Montag, 30. Mai 2011

Ich habe einen Traum!

Erinnert sich noch wer an dann Aufritt von mir bei der Republica 2011? Da war auch Katrin Rönicke von Frau Lila.de, die da diesen wunderbaren Satz fallen liess:"Gegen Stereotype hilft nur eins: Das Gegenteil zu beweisen. Ich sage das, was ich sagen will genauso laut und mit der selben Selbstverständlichkeit."

Ich wandele diesen Spruch einfach mal um in: "Gegen Diskriminierung hilft nur eins: "Das Gegenteil/die Machbarkeit zu beweisen. Ich sage das, was ich sagen will, genauso laut und mit der selben Selbstverständlichkeit."

Nach unserem Auftritt hatte ich die Gelegenheit mich kurz mit Katrin zu unterhalten und sie zu fragen, warum das so ist, dass Frauen trotzdem wenig zu sagen haben und die Werbung trotzdem nicht frauengerecht ist, wenn Frauen nachweislich 80% aller Kaufentscheidungen treffen. Katrin meinte dazu ganz sachlich, dass es daran liegt, dass die Inhalte der Werbung meistens eher von Männern gezeichnet werden. Hm, das trifft wohl zu, wenn man sich an die Berlin-Berlin-Folge erinnert, wo Fatman und Lolle etwas für eine Damenbinde zeichnen sollen, damit sie den Job bekommen. Und natürlich hat Lolle eine ganz andere Perspektive auf die Sache als Fatman. Ich sagte dann lachend: "Es ist also so, wer die Eier in der Hose hat, der zahlt und bestimmt den Inhalt." Wir gingen lachend auseinander. :-)

Nach meinen Brandbriefen an die Bundesregierung und an die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer hat sich jemand auf Twitter echauffiert, dass ich keifen würde und sicherlich nicht tauglich bin für die Öffentlichkeitsarbeit, was dieser Person einige Zustimmung von anderen eingebracht hat. Über den Background dieser einen Person will ich nichts sagen außer, dass ich ihre Haltung gegenüber Behinderten bei so einem Background äußerst befremdlich finde.

Mag sein, dass sich mein Ton für andere keifend anhört, dabei sage ich nur das, was ich will genauso laut wie andere und mit der gleichen Selbstverständlichkeit.

Für mich ist es selbstverständlich im alltäglichen Leben einer Mutter mit Kinderwagen zu helfen, wenn ich sehe, dass sie Hilfe beim Ein- und Ausstieg braucht und ich gehe auch nicht bei Rot über die Strasse, wenn ich sehe, dass Kinder in der Nähe sind. Einmal habe ich einem Rollstuhlfahrer geholfen, den obersten Knopf im Aufzug zu drücken, den er nicht erreichen konnte. Er bat mich darum und entschuldigte sich dann dafür. Ich: "Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Hab ich gerne getan." Dann entwickelte sich ein kurzes Gespräch über unsere "Behinderungen" und wir kamen überein, dass noch viel getan werden muss in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion.

Eine Heilige bin ich nicht - ich habe auch meine Macken, aber meine "Behinderung" hat mich vielleicht sogar mehr dazu gebracht, laut zu sagen, was ich brauche und warum ich es brauche. Gehörlose Menschen sind übrigens sehr direkt von Natur aus, da die Gebärdensprache auch sehr direkt ist, das ist so ziemlich die einzige Eigenschaft, die ich als untypische Gehörlose mit dem "Otto Normalverbraucher der Gehörlosen" gemeinsam habe, was selbstverständlich keineswegs abwertend gemeint ist.

Ein britischer Bekannter von mir sagte einst zu mir: "Du bist viel direkter und sehr viel mehr geradeaus als die meisten Deutschen, die ich kenne - du kommst immer sehr schnell auf den Punkt, wenn dich was stört."

Und mich stört diese Haltung der Gesellschaft - ich sehe einfach kaum Fortschritte der letzten Jahren was die Barrierefreiheit betrifft für gehörlose und schwerhörige Menschen in Deutschland und auch was die Inklusion betrifft.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals grad frisch eingeschult in der Grundschule für Hörende um die Ecke, ziemlich schnell begriff, wie das mit dem Lesen ging und nun alles gierig verschlang, was bedruckt war. Schon damals fragte ich meine Mutter kurz bei der Untertitelung der Tagesschau, Lindenstraße und Schwarzwaldklinik, warum denn so wenig mit Untertitel kommt - das war 1989/90. Die Antwort meiner Mutter: "Nun, die Technik ist halt so neu, das kommt bestimmt bald noch und wenn du groß bist, gibt es bestimmt keine Probleme mehr." Die Bilder vom Golfkrieg mit den ölverschmierten Tieren sind mir heute noch im Gedächtnis und dazu die starre Minie von Ulrich Wickert und mir wurde klar, dass es immer die Schwächsten in der Gesellschaft sind, die leiden werden, egal in welcher Situation.

Inzwischen sind seit damals 23 Jahre. bzw. 22 Jahre vergangen seit der Entdeckung eines siebenjährigen Kindes, dass eigentlich alles selbstverständlich untertitelt werden muss im Fernsehen. Der Videotext feierte 2010 seinen 30. Geburtstag - es sind also wertvolle Jahre vergangen, wo man das Potential dessen nicht genügend ausgereizt hat - anders als in England und in den USA.

Heute bin ich 29, fast 30 Jahre alt und sehe immer noch, dass es viel zu tun gibt, was die Barrierefreiheit angeht im deutschen Fernsehen. Ich hatte ein wenig mehr Glück als andere gehörlose Kinder und durfte erleben, was Inklusion wirklich bedeutet - kann man hier nachlesen: Der Monitor-Bericht und meine Gedanken dazu Das ist wirklich frustierend zu sehen, dass sich kaum etwas geändert hat seit der eigenen Kindheit.

Wer den Eindruck hat, ich seie eine ganz radikale Gehörlose, dem widerspreche ich aufs allerschärfste: Ich kenne weitaus radikalere Gehörlose, die wirklich NUR während der Arbeit mit Hörenden zu tun haben, keine hörende Freunde haben, nur gehörlose Freunde -nicht mal schwerhörige Freunde, weil die ja nicht ganz gehörlos sind und wer keine Gebärdensprache beherrscht, der ist sowieso außen vor in der Gehörlosenwelt. Diese Gehörlosen sehen es außerdem mit Unverständnis, wenn man einen hörenden Partner hat, weil das als Verrat an der Gehörlosenwelt angesehen wird. Das nenne ich radikal, aber ich verstehe deren Position sogar - es ist einfach abgrundtiefe Enttäuschung über die Anforderungen der hörenden Gesellschaft an die Gehörlosen - mehr als von anderen Behinderten:"Lasst euch ein Cochlear Implantat verpassen., dann wird alles gut, dann könnt ihr in unserer Mitte leben." Es wird gar nicht bis sehr wenig wahrgenommen und damit auch akzeptiert, dass die Gehörlosen eine eigene Kultur haben mit einer eigenen Sprache, in derer es Theaterstücke und Poesie gibt. Das hat sonst keine andere "Behinderung" hervorgebracht: Eine eigene Kultur mit einer eigenen Sprache und eigenen olympischen Spielen, die Deaflympics. Mehr dazu: Blogeinträge zu den Deaflympics.

Ich würde mich als eine moderate Gehörlose bezeichnen: Daheim bin ich in der hörenden Welt, ich hatte bisher immer nur hörende Partner und Deutsch in Wort und in Schrift ist meine Muttersprache; vermutlich ist sogar mein englisches Sprachniveau besser als meine Gebärdensprachkenntnisse, was aber nicht bedeutet, dass ich die Gebärdensprache nicht schätze und mag. Die Gebärdensprache ist so kreativ und gleichzeitig wunderbar ironisch, so dass man sie einfach mögen muss, finde ich! :-) In der Gehörlosenwelt bin ich nur ab und zu mal zu Gast und genieße das auch, aber das war dann auch schon alles.

Zurück zur Untertitelquote: Die Untertitelquote in Deutschland per Videotext steigerte sich sehr, sehr spärlich im Laufe der Jahre:

1980: 0.1%
2008: 8.4%
2009: 10.3% (+ 1.9%)
2010: zwischen 10,6% und 12,6%

Seit Ostern 2011 haben wir nun stabile 12,6% zu verbuchen, was also ein kleiner Fortschritt ist, aber immer noch beachtlich zurückliegend im Vergleich zu anderen Ländern. 85,4 % des Fernsehangebots im deutschen Fernsehen sind also weiterhin für Gehörlose und schwerhörige Menschen nicht zugänglich.

Die Aktion-Untertitel hat eine super Grafik erstellt, wo man in Zeitraum über Ostern 2011 die Untertitel-Quote ersehen kann:
(Für meine blinden Leser hier die Bildbeschreibung der Grafik: Hier sieht man ein Diagramm der Untertitelquote der einzelnen Fernsehsender in Deutschland in Prozent - sie reicht von 0% bis zu 48%.)

Vielen Dank an die Aktion Untertitel, die sich diese Mühe gemacht hat, sehr gerne weise ich daraufhin, dass man die Aktion Untertitel und damit alle Gehörlose unterstützen kann, wenn man sich auf ihrer Homepage anmeldet.

Der @RegSprecher hat auf meinen Tweet reagiert, wo ich ihn auf den Brandbrief an die Bundesregierung hingewiesen habe. Am Samstag erreichte mich die Antwort - hier der Screenshot:

(Bildbeschreibung für meine blinden Leser vom Screenshot des Antwort-Tweet von Steffen Seibert, seines Zeichens Regierungssprecher der Bundesregierung: "@EinAugenschmaus Danke für den Hinweis. Darüber werde ich mit meinen Kollegen noch einmal nachdenken.")

Fragt sich nur, worüber er nachdenkt? Über den barrierefreien Podcast von Bundeskanzlerin? Über Barrierefreiheit im Allgemeinen für Gehörlose und Schwerhörige in Deutschland? Über meinen Vorschlag, mich zur Behindertenbeauftragten zu machen?

Mir wäre alles recht. :-) Nur: Nachgedacht worden ist in Deutschland schon viel, umgesetzt davon bislang nichts trotz der bestehenden und unterzeichneten UN-Konvention der Menschenrechte für Menschen mit Behinderungen.

Es ist an der Zeit. Mein Traum ist, dass ich meinen Kindern, sollte ich mal welche haben, sagen kann: "Gut, es kommt alles im Fernsehen mit Untertiteln und Gebärdensprachdolmetschern, aber das bedeutet noch lange nicht, dass du jeden Scheiß angucken musst."

Und dafür werde ich kämpfen, wenn es sein muss, sogar mein Leben lang, weil ich eben nicht anders kann.

Ich kenne es nicht anders mit dieser Ausgrenzung im Fernsehen, für die meisten Gehörlosen geht die Ausgrenzung aus der Gesellschaft sogar noch viel weiter, wie man in diesem Interview mit mir mit der Piratenpartei nachlesen kann:

Gehörlose werden systematisch von der politischen Teilhabe ausgeschlossen - ein Interview mit Julia Probst


Ich hatte Glück - ich konnte dieser Ausgrenzung zu einem großen Teil entgehen, aber ich möchte nicht, dass diese Ausgrenzung weiterhin besteht.

