warum sich Gehörlose dazu übergekommen sind, sich nicht mehr für das Fernsehen zu filmen lassen, FALLS es keine #Untertitel und/oder eine Gebärdensprachdolmetschereinblendung gibt, d.h. vor einiger Zeit bloggte ich bereits mal über die gestörte Beziehung der Gehörlosen zwischen den Medien, speziell dem Fernsehen: Es herrscht eine Art Kriegszustand zwischen dem Fernsehen und den Gehörlosen

Barrierefrei war die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen noch nie und erst recht nicht im Fernsehen. Und das Fernsehen denkt auch zu wenig an die Bedürfnissen von Schwerhörigen, Gehörlosen und Blinden.

Zum Beispiel war ich auch sehr enttäuscht davon, dass der SWR den Bericht über meinen Ableseservice zur WM 2010 ohne Untertitel ausgestrahlt hat, obwohl ich Untertitel haben wollte. Das ist kein Einzelfall - neulich kam "Menschen-das Magazin" mit Kassandra Wedel und Benjamin Piwko, zwei herausragende gehörlose Persönlichkeiten. Leider sieht man Kassandra kaum gebärden, dabei kann sie gebärden. Die Szenen mit ihr in Gebärdensprache sind herausgeschnitten worden, worüber Kassandra natürlich auch enttäuscht war.

Das Fernsehen sollte endlich begreifen, dass man MIT Gehörlosen über deren Auftritt sprechen sollte und nicht ÜBER GEhörlose in einem Bericht, denn gerade in diesem Fall schauen viele Leute zu und hier könnte man ganz tolle Aufklärungsarbeit leisten, dem Auftrag kommt das Fernsehen aber leider nicht genügend nach.

Ich habe das auch schon gemerkt, als man mich gefragt hat: "Sag mal, dieser Ausruf von dir - machst du sowas spontan oder war es für das Fernsehen?" So in der Art: "WAS? Du kannst sprechen?" Ich habe mich sogar interviewen lassen zu den Fragen, wie wenig das Fernsehen barrierefrei ist für Gehörlose, aber das Interview wurde herausgeschnitten mit der Begründung, dass meine Stimme nicht fernsehtauglich genug wäre, weil man sich ja etwas hineinhören müsse und das ginge nicht bei 4 Minuten Sendezeit. Aber genau deshalb war ich ja für UNTERTITEL während meinem Bericht, denn so sieht auch Barrierefreiheit aus!

Dann hatte ich ja kürzlich meinen Auftritt bei Galileo, wo ich ja sehr froh darüber war, dass ich wenigstens mit reinschmuggeln konnte, dass man Gehörlose nicht anschreien muss und eine normal langsame und deutliche Aussprache hilfreich ist bei der Kommunikation.

Zu dem Aspekt, dass die Medien, egal ob TV oder die Zeitungen, ihre Haltung überdenken müssen, wie sie mit Behinderten umgehen wollen und dabei kann das oberste Gebot nur lauten: Sprecht mit uns über uns und nicht primär über uns. Führt man sich dieses Gebot vor die Auge, so ist es richtig schade, dass die Berliner Journalisten das Angebot letztes Jahr nicht wahrgenommen haben, mal richtig spannend über eine Parallelgesellschaft mitten in Deutschland zu berichten.

Seine Sicht auf die die Berichterstattung über Menschen mit Behinderung(en) hat mein blinder Bloggerkollege Heiko Kunert von Blind-PR neulich sehr schön dargestellt: Sprecht mit uns und nicht über uns!

Wie seht ihr das? Ich hoffe, dass ich mit meiner Bloggerei, auch wenn ich gerade ein bisschen bloggerfaul war, euch einen interessanten Einblick bieten kann in diese unerhörte Welt.

Andersherum frage ich mich natürlich, wie es sein kann, dass der Deutsche Gehörlosenbund es bisher nicht geschafft hat, was ich in den letzen 2 Jahren Bloggerei geschafft habe: Bisschen mehr mediale Aufmerksamkeit zu kriegen und auf die nicht vorhandene Barrierefreiheit in der Medienlandschafta aufmerksam zu machen und das als Einzelperson.

Ich kriege immer wieder von gehörlosen Freunden zu hören: "Hut ab, du hast als Einzelperson schon mehr geleistet als der Gehörlosenbund." Und ich freue mich über jedes Interview mit mir in den Medien, weil es auch einen Erfolg für die Gehörlosenwelt bedeutet und selbstverständlich auch über die Interviews/Berichte anderer Gehörlosen in den Medien!

