Dienstag, 27. Dezember 2011

Ausnahmsweise mal: Ich würde das gerne gewinnen!

Der Sascha Pallenberg von http://www.netbooknews.de hat ein Gewinnspiel online geschaltet: http://www.netbooknews.de/57277/mobile-awards-2011-preise-im-gesamtwert-von-ueber-2500-euro-zu-gewinnen/

und da gibt's nette Sachen zu gewinnen. Als Bloggerin habe ich es natürlich auf die Buffalo Cloudstation Duo abgesehen und hoffe, das Ding mein eigen zu nennen zu dürfen, weil ich 2012 so richtig durchstarten will und meinen Daten ein sicheres Zuhause geben will.. :-) Will sagen: Ich könnte das Ding verdammt gut gebrauchen und bei der Bloggerin des Jahres 2011 stünde die Cloud doch so richtig gut zu Gesicht.

Ich wünsche allen Teilnehmern viel Glück beim Gewinnspiel.

P.S. Wo gibt's denn ein MacBook Air zu gewinnen? ;-) Ich bin grad komplett verwöhnt, weil ich letztes Wochenende für 3 Tage einen Mac mit Riesenbildschirm und alternativ ein Mac Book Air benützen konnte. Und es war beiderseitige Liebe auf den x-ten Blick. So schlimm hat es mich noch nie bei Apple erwischt. Vor allem die Videoauflösung beim Videochat war auf beiden Seiten der Hammer. "Tausendmal berührt und es hat plötzlich so richtig "Zooom" gemacht." *träller*


Samstag, 24. Dezember 2011

Heute um 11:30 im DRadio Wissen!

Da darf ich dann nun reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist und gleichzeitig frage ich mich, ob ich die erste Gehörlose in Deutschland bin, die da im Radio zu hören ist?

Ich trete somit den Beweis an, dass ich sehr wohl sprechen kann. Ab und zu werde ich reden, aber auch nur mal was tippen, was dann vorgelesen wird, denn ich möchte für alle verständlich sein und niemanden überfordern.

Und hier kann man Deutschlandradio empfangen: Empfang DRAdio Wissen

Also viel Spaß mit meiner Stimme. ;-)

Und euch allen wünsche ich auf diesem Weg ein frohes Weihnachtsfest und besinnliche Weihnachtsfeiertage.

P.S. Ich möchte noch mal ganz herzlich auf dieses Interview, welches wieder mal die Rheinzeitung, mit der ich inzwischen ja schon eine sehr dauerhafte Beziehung habe, mit mir führte:



Donnerstag, 22. Dezember 2011

Ein Weihnachtsgeschenk bitte für Melissa und Vanessa!

So heißen die beiden gehörlosen Mädchen im Bezirk Schwaben, deren Recht auf Inklusion durch den Bezirkstagspräsident Reichert und dem Bezirksamt Schwaben verweigert wird, weil man nicht bereit ist die Dolmetscherkosten für die Gebärdensprachdolmetscher zu übernehmen.

Es ist einfach eine Blamage für Bayern, was da passiert ist. Die ganze Vorgeschichte kann man hier in diesem Blogeintrag nachlesen:


Inzwischen hat auch die Augsburger Allgemeine über den Fall berichtet: Tauziehen um zwei gehörlose Mädchen

Bei mir hat sich übrigens per Blogkommentar eine Corinna aus NRW gemeldet, die als Integrationshelferin arbeitet und erklärte, dass in NRW das Recht auf Eingliederunshilfe § 54 im Paragraph verankert seie, was selbstverständlich auch in Bayern gültiges Recht ist. Vielen Dank, Corinna für diesen Kommentar! Auch ist sie mit mir in einer Meinung, dass die Transportkosten, der Förderschulplatz, die vermutliche Internatsunterbringung wahrscheinlich genausoviel kosten wird oder sogar noch teuerer sein wird als die Dolmetscherkosten!

Außerdem meldete sich Michael Baumeister, der diesen Blogkommentar hinterliess: "Es gibt ein Gutachten des führenden deutschen Völkerrechtlers Prof. Eibe Riedel, der klar zu dem Schluß kommt "Behinderte Kinder haben unabhängig von anders lautenden Schulgesetzen ab sofort das Recht, gemeinsam mit nicht behinderten Kindern eine allgemeine Schule zu besuchen"

http://gemeinsam-leben-nrw.de/sites/default/files/gutachten_riedel.pdf

Viele Juristen gehen davon aus, dass ein solches Recht inzwischen auch ohne Landesrechtliche Umsetzung unmittelbar einklagbar ist.

Der VGH Hessen hat das in einem Urteil vor 2 Jahren zwar noch anders gesehen, aber selbst in diesem Urteil steht, dass die Länder nicht endlos Zeit haben, ihr Schulrecht an die UN-Konvention anzupassen. Der VGH Hessen ging davon aus, dass eine unmittelbare Geltung 2 Jahre nach Inkrafttreten angenommen werden kann - also ab dem 23. März 2011.

Durch die UN-Konvention wird im übrigen noch einmal klar gestellt, dass der Zugang zur Regelschule Menschenrecht ist. Die Verweigerung ist folgerichtig eine Diskriminierung. Und dass die verboten ist, ergibt sich aus dem Grundgesetz, da braucht es keine landesrechtliche Umsetzung der schulischen Inklusion.

Also lasst euch nichts vormachen.

Viele Grüße
Michael

In Deutschland ist es doch wirklich so, dass man noch lange nicht Recht bekommt, wenn man sämtliche Gesetze auf der Seite hat und das gilt ganz besonders für Menschen mit Behinderungen.

Die Eltern von Vanessa meldeten sich mit einem Brief an die Gehörlosenverbände und an die Gehörlosengemeinschaft zu Wort und bitten um Unterstützung von außen -hier kann man ihn lesen:


Ich fordere hiermit Schwabens Bezirkstagpräsident Reichert dazu auf, dass er dieses unerträgliche politische Hickhack zu den Akten legt mit dem Ergebnis, dass die beiden Mädchen zu ihrem Recht kommen durch die Kostenübernahme der Dolmetscherkosten.

Das wäre doch ein traumhaftes Weihnachtsgeschenk für Vanessa und Melissa, wenn die beiden weiterhin an ihrem Wohnort zur Schule gehen dürfen und die angefangenen Freundschaften dort nicht auf einen Schlag zerstört werden. Ich bin mir sicher, dass die beiden Mädchen diesen Wunsch ganz oben auf ihrer Wunschliste dem Weihnachtsmann vorliegen haben.

Ich kann leider nicht mehr tun als als hier zu bloggen und die Aufmerksamkeit die beiden zu lenken, damit es ein kleines Weihnachtswunder gibt und die beiden Mädchen mit ihren Familien die Weihnachtsferien genießen können mit dem Wissen vor den Augen, dass das Schulproblem gelöst ist.

Meine Daumen sind gedrückt für dieses Weihnachtswunder.

Blogger des Jahres 2011

Seit gestern Abend darf ich mich nun mit diesem Titel schmücken, der mehr als überraschend kam, denn ich erfuhr erst 10 Minuten vor der Preisverleihung, dass ich zu den Nominierten gehöre und war ziemlich überrascht.

Aber besonders große Chancen habe ich mir wirklich nicht ausgerechnet, denn neben mir waren in der Kategorie "Blogger des Jahres 2011" einige andere herausragende Blogger nominiert: Richard Gutjahr, Stefan Sicherman (Postillion) und die Stadt Bremerhaven. Hier ist die komplette Liste aller Nominierten - die Sieger haben Fleißsternchen bekommen:

Im Livestream, wo ich die ganze Zeit anwesend war, aber leider nicht mitchatten konnte, weil es leider nicht funktioniert hat, sah ich den ganzen Abend und freute mich für jede Auszeichnung mit. :-) Vor allem für Holyfruitsalad, die die Auszeichnung als bester Blogtext des Jahres wirklich sehr verdient hat, nämlich sowas von!

Toll fand ich auch, dass man Frank Elstner als besten Newcomer 2011 ausgezeichnet hat! :-) Wenn es denn klappt mit dem Auftritt in seiner Show, dann können wir uns gegenseitig zur den verliehenen Auszeichnungen gratulieren. ;-)

Als es dann ans Eingemachte ging, sah ich den Poll und traute meinen Augen kaum, dass ich Blogger des Jahres 2011 sein sollte, aber es war wirklich wahr, denn Franzi, Thomas und Daniel wedelten mit den Händen in der Luft - so wird in der Gebärdensprache applaudiert. Und durch meinen Kopf huschte der Gedanke: "Bisschen viel für einen Monat: Twitter-Oscar, Aufritt im Ersten beim Nachtmagazin und jetzt die Auszeichnung als Blogger des Jahres 2011. Aber wow. Wow."

Vielen lieben Dank an Franziska Blum, Thomas Knüwer, Daniel Fiene und an alle anderen, die für mich gestimmt haben! :-)

Achja, da war ja noch was - der Aufritt beim Nachtmagazin vom 21.12 ist hier zu bewundern ab der 5:57 Minute. Eigentlich war die Länge für 140 Sekunden angesetzt und ich habe eigentlich auch viel mehr erzählt. Vor allem stört es mich aber, dass da behauptet wird, ich könne nicht sprechen, während man mich sprechen sieht. So einen massiven Fehler habe ich nicht von den öffentlich-rechtlichen erwartet. Man bedauert beim WDR den Fehler zwar, aber es ist trotzdem eine unschöne Sache. Aber lustig finde ich es schon, dass der Bericht den Eindruck erweckt, Twitter würde nur aus mir bestehen, da man meine Timeline zeigt. ;-)

Sieht so aus, dass ich jetzt den ganzen Lohn für meine Bloggerei in den letzten 3 Jahren ernte und ich hoffe, dass 2012 auch so gut weitergeht damit, denn Randnischenthemen können eins echt immer wieder gut vertragen: Aufmerksamkeit.

Und das hilft meinem Traum auf die Sprünge: In einer Gesellschaft zu leben, wo es egal ist, ob man behindert ist oder nicht, weil jeder wirklich die gleichen Chancen und den gleichen Zugang zur Gesellschaft hat.

Ich wünsche auf diesem Wege allen Lesern ein frohes, besinnliches Fest.

Samstag, 17. Dezember 2011

Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin mit Gebärdensprachdolmetscher!

Schon seit vielen Jahren gibt es Untertitel zu den Ansprachen des jeweiligen Bundespräsidenten an Weihnachten und des Bundeskanzler an Neujahr.

Vorhin hat mir der Regierungssprecher Herr Seibert per Twitter mitgeteilt, dass dieses Jahr an Neujahr zum ersten Mal die Ansprache der Bundeskanzlerin mit Gebärdensprachdolmetscher gezeigt wird! Hier ist der Screenshot des Tweets:


Ich freue mich sehr über diese Nachricht, dass die Bundesregierung dieses Jahr auch an uns Gehörlose gedacht hat - schließlich profitieren davon 80tausend Gehörlose in Deutschland! Das zeigt, dass die Bundesregierung auch immer mehr von alleine an Barrierefreiheit und Inklusion denkt. Zwar nur in sehr langsamen Schritten, aber es wird!

Zwar ist es "nur" auf Phoenix, aber der Sender macht schon seit Jahren hervorragende Arbeit mit den Einblendungen der Gebärdensprachdolmetschern während der "Tagesschau" und dem "Heute Journal", aber das ist ein verdammt guter Anfang mit der Verdolmetschung der Neujahrsansprache.

Für mehr Selbstverständlichkeit der Anwesenheit der Gebärdensprachdolmetscher und somit selbstverständliche Barrierefreiheit im deutschen TV hätte ich es noch besser gefunden, wenn die Gebärdensprachdolmetscher auch auf ARD&ZDF während der Neujahrsansprache eingeblendet würden. Vielleicht lesen die Verantwortlichen bei Phoenix, ARD und ZDF ja diesen Blogeintrag und denken über eine gemeinsame Zusammenarbeit im Namen der Barrierefreiheit nach, was ich sehr begrüßen würde!

Nachgefragt hab ich übrigens noch, ob die Ansprache des Bundespräsidenten dieses Jahr auch verdolmetscht wird, aber da warte ich noch auf die Antwort. Die Frage ist nur, ob wir dieses Jahr überhaupt noch einen Bundespräsidenten haben werden, der zu uns sprechen kann? ;-)

P.S. Heute morgen habe ich Herrn Seibert darum gebeten, dass der Videopodcast der Bundeskanzlerin auf YouTube auch dort mit Untertitel versehen wird, weil es dort wirklich ganz easy und unkompliziert geht mit Einbinden und die Untertitel mit einem Klick einblendbar sind. Leider ist es auf der Seite der Bundeskanzlerin so, dass man sich erst das Video mit den Untertitel herunterladen muss, um in den Genuß der barrierefreien Videos zu kommen.