Wenn ich da reingucke im Grundgesetz und folgenden Artikel 3 des Grundgesetz lese:

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Wirklich? Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich? Wie kann es dann sein in Deutschland, dass die Rechte der Gehörlosen und Schwerhörigem sowie die der restlichen Menschen mit Behinderungen nicht so erfüllt werden, wie es eigentlich der Fall sein muss!
Quelle: Pressemitteilung des statischen Bundesamtes vom 12.05.2011)

Das sind fast 10 Millionen Menschen. Verdammt viele ausgrenzte Menschen aus unserer Gesellschaft. Und noch mehr, wenn man die betroffenen Angehörigen heranzieht.

Auch für sie ist es an der Zeit und ich hoffe, dass es langsam normal wird: Gemeinsam leben, lernen und arbeiten.

Es ist ein Traum, der real werden kann und real werden muss. Für uns alle.

Der oben stehende Text steht unter folgender Creative commons und kann auf anderen Webseiten verwendet werden:
Creative Commons Lizenzvertrag
Mein Traum von gelebter Inklusion von Menschen mit Behinderung in die Gesellschaft von Julia Probst steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Unported Lizenz.
Beruht auf einem Inhalt unter meinaugenschmaus.blogspot.com.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter http://meinaugenschmaus.blogspot.com/ erhalten.


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Nachtrag vom 27. Oktober 2011: P.S. Seit dem 22.August 2011 kommt nun der Videopodcast der Bundeskanzlerin mit Untertitel aufgrund meiner Hartnäckigkeit. So sieht es aus - man muss hartnäckig bleiben. Mit lieb fragen kommt man eher nicht weiter.

Liebe Frau Haderthauer!

Anlässlich des deutschen Cochlear-Implantat-Tages am 28. Mai haben Sie lobende Worte über das Cochlear Implantat losgelassen: "Als Errungenschaft der modernen Medizintechnik eröffnet das Cochlear-Implant hörgeschädigten Kindern neue Wege in die Welt der Hörenden. Der Schlüssel zum Erfolg sind dabei ein frühes Erkennen der Hörschädigung und eine intensive Frühförderung", sagte die Ministerin. "Über die Versorgung eines Kindes mit einem Cochlear-Implant entscheiden die Eltern. Gerade deswegen sind umfassende Informationen und eine einfühlsame Beratung der Eltern wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Versorgung des Kindes. Dabei gilt es nicht nur über die Risiken der Operation aufzuklären, viel wichtiger ist es, hörbehinderten Eltern die Angst zu nehmen, ihr Kind könnte sich entfremden, da es mit einem Cochlear-Implant die Kultur der Gehörlosen verlässt. In einer hörbehinderten Familie wird nach wie vor primär über die Gebärdensprache kommuniziert. Die Gebärdensprache ist die Muttersprache eines jeden hörbehinderten Kindes und darf nach der Versorgung des Kindes mit einem Cochlear-Implant nicht eingeschränkt werden. Cochlear-Implant und die Deutsche Gebärdensprache bilden gemeinsam das Fundament der Inklusion hörbehinderter Kinder sowohl in die Welt der Hörenden als auch der Nichthörenden. Sie sind deshalb keine Gegensätze, sondern ergänzen sich gegenseitig".

Hier die Quelle ihrer Aussage: Haderthauer lobt Cochlear Implantat -Pressemitteilung v0m 30.05.2011.


Mittendrin statt nur dabei
." - so die Pressemitteilung vom 03.05.2011. Laut der Süddeutschen starten in Bayern nächstes Jahr 30 Inklusionsschulen - Mitteilung der Süddeutschen Zeitung.

Ich stelle hierzufest: 30 Inklussionsschulen bedeuten für die bayerische Eltern nur eine kleine Erleichterung, aber keine vollständige Wahlfreiheit - Inklusion bedeutet: Jede Schule, jeder Kindergarten erklärt sich ohne Aber und Wenn bereit ein behindertes Kind aufzunehmen. Das ist die Grundidee von Inklusion - das tägliche Miteinander wird so normal werden, weil eben Wahlfreiheit herrscht. Im Grundgesetz ist doch auch die freie Berufswahl verankert - sehr erfolgreich. Dort steht aber auch, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf.

Nun, Menschen mit Behinderungen und Eltern mit einem behinderten Kind werden heute immer noch aktiv benachteiligt. Jeden Tag. Und die Politik kümmert das einen feuchten Dreck.

Was ich sehr interessant finde: Noch in ihrer Pressemitteilung vom 10.06.2010 erwähnen Sie die Gebärdensprache mit keinem Wort, sondern erklären das Cochlear Implantat zum alleinigen Wundermittel für Gehörlose - hier die eine Pressemitteilung und die eine auf Ihrer Seite: Neue Wege in die Welt der Hörenden

Meinen Vulkanausbruch zu dieser Haltung können Sie übrigens hier nachlesen:
So geht es echt nicht, liebe CSU/CDU plus FDP!

Nun aber kann man lesen, dass Sie dafür sind, dass man hörbehinderten Eltern aufklären muss, dass ihre Ängste unbegründet sind, dass die Versorgung mit einem Cochlear Implantat das gehörlose Kind aus der Gehörlosenwelt entfremdet. Das klingt für mich so: "Wir müssen die hörbehinderten Eltern halt TOTAL auf unsere Seite ziehen, dann ist das viel billiger mit der ganzen Inklusion, weil wir ja die ganzen Gebärdensprachdolmetschern dann an den Schulen einsparen."

Mit Verlaub, liebe Frau Haderthauer, diese Aussage wird nicht besser dadurch, wenn Sie die Gebärdensprache und das Cochlear Implantat als gemeinsame Lösung anbieten, es wird einfach suggestiert, dass das eine nicht ohne das andere geht, was natürlich nicht stimmt. Außerdem entscheiden sich auch hörende Eltern sich gegen ein Cochlear Implantat - es ist also nicht der Fall, dass NUR hörbehinderte Eltern eine Entscheidung dagegen trefffen.

Die Eltern, egal ob selbst hörbehindert oder nicht, wollen nämlich vor allem eins für ihr Kind: Die gleichen Perspektiven und Chancen in der Gesellschaft mit oder ohne Cochlear Implantat.

Interessanter kostentechnischer Fakt, welcher Ihnen offenbar nicht so richtig klar ist - es steckt eine gewaltige Maschinerie dahinter: Ein Cochlear Implantat wird von den Krankenkassen zu 100% finanziert, auch die anschließenden Rehabehandlungen. Klar steckt da auch eine gigantische Maschinerie dahinter, wenn man mal bedenkt, dass die Gesamtkosten einer einzigen CI-Operation mit 40.000 € veranschlagt wird und dazu kommen noch die Anpassungen, die REHA-Aufenthalte und der externe Sprachprozessor, der alleine noch mal etwa 8.888 € kostet. Es wird also ganz schön daran verdient, indem man darauf hinweist, dass die Bildungspolitik für Gehörlose nicht gerade gut aussieht und damit die Eltern, egal ob gehörlos oder hörend, verunsichert.

Ein sehr erhellender Blogeintrag von mir dazu: TV-Bericht über das Cochlear Implantat
sowie meine nachdenkliche Gedanken dazu, ob ein Neugeborenenscreening wirklich sinnvoll ist. Natürlich bin ich für die Frühförderung von gehörlosen und schwerhörigen Kindern, aber dazu ist ja noch genügend Zeit nach einem halben Jahr - wozu gibt es denn die ganzen U-Untersuchungen bei den Babys? Im übrigen wurde bei mir meine Gehörlosigkeit erst zweifelsfrei mit 8 Monaten festgestellt, davor vertrösteten die Ärzte meine Mutter damit, dass ich halt ein sehr verträumtes Kind seie. Und ich kenne einen inzwischen 6 Jahre alten Jungen, dessen hochgradige Schwerhörigkeit erst mit eineinhalb Jahren festgestellt worden ist, obwohl beide Eltern gehörlos sind. Bei ihm wurde das Neugeborenenscreening ohne größere Auffälligekeiten gemacht - wer wirklich zuerst den Verdacht hatte, dass das Kind nicht so gut hört, waren die selbst betroffenen Eltern, was aber die Ärzte nicht so recht glauben wollten, weil der Junge so aufgeweckt ist.

Außerdem hält ein Cochlear Implantat im Schnitt so 15-20 Jahre und das eingesetzte Modell ist sowieso nach etwa 5 bereits veraltet, weil es immer rasanter vorangeht - klar, es ist ja auch ein Minicomputer an sich. Mein Modell von 1994 ist ein Dinosaurier mit seinen 17 Jahren und ich bin selber gespannt, wie lange es noch "lebt." Fällt es eines Tages endgültig aus, dann müsste ich mich wohl für eine Reimplantation entscheiden.

Hier ist das Video einer Implantation von einem Cochlear Implantation nach der heutigen Operationsmethode: Teil 1, Teil 2 und Teil 3. Hier noch ein detalliertes Video, wie man da in der im Schädel rumbohrt: Cochlear Implantat-Operation. Sehr gruselig, nicht wahr? Bei einer Lebensdauer von etwa 80 Jahren kann es also gut sein, dass ich etwa mehr als 5 x unters Messer muss - vollfinanziert von der Krankenkasse.

Gegenüber Hörgeräteträgern stellt die Vollfinanzierung eines Cochlear Implantats eine Diskriminierung dar: Diese müssen nämlich zum Teil die Kosten für ihre Hörgeräte übernehmen!

Ein Cochlear Implantat kann einigen Gehörlosen wirklich dazu helfen zu einem guten Hörergebnis zu kommen: Telefonieren ist möglich. Ich habe das auch selbst mal gekonnt und kann es immer noch mit meiner Mutter - aber dahinter das hat mich auch sehr viel Schweiß und viele Tränen gekostet, weil ich eben das Gefühl hatte, dass ich mit weniger als 6 Sinnen kein vollwertiger Mensch bin. Und viel von meiner Teenagerzeit ging auf das Hörtraining darauf. Stunden, in denen ich lieber ein Buch gelesen hätte, ein Eis gegessen hätte oder einfach nur Sport gemacht hätte.

Einige implantierte Kinder kommen auf diesen grünen Zweig mit der Implantierung, andere nicht. Einige können die Regelschule ohne Dolmetscher besuchen, andere sind immer noch auf einen angewiesen. Übrigens gehen in Deutschland 80% aller Kinder mit Behinderungen in eine Sonderschule, 20% in eine normale Schule, in dieser Lage sind ganz wenige gehörlose Kinder mit oder ohne Cochlear Implantat.

Das implantierte Kind muss diesen Weg alleine gehen - niemand kann ihm diese Arbeit abnehmen, die dazu notwendig ist, denn es ist nicht so, dass das Kind mit dem Einschalten und Anpassen des Implantat plötzlich "normalhörend" wird.

