Montag, 1. August 2011

Wie hast du eigentlich sprechen gelernt?

Diese Frage begegnet mir doch recht häufig, das letzte Mal hat mich das mein 17jähriger Cousin Mitte Juli gefragt - es ist quasi die dritthäufigste Frage nach der Musikfrage, hier ist der Post dazu: Die Lieblingsfrage der Hörenden dreht sich um die Musik und hier der Post, wie man eigentlich meine Gehörlosigkeit entdeckt hat damals: War das schon immer so?

Meine Antwort ist immer die gleiche: "Ähem, ich hab einfach nachgemacht, was die anderen machen?" Und die Gegenfrage ist darauf immer sehr verwundert: "Aber wie geht das, wenn man nicht hören kann?"

Die Frage ist auch für mich immer wieder interessant, wie das eigentlich funktioniert und die Antwort dafür liegt im Gehirn: Es ist ja jetzt mittlerweile bekannt, dass das Gehirn Funktionen eines beschädigten oder ausgefallenen Areals übernehmen kann und sich neu verdrahten kan - der Artikel hier erklärt es ganz gut: Gehörlose können ihr Gehirn neu verdrahten!

Wie ich zur Sprache gekommen bin? Ich hatte das Glück in einer großen Familie aufzuwachsen und immer jemanden zu haben, den ich mit meinen Fragen löchern konnte. Der früheste Sprachunterricht, an den ich mich erinnern kann, fand auf der Kommode im Flur vor dem großen Spiegel statt und mein erstes Wort war "Ball." Da muss ich so eineinhalb Jahre gewesen sein, als ich "Ball" von mir gab und daraufhin legte ich erst recht los mit dem Sprechen. "Mama" und "Papa" konnte ich bis zu meinem 2. Lebensjahr nicht auseinander halten, denn am Anfang sagte ich immer "Papa", da das Mundbild vom "M" dem "P" für Ungeübte täuschend ähnlich aussieht. Aber irgendwann klickte es bei mir, dass das "M" viel weicher ausgesprochen wird.

Ein anderes Beispiel für das Erweitern meines Horizonts bei der Aussprache, war der Name meines Kindheitskumpels:"Nico". Erst im Sommer kurz vor meinem 4. Geburtstag begriff ich, wie man das "c" ausspricht, dass es nämlich im Hals produziert wird aufgrund der Kehlkopfbewegung bei der Aussprache! Davor habe ich immer "Nio" gesagt. Die leuchtenden Augen meiner Tante, die mich mal wieder verbesserte: "Nein, Julia - es heißt NICO, nicht NIO" und als meine Augen die Kehlkopfbewegung mitbekamen und mein Gehirn die bisher fehlende Information verarbeitete, welche zu der korrekten Aussprache führte von "Nico" habe ich bis heute nicht vergessen.

Die Augen sind es, die einem solche scheinbar nebensächliche Informationen mitteilen und das Gehirn kann wohl diese Informationen bei einem ausgefallenen Sinn so weit umlenken, so dass es diese auf eine andere erfolgreiche Art vererbeiten kann.

Dazu fällt mir ein, dass Nico einen Nachbarsfreund hatte, der den Namen Lars trug und aufgrund des Mundbildes dachte ich ganz lange, dass er "Glas" heißt und nannte ihn auch so, bis ich eben am gleichen Tag noch bemerkte, dass der Kehlkopf ebenfalls tätig ist bei der Aussprache und kriegte es ebenfalls hin auch diesen Namen korrekt auszusprechen.

In der hörenden Grundschule hatte ich 1 x Woche zusätzlichen Logopädie-Unterricht, wovon es auch Fotos gibt, denn aufgrund der Inklusions-Beschulung kam ich in die Zeitung - mein erster Auftritt in einer Zeitung überhaupt. ;-) Den Zeitungsbericht habe ich auch noch hier rumliegen, aber leider keinen Scanner.

Aber die Zeitungsfotos aus dem Bericht habe ich abfotografiert. Hier bitte schön! :-)

Mit 7 Jahren im Logopädie-Unterricht.

Mit meiner Logopädie-Lehrerin Frau Hauser vor dem Spiegel - man sieht hier ganz deutlich die viel zu großen Hörgeräte, die übrigens auch nicht optimal eingestellt waren.

Ich habe also schon lange vor meiner CI-Implantierung sprechen gelernt und sowieso den großen Wortschatz schon ganz lange intus gehabt, denn ich war und bin, was für eine Gehörlose heute wie damals sehr immer noch ungewöhnlich ist, ein Bücherwurm.

Und wo ich schon am Rumschmeißen von Fotos von mir bin, dachte ich mir, dass ich die Fotos von mir von meiner CI-Implantierung auch schon gleich hier hochladen kann, aber wirklich hübsch sind sie nicht.

Am Abend vor der Operation - da hat man mir schön die eine Haarseite wegrasiert, damit auch nichts im Weg steht dann.

Der bogenförmige Schnitt begann damals am Ohransatz ganz oben, da hat man auch kurz ins Ohr reingeschnitten und ein paar lange cm weiter. :-) Heute schneidet man hinter dem Ohr auf und nicht mehr vorne.