Außerdem hab ich ihn noch bisschen tadeln äh auf den rechten Weg der Barrierefreiheit weisen müssen, weil die anderen Videos auf YouTube außer der Antwort-und-Frage-Stunde der Bundeskanzlerin auf dem Kanal der Bundesregierung ohne Untertitel sind, so zum Beispiel das Video: "Sicher durch den Winter". Auch Gehörlose fahren Auto und würden sicherlich von den dortigen Tipps im Video profitieren, gäbe es Untertitel.

Außerdem verwies ich ihn auf das Interview mit mir mit der Süddeutschen Zeitung, wo ich die Bundesregierung schon ganz scharf kritisiert habe:

Zwitschernd Gehör verschafft - Interview mit Julia Probst im Jetzt-Magazin

Kurz darauf hat sich dann der Regierungssprecher bei mir gemeldet mit der Nachricht, dass die Ansprache gedolmetscht wird. Meine Stimme wird also durchaus wahrgenommen von der Bundesregierung und ich hoffe wirklich von Herzen, dass ich die Regierung nicht sehr nerve mit meiner Penetranz, aber das muss leider nun mal so sein, denn Barrierefreiheit und Inklusion sind wichtige Menschenrechte!

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Eine Blamage für Bayern!

Bayern: Ein gehörloses Mädchen geht seit September 2011 in eine Regelschule mit Gebärdensprachdolmetschern. Alles läuft super, das Mädchen ist total integriert in die Klasse und die Lehrer sind hellauf begeistert, wie toll die Sache läuft.

Dann trudelt ein Brief vom Sozialamt ein: Man verweigert die Kostenübernahme der Dolmetscherkosten, das Kind soll auf die Gehörlosenschule in Augsburg gehen.
Die Eltern stellen einen Antrag auf einstweilige Anordnung im besten Glauben, dass das Recht und die Gesetze auf eindeutig auf deren Seite sind, doch das Gericht weist diese zurück.

Die Richterin des zuständigen Sozialgerichts Augsburg beruft sich auf ein rechtswidriges Gutachten des Förderzentrums Hören (Gehörlosenschule) Augsburg, in dem steht, dass das gehörlos Mädchen nicht aktiv dem Besuch einer Regelschule folgen kann.

(Anmerkung von mir: Ich bin im Jahre 1989 in eine Regelschule eingeschult worden. In Bayern. Ich hatte keine Gebärdensprachdolmetscher an meiner Seite während des Schulbesuchs, da ich lautsprachlich aufgewachsen bin. Allerdings kam der Regelschulbesuch auch nur deswegen zustande, weil meine Mutter mit dem Sohn des Schuldirektors befreundet war. Blogeintrag: Meine Gedanken zur Inklusion nach einem Bericht der Sendung Monitor)

Das Gericht entschied also aufgrund des rechtswidrigen Gutachtens des Schuldirektors Pasemann der Gehörlosenschule Augsburg, dass das gehörlose Kinder in Bayern am besten in Förderschulen aufgehoben seien, da die Kinder dort die Kommunikationsformen wie Sprechen usw. lernen würden.

An der Gehörlosenschule in Augsburg wird übrigens der Unterricht nicht in Gebärdensprache abgehalten, was aber der Normalfall an den meisten Gehörlosenschulen in Deutschland ist. Ja, richtig gelesen: Es ist normal an den Gehörlosenschulen, dass der Unterricht nicht in Gebärdensprache abgehalten wird, obwohl man logischerweise davon ausgehen müsste, dass dies der Fall ist. Solange nicht die verpflichtende Vorschrift eingeführt wird im Studium der Hörgeschädigtenpädagogik, dass die Studenten die Gebärdensprache lernen MÜSSEN, wenn sie dieses Fach studieren und gehörlose Kinder unterrichten wollen, wird sich an dieser Unlogik nichts ändern.

Diese Unlogik ist übrigens eine traurige Folge des Mailänder Kongress von 1880, worüber ich hier schon mal berichtet habe: Die Folgen des Mailänder Kongress von 1880

Verbotene Sprache durch den Mailänder Kongress

Die Beschlüsse des Mailänder Kongress wurden übrigens am 28.Juli 2010 für hinfällig und fatal für die Bildung der Gehörlosen erklärt: Der Mailänder Kongress ist Geschichte im doppelten Sinn


Das Landessozialgericht München bestätigt das Urteil des Sozialgerichts Augsburg, was zur Folge hat, dass die Dolmetscher für das gehörlose Mädchen erstens nicht bezahlt werden und das Mädchen nun alleine in die Regelschule gehen lassen müssen, obwohl das Gesetz auf der Seite des Mädchens ist, was die Inklusion betrifft.

Link zum Beschluss: https://sozialgerichtsbarkeit.de/sgb/esgb/show.php?modul=esgb&id=146578&s0=&s1=&s2=&words=&sensitive=

Ein Einzelfall in Bayern? NEIN.

Zeitgleich passiert einer anderen Familie in Bayern genau das gleiche mit ihrer gehörlosen Tochter: Auch sie soll in eine Gehörlosenschule gehen, obwohl sie die Regelschule mit Dolmetschern mit großem Erfolg besucht. Auch hier verhindert der Schuldirektor Herr Pasemann durch sein Gutachten, dass die Dolmetscherkosten übernommen werden, denn dieser attestiert dem Mädchen (einem Mädchen mit einem IQ von 125) einen erhöhten Sonderbedarf im Hören und Sprechen. Es bleibt völlig offen, woher er diese Einschätzung hat.

Auch hier entscheidet das Sozialgericht gegen die Inklusion dieses Mädchens: https://sozialgerichtsbarkeit.de/sgb/esgb/show.php?modul=esgb&id=146576&s0=&s1=&s2=&words=&sensitive=

Die Landesozialgerichte haben übrigens in ihren Urteilen beschlossen, dass die Sozialämter nicht gebunden seien an die Entscheidung der Eltern, auf welche Schulen sie ihre Kinder schicken wollen - sei es auf die Regelschule oder an die Sonderschule. Dieses Urteil bedeutet übrigens, dass die Sozialämter in Bayern, sofern die Eltern beschlossen haben, dass das gehörlose Kind eine Regelschule besuchen soll, alle Kostenübernahmen ablehnen können! Oh Bayern, du rückständiges Land...

Die beiden Mädchen sitzen nun seit Anfang November ohne Dolmetscher in ihren Regelschulen und müssen zusehen, wie sie zu ihrer Bildung kommen. Ein Recht, das jedem Kind zusteht, auch in Bayern. In ganz Deutschland. Auf der ganzen Welt.

Inzwischen haben Delegierte die beiden Mädchen in ihren Schulen besucht. wofür Dolmetscher bestellt worden sind und alle sind begeistert, wie toll die Mädchen mitarbeiten und in ihrer Klasse integriert sind. Auch Herr Pasemann ist plötzlich begeistert vom Unterricht mit den Dolmetschern und stimmt zu, dass die beiden Mädchen in ihrer gewohnten Umgebung bleiben sollen.

Nur: Das alles nützt den beiden Mädchen nichts mehr, denn das Bezirksamt Schwaben und der Bezirkstagspräsident Herr Reichert bestehen weiterhin darauf, dass die Kinder in Gehörlosenschulen gehen sollen.

Einen Hoffnungsschimmer gibt es für die Kinder: Die Behindertenbeauftragte Frau Badura und ihr Referent Herr Sandor konnten mit langen Telefonaten des Kultusministeriums erreichen, dass aus dem Schulbesuch der beiden Mädchen ein wissenschaftlich begleitendes Projekt wird, d.h. es gibt Geld vom Kultusministerium dafür.

Jedoch lehnen der Bezirkstagspräsident Herr Reichert und das Bezirksamt Schwaben weiterhin diese Brücke ab und beharren auf ihrem Entschluss.

Und die beiden gehörlosen Mädchen sitzen weiterhin alleine gelassen ohne Dolmetscher in ihrer Regelschule.

Frau Badura beziffert die Haltung des Bezirksamt Schwaben und von Herrn Reichert als höchst bedauerlich und betont, das die beiden Mädchen die Leidtragenden in dieser Sache sind und der bayerische Freistaat sich selbst mit dieser Haltung schadet, womit ich ihr voll zustimme. Die Angelegenheit ist eine totale Blamage für den Freistaat Bayern und den Bezirkstag!

Ich drücke den beiden Mädchen die Daumen, dass die Sache doch noch gut ausgeht für sie und die Dolmetscherkosten übernommen werden und sie an ihrem Wohnort in die Schule gehen können und einfach ein normales Leben führen können mit der bestmöglichsten Bildung, die ihnen zusteht.

Ein normales Leben bedeutet: Man wird nicht aus der gewohnten Umgebung herausgerissen und an einen anderen Ort umziehen. Es bedeutet eine echte Wahlfreiheit zu haben für beide: Für Kinder und Eltern.

Die ganze Schilderung des Falles findet sich hier auf der Homepage von Karin Kestner:

Inklusion? Eine Illusion!

Herr Bezirkstagspräsident Reichert, ist Ihnen und dem Sozialgericht eigentlich bewußt, dass sie mit Ihrer Haltung ganz offen einen gravierenden Verstoß gegen die UN-Konvention der Menschenrechte der Menschen mit Behinderungen begangen haben? Sie ist seit dem 26.März 2009 gültiges Recht in Deutschland. Vielleicht ist Ihnen noch entgangen, dass die Inklusion auch in Bayern angestrebt wird von mehreren Schulen?

Ich lege Ihnen, Herrn Reichert und den Sozialgerichten, mal ganz dringend ans Herz die UN-Behindertenrechtskonvention ausführlich zu studieren und dann genau zu merken, auf welcher Seite das Recht steht. Nämlich nicht auf Ihrer, sondern auf dem der beiden Mädchen und unzählig anderer Menschen mit Behinderungen in Deutschland.

Die Sachen, die dort stehen, stehen nämlich nicht zum Spaß dort oder zu freien Auslegung. Nur leider ist es in Deutschland so, dass man sehr oft nicht Recht bekommt, obwohl man im Recht ist. Gerade, wenn man behindert ist, ist das schon die Norm.

Ich bin gespannt, wie Sie mit diesem schweren Gesetzesverstoß klar kommen werden, meiner Meinung nach müssten sie unverzüglich anordnen, dass die bereits angefallenen Dolmetscherkosten und die weiteren übernommen werden.

Vielleicht müssen Sie dann ein paar unbequeme Fragen beantworten in nächster Zeit.

Wir werden es sehen!

P.S. Warum nur verwundert es mich nicht, dass Bezirkstagspräsident Jürgen Reichert der CSU angehört? War irgendwie total klar. *seufz*

UPDATE vom 19.12.2011: Im Taubenschlag hat sich nun der Leiter der Augsburger Gehörlosenschule zu Wort gemeldet und versucht einiges zu beschönigen, aber er kriegt ordentlich sein Fett weg. Für mich sagt es viel aus, wenn Herr Paseman, wenn er es wirklich ist, nicht mal korrekte Bezeichnungen für Gebärdensprachdolmetscher verwendet - als Direktor einer Gehörlosenschule sollte man zumindestens wissen, das es korrekterweise Gebärdensprachdolmetscher, gebärdensprachkompetent die korrekten Begriffe sind....

Aber kein Wort davon, dass die Zukunft der beiden Mädchen gerade gehörig versaut wird durch dieses politische Hickhack.

Die Klasse des eines gehörlosen Mädchen lernt jetzt jeden Morgen 15 Minuten Gebärdensprache, damit Kommunikation unter den Kindern und Lehrern gewährleistet ist. Das ist gelebte Inklusion!

Hier geht es zu den Kommentaren im Taubenschlag:

Broschüre "Der gehörlose Patient"

Der Deutsche Gehörlosenbund gab eine Broschüre heraus, wo es um den gehörlosen Patienten geht, dort sind zahlreiche Tipps zu finden, wie man die Kommunikation verbessern kann zwischen Arzt und Patienten.

Auch für das Krankenhauspersonal gibt es hilfreiche Tipps.

Die Broschüre ist bestellbar oder herunterladbar unter diesem Link:

Der gehörlose Patient - eine Broschüre des Deutschen Gehörlosenbund

Auch wird angemerkt, dass in der Patientenakte der Vermerk stehen sollte, dass der Patient gehörlos ist, damit das Personal Bescheid weiß, dass der Patient nicht über Lautsprecher aus dem Wartezimmer herausgeholt werden kann, sondern vom Personal selbst abgeholt werden muss. Noch ne kleine Anmerkung: Schreibt bitte in der Patientenakte auf keinen Fall als Vermerk "taubstumm", denn dieses Wort ist veraltet und unzutreffend!