Aber was man dem implantierten Kind bzw. dem gehörlosen Patienten abnehmen kann, ist: Die Barrieren in unserer Gesellschaft, der Zwang sich an die Gesellschaft anpassen zu müssen, die Haltung, dass man nur als "reparierter" Mensch ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ist.

Das größte Geschenk, dass die Gesellschaft UNS Gehörlosen und Schwerhörigen machen kann: Barrierefreiheit im deutschen Fernsehen. Echte Inklusion im täglichen Miteinander. Echte Wahlfreiheit zwischen dem Cochlear Implantat und der Hörgeräteversorgung. Echte Wahlfreiheit beim Schulbesuch.

Das gilt aber auch für alle anderen Behinderten.

Ja, Inklusion kostet viel Geld, aber davon profitieren wir alle. Wer profitiert von der CI-Propoganda der CI-Firmen? Ein Teil der Patienten und am allerwenigsten die Krankenkassen, denn sie zahlen darauf.

Was für mich unverständlich bleibt an ihren Aussagen zum Cochlear Implantat - einerseits können Sie den schweren Stand von gehörlosen Menschen in der Gesellschaft nachvollziehen und versprechen Unterstützung, wie man in der Pressemitteilung zum internationalen Tag Der Gehörlosen vom 26.September 2010 nachlesen kann.

Ja, warum unterstützen Sie dann nicht echte Barrierefreiheit im deutschen Fernsehen für Gehörlose und Schwerhörige Menschen sowie eine verbesserte Bildungspolitik für Gehörlose? Das wäre nämlich eine längerfristige und kostengünstigere Lösung als die Anpreisung der Vollversorgung aller Gehörlosen mit dem Cochlear Implantat.

In Kurzfassung: Ich als Trägerin eines Cochlear Implantat nichts gegen das Cochlear Implantat - ich bin für eine echte Wahlfreiheit zwischen dem Cochlear Implantat und dem Hörgerät für Gehörlose und Schwerhörige,was nicht bedeutet, dass ich für eine CI-Eigenbeteiligung bin, denn das ist natürlich Quatsch sowas zu verlangen - es ist aber auch Quatsch, dass Hörgeräteträger eine Eigenbeteiligung zu leisten zu haben. Also bitte - die Krankenkassen sollten aufhören, da einen Unterschied zu machen, wie der gehörlose Patient seine Hörbehinderung ausgleichen will und einfach zahlen.

Außerdem macht das Cochlear Implantat nicht aus jedem Gehörlosen soweit einen Telefonierer, bei leeren Batterien, Ablegen oder bei einem Defekt des Cochlear Implantats ist und bleibt der Patient gehörlos.

Dumme Situation, wenn die Barrieren im alltäglichen Leben dann immer noch bestehen und Inklusion immer noch ein Fremdwort ist.

Es muss weiter gedacht werden, längerfristiger geplant werden und umfassend nachgedacht werden bei Menschen mit Behinderung(en.). Sieht man auf den Demographiewandel in Deutschland, wird man sehen, dass auch irgendwann SIE selbst von einer barrierefreien Gesellschaft profitieren werden - nämlich im Alter.

Da kann ich nur die ganze Politik verständnislos grüßen.

Ihre Julia Probst

P.S. Mit einem Klick auf diesen Link kann man alle Blogeinträge von mir zum Cochlear Implantat nachlesen!
P.S. Der wichtigste Unterschied bei einem Cochlear Implantat und einem Hörgerät ist: Bei einem Hörgerät muss man sich nicht operieren lassen - man kann sich jederzeit aufrüsten lassen und die Gefahr einer Beschädigung des Innenohrs ist nicht gegeben wie bei einer Reimplantation.

Die Kosten für einen Gebärdensprachdolmetscher habe ich hier nicht aufgeschrieben - sie verursachen natürlich auch Kosten, aber die Gebärdensprache ist die Muttersprache von der Mehrheit der Gehörlosen. Niemand verlangt im übrigen von den Abgeordneten im Europarlament, dass sie Englisch fliessend beherrschen müssen, weil ja Dolmetscher da sind.

Und es wäre sicherlich sinnvoll, wenn man in der Ausbildung von Gehörlosenlehrern die Verpflichtung einführt, dass sie die Gebärdensprache lernen müssen für die Berufsausübung. Oder anders gesagt:
Kann man sich einen Spanisch-Student vorstellen, der keinen einzigen Satz Spanisch kann, den man aber im spanischsprechenden Ausland in ein Klassenzimmer schickt? Eben!

Sonntag, 29. Mai 2011

Fettnäpfchenclub ARD

Langsam muss man die ARD echt so bezeichnen, denn sie fällt in letzter Zeit unangenehm auf, was Barrierefreiheit angeht. Da vergisst sie einfach so, den Eurovision Song Contest zu untertiteln dieses Jahr, was sie 2010 sehr gut gemacht hat.

Meine Kritik dazu kann man hier lesen: Null Punkte gehen an die... ARD!

Dann lese ich eben im Spiegel, dass das ARD-Gremium Monica Lierhaus als Botschafterin für die Fernsehlotterie austauschen will gegen eine bekannte Person, die ohne Gage zur Verfügung steht. Aha. Ein bekanntes Gesicht, welches ohne Gage arbeitet? Und wohl auch behindert ist, damit es realistisch wirkt? Das nennt man Abzocke.

Hohe Gage - ARD Gremien wollen Lierhaus austauschen


Das Presseecho auf ihr Comeback am 22.03.2011 als Moderatorin der Fernsehlotterie war sehr geteilt. Besonders hat es mich gefreut, dass einige Medien Lierhaus als würdige Moderatorin bezeichneten für die Sendung, da sie eben eine Selbstbetroffene ist. Eine Behinderte eben, um die es ja hauptsächlich bei der Fernsehlotterie geht.

Aber das was die Welt online schrieb, war echt unter aller Sau, was schon bei der Überschrift anfängt: "Monica Lierhaus - Gespenstisches TV-Comeback." Dann geht es weiter im Text: "Das Gesicht starr, die Worte starr, die Augen weit offen, weiter als üblich. Mühsam muss das für Monica Lierhaus sein, die Sätze zu sprechen, einige Laute zischen ein bisschen. Sie ist krank, das erkennt jeder Zuschauer, hört es an der leicht maschinellen Aussprache. Sie sitzt. Wir sehen nur ihr Gesicht. "Ich drücke ihnen ganz fest die Daumen", sagt sie. Und "Dankeschön an alle Mitspieler". Es mag hart klingen, aber die Sendung hat viel mehr von einer Zurschaustellung als vom Auftritt einer Moderation. Oder von einem Auftritt der Botschafterin für die gute Sache. "

Es ist bedenklich, wie sehr der Text von Holger Kreitling ausdrückt, dass Behinderte und alles was außer der Norm ist, möglichst NICHT im TV zu sehen ist, denn im TV sollen bitte nur schöne, hübsche und gesunde Menschen zu sehen sein, denn das eigene Leben hat man ja vor der Haustüre - Behinderte sieht man nicht, weil sie aus der Gesellschaft aussortiert werden und da kann das Fernsehen doch um Himmels willen doch nicht so weit gehen und uns eine Behinderte direkt vor die Nase setzen! Und bedenklich ist auch, dass er mit dieser Sichtweise offenbar nicht alleine ist.

Das muss ein Ende haben. In England gibt es eine blinden Moderator in den Nachrichten und eine behinderte Moderator im Kinderkanal, worüber Christiane vom Behindertenparkplatz berichtete: Behinderte Moderatorin als Kinderschreck?

Das Magazin "Menschen - das Magazin" wird von einer ebenfalls behinderten Frau moderiert, was ich sehr begrüße.

Der Anblick von Menschen mit Behinderungen muss normal werden. So normal wie der Umgang mit ihnen, weil Inklusion gelebt wird.

Es ist an der Zeit dafür. Für eine solidarische und gemeinsame Gesellschaft, auf der keiner auf der Strecke bleibt - eine Gesellschaft, wo man gemeinsam lebt, wo es egal ist, wer man ist, was man hat und woher man kommt.

Vielleicht bin ich mal wieder zu idealistisch, aber ich glaube daran, dass diese Gesellschaft bald keine Utopie mehr ist.

Und zum Abschluss möchte ich Ihnen noch mal den Brief an Monica Lierhaus ans Herz legen, den ich ihr hier im Blog nach ihrem denkwürdigen Auftritt bei der Goldenen Kamera geschrieben habe: Liebe Monica Lierhaus!

UPDATE von 11:40 Uhr: Dank der zahlreichen Hinweise, dass die üppige Gage und nicht die Behinderung an sich das Problem ist bei Lierhaus, möchte ich kurz etwas zu bedenken geben: 2008 wurde verkündet, das die ARD Lierhaus 875.000 Euro € Jahresgehalt zahlt. Dann kam der Unfall dazwischen. http://meedia.de/fernsehen/monica-lierhaus-cash-queen-der-ard/2008/12/19.html Vielleicht haben die aufwändige Betreuungskosten mit eigener Krankenschwester usw. einges aufgefressen? Kann man nur spekulieren. Wie es wirklich ist, das weiß wohl nur sie selbst.

Samstag, 28. Mai 2011

Brandbrief an die Bundesregierung

Beim Herumstöbern auf YouTube entdeckte ich den Kanal vom Weißen Haus, also dem Oval Office und entdeckte folgendes: Die Videos sind mit Untertitel - natürlich mit englischen Untertiteln, wie sollte es auch anders sein? ;-) Gehörlose und Schwerhörige in den Staaten können also am Video-Podcast des Weißen Haus teilnehmen und erfahren so, was ihr Präsident so sagt und treibt.

Die Livestreams des Weißen Hauses sind außerdem sehr häufig mit Gebärdensprachdolmetscher und Live-Untertitel zu sehen, ganz zu schweigen davon, dass in Amerika alles im TV untertitelt und verdolmetscht wird.

Ich ziehe immer wieder als Beispiel für gelebte Inklusion das Video von der Inauguration Obamas an - ganz selbstverständlich Gebärdensprachdolmetschereinblendung und Live-Untertitel auf den Videoleinwänden und im Fernsehen. Diese Übertragung fand übrigens auch im Internet statt, weswegen die Gebärdensprachdolmetscherin mit blauem Hintergrund im Video zu sehen ist - normalerweise ist die Dolmetscherin nicht so "störend" im Bild zu sehen.

Und dann haben wir hier in Deutschland Bundeskanzlerin Merkel mit einem eigenen Videopodcast - ohne Untertitel und Gebärdensprachdolmetscher, was ich natürlich sofort in einer E-Mail an die Regierung bemängelt habe. Die Antwort kam zurück, dass man leider nicht technisch in der Lage seie Untertitel oder einen Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung zu stellen, aber man werde die Textversion online stellen. Nett, nicht wahr? Barrierefreiheit heißt, Zugang zu haben - ich möchte also auch Merkels Gesicht vor mir haben mit Untertiteln, wenn sie etwas sagt und nicht einen öden Text dazu lesen.

Die Bundesregierung legt sonst immer soviel Wert auf Chancengleichheit und Zugänglichheit, also warum sorgt sie nicht endlich dafür, dass der Videopodcast der Kanzlerin endlich mit Untertitel erhältlich ist?

