Donnerstag, 28. Januar 2010

Gehörlose Zeitzeugen im Nationalsozialismus

Gestern war der 27. Januar und damit der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.

Es ist bekannt, was für eine Haltung die Nazis gegenüber den Juden, den Romas&Sintis, politisch Andersdenkenden und Homosexuelle hatten und mit welcher Härte und furchtbarer Genauigkeit sie diesen Plan verfolgten.

Aber ist den meisten Menschen auch bekannt, dass im Nationalsozialismus Behinderte als lebensunwertes Leben und als Last für die Gemeinschaft angesehen wurde? Zum Beispiel wurde eine Kosten-Nutzen-Rechnung aufgestellt auf den Flyern der Nazis, wie teuer Erziehungsheime für Schwachsinnige den Staat jährlich wären und was man mit dem vielen Geld alles für die erbgesunder Arbeitergemeinschaft tun könnte.

Auch Gehörlose sind davon betroffen gewesen. Der gehörlose Vater meines hörenden Berufsschullehrers erzählte mal, wie er diese Zeit erlebt hat. Er war übrigens in der Hitlerjugend mit dabei, obwohl Behinderte eigentlich lebensuntüchtig waren in den Augen der Nazis. In der Hitlerjugend hatte man einen "Bann", so eine Art Schulterbinde auf dem Ärmel, für die Hörenden gab es Nummern und für die Gehörlosen Buchstaben. Auf dem "Bann" war der Buchstabe "G" für gehörgeschädigt zu sehen, so stand es damals in den Vorschrift. Außerdem standen unter dem Wort "G" drei Punkte - das Behindertenabzeichen.

Die Gehörlosen und die Schwerhörigen haben sich für dieses Abzeichen geschämt und den Ärmel immer so hochgekrempelt, damit die Hörenden dieses Behindertenabzeichen nicht bemerken.
Übrigens wollten die Schwerhörigen einen eigenen "Bann" für "Schwerhörig" haben, aber sie waren von der Mitgliederanzahl zu wenige, um einen eigenen Bann zu kriegen, also hat man mit dem Oberbegriff "G" für gehörgeschädigt die Gehörlosen und die Schwerhörigen zusammengefasst.

Einige Zeit gab es sogar einen "Bann" mit "K" für Körperbehinderte, aber dieser Bann wurde kurze Zeit später aufgelöst, da Hitler es nicht gerne sah, dass auch solche in der Uniform der Hitlerjugend auftraten. Die Gehörlosen und Schwerhörigen durften bleiben, da man es ihnen es ja nicht ansah, dass sie behindert waren - aber sie hatten keine tragenden Rollen wie "Hitlerjugendführer" oder ähnliche inne in der Hitlerjugend, denn man traute ihnen sowas einfach nicht zu. Nun ja, der Bann "G" sollte erreichen, das die Gehörlosen&Schwerhörigen in der Hitlerjugend den Hörenden gleichgestellt waren, aber das trat niemals ein. So durften die bei den Reichsparteitagen in Nürnberg nicht mitmarschieren.

Es war so, dass die Hitlerjugend 1-2x Woche in die damalige Taubstummenanstalt besuchte und dann wurde dort das ganze Programm aufgezogen. Die Uniform der Hitlerjugend mußte allerdings immer getragen werden. In der Taubstummenanstalt war die Gebärdensprache verboten, man durfte nur außerhalb der Schule gebärden und erst recht nicht, wenn die Hitlerjugend da war, denn das paßte nicht zum Deutschland-Bild.

Interessanterweise mußten Gehörlose und Schwerhörige auch bei den Soldatenspielen mitmachen, obwohl sie von Anfang an wehruntauglich eingestuft wurden, aber sie mußten lernen, wie man Handgranaten wirft oder Entfernungen abschätzt, damit sie z.B. wußten, wie weit der Feind von ihnen entfernt ist.

Und auch noch eine interessante Anekdote mit Hitler und einem gehörlosen Mädchen aus der Hitlerjugend gibt es: In Saabrücken gab es eine Theateraufführung und der Bruder des gehörlosen Mädchen war bei der SA und hat es geschafft, dass seine Schwester Hitler einen Blumenstrauß überreichen durfte. Es gibt sogar einen Filmausschnitt darüber, auf dem zu sehen ist, wie Hitler das gehörlose Mädchen fragt, wie es heißt, was ihr Vater so macht und so weiter. Am Schluß fragt er sie, ob sie ihn gut verstanden habe. Das Mädchen entgegnete, dass es ihn gut verstanden habe. Natürlich hat sie die ganze Zeit NICHT gebärdet, das war verboten. Diese Begegnung ist übrigens auch noch schriftlich festgehalten in der Hitlerjugendzeitschrift "Die Quelle".