Sonst befindet man sich in "Lebensgefahr", wie meine Bloggerkollegin Judith Göller schmunzelnd berichtet: Taubstumm - eine Beleidigung für Gehörlose ;-)

Ich hoffe, dass die Broschüre alle Unklarheiten beseitigt, da die Kommunikation auf beiden Seiten damit erheblich verbessert wird durch die aufgeführten Tipps.


P.S. Weiterbloggen: Ja, doch. Aber erst mal werden eher solche Hinweise verbloggt, bevor es nach einer längeren Pause wieder die typischen Blogeinträge von mir gibt.

Mittwoch, 7. Dezember 2011

"Twitter-Oscar" erhalten..

und ich höre trotzdem auf zu bloggen und zu twittern.

Der Vorhang ist wirklich gefallen.

Die Gründe dafür habe ich bereits hinreichend erklärt.

Es ist meine Feststellung des Tages, ach was, des Monats: Ich fühle mich nach wie vor am wohlsten damit zu sagen, dass ich das Twittern und Bloggen einstellen werde anstatt eine auf eine unbestimmte Zeit eine Pause einzulegen. Wenn das so ist, dann sollte ich auch ganz dabei bleiben anstatt zu denken:"Du kannst doch gerade jetzt nicht aufgeben." Doch. Kann ich. Als ich mit der Bloggerei und der Twitterei anfing, hatte ich null Erwartungen an mich und die Sache. Jetzt gibt's Erwartungen an mich und von mir selber. Und das ist eine Richtung, die mir nicht gefällt. Warum eine Verantwortung übernehmen, die ich mir nicht ausgesucht habe? Dabei geht der Spaß flöten.

Es gibt Erwartungen an mich in die Politik zu gehen. Es gibt Erwartungen an mich, weiter zu bloggen und twittern. Und noch einige andere. Und ich will die nicht erfüllen müssen, weil es andere von mir erwarten. Das muss ich selbst wollen.

Warum soll ich für etwas kämpfen, was mir laut Gesetz zusteht? Es steht da drinnen - jeder, der lesen kann, kann da nachschlagen und sollte das Gestz befolgen, weil es ja nicht zum Spaß da steht.

Ich habe nicht damit gerechnet, eine der Twitterstories des Jahres 2011 zu sein und durch den ganzen weltweiten Blätterwald zu rauschen - vielen Dank noch mal an das gesamte Twitter-Team für diese hohe Ehre, welche eine riesige Überraschung für mich war.

Hier kann man noch mal die Geschichte nachlesen:

Gehörlose @Einaugenschmaus ist für Twitterboss ein Star

Und hier die Auflistung bei ABC News America der Top Twitterstories auf Platz 8 durch Mr. Twitter Jack Dorsey.

Hier auf der englischen Seite von @Twitterstories meine Story

Und das gleiche nochmal auf der deutschen Seite von @twitterstories

Und hier das Interview mit dem JETZT-Magazin der Süddeutschen Zeitung

In den Interviews habe ich zwar gesagt, dass die Auszeichnung durch Twitter ein ungeheuer großer Ansporn ist, weiterzumachen und auch zu schauen, ob ich das ganze ggf. anders aufziehen kann mit der Bloggerei.

Das lasse ich mir offen wie auch meine Entscheidung, ob und wie ich in die Politik gehen will. Mein Traum ist ja ein anderer: Die Politik erfolgreich zu beraten in Sachen Behindertenpolitik (Barrierefreiheit und Inklusion)und damit ein anständiges Grundrauschen auf dem Konto zu haben.

Noch eins: Die Regierungskoalition hat einen Antrag gestellt für mehr barrierefreie Filmangebote für Hör- und Sehbehinderte, welcher sehr begrüßt wurde vom Behindertenbauftragten Hüppe. In dem Antrag von Dorothee Bär (CSU) ist auch zum Teil meine Stimme zu hören, da sie mich um Tipps für den Antrag gebeten hat. Dieser Bitte bin ich gerne nachgekommen. So ist also meine Stimme im Bundestag zu Protokoll gegeben worden.

Für mehr barrierefreie Filmangebote

Akzeptiert also meine Entscheidung, die für mich feststeht. Es muss kein Abschied für immer sein, aber im Moment ist es ein Abschied. Und ich mache es mir schon schwer genug mit meiner Entscheidung, weil ich das Gefühl habe, mein Anliegen und die ganzen Menschen, die dafür sind, im Stich zu lassen - was aber nicht meine Absicht ist.

Ich hoffe, ihr könnt das verstehen.

Donnerstag, 1. Dezember 2011

Ein frohes Fest und einen guten Rutsch

ins neue Jahr 2012 wünsche ich euch allen.

Und ich möchte noch mal klarstellen, dass ich wirklich nicht mehr bloggen werde und auch nicht mehr twittern. Die Gründe dafür habe ich schon ausreichend erklärt, wie ich finde.

Und der Politik kann ich nur ein absolutes Armutszeugnis bisher in Sachen Behindertenpolitik ausstellen, so kostet die aktuelle Kampagne der Bundesregierung mit dem Werbeslogan: "Behindern ist heilbar" 1,8 Millionen Euro. Und wofür werden die ausgegeben? Für Broschüren, für Werbeplakat in der Öffentlichkeit.

Diese 1,8 Millionen Euro hätte man zum Beispiel dafür ausgeben können, die ganzen Homepages der Bundesregierung barrierefrei zu gestalten, z.b. mit Screenreadern für Blinde und Gebärdensprachvideos für Gehörlose, die AUCH Untertitel haben und vereinfachtere Navigation für körperbehinderte Surfer.

Und vor allem für eine Verdolmetschung und Live-Untertitelung aller Debatten im Bundestag! Heute vormittag debattierte der Bundestag übrigens über Behindertenpolitik. Selbstverständlich ohne Gebärdensprachdolmetscher oder Live-Untertitel. Oder eine nachträgliche Unteritelung in der Mediathek - die Schriftprotokrolle sind ja vorhanden.

Das wäre mal eine Signalwirkung gewesen und die Plakate hätten auch eine hübscheren Slogan gehabt mit: "Wir sind barrierefrei und Sie? Machen Sie mit!"

Aber von einer Bundesregierung, die den Diskussionstag am 3. Dezember wieder abgesagt hat, weil sich zuviele Rollstuhlfahrer angemeldet haben, kann man auch nichts vernüftiges erwarten - so habe ich zum Beispiel erreichen können, dass der Videopodcast der Bundeskanzlerin mit Untertitel ist - nach über 5 Jahren nach seiner Einführung. Nun hat die Bundesregierung einen eigenen YouTube-Kanal für den 5 Leute zuständig sind, aber keine Untertitel und Gebärdensprachdolmetschereinblendung.
Ich konnte zwar mit meiner Beschwerde erreichen, dass die Frage-und Antwort-Stunde mit der Kanzlerin mit Untertitel ist.

Nur: WENN ich es geschafft habe, die Bundesregierung beim Videopocast dazu zu bringen, dass sie Gehörlose und Schwerhörige einzubinden über Untertitel, warum schaffen es genau die gleichen Leute nicht, beim You-Tube-Kanal von alleine und selbstständig den Weg zu gehen und mitzudenken?

Und wenn dann eine Ursula von der Leyen MEDIENWIRKSAM zur Bekanntgabe das Nationalen Aktionsplan für Menschen mit Behinderungen die anwesende Presse in Gebärdensprache begrüßt, dann muss ich kotzen über soviel gespielte Teilnahme. Die Gebärdensprachvideos der Bundesregierung sind ohne Untertitel - man muss immer beides zusammen anbieten - ES gibt einfach nicht DEN typischen Gehörlosen, DER nur Gebärdensprache braucht, sondern auch Gehörlose ohne Gebärdensprachkenntnisse oder Schwerhörige. Auch ist es ein ganz besonderer Hohn, wenn da im Hintergrund vom Video der Slogan: "EINFACH MACHEN!" hingepappt ist - hier erleben Sie Ursula van der Leyen in Gebärdensprache. Und dann noch diese nichtssagenden Antworten in Sachen Barrierefreiheit für Gehörlose: Judith Nothdurft durfte Ursel interviewen

Für die Betroffenen ist klar, dass der Nationale Aktionsplan der Bundesregierung einen Scheißdreck wert ist, der WEIT unter den Vorgaben der UN-Konvention der Menschenrechte der Menschen mit BEhinderungen bleibt. Oh, ich hatte vergessen zu erwähnen, dass dieses Gesetz seit 2009 in Deutschland gültig ist.

1,8 Millionen Euro sind für diese unerträgliche Werbekampagne mit dem bescheuerten Slogan: "BEhindern ist heilbar" für nichts ausgegeben worden. Für nichts.

ABER: Es freut mich, wenn ich mitbekomme, dass z.b. die Piraten versucht haben mit ihren wenigen Mitteln eine Live-Untertitelung von ihrem Parteitag anzubieten.

Oder das die Grünen auf ihrem Bundesparteitag vom 26-27. November in Kiel Gebärdensprachdolmetscher auf der Bühne hatten, der dann auch extra im gesonderten Fenster im Livestream gezeigt worden ist!

Es ist schon interessant, dass es gerade die jungen Parteien wie die Grünen und die Piraten sind, die sich wirklich ernsthaft um die Barrierfreiheit bemühen, während die älteren Parteien eher Lippenbekenntnisse abgeben und Geld zum Fenster rausschmeissen durch unfähige Berater, die absolut keine Ahnung von der ganzen Sache haben.

Und deswegen habe ich so sehr gründlich die Schnauze voll.

Und ich drücke den Grünen und der Piratenpartei für 2013 kräftig die Daumen, dass sie eine gemeinsame Regierung stellen können, die den Bundestag mal kräftig durchpustet im Sinne eine barrierefreien und inklusiven Gesellschaft - einfach eine echte soziale Gesellschaft.

Für mich heißt es, wie schon zuvor erwähnt, dass der Vorhang gefallen ist - die ganze Kritik von mir, die sich wie ein roter Faden durch mein Blog zieht, ist wirklich nicht neu, denn sie gibt es schon seit Jahren. Nicht nur von mir, sondern von vielen anderen Betroffenen.

Es MUSS ein Ruck durch Deutschland gehen. (Danke an Roman Herzog.)

Damit lasse ich den Vorhang wirklich fallen:

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Freitag, 25. November 2011

Der Vorhang ist gefallen!

Ich habe mich dazu entschlossen, dass die Sendepause für immer ist, ab sofort werde ich unter @EinAugenschmaus nichts mehr schreiben und auch hier im Blog nicht mehr.

Es lebt sich nämlich viel entspannter, wenn man sich nicht mehr mit der Thematik beschäftigt. Trotzdem schäme ich mich immer noch für Deutschland in Sachen Barrierefreiheit und Inklusion - denn da liegt die Industrienation Deutschland so ziemlich auf den letzten Rängen weltweit.

Anfang des Monats war eine gehörlose Freundin mit ihrem ebenfalls gehörlosen Freund in New York und sie hat mal wieder bemerkt, wie barrierefrei die USA sind - nicht nur, dass dort im Fernsehen alles mit Untertitel kommt, sondern auch die Menschen viel offener und zugänglicher reagiert haben, wenn sie sagten: "Sorry, we're deaf." Daraufhin haben echt alle Amerikaner angefangen langsamer und deutlicher zu sprechen sowie mehr Körpersprache einzusetzen, außerdem änderte sich nichts an der Höflichkeit der Amerikaner. Andere gehörlose Freunde wiederum berichteten, dass sie öfters auf (hörende) Amerikaner gestoßen sind, die Gebärdensprache konnten.

"In Deutschland wird man viel früher und viel schneller dumm angeschaut, wenn man sagt:"Ich bin gehörlos, könnten Sie bitte langsam und deutlich reden?" war das Fazit der beiden.

Und es stimmt. Das kann ich bestätigen, dass man in Deutschland ziemlich oft scheel von der Seite angeschaut wird und man oft noch einen mitleidigen Blick geschenkt kriegt und auf der Stirn der Mitmenschen lesen kann: "Oh, der/die ARME(R), das IST ja furchtbar..."

Was man nicht kennt, vermisst man auch nicht, so einfach ist die Sache mit dem Hören für Gehörlose. Aber was man kennt, vermisst man - so zum Beispiel die Barrierefreiheit und Inklusion für Menschen mit Behinderungen.