Diesen Blogeintrag werde ich an den @RegSprecher in einem Tweet weiterleiten und außerdem noch an so einige Politiker. An die Bundesregierung selbst zu schreiben, kommt mir eher überflüssig vor, da sie mir auf meinen Appell auch selbst noch nicht geantwortet hat.

Hier übrigens der Screenshot von der Antwort eines Mitarbeiters des Regierungssprechers Steffen Seibert (das Kürzel BPA sagt aus, dass Seibert nicht selbst den Tweet verfasste) auf meinen Tweet damals, wie die Bundesregierung zu Menschen mit Behinderungen und zur Barrierefreiheit steht: (Für meine blinden Leser die Bildbeschreibung: Das ist ein Screenshot von der Antwort des Regierungssprechers Steffen Seibert auf meine Frage per Tweet: "Wie steht die Bundesregierung zu Menschen mit Behinderung(en) und zur Barrierefreiheit?" Antwort: @EinAugenschmaus Hilfe für MEsnchen mit Behinderung ist BReg sehr wichtig. Infos dazu im Internet http://www.einfach-teilhaben.de) (BPA) Das Kürzel BPA sagt außerdem aus, dass nicht Seibert selbst auf den Tweet reagierte, sondern ein Mitarbeiter des Bundespresseamtes.)

Mir ist klar, dass man auf Twitter nicht adäquat antworten kann, weil es eben nur 14o Zeichen gibt und es ist nett, dass das Bundespresseamt im Februar damals reagiert hat auf meinen Tweet und sogar einen Link setzt.

Menschen mit Behinderung(en) wollen aber keine Hilfen zum Ausgleich der bestehenden Barrieren, weil das Problem der nichtbarrierenfreien Gesellschaft so nicht beseitigt wird. Natürlich brauchen wir Hilfen für unser Leben, aber das sollte eher die Bedürfnisse der jeweiligen Behinderung abdecken und sonst sollte die Gesellschaft barrierefrei sein und Inklusion nicht nur ein Fremdwort sein.

Die Barrieren in den Köpfen der Menschen müssen verschwinden - die Gesellschaft, ich kann es nur wieder mal wiederholen, muss an den Punkt kommen, dass sie sich ernsthaft fragt:"Wie können wir alle an diesen Punkt kommen, dass wir als eine Gesellschaft von klein auf soweit kommen, dass es egal ist, woher man kommt, was man hat und wer man ist?"

Mein Regierungsauftrag an die Bundesregierung lautet: Barrierefreie Pressekonferenzen mit hochwertigen Live-Untertitel und Gebärdensprachdolmetschereinblendung sowie barrierefreien Videopodcast der Bundeskanzlerin sowie 100% 1:1- Untertitel im deutschen Fernsehen und sämtliche Nachrichtensendungen mit Gebärdensprachdolmetscher.

Nicht mehr und nicht weniger. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein und in puncto dieser Selbstverständlichkeit steht die Bundesregierung und die Fernsehanstalten Deutschlands in einer gewaltigen Bringschuld.

Und was die Barrierefreiheit im Web angeht, bin ich nicht die einzige, die sich darum Gedanken macht - wo bleibt eigentlich die lang geforderte Umsetzung von BITV2 (Barrierefreies Internet) im Web? Hier die Infos:
http://www.bik-work.de/startseite.html

Die Experten um BITV2 arbeiten hart an der Umsetzung, sie baten sogar die Bundeskanzlerin um Unterstützung in einem Brief, das geschah am 20.07.2009:
Bundeskanzlerin um Unterstützung gebeten Und sie wiesen auf die Dringlichkeit der Verordnung hin für Menschen mit Behinderungen: "Jetzt liegt seit einem halben Jahr ein abgestimmter Entwurf der BITV 2 vor. "Allerdings sehen wir nicht, dass dieser in die Tat umgesetzt wird bzw. als BITV 2 erlassen wird. Dem DBR ist es wichtig, dass die Weiterentwicklung der Verordnung, die jetzt auch auf die Belange von Personengruppen wie lernbehinderte, gehörlose und geistig behinderte Menschen eingeht, unverzüglich umgesetzt und die alte BITV abgelöst wird", betont der Deutsche Behindertenrat. Der Anspruch auf eine uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und der Zugang zu Informationen und zu Kommunikationswegen sei auch im Hinblick auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen dringend zu realisieren. Jeder Ausschluss bedeute Diskriminierung."

Bis heute ist es nicht bekannt, ob die Bundeskanzlerin überhaupt auf den Hilferuf reagiert hat, denn Google hatte lediglich 3 Seiten zu Bundeskanzlerin BITV2 vorzuweisen.

Interessant sind die Lippenbekenntnisse der Bundesregierung zur Barrierefreiheit, Inklusion, Integration der Menschen mit Behinderungen in diesem Protokroll vom 01.Dezember 2010:

http://www.bundestag.de/dokumente/protokolle/plenarprotokolle/plenarprotokolle/17077.txt

Mein Dank für diese Fragen an die Bundesregierung geht folgende Politiker: Markus Kurth, (Bündnis 90/Die Grünen), Dr. Wolfgang Strengmann-Kuhn (Bündnis90/Die Grünen), Silvia Schmid (SPD), Brigitte Pothmer (Bündnis90/Die Grünen), Manuel Sarrazin (Bündnis90/Die Grünen) , Priska Hinz (Bündnis90/Die Grünen), Dr. Ilja Seifert (Die Linke), Kerstin Andrae (Bündnis90/Die Grünen), Daniela Wagner (Bündnis90/Die Grünen), Dr. Konstantin von Notz (Bündnis90/ Die Grünen), Monika Lazar (Bündnis90/Die Grünen), Tabea Rößner (Bündnis90/Die Grünen), Tom Koenigs (Bündnis90/Die Grünen), Elisabeth Scharfenberg (Bündnis90/Die Grünen), Brigitt Bender (Bündnis90/Die Grünen), Anna-Maria Klein-Schmeink Bündnis90/DieGrünen), Uwe Kekeritz (Bündnis90/Die Grünen)! Sollte ich jemanden vergessen habe, dann tut es mir leid - aber jedem MdB des Bundestag, der sich getraut hat, der Bundesregierung eine kritische Frage zu stellen bezüglich der UN-Behindertenkonvention, Barrierefreiheit und Inklusion, dem gebührt Applaus für den Willen sich mit dem nicht sehr beliebten Ressort Behindertenpolitik auseinanderzusetzen!

Sehr interessant fand ich es, dass kein einziges Mitglied von der FDP/CSU/CDU überhaupt eine Frage gestellt haben dazu, aber sie stellen ja die Regierung, nebenbei ist es noch interessant zu erwähnen, dass der damalige Staatsekretär Daniel Bahr, der heutige Gesundheitsminister also, einige behindertenspezifische Fragen der Abgeordneten beantwortet hat.

Und auch hier: http://www.stefan-kaufmann.de/fileadmin/presse/reden_text/Rede_01122010.pdf Seite 111 - da geht es um die Frage, wie weit die Publikationen, Medien sowie Onlineangebote der Bundeszentrale für politische Bildung barrierefrei sein werden - und die Antwort der Bundesregierung ist unter anderem: Zudem plant die Bundezentrale für politische Bildung, 2011 in Form einer Lizenzausgabe oder einer Eigenpublikation einen Schriftenreiheband bereitzustellen, der sich mit den behindertenpolitischen Entwicklungen auseinandersetzt und darauf abzielt, das gesellschaftliche Bewusstsein für Menschen
mit Behinderung zu schärfen.

Entschuldigung, aber bei dieser Aussage weiß ich echt absolut nicht, ob ich lachen oder weinen soll - das Bewußtsein der Gesellschaft soll ab 2011 geschärft werden für Menschen mit Behinderung(gen)? Auf der Republica 2011 war ich am Stand der Bundeszentrale für politische Bildung und entdeckte die angebotenen DVDs. Meine Hand griff ganz selbstverständlich zur Rückseite der DVDS und meine Befürchtungen wurden bestätigt: Die DVDs sind ohne Untertitel für Gehörlose.

Was für ein Eigentor, nicht wahr? Ich habe dann ganz höflich nachgefragt, warum die DVD keine Untertitel hat und es war genauso wie damals am Tag der offenen Ministerien auf meine Nachfrage, warum die Werbefilme ohne Untertitel sind und warum die Rede von Bundeskanzlerin Merkel ohne Gebärdensprachdolmetscher seie:"Man habe nicht daran gedacht, aber man möchte es besser machen und meine Anfrage werde weitergeleitet und man sei sehr dankbar für meinen Hinweis."

Das geht seit Jahren so und damit das ein Ende hat: Liebe Bundesregierung - ich hätte da einen Vorschlag: Man gibt mir den Job als Behindertenbeauftragte - welche Person würde besser passen als ich? Eine selbst Betroffene, die (bisher) noch in keiner Partei vertreten ist, zudem müsste ich also nicht jedem schöne Augen machen in dem Job und würde nur auf die Umsetzung für Barrierefreiheit und Inklusion achten.

Außerdem wäre es ein großartiges Signal, dass die Bundesregierung bisher nicht nur Lippenbekenntnisse draufhat, sondern auch ganz offen zeigt, dass sie für eine wirkliche Inklusion und die Umsetzung der UN-Behindertenkonvention.

Aber es geht auch eine Nummer kleiner: SETZT endlich die UN-Behindertenkonvention um - dazu braucht es nicht mich als Behindertenbeauftragte, sondern macht endlich eure Hausaufgaben!

UPDATE vom 29.05.2011: Der oben stehende Text steht unter folgender Creative commons und kann auf anderen Webseiten verwendet werden. Creative Commons Lizenzvertrag
Brandbrief an die Bundesregierung zur Barrierefreiheit und Inklusion von Julia Probst steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Keine Bearbeitung 3.0 Unported Lizenz.
Beruht auf einem Inhalt unter meinaugenschmaus.blogspot.com.
Über diese Lizenz hinausgehende Erlaubnisse können Sie unter http://meinaugenschmaus.blogspot.com/ erhalten.

Sascha Grammel nun auch barrierefrei für Gehörlose!

Der Bauchredner und Comedian Sascha Grammel war mir bis heute unbekannt, aber soeben brachte mich sein barrierfreies YouTube-Video mit Untertitel und Gebärdensprache zum Japsen und Wegwischen der Lachtränen.

Die Schildkröte Josie, die eigentlich ein Geldautomat ist und Sascha Grammel bestreiten einen urkomischen Dialog miteinander - hier auf YouTube hat sich ein Fan die Mühe gemacht, das Video barrierefrei zu gestalten - mit Gebärdensprachdolmetscher und Untertitel.