Die Operation fand im Oktober 1994 statt und die Mütze brachte mir meine Tante mit, da meine Mutter mich einfach nur von der unoperierten Seite angucken konnte und etwas zum Verdecken brauchte und mit der Mütze war halt das "kosmetische" Problem gelöst. ;-)

An der Hand hatte ich übrigens nen Zugang für Antibiotika und so Zeugs, welches ich auch alle 6 Stunden oder so verabreicht bekam, auch in der Nacht, was ich sehr unspassig fand. Ein Arzt verabreichte mir mal eine Dosis und sagte zu meiner Mutter: "Die hat aber einen guten Schlaf.", worauf meine Mum sagte: "Ne, die tut nur so. Sie würde ihnen am liebsten an die Kehle springen." Stimmt - auch heute reagiere ich wirklich nicht sehr begeistert, wenn man mich in der Nacht weckt, außer der Grund ist gut und wichtig. :-)

So, in der nächsten Zeit werdet ihr sicherlich wieder mehr von mir hören, auch möchte ich euch den ZEIT-Artikel über mich ans Herz legen, dann denn wisst ihr, warum ich etwas ruhig war, aber jetzt wird das Blog wieder mit Leben gefüllt.

Zeit-Artikel über Barrierefreiheit: Wenn das Netz stumm bleibt.. von Fabian Soethof

Bis zum nächsten Mal! :-)

Kommentare:

  1. Wieder was gelernt. :-)

    Was ich so erstaunlich finde, ist wie du nicht nur diese optischen Nuancen beim Sprechen erkennst, sondern sie dann auch noch selbst wieder umsetzen kannst. Denn Sprechen lernen ist für Hörende ja eher Trial&Error, soweit ich mich jedenfalls ans Englisch Lernen erinnern kann. So lange mit den Lauten Rumprobieren, bis es sich richtig anhört. Und dann versuchen, es öfter so hinzubekommen.

    Bei dir liest es sich, als wenn das auf der einen Seite viel gezielter abgelaufen ist und auf der anderen Seite du aber intuitiv vom Sehen der Kehlkopfbewegung auch selbst den richtigen Laut nachmachen konntest. Ich bin beeindruckt.

    AntwortenLöschen
  2. Hey, interessanter Einblick. Was hälst du denn von solchen sachen: http://www.yankodesign.com/2011/07/26/learning-tool-for-deaf-children/ auch wenn das nur eine Design-Studie ist.

    AntwortenLöschen
  3. Sehr schöner und interessanter Artikel. Und was die Online-Petition angeht: meine Stimme hast Du :)

    AntwortenLöschen
  4. Das letzte Bild mit Streifenshirt und Hut ist ja sowas von cool!

    AntwortenLöschen
  5. ".. denn ich war und bin, was für eine Gehörlose heute wie damals sehr immer noch ungewöhnlich ist, ein Bücherwurm."

    Das erscheint mir seltsam, insbesondere wenn ich mir vorstelle, selbst ohne Gehör auskommen zu müssen. Hast Du eine Idee, /warum/ es für Gehörlose ungewöhnlich sein könnte, sich in Bücher zu vergraben?

    AntwortenLöschen
  6. @StefanWild, auch ich musste öfters ausprobieren. Mal habe ich einen Laut nur halb hinbekommen und dann damit herumspielen.Noch heute hat meine Aussprache ein Manko: Ich kann zwar ein R sprechen, aber nur am Anfang eines Wortes, nicht mittendrin. ;-)

    @Karsten: Dankeschön! Ich freu mich über jede Stimme dann!

    @NotquitelikeB: Hihi, das war damals ein Spleen von mir als Streifenhörnchen mit Hut herumzulaufen, auch noch als meine Haare wieder nachwuchsen.

    @Eric, da habe ich gebloggte Erklärungseinträge dazu, warum Gehörlose nicht gerne lesen bzw. nicht so gut lesen können: Verbotene Sprache durch den Mailänder Kongress: http://is.gd/49vPSP und die "blinde" Seite der Gehörlosen: http://is.gd/fWxew9

    AntwortenLöschen
  7. Was ich interessant finde: Habe schon 2 Gehörlose getroffen, kenne Sarah Neefs Aussprache, und allen reden mit Schweizer Einschlag... ist das Zufall, oder liegt das an der Schweizer Gehörlosenpädagogin?

    AntwortenLöschen
  8. danke für diesen einblick. es hilft mir, mich besser in meine kleine schwerhörige tochter reinzuversetzen. gruss aus marokko!

    AntwortenLöschen
  9. Ich hatte dein Blog schon seit Jahren im Feedreader liegen - gerade habe ich ihn mal wieder aufgeräumt.... Und ich glaube, jetzt habe ich mich endgültig hier festgelesen.

    Total spannender Beitrag, vielen Dank

    Danke für diesen Beitrag!

    AntwortenLöschen

Falls es nicht klappt zu kommentieren, kann man mir eine E-mail unter der Mailadresse im Blog hinterlassen - derzeit scheint Blogger damit Probleme zu haben. :-( P.S. Beleidigende und unsachliche Kommentare werden nicht freigeschaltet.