Und ich kann nicht mal der Gesellschaft bzw. der Mitmenschen einen Vorwurf machen, dass sie meistens hilflos und zwiegespalten reagieren, wenn sie mit etwas anders als der Norm zu tun bekommen, was einfach an der Aussortierung von Menschen mit Behinderungen aus der Gesellschaft von klein auf liegt.

Und daran ist die Politik schuld mit ihrer falschen Haltung und Tunnelblick. Es ist ja nicht so, dass Menschen mit Behinderungen unter sich sein wollen, sondern sie wollen alle den gleichen Zugang zur Gesellschaft und Informationen - eben eine echte Teilhabe von klein auf.

Und das wird in Deutschland wohl nicht mehr passieren in den nächsten Jahren. Aber damit werde ich mich nicht mehr beschäftigen. Es lebt sich so viel entspannter und vielleicht ist das auch ein bisschen feige.

"Denk ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht, Ich kann nicht mehr die Augen schließen,Und meine heißen Tränen fließen." so hat sich Heinrich Heine geäußert.

Und ich hab keien Lust mehr, dass ich vor Wut manchmal heule, weil Deutschland einfach ein Armutzeugnis in Barrierfreiheit und Inklusion hinlegt. Oder dass ich mich darüber aufrege, dass auf der DVD von "Gegen die Wand" nur dann deutsche Untertitel sind, wenn türkisch gesprochen wird, aber nicht, wen im Film deutsch gesprochen wird. Das gleiche Problem bei "Der letzte Tag." Und so weiter und so fort.

Und noch viel weniger will ich ständig den Menschen hier in den Ohren liegen bzw. die Ohren damit vollheulen, wie wichtig das ist. Es ist ja nicht so, dass man Recht bekommt, wenn man Recht hat - siehe UN-Behindertenkonvention der Menschenrechte für Menschen mit Behinderungen, was gültiges Recht ist in Deutschland.

Oder wie mein Opa immer sagt: "Neid und alles andere ist hart erarbeitet. Das Mitleid bekommt man geschenkt."

Nun - Mitleid will man erst recht nicht, wenn man behindert ist und man will sich auch nicht das Recht hart erarbeiten müssen, sondern es einfach kriegen, weil es gültiges Recht ist.

Und ja - es war eine tolle Zeit mit euch allen, ganz besonders auf der Re:publica 11 in Berlin. Und für jede E-Mail, für jede DM, jeden Reply und Blogkommentar möchte ich euch allen ganz <3 danken!

Ein kleiner Fernsehtipp noch: Am 03.12.2011 kommt auf Tele5 um 15 Uhr, der Film "Gottes vergessene Kinder", der filmische Meilenstein in Sachen Gehörlose und Gebärdensprache!

Donnerstag, 17. November 2011

Warum eigentlich Sendepause auf unbestimmte Zeit?

Seit gestern bin ich nun sehr oft gebeten worden, dass ich mir einfach nur eine Auszeit nehme, aber mit dem Bloggen und dem Twittern weitermachen soll nach dieser.

Auch wurde mir gesagt, dass mir der Umweg über die Politik wohl nicht erspart bleiben wird - richtig, da war ja noch was!

Ich habe mir die letzten Wochen durch den Kopf gehen lassen, welche Partei mir denn nun am meisten zusagt und schwankte sehr zwischen einem Beitritt bei den Piraten oder bei den Grünen.

Aber was mir an der ganzen Sache überhaupt nicht behagt, ist die Tatsache, dass man als Politiker oftmals überhaupt kein Privatleben mehr hat und die Kontrolle nicht mehr so gegeben ist, ob Privates wirklich Privates bleibt. Und mit meiner direkten Art und Geradlinigkeit wäre ich wohl auch gar nicht für die Politik geschaffen. Außerdem denke ich längerfristiger als die meisten Politiker, was das Ganze noch erschwert.

Mit meiner Art zu bloggen und Internetpräsenz habe ich mir einen kleinen Bekanntheitsgrad geschaffen, aber warum in Gottes Namen* muss man erst sich erst mal einen Namen verschaffen, um gehört oder eher erhört zu werden von der Politik, die ihre Hausaufgaben einfach nicht macht? Ich wollte eigentlich nie "bekannt" werden, das war auch gar nicht der Sinn meiner Bloggerei. Mir schwebte einfach ein bisschen Aufklärungsarbeit vor und fertig.

Die Tendenz ist also eher, dass ich das mit dem Bloggen und dem Twittern ganz sein lasse und anderen das Beackern des Feldes überlassen werde.

Auf das bisschen Etwas, was ich bisher erreicht habe, bin ich aber auf jedem Fall stolz!

P.S. Und Jammern wollte ich grad wirklich nicht, aber das musste echt mal raus. Und ich hoffe, es ist nun etwas verständlicher, warum ich derzeit eine Sendepause auf unbestimmte Zeit habe.


*Mit der Religion habe ich wirklich nichts am Hut, aber diese Rendewendung gefiel mir einfach an diesem Punkt, vor allem, da wir ja grad eine angebliche christliche Partei in der Regierung haben. C wie Nicht-Christlich.

Sendepause auf unbestimmte Zeit.

Es ist soweit: Die auf Twitter Anfang September verkündete Sendepause steht an: Ich habe mich dazu entschlossen, dass ich das Bloggen und Twittern für eine unbestimmte Zeit sein lasse.

Es gibt sovieles, worüber ich mich aufregen könnte und blogtechnisch verwursten könnte, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass sich in Deutschland nichts in Sachen Inklusion und Barrierefreiheit ändern wird in absehbarer Zeit.

Am 29. November werde ich also bei der Socialbar in Stuttgart auftreten, was dann der zweitletzte oder der letzte Termin für 2011 sein wird. Anfang Dezember steht wohl noch einer an, aber noch ist nix fix.

Aber vielleicht sieht man sich ja im Fernsehen? Ich habe nämlich die Redaktionen von "Hartaberfair", "Jauch", "AnneWill" und "Markus Lanz" angeschrieben, ob die nicht mal über Barrierefreiheit und Inklusion von Menschen mit Behinderungen reden wollen mit mir als Studiogast?

Die Antworten waren halt, dass man mich im Kopf behalte für eine solche Diskussion, den Themenvorschlag in der Redaktionssitzung besprechen wird und noch keinen Sendungstermin hierfür habe.

Nun, wir werden sehen, was dabei rauskommt.

Freitag, 11. November 2011

CODA-Familie bei Kerner

Gestern Abend war die gehörlose Familie Schäfer bei Kerner zu sehen und es war schön zu sehen, wie sachlich korrekt und vor allem barrierefrei man über die Familie berichtet hat - es gab Untertitel und der Gebärdensprachdolmetscher war während der Talkrunde ständig im Bild. :-)

(CODA= CHILD(ren) OF DEAF ADULTS - Kind(er) von gehörlosen Erwachsenen - das drückt aus, dass es hörende Kinder sind. Es gibt auch noch DCODA - DEAF Child(ren) OF DEAF ADULTS - Gehörlose Kinder von gehörlosen Erwachsenen.)

Ich hätte mir für die nicht gebärdensprachkompetenten Gehörlosen und Schwerhörige, ja das gibt's auch, die ganze Zeit über #Untertitel gewünscht, aber es war schon ziemlich gut gemacht bei Kerner auf Sat1.

Nicole Schäfer ist Erzieherin, Mathias Sozialpädagoge und sie haben 3 hörende Kinder, die zweisprachig aufwachsen werden - mit der Gebärdensprache und der Lautsprache.

Sehr interessant ist auch im Video die Bestätigung der Tochter Aurelia, dass sie mit 8 Monaten angefangen hat zu gebärden, also zu sprechen. Die Lautsprache kam erst später dazu. Gehörlose Kinder von gehörlosen Eltern fangen durch das Kommunikationsmittel Gebärdensprache sehr früh an, sich der Umwelt mitzuteilen.

Der Sohn einer gehörlosen Freundin sprach ebenfalls mit etwa 8 Monaten sein erstes Wort: "Ente."

Und der eine oder der andere wird sicherlich mal von den Babyzeichensprach-Kursen gehört haben, ein Trend, der aus den USA zu uns rübergeschwappt ist, weil man einfach gemerkt hat, dass Kommunikation schon viel früher gemerkt hat durch die Gebärdensprache.

Das ist ein echter Fortschritt gewesen in Deutschland, wenn man mal bedenkt, dass Pädagogen und Ärzte noch in den 1990er Jahren hörenden Eltern eines gehörlosen Kindes davon abgeraten haben für das Kind Gebärdensprache zu lernen, um so mit dem Kind kommunizieren zu können, da die Gebärdensprache die Kinder angeblich am Sprechen lernen hindern würde... Diese Meinung ist heute übrigens noch nicht ganz ausgestorben. Eigentlich lächerlich, wenn man bedenkt, dass Kinder aus binationalen Familien ebenfalls zweisprachig aufwachsen von klein auf und an diesem Fakt stört sich kein Schwein.

Aber zurück zur der Familie Schäfer - eine sympahtische Familie und ein Johannes B. Kerner, der offen zugab, dass das alles mit der Gebärdensprache nicht soooo einfach ist. ;-) Es wird auch erzählt, wie Gehörlose wach werden und die Erklärung einiger Namensgebärden.

Hier kommt man zum Video:

Hörende Kinder - Taube Eltern - Familie Schäfer bei Johannes B. Kerner


Was ich mir vielleicht noch gewünscht hätte, wäre das Thema Barrierefreiheit gewesen....Aber man kann ja nicht alles haben. ;-)

Mittwoch, 9. November 2011

Deutsch ins Grundgesetz - Diskriminierung der Gebärdensprache

Diesen Montag hat der Bundestag darüber debattiert, ob man Deutsch als Landessprache im Grundgesetz verankern sollte. Das Ganze wurde übrigens vor einem Jahr von der BILD-Zeitung natürlich unterstützt, weil die Bild ja immer weiß, was der kleine Mann da unten vom großen Mann da oben will.

Mit der Unterstützung des großen Boulevardblattes konnte der VDA - Verein für deutsche Kulturbeziehungen im Ausland und der VDS - Vereins deutscher Sprache 46.317 Unterschriften sammeln für die Forderung: "Deutsch muss ins Grundgesetz!"

Deutsch ist übrigens bereits vom Gerichtsverfassungsgesetz als auch von den Verwaltungsverfahrensgesetze als Amtssprache festgelegt - wozu also die Petition für die Aufnahme ins Grundgesetz?

Man ahnt's schon - Deutsch habe einen dramatischen Bedeutungsschwund erlangt und überhaupt hätten 17 von 25 EU-Staaten ihre Sprache in die Verfassung festgeschrieben, so der Standpunkt des VDA und VDS.

Die Gegenposition für die Festlegung im Grundgesetz vom Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch und diese ist so einleuchtend wie auch überzeugend. Besonders hat es mich gefreut, dass er die Gehörlosen als die sprachliche Minderheit unter sprachlichen Minderheiten in Deutschland nicht vergessen hat zu erwähnen und zu ermahnen, dass ein solche Verankerung der deutschen Sprache ins Grundgesetz ein Signal der Abschottung gegen diese sprachlichen Minderheiten ist.


In Deutschland leben ca. 80tausend Gehörlose und 16 Millionen Schwerhörige, aber ich will mich jetzt mal nur auf die Gehörlosen beziehen, denn die überwiegende Mehrheit der Gehörlosen in Deutschland bezeichnet die Deutsche Gebärdensprache als ihre Muttersprache.

Aber offiziell sind die Gehörlosen nicht als eine sprachliche Minderheit anerkannt, sondern als eine Gruppe der Behinderten, obwohl Gehörlose sich selbst nicht als behindert bezeichnen, sondern eben als eine sprachliche Minderheit.

Oder kennen Sie eine andere Behinderung, die eine eigene Sprache mit einem eigenen Wortschatz, einer eigenen Poesie, einer eigenen Kultur und eigenen olympischen Spielen, die Deaflympics, hervorgebracht hat? Es gibt zwar die Paralympics und die Special Games, wo aber verschiedene Behinderungen zusammenkommen.

In Deutschland ist die deutsche Gebärdensprache seit dem 1. März 2002 als eigenständige Sprache anerkannt, aber nicht als Amtsprache. Sie hat nur den Status einer eigenständigen Sprache erlangt, aber nicht den einer Minderheitensprache wie Nordfriesisch, Saterfriesisch, Dänisch, Sorbisch und Romani in Deutschland.

Warum eigentlich nicht? Es ist längst dringend überfällig, dass die deutsche Gebärdensprache den Status einer solchen erlangt, denn sie erfüllt alle 5 Kriterien für eine solche Anerkennung.