Sascha Grammel selbst schreibt auf Taubenschlag.de in diesem Artikel, dass die DVD von ihm selbst leider ohne Untertitel ist, aber es durchaus Grund zur Hoffnung gibt: "Seitdem ich einmal bei einem Auftritt simultan in die Gebärdensprache übersetzt wurde, hat mich die Idee gepackt, meine Comedy (Bauchreden) auch gehörlosen Menschen zugänglich machen zu wollen. Meine DVD ist seit 2010 auf dem Markt, leider aber für Gehörlose schwer zu verfolgen. Bislang scheiterte eine Übersetzung meiner DVD an den Kosten. Nun hat sich ein Fan von mir die Mühe gemacht und einen Teil meiner Show gedolmetscht. Den Link zu dem Clip finden Sie hier:

Sascha Grammel - Josie (für Hörgeschädigte und Gehörlose)

Wenn viele Leute diesen Link anklicken und sich den Film ansehen, erklärt sich Universal Music (meine Plattenfirma) bereit, die ganze Haupt-DVD dolmetschen zu lassen und bei Itunes zum Dowload anzubieten."

Also, ich würde mir wünschen, dass die Plattenfirma sich dann bereit erklärt, die Haupt-DVD mit Untertitel UND Gebärdensprache anzubieten, damit auch die ganze Gruppe der Gehörlosen und Hörgeschädigten an der DVD teilhaben können. Es sollten immer beide Möglichkeit zur Auswahl angeboten werden, denn Barrierfreiheit anbieten heißt auch, Wahlfreiheit zu haben.

Und ich bin im übrigen ab sofort ein Fan von Sascha Grammel und Josie. Sie auch? Dann klicken Sie bitte das Video zahlreich an! :-) *sichimmernochdieLachtränenwegwisch*

Freitag, 27. Mai 2011

Kritik an die Würzburger Mainpost - nette Reklame für das Cochlear Implantat!

Diesen netten Text kann man in der Würzbürger Mainpost nachlesen, übrigens mit einem netten Tippfehler direkt im ersten Satz.

Zwei neue Ohren für Paul

An einigen Stellen macht sich der Text schwer durch Diskriminierung bemerktbar - angefangen bei der Bildunterschrift: "Glückliche Eltern: Durch ein Cochlear Implantat kann der siebenjährige Paul aus Aschaffenburg hören."

Da stellt sich mir doch die Frage: Sind Eltern eines gehörlosen Kindes ohne ein Cochlear Implantat nicht weniger glücklich? Fakt ist: Wenn Paul im Schwimmbad ist oder am Meer ist, dann wird er ohne das Cochlear Implantat herumrennen und ist gehörlos. Er ist nicht automatisch die ganze Zeit mit dem Cochlear Implantat versorgt und bewegt sich ständig auf einem guten Hörniveau.

Weiter heißt es in dem Artikel: "
Mit dieser Diagnose hätte Paul noch vor einigen Jahren kaum ein normales Leben führen können: Das Sprechenlernen – eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Der Besuch einer Regelschule – unmöglich. Der Alltag – ein Hindernisparcours."

So ein Quatsch - es gibt gehörlose Kinder mit oder ohne Cochlear Implantat, die eine Regelschule besuchen, meistens mit einem Gebärdensprachdolmetscher oder einer Integrationsfachkraft. Ein Kind, welches mit einem Cochlear Implantat versorgt ist, kann möglicherweise eine Regelschule ohne einen Gebärdensprachdolmetscher besuchen, aber das kann man nicht auf alle implantierte Kinder ausdehnen, weil eben jedes Kind individuell ist und der Hörerfolg auch individuell ist.

Übrigens: Ich habe hörende Schulen ohne einen Gebärdensprachdolmetscher besucht - es ist durchaus machbar und ganz sicher nicht unbewältigbar - für mich war das machbar, weil ich eben in der Lage dazu war.

Aber diese CI-Propoganda greift leider erfolgreich um sich, wenn man mal die Fälle anschaut, wo Eltern ihr gehörloses Kind auf eine Regelschule oder in den Regelkindergarten schicken wollten mit einem Gebärdensprachdolmetscher oder einer Integrationsfachkraft - den Eltern wurde mit dem Entzug des Sorgerecht gedroht, wenn sie ihr Kind nicht mit einem Cochlear Implantat versorgen lassen würden, weil das Kind so ganz sicher ganz "normal" die Regelschule besuchen könne.

Siehe dazu auch diese Blogeinträge von mir: CI-Zwang für gehörlose Kinder? und hier: Morgen haben die Eltern den Termin beim Jugendamt sowie Lieber keine schlafenden Hunde wecken, sonst...

Die Inklusion zur einer echten Wahlfreiheit für Betroffene ist eine Kostenfrage und diese Kostenfrage hat auch schon die Politik erreicht in der Gestalt von der bayerischen Sozialministerin Christine Haderthauer, die für das Cochlear Implantat ganz ungehemmt Werbung macht auf ihrer Seite: Neue Wege in die Welt der Hörenden

Aber dazu habe ich mich schon mal hier in diesem Blogeintrag geäußert - mein berühmter Vulkanausbruch an die Adresse von CDU/CSU & FDP: So geht es echt nicht, liebe CSU/CDU plus FDP!

Auch sind die Konnotationen im Artikel eine unterschwellige Werbung: "Wenn man Paul, der inzwischen sieben Jahre alt ist, heute fragt, wer sein Lieblingsspieler bei Bayern München ist, antwortet er blitzschnell und mit klarer Kinderstimme: „Mario Gomez!“ Was mit Blick auf seine Diagnose unmöglich erscheint, ist durch den technischen Fortschritt möglich geworden.

Gehörlose ohne ein Cochlear Implantat sind also dumm und langsam....?! Interessante Aussage und wieder mal verdammt falsch.

Aber es wird noch schöner: "Laut der Logopädin Sabine Speidel schaffen es aber nicht alle Kinder, so unbeschwert mit dem Implantat umzugehen. Manche kommen gar überhaupt nicht in den Genuss des technischen Fortschritts: „Gehörlose Elternpaare wollen manchmal nicht, dass ihr Kind implantiert wird. Sie haben ihr Leben taub verbracht und betrachten dies oft nicht als Behinderung, sondern als Kultur und ihr Kind soll unbedingt ein Teil davon sein“, so der Leiter des CIC Rudi Kroker."

Aha, da sind wir dann also schon bei dem unerträglichen Leitgedanken von Müller & Zaracko aus diesem Artikel:"Haben gehörlose Kleinkinder ein Recht auf ein Cochlear Implantat?" (PDF zum freien Download)
In diesem PDF wird ganz unverholen davon gesprochen, dass der Staat in die Erziehung gehörloser Eltern eingreifen solle, wenn diese ihr Kind NICHT mit einem CI versorgen lassen wollen, da das Kind als Träger eigener Grundrechte Anspruch auf den Schutz des Staates hat.

Der Artikel ist unerträglich negativ, denn er bejaht die Haltung der Gesellschaft, dass Behinderte sich an die Gesellschaft anzupassen haben und das ist eine grundfalsche Haltung, denn wir müssen als Gesellschaft an den Punkt kommen, wo wir sagen: "Wir haben hier diese Menschen mit besonderen Bedürfnissen, aber auch mit besonderen Fähigkeiten, die wir "Normalen" nicht haben. Was können wir als Gesellschaft tun, damit sie mitten unter uns MIT uns leben können?"

Nicht das Dezifit sollte im Mittelpunkt stehen und schon gar nicht "wegtherapiert" werden, sondern der Mensch an sich sollte im Mittelpunkt stehen. Das Miteinander in der Gesellschaft - die aufeinander zugeht und voreinander profitiert.

Und meine Haltung zum CI betone ich nochmal ganz klar: Ich bin nicht gegen das Cochlear Implantat, da ich auch selber eine Trägerin bin, sondern ich bin gegen dieses Denken, dass jedes gehörlose Kind damit versorgt werden MUSS, d.h. dass die Eltern keine freie Wahlmöglichkeit haben, was das Beste für ihr Kind ist.

Für alle Betrofffenen wünsche ich mir, dass sie genau die gleichen Perspektiven und Chancen in der Gesellschaft haben - mit oder ohne Cochlear Implantat.

UPDATE vom 29.05.2011: Ich bin zwar eine CI-Trägerin, aber ich bin erst mit 12 Jahren implantiert worden, d.h. mein Grundschulbesuch damals lief, wie bereits erzählt, ohne Gebärdensprachdolmetscherin und ohne Cochlear Implantat ab. Ich habe also meine Liebe zur Sprache, meinen guten Wortschatz und meine ganz gute Aussprache ohne das CI erworben. Es gibt sie - die sprach- und schriftbegabten Gehörlosen und ich bin eine von ihnen. Wir stellen zwar eine Minderheit dar unter den Gehörlosen, aber diese Beispiele zeigen doch nur, dass es wirklich mehrere Wege gibt!

Dienstag, 24. Mai 2011

Zahnarzt in Hamburg für Gehörlose

Ein schönes Beispiel, wie man einen Internetauftritt einer Arztpraxis und gleich die Behandlung mit barrierefrei umsetzen kann, habe ich soeben im Taubenschlag gefunden: Eine Hamburger Zahnklinik hat sich auf gehörlose Patienten spezialisiert, da die Zahnärztin und die Helferinnen die Gebärdensprache beherrschen.

Zahnarzt für Gehörlose in Hamburg


Schön, dass es auf der Homepage ein Video mit Gebärdensprache und Untertitel gibt, wo dem gehörlosen Patienten die Anfahrt zur Praxis und die Behandlungsabläufe erklärt werden.

Es wäre wünschenswert, wenn die auch andere Ärzte diesem Beispiel folgen würden - klar kann nicht jeder einfach mal so die Gebärdensprache lernen, aber man könnte solche Videos online setzen, die den Behandlungsablauf erklären oder die ganzen Therapien, die der Arzt/die Ärztin anbietet.

Und der Tipp mit dem Ball aus der Hamburger Praxis ist nachahmenswert für andere Praxen, denn dann kann man beim Aufrufen den gehörlosen Patienten nicht übersehen.

Ich bin mal gespannt, ob dieses Beispiel Schule machen wird !

Samstag, 21. Mai 2011

Es sieht traurig aus für die kommenden Deaflympics!

Sowohl für die Sommer-Deaflympics und die Winter-Deaflympics.

Dieses Jahr hätten die Winterdeaflympics vom 19.Februar bis zum 26. Februar 2011 in der Slowakei stattfinden sollen. Sie wurden aber abgesagt aufgrund eines größeren Skandals.

Blogeinträge dazu: Gestern sollten die Deaflympics in der Slowakei beginnen
Die Winter-Deaflympics sind abgesagt worden!

Was eigentlich die Deaflympics sind? Es sind die olympischen Spiele der Gehörlose, die allerhöchste Ehre im Leben eines gehörlosen Sportlers überhaupt und kommunikationstechnisch ein Fest der Kommunikation durch die verschiedenen Gebärdensprachen weltweit. Und warum es eigentlich so ist, dass die Gehörlosen eigene olympische Spiele haben, erkläre ich hier in diesen Blogeintrag:

Die Sache mit den Deaflympics und Gehörlose haben ihre eigene olympischen Spiele!