Seltsam - ich bin eigentlich keine typische Gehörlose, lebe auch nicht in der Gehörlosenwelt und trotzdem wurde ich sowas zu einer Speerspitze der Bewegung, was mir auch sehr viel Spaß macht.

Der bissige Pitbull wird noch lange nicht nachgeben. ;-)

Samstag, 11. Juni 2011

Aus der Reihe: Suchbegriffe, mit denen nach meinem Blog gesucht worden ist - Teil 1

Ich dachte mir, ich stelle jetzt immer mal wieder eine Reihe von Suchbegriffen vor, mit denen nach meinem Blog gesucht worden ist.

Am lustigsten fand ich ja den Suchbegriff: "Gebärdensprache für Brüste", aber es kommen auch noch andere vor: "Lippenlesen für taubstumme", "taubstumm", "Körpersprache Politiker", "Wie funktioniert lippenlesen?", "Film Gehörlosigkeit cochlear" und natürlich: "Julia Probst", "EinAugenschmaus", "Die Welt mit den Augen sehen".

Aber am traurigsten fand ich bisher: "Warum hat Gehörlos nicht anderes Geschwister getroffen?" Lieber Suchender mit diesem Begriff: "Mach einfach das Beste aus deinem Leben - auch als gehörloser Mensch ist man ein vollwertiger Mensch dieser Gesellschaft!"

Gesucht wurde auch mit dem Begriff: "Benjamin Piwko Freundin." Da kann ich dir weiterhelfen - am 18. Juni 2011 ist Benjamin Piwko in der Sendung "Sehen statt Hören" um 9:45 auf BR zu sehen - hier anklicken: Sehen statt Hören

Ein anderer Suchbegriff war: "Wie heißt der Film mit der taubstummen Tänzerin?" Nun, für alle die mit dem Begriff: "taubstumm" gesucht haben - bitte verwendet diesen Begriff nicht mehr, der ist einfach nicht zutreffend. Der gesuchte Film heißt übrigens: "Voices" und ist von 1979 - der deutsche Titel ist "Stimmen der Liebe". - hier entlang bitte: Filmbeschreibung auf Deutsch und hier der Amazonlink: Voices mit Army Irving und Michael Oentkean sowie hier die YouTube-Videos: Voices Teil 1, Voices Teil 2 und auf YouTube findet man noch die anderen Teile. :-)

Das war es für heute, bitte gehen Sie weiter, es gibt nichts mehr zu sehen. ;-)

Donnerstag, 9. Juni 2011

Bravo Österreich!

Letztes Jahr im Herbst 2010 wurde der ORF dazu verdonnert, alle DVD aus ihrem Haus mit Untertitel anzubieten, denn ein gehörloser Fußballfan hatte die DVD "100 Jahre Sturm Graz" gekauft, hatte aber nichts von der DVD, weil sie ohne Untertitel war.

Er klagte gegen die Diskriminierung und bekam Recht! Hier kann man die Details der Klage nachlesen.

Hier kann man den ausführlichen Blogeintrag von mir dazu lesen: "Keine Untertitel auf DVD's sind fast Alltag für Gehörlose!"

Nun haben die Filmförderungsanstalten in Österreich beschlossen, dass die Filme nur dann gefördert werden, wenn die DVD's barrierefrei sind, also Audiodeskription für Blinde und Untertitel für Gehörlose!

Diese Meldung kann man hier nachlesen: DVD-Untertitel in Österreich

Bravo Österreich, so und nicht anders muss es sein!

Das ist genau das, was ich schon seit Jahren bei den Filmförderungsanstalten in Deutschland bemängele: Viele deutschsprachige Filme werden von der Filmförderung der Bundesländer gefördert, deren Budget liegt bei immerhin 228,5 Millionen Euro. Und da soll nicht genügend Geld für Untertitel vorhanden sein?

Beispiele für deutschsprachige Filme ohne deutsche Untertitel, die gefördert worden sind: "Rosenstraße, Soul Kitchen, Das Leben der anderen, Hindenburg, Die Wanderhure, und viele andere mehr.

Ich kann aber beobachten, dass es langsam besser wird, aber der Anstieg der deutschprachigen Filme mit dt. Untertitel ist trotzdem kaum spürbar.

Seit Jahren sage ich schon, dass die Filmförderungsanstalten bei ihren Förderrichtlinien eine strenge Vorschrift einführen sollten: Wir fördern die Filme auch nur dann, wenn sie auf der DVD barrierefrei umgesetzt wird mit deutschen Untertiteln und Audiodeskription für Blinde!

Ich bin mal gespannt, wie lange es dauert, bis die von selbst auf diese Idee kommen, aber da muss wohl gesetzesmässig nachgeholfen werden.


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