Der Vorteil dabei wäre: Als Partei einer nationalen Minderheit ist man gemäß § 3 Abs. 1 Satz 2 des Wahlgesetzes seit 1955 für den Landtag des ansässigen Bundeslandes von der 5-Prozent-Hürde befreit; dies gilt auch schon seit 1953 für Bundestagswahlen nach § 6 Abs. 6 Satz 2 des Bundeswahlgesetzes, der für alle Parteien nationaler Minderheiten gilt.

Damit wäre der Weg frei für eine politische Mitsprache der Gehörlosen.

Andere Länder wie Island und Neuseeland sind uns da meilenweit voraus: Dort ist die jeweilige Gebärdensprache des Landes zur Amtssprache ernannt worden.



Mein Fazit ist also: Die Politik sollte sich in Deutschland mit anderen Sachen beschäftigen, ob nun Deutsch ins Grundgesetz festgelegt werden sollte oder nicht, denn es gibt wirklich wichtigeres zu tun und der größte Berg an Arbeit wartet im sozialen Bereich auf die unerträgliche unsoziale schwarz-gelbe Regierung.

Und im übrigen ist es wirklich das falsche Signal, wenn man Deutsch ins Grundgesetz reinschreibt, weil es eine Abwertung der anderen Sprachen ist, die in Deutschland gesprochen werden. Aber logischerweise ist es wichtig, dass Einwanderer und Zuwanderer die Sprache des Landes lernen, wo sie arbeiten und leben wollen, damit beide Seiten voneinander lernen können.

Ich hoffe so sehr, dass bei der Bundestagswahl 2013 ein ganz anderer Geist durch den Bundestag weht und Schwarz-Gelb endgültig abgewählt ist, denn keine andere Regierung hat dem sozialen Miteinander in Deutschland so geschadet wie diese.

Dienstag, 8. November 2011

Auftritt

Am 29. November 2011 werde ich auf der Stuttgarter Socialbar auftreten und über Barrierefreiheit reden.

Hier entlang zu der Veranstaltung: http://socialbar.de/wiki/Stuttgart


Mittwoch, 26. Oktober 2011

140 Zeichen = 140 Sekunden

Tja, das kann passieren, wenn man twittert - man kommt ins Fernsehen.

Nun kann man das Ergebnis der Berliner Dreharbeiten von August 2011 im Fernsehen bewundern und ich kann mich selbst wie immer kaum angucken dabei. Das wichtigste ist, dass man mir es anmerkt wie nahe mir das geht, dass Deutschland so wenig barrierefrei ist für Gehörlose&Schwerhörige. Ich hatte mich ganz gut im Griff, denke ich. Normalerweise werde ich bei dem Thema an einem Punkt im sehr sauer, weil ich mit der Gesamtsituation einfach unzufrieden bin. :-D

Die Dreharbeiten waren toll - die Mia hat super gefilmt, die Atmosphäre im Berliner Jahn-Stadion hat auch super dazu gepasst.

Nun, hier kann man sich das angucken im Rahmen des Elektrischen Reporters:

Folge 018: Kleines Geborgtes, gelesene Lippen und bewertete Güter

Ab der 04:40 Minute geht's los mit mir. Selbstverständlich kann man sich auch die ganze Folge angucken!

Und wer wirklich nur MICH anschauen will, der klicke hier auf diesen Link, wo es 140 Sekunden lang nur mich gibt:

Die Lippen der Liberos - 140 Sekunden

Montag, 10. Oktober 2011

Falsche Darstellung von Gehörlosen in Filmen

Gestern wurde ich auf Twitter darauf angesprochen, dass Barbara Meier ihre Rolle im Film "Schreie der Vergessenen" als taubstumm bezeichnet, was mir bestimmt nicht gefallen wird.

So ist es - diese Bezeichnung gefällt mir nicht und damit bin ich nicht die einzige - hier in Deutschland leben ca. 80tausend Gehörlose, denen das auch nicht gefallen wird.

Aber Moment mal, Barbara Meier - ist es nicht dieses rothaarige Topmodel von 2007? Genau die.
Hier ist das Interview, wo sie ihre Rolle als "taubstumm" bezeichnet.

Es macht mir Spaß, andere zu irritieren!
Zuerst liest es sich wie ein braves Interview mit den üblichen Bonmots, dann aber kommt man zu dieser Stelle aus diesem Interview:

"teleschau: Als Morgana Le Fey kommunizieren sie in "Schreie der Vergessenen" ausschließlich in Gebärdensprache.
Barbara Meier: Das war toll. Ich ging in München zu einer Taubstummenschule und wollte mir dort erst einmal die Grundidee dieser Sprache beibringen lassen. Ich war ganz alleine mit der taubstummen Lehrerin. Sie hat mich nicht verstanden und ich sie schon gar nicht. Für mich hatte es dennoch etwas ganz, ganz Spannendes, weil wir uns letztlich doch verständigen konnten. Ich verstehe immer noch nicht, wie wir das geschafft haben. Sehr faszinierend. Den Rest brachte ich mir dann durch Videos selbstständig bei. Ich saß viele, viele Stunden vor meinem Computer, habe geübt, und ständig auf Standbild geschaltet."

Da stehen mir die Haare zu Berge, denn jeder Schüler, der Gebärdensprachunterricht hatte, wird gleich am Anfang der Stunde etwas in die Welt der Gehörlosen eingeführt und ermahnt: "Verwendet bloss nicht das Wort "taubstumm" für uns, das ist ein No-GO!" Und was macht Barbara Meier? Sie verwendet das Wort im Interview. Und wo hatte sie eigentlich Gebärdensprachunterricht? War sie in einer Gehörlosenschule zu Besuch und hat dort eine gehörlose Lehrerin gehabt, die sie etwas eingeführt hat oder besuchte sie die Münchner Gebärdensprachschule, wo Gehörlose Hörenden Gebärdensprache beibringen?

Aber es kommt noch besser: Sie habe sich den Rest der Gebärdensprache ganz alleine am PC beigebracht. Ob sie da bedacht hat, dass die Deutsche Gebärdensprache eine ganz andere Syntax hat als die deutsche Sprache?

Ich bin sehr skeptisch, ob Frau Meier auf diese Weise überhaupt in der Lage ist, überzeugend eine gehörlose Person in einem Film darzustellen. Ich lasse mich mal überraschen, denn am Donnerstag, den 27. Oktober kann man sich also "Schreie der Vergessenen" um 20:15 auf Pro 7 angucken.

Auch das ist ein deutsches Problem: Die Gehörlosen und die Gebärdensprache werden in Filmen oft falsch dargestellt - nehmen wir nur mal den Tatort "Vergesene Erinnerung vom 31.10.2010 mit Maria Furtwängler. Hier gab es massive Kritik seitens der Gehörlosen am Tatort, was man hier nachlesen kann samt PDF zum Anlicken: "Tatort: Vergessene Erinnerung -Stellungsnahme des deutschen Gehörlosenbundes."

Oder die Pfarrer-Braun- Folge "Ein verhexter Fall" vom 15.April 2004. Auch dort wurde nur Mist erzählt über die Gehörlosen und die Gebärdensprache. Hier die Kritik an der Folge mit PDF zum Anklicken.

Auch "In aller Freundschaft" in ARD kommt auch nicht gut weg, obwohl den Machern der Serie bekannt ist, dass die Serie gerne von Gehörlosen angeschaut wird. Vor einigen Jahren war dort schon mal eine gehörlose Story zu sehen, die mir nicht so gut gefiel, aber leider weiß ich nicht mehr mit Sicherheit, ob die gehörlose Hauptdarstellerin auch wirklich gehörlos war, aber soweit ich mich erinnere, war sie es nicht. Die Folge hieß "Hör auf dein Herz" und wurde am 01.08.2006 ausgestrahlt. Das einzig Gute in der Folge war, dass Kathrin sich überlegt hat, wie man die Kommunikation zwischen dem Arzt und dem gehörlosen Patienten verbessen kann, wenn der Dolmetscher noch nicht da ist, denn das IST wirklich ein realistisches Problem aus der Welt der Gehörlosen.

Aber dann leistete sich die Serie einen fetten Klops: Sie machte am 12.04. 2011 die Folge "Trügerischer Friede" über eine Gehörlose, die ein Cochlear Implantat bekommen soll und nicht damit einverstanden ist. Die Hauptdarstellerin Johanna Ingelfinger war übrigens nicht mal gehörlos, sie konnte etwas DGS durch ihren hochgradig schwerhörigen Bruder. Der Taubenschlag hat das auch kritisiert in der Stellungsnahme: "Trügerische Taube" Und die Folge war eine Schleichwerbung für das Cochlear Implantat und das in einer Sendung, die von Gehörlosen gerne angeschaut wird! Das war ganz klar so geplant und gewollt. Hier gibt es den langen Blogeintrag zu mir über diese Folge von "In aller Freundschaft":

"In aller Freundschaft" die Pistole auf der Brust Da gibt's noch mehr Fakten von mir, warum die Folge von A-Z Schwachsinn war. Und die Haltung der Filmfirma zur der Folge ist eine Unverschämtheit.

Es gibt in Deutschland genügend gehörlose Schauspieler, die in gehörlosen Theaterstücken auftreten und wirklich talentiert sind, aber ins Fernsehen schaffen sie es kaum.

Das wird auch sehr gut hier beschrieben in diesem Blogeintrag, wie das Fernsehen es mit der Inklusion hält - nämlich so gut wie gar nicht: http://meinaugenschmaus.blogspot.de/2012/05/das-fernsehen-und-die-inklusion.html

Die einzige Ausnahme im deutschen Fernsehen mit einer guten Darstellung der Gehörlosen und der Gehörlosenwelt war der Kölner Tatort "Schützlinge" vom 03.03.2002. Da spielten aber auch Gehörlose mit - der bekannteste darunter ist Marco Lipski, der in der Gehörlosenszene ein Superstar war. 2003 wurden er und ein Freund von der Polizei festgenommen, also in Handschellen gelegt, obwohl sie unschuldig waren und gewehrt haben sie sich auch gegen die Handschellen, da Gehörlose ja mit den Händen reden. Kann man hier nachlesen: Handschellen im Film und in real. Inzwischen macht Marco eher mit einem Schneeballsystem von sich reden als mit seiner Schauspielkunst.

Noch was zu "Jenseits der Stille" - das ist auch neben "Gottes vergessene Kinder" der bekannteste Film, wo Gehörlose mitspielen und alle gehörlosen Rollen auch von gehörlosen Darstellern besetzt sind und die Gebärdensprache gesprochen wird - in diesem Blogeintrag erzähle ich, wie schwierig es für Hansa Czypionka war so flüssig zu gebärden als wäre man mit der Gebärdensprache aufgewachsen: Jenseits der Stille - ein paar Fakten zum Film. Diese Filme stellen die Gehörlosen und die Gebärdensprache auch völlig realistisch dar, wie es wirklich ist.

Also, zurück zum deutschen Fernsehen, welches total mutlos ist, wenn es darum geht gehörlose Rollen auch von Gehörlosen zu besetzen zu lassen oder sich RICHTIG beraten zu lassen von Gehörlosen, wenn es um die Darstellung von denen geht. Dieser fehlende Mut liegt aber auch an der Aussortierung der Menschen mit Behinderung(en) in Deutschland, was sich echt wie ein roter Faden durch alle Lebensbereiche zieht durch die fehlende Inklusion und Barrierefreiheit von Anfang an.

In Amerika hat Marlee Matlin den Golden Globe und den Oscar für ihre Darstellung in "Gottes vergessene Kinder" gewonnen, in Frankreich gibt es die bekannte gehörlose Schauspielerin Emanuelle Laborit, die dort auch unzählige Preise gewann und außerdem Laras Mutter in "Jenseits der Stille spielte." Das sind die großen Namen, die einem auf Anhieb einfallen, aber es gibt noch mehr im Ausland. Nur nicht in Deutschland.

Nun startet am 27. Oktober in den USA ein Film über Matt Hamill, einen gehörlosen Amerikaner, welcher ein erfolgreicher Ringer war, denn er gab erst kürzlich seinen Rücktritt vom Profisport bekannt. Matt Hamill konnte 2001 bei den Deaflympics die Goldmedaille im Freistil sowie die Silbermedaille im griechisch-römischen Stil holen.

Aber er war auch sehr erfolgreich unter Hörenden: Dreimal wurde er National Champion bei der NCAA. Sportlich bekam er den Spitznamen "The Hammer", was auch zum Titel des Filmes über ihn wurde.