Das steht in Wikipedia über die Deaflympics: Deaflympics -Eintrag

Und nun sieht es sehr düster aus für die kommenden Spiele, denn wie gesagt wurden die Winter-Deaflympics annulliert und ein Nachholtermin steht nach wie vor nicht fest und die Austragungsorte der nächsten Spiele sehen auch sehr unsicher aus.

2013 sollen die Sommer-Deaflympics in Athen stattfinden, doch es gibt seit 2009 kein organisiertes Komittee für die Spiele in Griechenland und ohne Unterstützung der griechischen Regierung liegen keine günstigen Bedingungen für die Spiele vor. In diesen Tagen wird eine Ankündigung der griechischen Regierung erwartet, ob man die Spiele tatsächlich austragen wird oder ein anderes Land die Ehre bekommt.

2015 sollen die Winter-Deaflympics in Vancouver stattfinden, doch das Organisationskomitee hat sich aufgelöst und die Bewerbung zurückgegeben, weshalb die Bewerbungsphase nun neu anlaufen wird für die anderen Länder.

2017 sollten die Sommer-Deaflympics in Barcelona stattfinden, doch der Bürgermeister von Barcelona wird in diesen Tagen die Bewerbung zurücknehmen, da die Kosten nicht alleine von der Stadt Barcelona gestemmt werden können. Offiziell ist die Rückgabe der Bewerbung aber noch nicht, denn am 22. Mai finden in Barcelona die Kommunalwahlen statt. Vielleicht wird Buenos Aires 2017 der Austragungsort werden, aber darüber wird erst beim ICSD-Kongress in Rom vom 13-15. September 2011 abestimmt werden. (Das Internationale Sportkomitee für Gehörlose (ICSD = International Committee of Sports of the Deaf)

Das ICSD-Komittee lies nun in der dazugehörigen Presserklärung zur den Problemen rund um die kommenden Austragungsorte verlauten, dass man vollstes Verständnis habe für die Sorgen der gehörlosen Athleten weitweit um die Zukunft des Gehörlosensports, denn die Zukunft ist wirklich ungewiss und der ICSD wird die Hilfe brauchen von PartnerInnen aus der ganzen Sportlerwelt! Quelle: http://www.ciss.org/news/pressreleases.asp?ID=1574

Übrigens, ich finde, dass mal wieder an der Zeit ist, dass Deutschland Austragungsort wird von den Deaflympics und ich favorisiere eine Sommer-Deaflympics, da ich selbst auch aus leicht nachvollziehbaren Gründen gegen die Bewerbung von München 2018 bin für die Olympischen Spiele - der Eingriff in die Natur ist meiner Meinung nach unverzeihlich! Die letzten Sommer-Deaflympics trug Deutschland übrigens 1931 in Nürnberg aus und 1981 in Köln und die letzte und einzige Winter-Deaflympics 1961 in Berchtesgaden.

Also, Deutschland - wie wäre es, wenn du 2013 oder 2017 die Sommer-Deaflympics hier austrägst? Allerdings sind bei den Winter-Deaflympics weniger winterliche Sportarten mit Startern belegt, so dass man darüber nachdenken könnte, 2015 die Winterspiele auszurichten.

Es wäre ein großartiges Signal, wenn es diesmal aus Deutschland heißen würde: "Bei Freunden zu Gast in der stillen Welt."

Und wie fändet ihr es, wenn in Deutschland die Deaflympics ausgetragen werden? Würdet ihr da hingehen und die Sportler anfeuern und schauen, wie überhaupt unter den Gehörlosen die Schiedsrichterentscheidungen "gepfiffen" werden?

Wer noch mehr wissen möchte über die Deaflympics, hier gibt es noch mehr Blogeinträgevon mir dazu:

Die Olympischen Spiele stehen mal wieder vor der Türe!

Der bekannteste Teilnehmer der Deaflympics ist Terence Parkin, der bei Olympia 2000 in Sydney die Silbermedaille über 200 M Brust gewann!

Paralympics versus Deaflympics

158 Athleten treten demnächst für Deutschland an bei den Deaflympics 2009 und Die Ausbeute der Athleten

Wo wir übrigens schon beim Gehörlosensport sind: Derzeit finden gerade die Volleyball-Europameisterschaften in der Türkei statt und die Nationalmannschaft der Herren schaffte die Sensation im Viertelfinale gegen Italien: Der erste Sieg gegen die italienische Manschafft überhaupt! Dann war der Gegner Russland, der amtierende Deaflympics-Sieger doch eine Nummer zu groß im Halbfinale heute morgen! Die Frauen werden nun um Platz 5 spielen.

Donnerstag, 19. Mai 2011

Kurzer Nachtrag zu Galileo

So, jetzt ist er gelaufen, der Beitrag in Galileo zum Thema Lippenlesen.

Erstaunt hat mich, wie kurz der Beitrag war, denn wir haben ja den ganzen Dienstag gedreht und eigentlich hatten viele nette Ideen für die geplante Storyline.

Aber ich bin froh, dass es mir gelungen ist, die Information reinzuschmuggeln, dass man in der Kommunikation mit Gehörlosen nicht schreien muss, sondern dass es auf eine deutliche Aussprache und etwas langsameres Sprechen ankommt - vielleicht habe ich damit die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen im alltäglichen Leben etwas verbessert?

Und Untertitel gab es auch für die "armen" Hörenden.

Vielleicht wird nun ganz Galileo-Deutschland glauben, dass alle Gehörlose perfekt von den Lippenlesen können, aber das ist nicht der Fall, weil da mehrere Faktoren mitspielen. Und ich habe halt das Glück, dass ich über sehr gute Ablesefähigkeiten verfüge, weswegen die Leute von Galileo auch auf mich aufmerksam geworden sind.

UPDATE vom 21.05.11: Hier ist der Link zum Galileo-Beitrag, welcher noch bis Donnerstag angeschaut werden kann: Ab der 37:50 Minute sieht man mich in der Vorschau, dann geht es ab der 43:25 Min los!

Und in diesem Blogeintrag erkläre ich ganz gut, worauf es ankommt beim Lippenlesen:

Lippenlesen - wie funktioniert das überhaupt?

Mittwoch, 18. Mai 2011

Galileo einschalten!

Eigentlich sollte ja der Beitrag mit mir in "Galileo" auf ProSieben eigentlich erst an diesem Freitag um 19:10 ausgestrahlt werden, doch nun hat mich die SMS erreicht, dass der Beitrag morgen, den 19. Mai 2011 schon austgestrahlt wird. Die Uhrzeit ist natürlich die gleiche.

Ich bin selber sehr gespannt, ob der Beitrag mit Untertitel sein wird - wenn nicht, gibt's einen Blogeintrag dazu, aber ich hoffe sehr, dass ich in den Beitrag mitreinschmuggeln konnte, wie man am besten mit Gehörlosen kommuniziert und so eine kleine Aufklärung starten konnte.

Manchmal kann man nicht alles haben, aber ich hoffe es doch sehr bis morgen abend 19:10 und dann sehen wir mal, was da rausgekommen ist.

Gedreht wurde übrigens letzten Dienstag in München, was sehr viel Spaß gemacht hat mit dem netten Team und es war wieder mal interessant zu sehen, wieviel Material man doch braucht für einen mehrminutigen Beitrag.

Achja, das Thema ist: "Lippenlesen." ;-)

Wir sehen uns also morgen abend um 19:10 auf Galileo!

Friedliches Miteinander durch Gebärdensprache

Sport bewirkt oft wahre Wunder, wenn es um gegenseitige Akzeptanz geht, wenn die Sportler aus verschiedenen Kulturen und damit auch aus verschiedene Religionen kommen. Dieses Wundermittel wird oft eingesetzt bei verfeindeten Religionen, aber es gibt auch einfache Austauschprojekte.

Vor einiger Zeit sah ich mal eine Reportage über ein Austauschprojekt zwischen Palästinensern und Israelis im Kindesalter und fand es schön zu sehen, wie Vorurteile da rascher abgebaut werden konnten als zwischen Erwachsenen - genau dieser Punkt spricht für Inklusion von Menschen mit Behinderungen und Ausländern in die Gesellschaft von Kindesbeinen an!

Und was, wenn Gebärdensprache dazu beitragen kann, dass gehörlose Kinder in Israel aller Religionsgruppen friedlich nebeneinander leben und eine gemeinsame Schule besuchen? Das passiert tagtäglich in der Hattie-Friedland-Schule im Osten von Jerusalem. Seit 30 Jahren unterrichten hier die Lehrer Juden, Christen, israelische Araber und Palästinenser im Alter zwischen 6 und 21 Jahren. Derzeit besuchen 100 Schüler diese Schule, einige von ihnen haben noch ein Restgehör, andere sind vollkommen gehörlos, aber sie alle teilen das gemeinsame Schicksal und lernen gemeinsam die Gebärdensprache und werden in Gebärdensprache unterrichtet. Trotz der errichteten Sperren ist es den Kindern aus den verschiedensten Vierteln dank einer Sondererlaubnis möglich die Schule zu besuchen.

Freundschaften enstehen dort zwischen den Schülern, Brücken werden gebaut zwischen den Familien der Kinder.

Dennoch haben es jüdische und christliche Kinder nach dem Abschluss an dieser Schule es einfacher sich in der israelischen Gesllschaft zu integrieren, denn bei den Palästinensern gilt Taubheit als ein Makel, den man verstecken soll, was im Umkehrschluss bedeutet: Die gehörlosen Pälestinenser haben es schwer überhaupt einen Arbeitsplatz zu finden in ihrer Gesellschaft.

Was bleibt nach dem Besuch dieser Schule? Hoffentlich lebenslange Freundschaften.

Das Video über diese Schule kann man hier finden:

Gehörlose Kinder in Jerusalem an der Hattie-Friedland-Schule - der Beitrag ist noch einige Tage lang abrufbar und ab der Minute 23:15 geht es um diese Schule.

Schade nur, dass der Beitrag nicht durchgehend untertitelt ist, damit auch Gehörlose was vom Beitrag haben.

P.S. In Israel werden Gehörlose auch zum Militärdienst eingezogen. Darüber habe ich auch schon mal gebloggt: http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2012/02/gehorlos-und-soldat-teil-2.html
Ebenfalls lernen die Soldaten der israelischen Armee Gebärdensprache und der Effekt ist mehr als positiv, wie man hier nachlesen kann: http://www.israelnetz.com/sicherheit/detailansicht/aktuell/armee-bietet-kurse-fuer-gebaerdensprache-an-19962/#.U7weiMYxqTs

Sonntag, 15. Mai 2011

Null Punkte gehen an die....ARD!

Gestern abend war also die Mission Titelverteidigung angesagt bei Lena Meyer-Landrut, gelandet ist sie auf den 10. Platz - die Mission ist also gefloppt.

Aber den viel größeren Flop leistete sich ganz klar die ARD - in allen Fernsehzeitschriften, im Videotext sowie online war der Eurovision Song Contest mit Untertitel angekündigt, aber gesendet wurde ohne Untertitel, was für Entsetzen unter den Gehörlosen und Schwerhörigen gesorgt hat, denn letztes Jahr wurde es nämlich mit Untertitel ausgestrahlt!