Und der Kommentar unter dem Youtube-Trailer ist sehr interessant, denn dort steht, dass die Rollen alle von gehörlosen Schauspielern besetzt worden sind, die im Film auch gehörlos sind. Außerdem kommt der Film in den USA mit offenen Untertiteln in die Kinos.

You-Tube-Trailer Matt Hamill - The Hammer


Homepage des Filmes "The Hammer"

Der Film hat in den USA bei vielen Filmfestivals mächtig abgeräumt. Ich bin gespannt, ob der Film in Deutschland auch mit offenen (deutschen) Unteretiteln starten wird oder nur auf OMU verfügbar ist.

Aber was ich eigentlich sagen will - mit der falschen Darstellung der Gehörlosen und der Gebärdensprache in den Filmen ist es wie mit den Indianern in den Westernfilmen - es ist schädigend für unser Image und macht oft die ganze Aufklärungsarbeit zunichte. Auf Twitter wurde mir gesagt, dass Hacker oft das gleiche Problem haben, weil sie mit Crackern verwechselt werden, aber haben Hacker oder Cracker das Problem, dass sie von der Gesellschaft ausgeschlossen werden aufgrund der fehlenden Barrierefreiheit? Eben. Und es ist doch ein Kompliment für die Hacker/Cracker, wenn man ihnen mehr zutraut, als es tatsächlich möglich ist, aber für uns gilt das nicht.

Bei solchen sensiblen Dingen hat das Fernsehen die Pflicht dem gesetzlich verordneten Bildungsauftrag nachzukommen und die Realität zu zeigen. Und barrierefrei sollte dies auch sein.

Schlussatz: Man merkt es als Gehörloser einfach, wenn die Darstellung nicht korrekt ist und ob die Rolle von einer hörenden oder gehörlosen Person gespielt wird.

UPDATE vom 12. Oktober: Ich war mal so frei und habe Barbara auf ihrer Facebookseite darauf hingewiesen und mal nachgefragt, warum sie den falschen Begriff "taubstumm" verwendet hat und ihr diesen Blogeintrag von mir verlinkt: Ein wichtiger Hinweis für Medienschaffende!

Daraufhin schrieb sie mir folgendes: "Liebe Julia! Vielen Dank für Ihre Nachricht!!
Das tut mir sehr leid, diesen Fehler gemacht zu haben! Ich habe mir gerade Ihren Blogeintrag durchgelesen und kann mich nur für die Verwendung des falschen Begriffs entschuldigen!
Dieser Fehler war mir nicht bewusst und war in keinster Weise despektierlich gemeint!!

Ganz im Gegenteil war ich sogar sehr sehr begeistert, über die wahnsinnigen Kommunikations-Fähigkeiten meiner Lehrerin!! Vielleicht war ich zu sehr von der Technik und den Möglichkeiten dieser Sprache begeistert, dass ich mir zu wenige Gedanken um das Wort selbst gemacht habe. Ich hatte diesen Unterricht genommen, um so wenige Fehler wie nur möglich zu machen.

Das allerletzte, was ich mit solchen Interviews erreichen will ist, dem Bild der Gehörlosen in der Öffentlichkeit zu schaden! Ich werde in jedem folgenden Interview besonders Wert darauf legen, den richtigen Ausdruck zu benutzen und bedanke mich sehr, dass Sie mich darauf aufmerksam gemacht haben!! Viele Grüße Barbara"

Die Antwort von ihr kann man übrigens auf dieser Facebook-Seite nachlesen:
Antwort von Barbara Meyer.

Schön, mit dieser Antwort bin ich zufrieden. :-) Ich bin gespannt, wie Barbara sich als Gehörlose schlagen wird.

Freitag, 7. Oktober 2011

Die Geburt des Blogs hier...

entstand durch eine Frage, die ich im Frühjahr 2009 bei meinen ersten Gehversuchen unter meinen anderen Twitteraccount in die Runde schmiss: "Was wäre euch lieber, wenn ihr vor der Entscheidung stehen würdet: Blind zu sein oder gehörlos? Und was beeinflusste eure Entscheidung?"

Genau diese Frage habe ich heute wieder in die Runde geschmissen bei Twitter, Facebook und G+ und bekam sehr interessante Antworten zurürck, die im Vergleich zu den damaligen Antworten interessant sind, denn damals wurde Blindheit favorisiert. Diese Tendenz war mir damals schon klar, denn als blinder Mensch bist du ein bisschen besser in die Gesellschaft integriert und du wirst trotz der Blindheit nicht allzu oft komisch angeschaut.

Und damals 2009 habe ich mich dann bei meinem Twitteraccount auf eine Rückfrage einer Followerin namens @textzicke: "PUH, du stellst aber auch Fragen. Aber warum denn nur, Liebelein?" geoutet: "Ganz einfach: Ich bin gehörlos."

Da wurde ich dann bei Twitter dazu befragt und habe die dann auch beantwortet, aber immer sehr darauf geachtet, dass ich nicht nur so "Hörzeugs" twittere, denn ich bin halt nicht mein Defizit. ;-)

Der Satz eines Journalisten zu mir anlässlich meines Outings lautete: "Du solltest darüber bloggen, denn für uns ist diese Welt so weit weg und nicht nachvollziehbar." Das war dann die Geburtststunde von dem Blog hier.

Nun zurück zur Gegenwart und zur der heutigen Fragestellung, bei der ich aber damit gerechnet habe, dass die Tendenz wie gewohnt zu "Blind" tendieren wird, aber das Gegenteil war der Fall: Die meisten entschieden sich heute für die Gehörlosigkeit, was mich sehr zum Überlegen gebracht hat, warum das so ist?

Ich weiß es nicht, warum sich das geändert hat und wodurch. Vielleicht bin ich sogar mit meiner Twitterei/Bloggerei zu einem kleinen Teil daran schuld, dass man über Gehörlosigkeit genauso gut aufgeklärt ist wie über Blindheit?

Gewonnen ist dadurch allerdings gar nichts - es ist nur schön zu lesen, dass Gehörlosigkeit heute offenbar ein bisschen besser akzeptiert ist als Behinderung und nicht mehr so sehr hinter Blindheit hinterher hinkt. Natürlich ist es klar, dass die Antworten auf Twitter, Facebook und G+ nicht für alle sprechen.

Gewonnen haben wir alle erst, wenn es egal ist, ob man behindert ist oder nicht - denn die vollständige Teilhabe an der Gesellschaft macht das Schreckenzensario Behinderung weniger schlimm.

Und das Zauberwort dazu heißt "Inklusion." Eine gemeinsame Gesellschaft für alle. Ohne Barrieren.

Ob das eines Tages mein Deutschland sein wird, in dem mich zeitweise nicht mehr wie eine Ausländerin in meinem eigenen Land fühlen werde, wenn sämtliche Barrieren weggefallen sind?

Freitag, 30. September 2011

Hörbehinderte/Gehörlose dürfen nicht gemeinsam in den Urlaub fliegen

Kein Aprilscherz, sondern bittere Wahrheit, welche sich letzte Woche in Marseille abgespielt hat:

Eine Gruppe von Gehörlosen wollte von dort aus in die Türkei fliegen, jedoch wurde ihnen der Mitflug verweigert aus Sicherheitsgründen, die laut der Chefin der Flug-Airlinie "Air-mediterranee" wie folgt heißen:"Schwerhörige gelten als Personen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit. Wir hätten mehr Personal einsetzen müssen.“

Nun ja - die gleiche Gruppe flog schon 2010 nach Tunesien ohne aufgestocktes Sicherheitspersonal, nur mal so nebenbei bemerkt.

Ich bin neulich erst im August von Stuttgart nach Hamburg geflogen mit der AirBerlin und dort werden die Sicherheitshinweise nicht nur von den Flugbegleitern erklärt, sondern auch auf den Bildschirmen - es gab sogar Untertitel, allerdings englische Untertitel. Der Sinn erschließt sich mir bis heute übrigens noch nicht ganz, warum auf einem innerdeutschen Flug englische Untertitel auf dem Bildschirm zu sehen sind beim Sicherheitsvorführungsfilm, aber liegt wahrscheinlich daran, dass Englisch die Weltsprache Nummer 1 ist. Ich hätte es nett gefunden, wenn dort auch deutsche Untertitel vorhanden gewesen wäre.

Und auf diesem Flug nach Hamburg also habe ich auf den Hinweis im Buchungscode verzichtet, dass ich gehörlos bin, denn das kann man nämlich angeben, dann kriegt man nen besonderen Service an Bord durch die höhere Aufmerksamkeit der Flugbegleiter, was ich auf dem Flug von München nach Bilbao in Spanien im Jahre 2001 erlebt habe. Muss ich nicht haben, dass jemand mit mir redet, als wäre ich 3 Jahre alt und könne nicht alleine aufs Klo gehen.

Daher habe ich bisher auf diesen Code verzichtet bei Flugreisen, denn es IST doch lächerlich, wenn auf meinem Flug ebenfalls eine schwerhörige/gehörlose Person gebucht wird und es dann Probleme gibt aufgrund dieser lächerlichen Sicherheitslinie, die besagt, dass es einfacher seie sich im Notfall um eine einzelne gehörlose/schwerhörige Person zu kümmern als um mehrere.

Schon 2004 hat eine gehörlose Reisegruppe die Fluggesellschaft Air Nostrum wegen Diskriminierung verklagt.


Die Bild-Zeitung benützt übrigens OH WUNDER, sogar den korrekten Begriff "Gehörlose" in ihrem Bericht über den Marseiller Vorfall. Lediglich Gebärdensprachdolmetscher schrieb sie falsch, aber da war nur ein Buchstabe zuviel. ;-)

Unerhört! Airline lässt Gehörlose trotz Tickets nicht an Bord

Und hier der Bericht aus der Welt-Online: Sicherheitsbedenken: Fluggesellschaft lässt Hörbehinderte nicht fliegen. Die Welt-Online hat übrigens fototechnisch einen Fehler gemacht - das Foto zeigt einen Gehörlosen MIT einem Cochlear Implantat, nicht mit einem Hörgerät!

Noch etwas: Sicherheitshinweise werden vorgeführt und zwar visuell - das versteht jeder. Die Sicherheitsrichtlinien sind also völliger Bockmist. Und ich merk nichts davon, dass ich als Gehörlose irgendwie in meiner Bewegung eingeschränkt bin - ich kann alles bewegen. Bin ich visuell irgendwie eingeschränkt? Bin ich zu bescheuert, um alleine zu fliegen zu dürfen? Ich seh den Sinn dieser Sicherheitslinie bis heute nicht ein und bin gespannt auf den Ausgang der Klage.

Hier übrigens noch ein älterer Blogeintrag von mir, wo ich über den Fall der Air Nostrum von 2004 sinnierte und mich fragte, ob die Sicherheitslinien nun einen Schutz DER Behinderten darstellen oder einen Schutz VOR Behinderten.

Schutz vor Behinderten oder Schutz der Behinderten?!


Und bei meinen geschätzten Kollegen Not quite like Beethoven kann man sich ebenfalls einen Blogeintrag zu dem Marseiller Fall durchlesen, die Kommentare sind auch sehr interessant:

Schwerhörige gelten als Menschen mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit."

Achja, die Kommentare unter dem Bild-Artikel und bei Welt-Online sind ebenfalls interessant.

Freitag, 23. September 2011

Aus dem Leben einer CODA

Vor einiger Zeit sorgte die Userin "MusicForTheEye" auf Youtube für Furore, denn sie stellte ein Video online zum Song "Endboss" von Marteria. An sich nichts besonderes, wäre nicht der Umstand, dass sie es in Gebärdensprache vortrug!

Das Video wurde, wie andere Videos in Gebärdensprache von ihr, zu einem Knaller auf You-Tube.

Allerdings kann man sich die Videos nicht mehr anschauen, da die GEMA die Videos gesperrt hat wegen der Rechte am Lied - vielleicht wäre es doch schlauer gewesen von ihr, die Videos ohne Ton online zustellen. ;-)

Jetzt hat mich ein Twitterer auf einen Blogbeitrag von "MusicFortheEye" aufmerksam gemacht, wo sie erzählt, wie das alles zustande kam mit dem Video und wie ihr persönlicher Hintergrund als CODA aussieht und was sie als CODA bisher so erlebt hat im Umgang der hörenden Mitmenschen gegenüber ihren gehörlosen Eltern.

(Erklärung: Das Wort CODA setzt sich so zusammen: CHILDREN OF DEAF ADULTS - Kinder von gehörlosen Erwachsenen. Also hörende Kinder von gehörlosen Erwachsenen, die mit der deutschen Gebärdensprache als Muttersprache aufwachsen und oft leider etwas zu früh erwachsen werden, weil sie oft für ihre Eltern dolmetschen müssen. Diese Problematik dieser Rolle sieht man auch gut im Film "Jenseits der Stille", wo Lara z.B. auf der Bank für ihre Eltern dolmetschen muss.)

Beispielsweise kann ich bestätigen, dass Ärzte und andere Menschen in anderen ähnlichen Situationen oft mit der hörenden Begleitperson des gehörlosen Patienten ÜBER den Gehörlosen reden anstatt MIT und ZUM gehörlosen Patienten - die blenden dann einfach den Hauptbetroffenen aus - das ist kein Einzelfall im Umgang.

Also: Vorhang auf einen Blick aus dem Leben einer CODA - MusicForTheEye erzählt, wie sie loszog, um die Welt zu retten und was dabei rauskam - hier bitte klicken!

Mittwoch, 21. September 2011

Gehörlos und Soldat?!

Ich wollte ja schon lange mal über den gehörlosen Amerikaner Keith Nolan berichten, dessen Traum es ist, seinem Land beim Militär zu dienen, was er aber nicht darf, weil er gehörlos ist, aber irgendwie kam ich nicht dazu.

Jetzt aber habe ich eine tolle Verbindung zu Keith Nolan und Libyen erhalten, also lege ich mal los.

Nun, Keith Nolan ist ein gehörloser Amerikaner, dessen Großvater und Großonkeln im zweiten Weltkrieg ihrem Land gedient haben - er stammt also aus einer Familie mit militärischer Tradition, weswegen er den Wunsch hatte zum Militär gehen zu können.

Als Gehörloser ist es ihm eigentlich nicht möglich, aber er hat sich über ein Programm zum Militär gemogelt, aber er musste seine Uniform wieder abgeben, weil der medizinische Dienst ihn beim Übergang in den offiziellen Militärdienst automatisch durchfallen lässt aufgrund seiner Gehörlosigkeit, obwohl er gute Noten erlangte beim militärischen Programm und sich den Respekt seiner Mitsoldaten und Vorgesetzten erwarb durch seine Hartnäckigkeit.

Der Ted-X-Talk mit Cadett Nolan ist jedenfalls sehr interessant, allerdings hört man nicht seine eigene Stimme, sondern er wird nach gesprochen von einer anderen Person, aber er spricht schon, während er in ASL (American Sign Language) gebärdet.

Ted-X-Talk Islay with Keith Nolan - Deaf in the Military


Cadett Nolan kämpft derzeit noch dafür, dass diese Regelung fallen gelassen wird und amerikanische Gehörlose genau wie israelische Gehörlose in das Militär eintreten können und ihrem Land dienen dürfen - hier seine Facebook-Seite.

Und heute las ich im Taubenschlag von gehörlosen Rebellen, die in Libyen aktiv für die Freiheit des Landes mitkämpfen - und dadurch sehr viel gewonnen haben, denn unter Gaddafi durften die Gehörlosen in Libyen nicht mal einen Gehörlosenbund gründen, denn dieser hatte Angst vor der "geheimen" Gebärdensprache, weil diese von seiner Polizei nicht belauscht werden konnte noch verständlich war.

Einer der gehörlosen Rebellen, der 18jährige Abubakar Mustafa Awene sagt zum Beispiel: "Ich kann nicht hören und nicht sprechen, aber ich kann kämpfen. Wenn ich das kann, hat niemand eine Entschuldigung, nicht auch mit da draußen zu sein."

Was die gehörlosen Rebellen den hörenden Rebellen voraus haben? Sie sehen besser, das ist von Vorteil im Kampf. So sah z.b. der gehörlose Anführer Khalid Sati der 86 Mann starken Brigade, wovon die gehörlosen Rebellen 79 Mann ausmachen plus 7 hörende Rebellen, als einziger eine leichte Bewegung hinter einem Fenster, weswegen er einen Gaddafi-Soldaten erschiessen konnte, bevor dieser eine Granate auf die Truppe werfen konnte.

Die Gebärdensprache beherrscht die ganze Brigade fließend und die hörenden Rebellen fungieren als Dolmetscher zwischen den einzelnen Brigaden der Rebellen.

Was die gehörlosen Rebellen noch dazu gewonnen haben außer der Anerkennung, dass sie Mitkämpfer auf Augenhöhe sind? Sie sind nicht mehr arbeitslos, isoliert und diskriminiert, sondern gewannen hörende Freunde und die Garantie, dass sie in einem freien Libyen sicherlich einen Gehörlosenbund gründen dürfen und ihre Sprache, die Gebärdensprache nicht mehr unterdrückt wird.

(Es geht hier übrigens nicht darum, dass Gewalt verherrlicht wird, sondern dass Gehörlose inklusiv in einer Gesellschaft mitleben können und wollen sowie genau die gleichen Träume teilen wie andere Menschen auch. P.S. In Ägypten machten Gehörlose genau wie Hörende bei der Revolution mit - hier der Blogeintrag: Ägyptische Gehörlose waren auch dabei bei der Revolution.)

Hier der englische Artikel über die gehörlosen libyschen Rebellen.

In Deutschland gab es übrigens unter den Nazis auch Gehörlose, die im Krieg mitgekämpft haben und einen Sonderstatus hatten - hier geht's zum Blogeintrag:

Gehörlose Zeitzeugen unter dem Hakenkreuz

Achja, ermordet und zwangsterilisiert wurden Gehörlose wie andere Menschen mit Behinderung(en) auch in der Nazizeit:

Menschen mit Behinderungen unter dem Hakenkreuz

Zwangsterilisationen unter dem Hakenkreuz

Bin mal gespannt, was ihr zu diesem Blogeintrag sagt..

Samstag, 17. September 2011

Grün, stachelig und gehörlos!

Am Sonntag könnte der Traum wahr werden, dass zum ersten Mal überhaupt in Deutschland ein Gehörloser im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt bzw. politisch tätig ist. Einen kleinen Haken gibt es bei der Sache: Damit Martin Zierold auch ganz sicher ins Haus einzieht, müssten die Grünen in Berlin-Mitte 22% der Stimmen holen, derzeit stehen sie laut Umfragen bei 20%. Könnte also ganz knapp werden für Martin.

In der JETZT-Zeitung gibt es einen netten Bericht über Martin und seine Arbeit, nur leider stört's mich auch dieser Umstand, dass Martin eher bisschen wie ein kleines Kind vorgeführt wird durch die Bildersprache im Text, womit ich nicht alleine bin, denn auch die Kommentare unter dem Artikel belegen, dass dieser Eindruck nicht nur bei mir entstanden ist!

Politik der fliegenden Hände

Und hier geht's zur seiner Homepage:

Martin Zierold - Vielfalt stärken. Stärke durch Vielfalt


Ich wünsch dir für morgen viel Glück, Martin! Sichtbarkeit schafft Bewegung und mit deiner Kandidatur hast du auch schon sehr viel erreicht, aber was wirst du erst alles erreichen können, wenn du den Einzug schaffst! Meine Daumen sind gedrückt! :-)

Mittwoch, 14. September 2011

Warum gibt es bisher keine hochwertigen 1:1 Untertitel im deutschen Fernsehen?

Heute erreichte mich folgende Pressemitteilung, dass die ARD, dass sie den Ausbau barrierefreier Angebote beschlossen habe. Beim näheren Lesen machte mich das Wörtchen "Erstsendungen" stutzig. Warum steht da nicht gleich davon, dass man das ganze Programm untertiteln will? Auch ist zu lesen, dass derzeit 37% des Programms der ARD untertitelt.

Hier geht's zur Pressemitteilung: Bitte klicken.


Mich interessiert es vor allem, ob die Frau Piel auch daran gedacht hat, dass man die Mediathek der ARD barrierefrei anbietet, denn auch das wäre ein wichtiger Schritt, denn derzeit kann man nämlich einen verpassten "Tatort" nicht einfach in der Mediathek mit Untertitel nachholen. Beim ZDF ist es möglich in der Mediathek einen verpassten Film nachträglich mit Untertitel anzuschauen.

Die Untertitel in der ARD werden von den jeweiligen Landesfunkrundstalten produziert, die ihre eigenen Facebookseiten haben. So haben z.b. die Untertitelredaktionen vom WDR und des NDR welche. Social Media macht's möglich. ;-) Ich mag es, wenn ich dort kommentieren kann und Feedback zurückbekomme.

Da hab ich gleich mal bei NDR_Untertitel nachgefragt, was mit der Qualität der Untertitel, sprich 1:1 -Untertitel und der Barrierefreiheit der Mediathek seie? Nun, ich bekam das hier zur Antwort:

Liebe Frau Probst, zur Zeit mangelt es bei der Einstellung von Untertiteln in der NDR Mediathek an den technischen Möglichkeiten. Wir befassen uns aber mit der Problemstellung und arbeiten im Rahmen des Projektes "Barrierefreier Rundfunkzugang", das der NDR eingerichtet hat, an einer Umsetzung. Die Mediathek der ARD fällt nicht in unseren Zuständigkeitsbereich. Zu der von Ihnen angesprochenen 1:1 Untertitelung sowie der Qualität verweisen wir auf unseren Beitrag, den Sie unter "Notizen" finden.

Den Dialog findet man hier auf der Facebookseite.

Da habe ich dann mal auf die verwiesene Notizenseite geschaut:

Warum wird nicht 1:1 untertitelt?


Da hab ich dann meinen Kommentar hinterlassen:"Dem widerspreche ich. Gerade die durchgehende Untertitelung in Finnland, wo Filme untertitelt werden als sycnrochisiert, hat dafür gesorgt, dass finnischen Schüler bei der PISA-Studie am besten abgeschnitten haben beim Text- und Schreibverständnis. Außerdem sind die meisten DVD's in hoher Qualität untertitelt 1:1. Die Untertitel im Fernsehen sind ein Witz von der Qualität her - man teste nur mal die Untertitel bei "DAS!" im ND um täglich um 18:45 Uhr. Ich sehe so oft Dialoge, wo ich von den Lippen etwas völlig anderes ablese und im Untertitel den Satz total verkürzt und vereinfacht umformuliert sehe.

Das ist eine Bevormundung. Es bringt den gehörlosen Menschen mit geringer Sprachkompetenz nichts, wenn Dialoge zu einfach formuliert in den Untertitel erscheinen. Der Punkt ist: Wenn Gehörlose, Schwerhörige ab 2013 6 € Gebühren zahlen sollen, um finanziell zum barrierefreien Ausbau des Angebots zu zahlen, dann erwarte ICH als Gehörlose völlige Gleichbehandlung - nämlich, dass ich auch 1:1 genau DAS mitbekomme, was gesagt wurde.

Artikel 3 des Grundgesetzes: Niemand darf aufgrund seiner Behinderung benachteiligt werden. Und ein weiterer Punkt: Die Scrollingmethode ist am besten geeignet, den Weg für 1:1 Untertitel zu ebnen, die muss man dann aber auch gescheit anwenden.

Fakt ist: Was in England und in den Staaten täglich an Untertitel produziert wird in dieser hohen Qualität, muss auch hier umgesetzt werden, da gibt's keine Ausrede mehr. Gerade hochwertige Untertitel sind durch die visuelle Kombination mit Text und Bild dafür geeignet, Gehörlosen und Schwerhörigen, Alten wie Jungen eine bessere Bildung zuvermitteln. Und auch Ausländer, die in Deutsch lernen wollen, profitieren von hochwertigen, unverkürzten und unvereinfachten Untertitel. So muss man denken."

So denkt das deutsche Fernsehen. So sieht die Realität aus und ganz besonders heftig wird einem der Unterschied, wenn man an der Stelle von Christiane Link vom Behindertenparkplatz von England aus mal in "DAS!" auf NDR reinguckt und dann fassungslos vor dem Fernseher zurückbleibt: "Das kann doch nicht wahr sein, dass nur 50% des Gesagten untertitelt wird und alles so verkürzt und einige falsche Tatsachen gesagt werden in den Untertitel."

Auch sie hat auf der Untertitelseite vom NDR-Untertitel gepostet, worauf man leider nicht direkt verlinken kann, der Beitrag erscheint nur, wenn man auf "Alle Beiträge" klickt.

Sie hinterliess folgenden Text auf der Facebookseite von denen: "Hallo NDR-Untertitel-Team, ich habe gerade NDR DAS! zusammen mit einer gehörlosen Freundin gesehen. Ich kann hören. Mich würde mal interessieren, warum die Qualität der Live-Untertitelung bei den Interviews im Studio so schlecht ist. Es werden nicht einmal 50% der Informationen vermittelt, die ich als Hörende über das Interview bekomme. Woran liegt das? Das würde mich sehr interessieren. Ich lebe in Großbritannien und die Qualität der Untertitel bei BBC, auch bei Livesendungen, ist um Welten besser. Ist es ein Softwareproblem? Ist die Software bei Deutsch nicht so gut wie bei Englisch? Danke für die Antwort!"