Zwar dachte ich gestern kurz, dass ich das mit den Untertitel 2010 in Oslo nur geträumt habe, aber der Blick eben auf die Teilnehmerliste von Oslo hat mein Gedächtnis wieder aufgefrischt, denn Armenien trat mit einem Lied namens "Apricot Stone/Aprikosenkern" an und der Untertitel erklärte, dass Aprikosen sehr wichtig seien für dieses Land, da sogar der botanische Name der Aprikose sich vom Ländernamen Armenies ableitet.

Das ist ein herber Rückschritt der Barrierefreiheit bei der ARD, denn letztes Jahr lief es also nachweislich mit Untertitel. Die ARD hat also schon mal bewiesen, dass sie es eigentlich kann. Was war denn gestern los? Wollte sie einfach nicht oder hat sie es einfach vergessen, dass da eine wichtige Aufgabe vor ihr liegt?

Interessant ist auch, dass mein Kontaktmann bei der ARD erklärt hat, dass es nie geplant war, den ESC dieses Jahr mit Untertitel zu senden und das Untertitelsymbol überall als klassischen Fehlerbug der ARD erklärt hat.

Meine Güte, ich bin nicht mal so richtig wütend, sondern so fassungslos, dass mir die Worte fehlen, dass die ARD gestern ganz offensichtlich keinen Willen dazu hatte, die Untertitel beim ESC zu senden und interessanterweise wurde auch der fehlende Willen dazu klar erkennbar durch die Übertragung vom "Das Wort zum Sonntag" aus der Esprit-Arena in Düsseldorf ohne Untertitel, obwohl es sonst immer mit Untertitel ausgestrahlt wird.

Außerdem wäre noch zu bemängeln, dass die die Einblendungen zu den jeweiligen Künstlern aus den Ländern und der Songtitel viel kurz zu sehen waren - die Mindestinformationen waren also auch nicht mal richtig barrierefrei und viele Twitterer haben mir auch gesagt, dass die Telefonnnummern auch nicht optimal lesefreundlich eingeblendet sind.

Auch wurde mir erzählt von einigen Twittern aus dem Ausland, dass der Song Contest z.b. einigen Ländern im Ausland komplett untertitelt wurde, die Kommentare der Moderatoren sowie die Liedtexte wurden eingeblendet. Am häufigsten wurden die vorbildlichen Untertitel der BBC gelobt! Die BBC erwähnte gestern übrigens beim Auftritt der Sängerin aus Litauen, die einen Teil von ihrem Lied in Gebärdensprache mitgesungen hat, dass sie wissen, dass dass der Song Contest viele gehörlose Zuschauer hat.

Für mich ist der die klare Weigerung der ARD gestern nicht zum ersten Mal der klare Beweis dafür, dass man mit freundlichen Aufforderungen an die Fernsehanstalten nicht dazu bewegen kann, komplett barrierefrei zu agieren, sondern man muss richtig die Daumenschrauben anziehen und und sie knallhart dazu verpflichten ohne Hintertüren im Vertrag. Vertrag ist Vertrag - die müssen der Aufforderung nachkommen, sonst werden Strafen fällig.

Ich werde mich jedenfalls ab 2013 weigern 6 € Euro abzudrücken - zahlen tue ich erst, wenn ich für mein Geld eine ordentliche Leistung bekomme und zwar 100% hochwertige Untertitel im deutschen Fernsehen.

P.S. Noch eine Anmerkung: Bevor man so sehr mit der Zeit gehen will und eine Twitterwall auf der Videotextseite 777 einrichtet, sollte man sich doch mal überlegen, ob nicht Barrierefreiheit eine dringlichere Sache und ob diese Idee möglicherweise oder ganz offensichtlich mit der Videotextseite 150 für Untertitel kollidiert.

Samstag, 14. Mai 2011

Was erlauben sich Merkel?

Die Absichtserklärungen der Bundesregierung für mehr Teilhabe der Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft zu sorgen, sind reine Absichtserklärungen - umgesetzt wurde davon kaum etwas.

Vor allem ist es besonders ironisch, dass Frau Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem Video-Podcast am 09.04.2011 vollmundig erklärt:"Aber das Miteinander in unserer Gesellschaft ist inzwischen selbstverständlich geworden. Grundlage dafür ist auch, dass in unserem Grundgesetz die Teilhabe aller am gesellschaftlichen Leben festgeschrieben ist. Die Bundesrepublik hat 2009 das Abkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen unterschrieben. Jetzt geht es darum, dieses Abkommen im realen Leben in die Tat umzusetzen."

Den Podcast der Bundeskanzlerin für mehr Teilhabe der Menschen mit Behinderungen in der Gesellschaft findet sich hier.

Ich wiederhole noch mal: Es wurde kaum etwas davon umgesetzt. Selbst die Rede der Bundeskanzlerin am Tag der offenen Türe in den Ministerien und im Bundeskanzleramt im August 2010 war nicht barrierefrei - denn es war keine Gebärdensprachdolmetscherin anwesend - einzig im Familienministerium bei der Antidiskriminierungstelle des Bundes. Alle Werbefilme der Ministerien waren ohne Untertitel - nur das Video über das einheitliche Behördentelefon war mit Untertitel und Gebärdensprache, aber wohl nur deswegen weil es auch ein Gebärdensprachtelefon dazu gibt. Ich muss wohl gar nicht erst erwähnen, dass der Podcast übrigens ohne Untertitel und Gebärdensprachdolmetschereinblendung ist, obwohl ich damals beim Start des Podcasts gleich an die Regierung schrieb und darum bat, dass es Untertitel und/oder Gebärdensprachdolmetschereinblendungen umgesetzt werden. Ich bekam die Antwort zurück, dass es technisch nicht möglich seie, aber man werde eine Textversion online stellen. Sehr nett, aber davon haben halt nur die lesekompetenten Schwerhörigen und Gehörlosen etwas.

An dieser Stelle frage ich mich: Wo sitzen in dieser Regierung eigentlich kompetente Fachleute, die wissen, was von Menschen mit Behinderungen gewünscht und gefordert wird, damit das umgesetzt werden kann.

Die logische wie traurige Antwort: Gar nicht - die gibt es nicht, denn die interessieren sich nicht dafür und erst recht nicht Frau Bundeskanzlerin Merkel, denn am 10.05.2011 versammelten sich Menschen mit Behinderungen vor dem Kanzleramt zu einer Kundgebung mit der Forderung: "Rettungsschirme für Menschen anstatt für Banken." Hier wäre die Gelegenheit gewesen für die Kanzlerin und sämtliche Abgeordnete der Regierung aus allerererster Hand zu erfahren, was gewünscht wird und woran es fehlt.

Nur: Die Bundeskanzlerin war terminlich verhindert, wie es aus dem Umfeld des Bundeskanzleramt hiess.

Rettungsschirme für Menschen statt für Banken

Die Kommentare unter dem Artikel sind übrigens sehr interessant und aufschlussreich.

Wetten, dass.... das Frau Merkel sich erst wieder zum Thema Behindertenpolitik äußern wird, wenn es ihrer Partei nützt und somit ihrer Regierung?

Übrigens gibt es ab Dienstag einen längeren Artikel von mir dazu, aber das werde ich noch gesondert ankündigen!

Nur schade, dass die wenigen Politiker, die sich für Integration und Inklusion, sprich für aktive Teilhabe nteressieren, oft ausgebremst werden.

Es ist an der Zeit, dass sich endlich was ändert!

Der FC Bundestag verlor ein Fußballspiel....

und zwar nicht nur irgendeins, sondern gegen die deutsche Nationalelf der Menschen mit geistiger Behinderung mit 7:2.

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Der FC Bundestag verliert ein Fußballspiel gegen Menschen mit geistiger Behinderung.

Fußball-Nationalelf der Menschen mit geistiger Behinderung schlägt den FC Bundestag

Ich spare mir das Fazit aus dieser Begegnung und lehne mich genießerisch zurück.

Eine unerhörte Parallelgesellschaft mitten in München

München, Nymphenburger Straße.

Ein großes gelbes Haus - viele Passanten kommen daran vorbei und kaum einer weiß, wer da eigentlich wohnt. Vielleicht am ehesten noch der Obstverkäufer direkt davor.

Ich schlüpfe am Obstverkäufer vorbei, trete in den Vorgarten. Meine Hand greift nach der einen Schwingtüre, die ich früher so oft angefasst habe, doch die Türe ist verschlossen. Na klar, es es ist noch nicht Einkehrzeit der gehörlosen Azubis, die dort wohnen, leben, lachen und lernen. Dennoch erfahre ich von einigen kranken Gehörlosen, dass der Heimleiter leider noch nicht gesichtet wurde. Und bin etwas entsetzt, wie einfach die Sprache der Gehörlosen geworden ist.

Ich trete meinen Rückzug an und entere das Haus durch den Hintereingang und treffe dort gleich auf meinen alten Heimleiter, welcher mich auch sofort erkennt trotz der langen Abwesenheit. Breites Grinsen macht sich breit auf unseren Gesichtern, denn wir erinnern uns wohl sofort daran an die damaligen Diskussionen über die Gehörlosenwelt und das Bildungsniveau der Gehörlosen. Optisch hat der Heimleiter sich nun mal gar nicht verändert. Und er schmunzelt mich an: "Du gebärdest ja fast gar nicht mehr." Lachend erwidere ich, dass ich immer erst nach einer Weile wieder weiß, wie man gebärdet.

In meiner Erwartung habe ich vielleicht gedacht, dass er etwas grauer und weniger enthusiastisch an die Arbeit geht, doch seine Leidenschaft für seine Arbeit ist immer noch ungebrochen wie eh und je, auch wenn er die aktuellen Veränderungen in der Gehörlosenwelt mit Besorgnis verfolgt. Auch schwärmen mir seine Mitarbeiter/innen vor, was für ein toller Chef er seie.

Ich löchere ihn mit einigen Fragen , denn durch das kurze Gespräch mit einigen gehörlosen Azubis hatte ich das Gefühl, dass das sprachliche und bildungstechnische Niveau der Gehörlosen sogar einen weiteren Absacker nach unten getan hat als zu meiner Zeit schon.

Diese Auffassung teilt er auch und erzählt mir, wie jedes Jahr auf dem Einwohnermeldeamt beim Ausfüllen der Anmeldung die Frage auftaucht: "Was bedeutet ledig?" Dieses einfache Wort ist immer noch für die Mehrheit der Gehörlosen ein Fremdwort.

Und die aktuelle Entwicklung der Arbeitsämter aufgrund der Sparpakete, soweit wie möglich zu versuchen die Jugendlichen ohne Unterstützung direkt im Arbeitsmarkt auf einen Ausbildungsplatz zu unterbringen, die dann durch die hohe Frustation doch wieder im BBW landen, weil das Niveau für sie dort einfach zu hoch ist, weil man die gehörlosen Kinder eben nicht von Anfang an fördert, so wie man das eigentlich tun müsste, sieht er kritisch. Früher war es halt klar, dass die gehörlosen Jugendlichen direkt im BBW (Berufsbildungswerk) landen und dort hat man halt versucht, diese innerhalb der Ausbildungszeit reif zu machen für das Leben da draußen.