Darauf antwortete das Team von NDR-Untertitel:"An einer Live-Sendung wie „Das!“ arbeiten immer mindestens 2 Untertitel-Redakteure. Sie verfolgen die Gespräche, und geben die Inhalte mittels einer Spracherkennungssoftware wieder. Diese wandelt dann das Gesagte in Untertitel. Entscheidend dabei ist, wie schnell können Gesprächsinhalte erfasst und in Untertitel umgesetzt werden. Sprechtempo, Thema, Gesprächssituation, Artikulation, Redefluss - die Qualität einer Live-Untertitelung wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Zudem ist ein gewisser Zeitverzug nicht zu vermeiden, denn der Untertitel kann erst formuliert werden, wenn der Satz gesprochen wurde. Und solange es keine automatische Spracherkennung gibt, wird sich daran wenig ändern. Wenn Sie sich die Sendung genauer anschauen, erkennen Sie, dass die Gesprächsinhalte - wenn auch nicht 1:1 - doch aber nahezu vollständig wiedergegeben wurden. Wir bedauern, dass Sie das offenbar anders empfunden haben. Seien Sie aber versichert, dass die Redaktion ständig an einer Qualitätsverbesserung arbeitet. Die geäußerte Kritik ist insofern Auftrag und Ansporn zugleich, die Anstrengungen in dieser Richtung fortzusetzen."

Christane verwies dann auf den hohen Standard bei der BBC:"Herzlichen Dank für die Antwort. Ich denke, das Ziel muss sein, Inhalte 1:1 wiederzugeben. Gerade bei Interviews sind Zusammenfassungen ja nicht genug. Man möchte doch wissen, wie es etwas gesagt wurde etc. Mir ist bewusst, dass das nicht ganz einfach ist und es eine enorme Leistung durch die Untertitel-Redakteure erfordert, aber es ist in UK Alltag. Sicher wissen Sie, dass die Untertitel hier zum Beispiel auch am Flughafen laufen und in Umgebungen, wo Ton stören würde, also auch hörende Menschen diese nutzen. Ich denke, das sollte der Maßstab sein: Wenn hörende Menschen sie problemlos nutzen, wenn sie am Flughafen sitzen, haben sie Niveau erreicht, das angemessen ist."

Darauf die die knappe Antwort von NDR-Untertitel: "Wir arbeiten daran."

Leider hat die NDR-Untertitel-Redaktion nicht auf meinen Beitrag zu dem Dialog reagiert - hier meine "Einmischung":"Ich war die gehörlose Freundin, mit der Frau Link die Sendung mitverfolgt hat, als von meinem Standpunkt her ist es wirklich sehr unbefriedigend, wenn man die Sendung anschaut und merkt, dass im Untertitel viel weniger oder anders mitgeteilt wird, was man an den Lippenbewegungen sehen kann. Gehörlose sind nicht blind und auch nicht doof und es ist wirklichs schade, dass man darauf immer wieder verweisen muss, dass von uns 1:1 Untertitel gewünscht werden."

Word Christiane: Das sollte der Maßstab sein für hochwertige 1:1 -Untertitel im deutschen Fernsehen und auf DVD's: Wenn hörende Menschen problemlos und GERNE auf Untertitel zugreifen, wenn sie Fernsehen, dann ist vollständige Barrierefreiheit erreicht!

Ich werde auf jeden Fall ab 2013 keine 6 Euro GEZ-Gebühren zahlen, wenn ich vom Fernsehen nicht genau die gleiche Brandbreite des Gesagten in den Untertiteln übermittelt bekommen - ich bezahle gerne für Gleichbehandlung wie die britischen Gehörlosen, die bei der BBC wie jeder andere Gebühren zahlen und dafür eine vollständige Gleichbehandlung bekommen.

Außerdem wünsche ich mir von der Politik, dass sie einfach mal um 18:45 in "DAS!" auf NDR vorbeischaut, außerdem bei "Anne Will", "Hart aber Fair", "Menschen bei Maischberger" reinschaut. Untertitel findet man auf der Videotext-Seite 150.

Ich finde, dass man so denken muss wie bei eine Vollversammlung der UNO, was die Qualität Untertitel angeht: Die Dolmetscher dort dürfen sich dort auch keine Verkürzungen oder Vereinfachungen leisten, denn sonst drohen Missverständnisse mit großen Auswirkungen, weswegen sie 1:1 dolmetschen müssen.

Die Bemühungen der Fernsehanstalten hierzulande sind löblich, aber leider nicht ausreichend genug und das muss sich sehr bald ändern. Barriereifreiheit bedeutet auch denn vollen Zugang zu haben zu den Informationen - genau den gleichen Inhalt serviert zu kriegen wie die "anderen."

Barrierefreiheit ist Gleichbehandlung im wahrsten Sinne des Wortes und solange die zusammen mit der Inklusion nicht erreicht wird in Deutschland, denk ich an Heinrich Heine: "Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht."

Freitag, 9. September 2011

My last 5 cents zu "CI-Zwang für gehörlose Kinder?"

Meinen Blogleser werden ja die Einträge kennen, worum es um die eindringliche Empfehlung einer Versorgungsrichtline mit dem Cochlear Implantat für gehörlose Kinder geht - kommen die Eltern, egal ob hörend oder gehörlos dieser Aufforderung nicht nach, dann müsse man ihnen das Sorgerecht entziehen.

Hier geht's zum PDF von Müller und Zaracko.

Hier die Blogeinträge dazu:

CI-Zwang für gehörlose Kinder?

Morgen haben die Eltern den Termin beim Jugendamt

Lieber keine schlafenden Hunde wecken, sonst droht dir das Jugendamt...

Ich äußere gerne noch mal meinen Standpunkt zu Müller und Zarackos Thesen übrigens: Die beiden haben überhaupt keine Ahnung, wovon sie schreiben - ganz im Ernst. Interessanterweise beziehen sie sich eindeutig auf den Hintergrund gehörloser Eltern mit einem gehörlosen Kind, nicht etwa auf hörende Eltern mit einem gehörlosen Kind. Laut Müller&Zaracko sind gehörlose Eltern einem Cochlear Implantat gegenüber ablehnend eingestellt. Das kann zutreffen, muss aber nicht und es ist auch nicht verwunderlich bei der Geschichte Gehörloser, denn die Gebärdensprache, die Muttersprache der Mehrheit der Gehörlosen wurde jahrelang unterdrückt und als Kommunikationsmittel verboten, da die angeblich das Erlernen der Lautsprache behindern würde. Heutzutage weiß man, dass diese jahrelange Annahme völlig falsch ist, was eigentlich nur logisch ist, wenn man sich bilinguale Kinder anschaut aus binationalen Beziehungen, denn dort verbat man ja den Eltern ja auch nicht, das Kind mehr als zwei Muttersprachen "auszusetzen".

Übrigens: Heute noch ist für Lehrer, die an Gehörlosenschulen gehörlose Kinder unterrichten, nicht zwingend vorgeschrieben, dass sie während des Studiums die Gebärdensprache lernen müssen.

Das CI kann eine Hilfe sein, es kann eine Chance sein für gehörlose Kinder, aber man sollte es nicht überbewerten - ich bin zum Beispiel teilweise in einer Meinung mit Arno Vogel, dem therapeutischen Leiter des CI-Centrums Schleswig-Holstein, der ebenfalls eine Stellungsnahme zum Müller&Zarackos Artikel schrieb.

Hier geht's zu der Stellungsnahme von Herrn Vogel.

Außerdem ist bei der Versorgung nicht die Garantie in petto, dass das Kind damit gut klarkommen wird und normalhörend und sprechend wird - es gibt da Bombenerfolge und eben keine solche Bombenerfolge, weil jeder Mensch mit seiner Hörbiographie halt individuell ist. Von den Bombenerfolgen ausgehend kann man nicht pauschalisieren, dass das CI jedem hilft, aber leider wird genau das suggestiert.

Und was die Schulpolitik angeht: JEDES Kind, egal ob behindert oder nicht, hat auch ein RECHT auf eine vernüftige Schulpolitik, die einen nicht bremst, sondern fördert. Sicher ist es ein Erfolg für gehörlose Kinder mit einem Cochler Implantat, wenn diese es auf eine Schwerhörigenschule schaffen, aber aus meiner Sicht her liegt es nicht alleine am Cochlear Implantat, ob sie auf eine Schwerhörigenschule gehen können anstatt auf eine Regelschule, sondern an der Einschätzung des Hörvermögens und dem Bildungsgrad des Kindes, denn ich war ja auch auf einer Schwerhörigenschule, obwohl ich eigentlich so gut wie gehörlos war.

Was mich auf die Schwerhörigenschule gebracht hat? Das ärztliche Gutachten, ich seie hochgradig schwerhörig an der Grenze zur Taubheit.
Darüber hinaus befand ich mich dank dem Besuch einer hörenden Grundschule ganz ohne Dolmetscher oder sonstwelche Hilfen auf dem Niveau einer hörenden Grundschulklässlerin und war somit über dem Niveau meiner Mitschülern, weil es für mich kein Problem war, fehlerlose Diktate und Aufsätze abzuliefern. Ich hatte einfach Glück, dass man mich so eingestuft hat, denn ansonsten wäre ich wohl auf einer Gehörlosenschule gelandet und wäre wohl gnadenlos unterfordert gewesen.

Es lastet halt ein Druck auf gehörlose Eltern, dass ihre Kinder es besser als sie im Leben haben werden und solange die Gesellschaft nicht barrierefrei ist und sich die Schulbildung für Gehörlose nicht entscheidend verbessern wird, werden einige gehörlose wie hörende Eltern sich für das CI entscheiden. Mir sind zwei Fälle bekannt, wo im Frühsommer 2011 2 komplett gehörlose Elternpaare sich für die CI-Versorgung ihrer gehörlosen Kinder mit knapp einem Jahr entschieden haben mit dem Ziel, dass es ihre Kinder besser haben werden als sie. Dennoch werden diese Kinder billingual aufwachsen - Gebärdensprache und Lautsprache.

Diese Erkenntnis hat sich schon seit Jahren langsam aber sicher in der CI-Versorgung durchgesetzt, dass die Kinder beides brauchen und es hat auch dafür gesorgt, dass das CI nicht mehr so skeptisch angesehen wird unter Gehörlosen, aber es löst das entscheidende Problem nicht - die Gesellschaft fordert von Behinderten, speziell von den Gehörlosen die Anpassung an sie, aber was tut die Gesellschaft für sie? Sie ist nicht barrierefrei und das muss sich dringend ändern.

Gehörlose wie hörende Eltern brauchen die Gewissheit, dass die Entscheidung, dass sie ihr/ihre Kinder nicht mit einem Cochlear Implantat versorgen werden, nicht zu einer Chancenminderung der Kinder im Leben führt.

Lesenswert ist auch der ausführlichen Blogeintrag mit meiner ausführlicheren Meinung zur Versorgung mit dem CI: TV-Bericht über das Cochlear Implantat.

Arno Vogel hat aber einen interessanten Hinweis in seiner Stellungsnahme in seinem Fazit hinterlassen: Die Arbeit von Müller&Zaracko wurde doch GLATT vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert unter dem Förderungskennzeichen 01 GP 0769 und GP 0804.

Von daher ist es mir noch einleuchtender als sonst, warum die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer ganz unverholen Werbung für das Cochlear Implantat macht, was man hier nachlesen kann: Liebe Frau Haderthauer!

Da hat die Bundesregierung doch mal wieder Geld aus dem Fenster geschmissen für eine Arbeit, die zu 70% aus totaler Unwissenheit um die Thematik besteht und außerdem gegen das Grundgesetz verstößt mit der These, dass man den Eltern, die dem "Segen" einer Versorgung mit dem Cochlear Implantat nicht nachkommen wollen, das Sorgerecht entziehen müsse.

Aber was will man von einer Regierung erwarten, die ihren eigenen Gesetze bricht und die die Ermahnungen von ihrem EIGENEN Behindertenbeauftragten Hubert Hüppe einfach nicht zur Kenntnis nimmt?

Ich kann nur hoffen, dass sich eines Tages, den ich hoffentlich noch miterlebe, es Alltag ist in Deutschland, dass sich Barrierefreiheit wie ein roter Faden sich durch Deutschland zieht und es freie Wahlmöglichkeiten gibt.