Natürlich ist es mir auch klar, dass ein BBW eigentlich auch ein Ghetto ist, aber im Grundsatz hat er recht - die Frühförderung der gehörlosen Kinder muss qualitativ schon sehr früh stattfinden, so dass sie bestmöglichst mit ihrer Situation klarkommen und gewappnet sind für eine Ausbildung direkt im ersten Arbeitsmarkt und so lange das eben nicht passiert, ist ein BBW leider für die Mehrheit der Gehörlosen der richtige Ort.

Hier sehe ich die Inklusion der Menschen mit Behinderung(en) als eine echte Chance für eine bessere Bildungspolitik für alle - sozial wie intellektuell.

Die Kommunikationsmöglichkeiten für die Gehörlosen sind in den letzten Jahren durch das bezahlbare Internet regelrecht explodiert, aber die Informationsmöglichkeiten sind genauso spärlich geblieben wie früher, denn mit dem Leseverständnis hapert es nach wie vor. Informationen sind also für Gehörlose heute wie früher nur selten aus einem Text ersichtlich. Aber es gibt auch erfreuliche Entwicklungen - die Gehörlosen sind selbstbewußter als früher, nur leider kollidiert das mit ihrer Informationsbeschaffungs- und Kommunikationskompetenz.

Ich habe große Lust mit meinem alten Heimleiter so ein richtiges Video-Interview zu machen, denn durch seine jahrelange Arbeit im Wohnheim der Azubis hat er einen großen Querschnitt durch die Gehörlosenwelt erlebt. Mal sehen, ob er dazu bereit ist. :-)

Freitag, 13. Mai 2011

Gebärdensprache mit Stacking verwechselt

Auch das war neu für mich: Von Stacking - der Handzeichenkommunikationsform der Kriminellen, speziell in Amerika habe ich bisher auch noch nie was gehört, aber dennoch sieht man die Unterschiede zur Gebärdensprache, wenn man die Videos miteinander vergleicht, wobei 20 Minuten Online ein ziemlich beschissenes Vergleichsvideo zur Gebärdensprache ausgegraben hat: So langsam gebärden Gehörlose wirklich nicht - wer mal z.b. "Sehen statt Hören" gesehen hat, der weiß dass Gebärdensprache ziemlich flott abgeht - guckt euch mal das Video von Tobias Kramer, besser bekannt als Tobiz an: http://www.youtube.com/user/AktionUntertitel

Liebe Journalisten, es reicht nicht, wenn man einfach nur ein paar Videos über Google sucht und glaubt, dass man damit genug gefunden hat - wie wäre es mit einer Überprüfung, ob man auch wirklich ein wirklich gutes Vergleichsvideo fand? Oder wolltet ihr einfach die "armen" Hörenden einfach nur nicht damit überfordern, wie schnell das Tempo sein kann und ihr habt ein extra langsames Video gefunden?

Beispielsweise wäre z.B. "Fuck you" von Cee-Lo auf ASL ein ziemlich gutes Vergleichsvideo gewesen! !

Aber genug mit der Medienschelte: Aber was, wenn man nur weiss, dass es Stacking gibt, aber noch nie was von der Gebärdensprache gehört hat?

So erging es einer Amerikanerin in Florida, sie sah ein einem Club eine feiernde Gruppe von Gehörlosen eine Unterhaltung in Gebärdensprache führen und hielt sie für Mitglieder einer Gangstergruppe. Ein Augenzeuge berichtete, dass Barbara Lee die Gehörlosen mit ihrem Verdacht konfrontierte und natürlich nicht sehr erfolgreich war, da es ganz offenbar Kommunikationsprobleme gab zwischen ihr und den Gehörlosen.

Aber das war nicht das Ende dieser Geschichte - ein wenig später kehrte Lee mit dem 19jährigen Marco Ibanez zurück zu den Gehörlosen, welcher dann auf die Gruppe mit einem Messer einstach. Resultat: 4 schwer verletzte Personen, zwei Gehörlose erlitten Stichwunden, ein Rauschmisser bekam eine Flasche über den Kopf gezogen.

Ibanez und Lee wurden verhaftet und wegen "Angriff mit einer tödlichen Waffe" angeklagt.

Quelle: Gebärdensprache provoziert Messerattacke

Verrückt, dass dies mitten in Amerika passiert ist - in einem Land, wo Gebärdensprache eigentlich ziemlich bekannt ist, denn Amerika hat ja auch bisher die einzige Universität und eine Fachhochschule mit der Unterrichtssprache American Sign Language (ASL) und Gehörlose dort in einem sehr hohen Maße akzeptiert sind.

Hoffentlich geht der Vorfall für alle Opfer gut aus!

UPDATE vom 22.09.2016: Erneut wurde ein Gehörloser Opfer einer Verwechslung von Stacking mit Gebärdensprache. Es endete tödlich für den gehörlosen Teenager.
Hier ist das Video dazu: https://www.facebook.com/DPANTVNEWS/videos/558059761053092/?hc_ref=NEWSFEED

Großes Lob an die Polizei in NRW mit einem Abstrich!

Die Polizei im Bundesland Nordrhein-Westfalen ist sehr lobend zu hervorheben, denn dort nimmt man mehr als sonst die Belange gehörloser Menschen wahr und bindet auf der Homepage Gebärdensprach-Videos ein.

Gebärdensprach-Videos der Polizei NRW

Die "natürliche" Idee, den Auftritt der Polizei NRW barrierefrei zu gestalten, hatte Guido Karl, ein Polizeibeamter, denn er pflegte die Homepage und legte hohen Wert auf die Zugänglichkeit. Hilfe fand er in seiner Kollegin Cordula Clausen, die bereits 1997, als sie noch im Streifendienst tätig war, aus Spaß die Gebärdensprache lernte, da die Neugier durch Kontakte mit Gehörlosen wuchs.

Aus diesen Faktoren ergab es sich, dass die Polizei NRW 2003 die goldene Biene gewann für die barrierefreie Homepage - sehr lobenswert!

Der Artikel hier schildert die Zusammenarbeit der Polizeibeamten und der Weg zum Gewinn der goldenen Biene


Und Guido Karl hat ganz recht, wenn er sagt: "Barrierefreiheit beginnt im Kopf, endet im Herzen und darf nicht am Geld scheitern!"

Das könnte man zum Beispiel noch weiter ausführen, dass die Barrierefreiheit nicht nur im Internet stattfindet, sondern auch bei der Ausbildung der Polizeibeamten, denn ich las gerade, dass es in den USA für Polizeibeamte eine Pflicht ist während ihrer Ausbildung die Gebärdensprache zu lernen. Solche "Kleinigkeiten" im Namen der Barrierefreiheit sind wichtig, gerade wie in diesem Fall von 2006, wie Christiane vom Behindertenparkplatz.de beschreibt:
Die Polizei, dein Freund und Helfer?

Auch hat die Polizei in Rheinland-Pfalz hat Videos in Gebärdensprache im Angebot, aber leider in etwas schlechterer Qualität, was die Verständlichkeit der Gebärdensprache abwertet. Hier die Videos: Gebärdensprachvideos der Polizei in Rheinland-Pfalz

Interessant ist ja, dass die Polizei in Hessen auf die Videos in Gebärdensprache ihrer Kollegen in RLP verweisen!

Aber dennoch habe ich etwas zusätzliches zu beanstanden: Schön, dass es die Videos in Deutscher Gebärdensprache gibt, aber warum wurden nicht auch noch Untertitel hinzugefügt, damit auch Schwerhörige, die ebenfalls manchmal Probleme haben mit dem Lesen und Gehörlose ohne größere Gebärdensprachkenntnis etwas von den Videos haben? Man muss immer versuchen, ALLE Gruppen der Hörgeschädigten, also wirklich alle Gehörlosen und Schwerhörigen in ein Boot zu holen, wenn man den Auftritt für sie barrierefrei gestalten will. DEN "Otto Normalverbraucher" gibt es hier nun mal nicht - hier sollte man immer zwei Lösungen anbieten - Untertitel UND Gebärdensprache.

Aber mit diesem Problem ist die Polizei in NRW nicht alleine, dieses Problem mit nicht untertitelten Gebärdensprachvideos habe ich schon öfters beantstandet:

Enormer Arbeitsaufwand - und wo bleibt der Nutzen?
Meine Kritik an dem Gebärdensprachvideos vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales ohne Untertitel

Warum wird immer nur das eine realisiert anstatt beides zusammen?
Warum das so wichtig ist, dass Untertitel und Gebärdensprachvideos zusammen realisiert werden müssen

Video über den Kongress zur UN-Konvention für Menschen mit Behinderungen mit Untertitel und Gebärdensprachdolmetschereinblendungen
Leider ohne echte 1:1 Untertitel, sondern stark verkürzt - warum es so nicht geht!

Ich kann übrigens an dieser Stelle die Leute von www.deafvision.de nur loben - sie zeigen, wie es optional geht: Man kann auf den Videos auf ihrer Seite optional Untertitel oder Gebärdensprachdolmetschereinblendungen laufen lassen - sogar beides zusammen, wenn man will!

Mittwoch, 4. Mai 2011

Bildbewegte Action im Namen der Barrierefreiheit

kann man nun hier von mir bewundern, denn die Aufzeichnung der re:publica ist nun online.

Julia Probst/@EinAugenschmaus auf der re:publica 2011


Es ist schon sehr seltsam, wenn man sich selbst im Video sieht, wie man gebärdet und spricht, denn normalerweise sieht man sich selbst ja dabei nicht, aber es wird immer besser: Ich gewöhne mich daran und laufe nun nicht mehr schreiend bei meinem Anblick davon. ;-)

Immer wieder interessant ist es für mich zu beobachten, dass ich so genau zwischen Hörenden und Gehörlosen unterscheide, denn am Ende des Interviews höre ich fast auf zu gebärden, weil ich plötzlich im Hinterkopf hatte, dass kein einziger Gehörloser im Saal ist und das ich ja von einem Hörenden interviewt werde und das Publikum auch hörend ist. Bei meinen gehörlosen Freunden, die im Livestream zugeschaut haben, habe ich mich dafür entschuldigt und die fanden das gar nicht schlimm, weil sie mich ja kennen.

Diese genaue Trennlinie in meinem Kopf ist immer wieder interessant für mich, weil es ein Zeichen ist, dass ich mich tatsächlich vom Kopf her und der kulturellen Identität als hörend ansehe, aber dennoch liebe ich die Gebärdensprache aufgrund ihrer Schönheit und ihrer Kreativität sehr, auch wenn sie nicht meine Muttersprache ist. Und ich glaube, man hat mir diesen Stolz darüber auch im Video angesehen.

Ich werde dieses Video noch mit Untertiteln versehen lassen, damit alle etwas davon haben. :-)

Mehr Berichte von mir zur re:publica 2011:

Das verpasste Highlight der re:publica

Mein Panel und ich auf der re:publica

Nachschub zur re:publica

Meine persönlichen Highlights der re:publica


Schön zu lesen, das...