Der Vater meines Berufsschullehrer trat übrigens 1937/1938 aus der Hitlerjugend aus, weil er mit der Haltung der Nazis gegenüber den Juden nicht einverstanden war.

Den Krieg hat er übrigens dadurch überlebt, dass er sich einen Bindfaden um den großen Zeh gebunden hat und den Rest des Bindfadens außen an die Türklinke gebunden hat, die Nachbarn zogen dann kräftig mehrmals am Bindfaden, wenn Bombenalarm angesagt war. So konnte er dann rechtzeitig in den Bunker gelangen. Erfindungsreichtum war nicht nur unter Hörenden angesagt damals.

Aber es gab nicht nur Gehörlose und Schwerhörige, die den Nationalsozialismus ohne größere Hindernisse überlebten, denn wie gesagt, waren sie in den Augen der Nazis lebensunwertes Leben und daher vordergründig auszurotten. Bei geistig behinderten führte man eine Euthnasie durch in den Erziehungsheimen, die Familien erfuhren immer nur, dass eine Krankheit zum Tode geführt haben soll.

Das Buch "Gehörlose in der Hitlerjugend" von Lothar Scharf ist sehr interessant und einiges aus dem Buch fasste ich eben zusammen.

"Gehörlose in der Hitlerjugend" von Lothar Scharf zu bestellen bei Amazon
Und man hat Zwangsterilisationen durch geführt an vielen Gehörlosen&Schwerhörigen, damit das Volk erbgesund blieb.

Da gibt es eine interessante DVD aus Österreich - "Gehörlose Österreicher im Nationalsozialismus" und auf YouTube kann man den Trailer dazu sehen:

Gehörlose Österreicher im Nationalsozialismus

Einer der Zeitzeugen erzählt auf der DVD, dass er sterilisiert sterilisiert werden hätten sollen und nun habe er hörende Kinder und Enkel, da haben die Nazis also Unrecht gehabt!

Aber was war, wenn man gehörlos und jüdisch war und somit doppelt geächtet in den Augen der Nazis? Da war man ziemlich chancenlos, wie man es in Berlin anhand der Stolpersteine für 3 gehörlose jüdische Mitbürger sehen kann. Die Steine wurden verlegt für Hans Arnheim (jüdischer gehörloser Künstler), Markus Milet (selbstständiger gehörloser Tischlermeister) und Martin Jonas (gehörloser Jugendleiter).

Da sich der Jahrestag gestern zum 65. Mal jährte, fand gestern eine Gedenkstunde im Bundestag statt, in der der israelische Ministerpräsident Simon Peres eine Rede hielt, die in Gebärdensprache übersetzt wurde für Mark Zaurov, dem Vorsitzenden der gehörlosen Juden.

Hier kann man sich das Video angucken, ab der 22:48 Minute sieht man ihn mit seinem Dolmetscher.

Ein trauriges Thema, nicht wahr?

Weitere Blogeinträge zum Thema:

Menschen mit Behinderungen unter dem Hakenkreuz

Euthanasie - Erinnerungsaktion

Zwangsterilisationen an Menschen mit Behinderungen unter dem Hakenkreuz

Mittwoch, 27. Januar 2010

Die armen Hörenden manchmal ...

Hier habe ich schon mal schmunzelnd über die Verlegenheit der Hörenden berichtet, die dann, wenn sie mich noch nicht kennen oder vergessen haben, dass ich nicht hören kann, aber etwas im Zusammenhang mit dem Hören erwähnt haben, z.b. den beliebten Satz: "Hast du das auch schon gehört?"

Der Blogbeitrag findet sich hier: "Was man halt so sagt."

Jetzt hatte ich mal wieder ein solches Erlebnis - unterhalte mich per Blackberry mit einem Bekannten über den Niedergang von AOL, im Gespräch vermute ich, dass das derzeitige Mailproblem daran liegt, dass AOL am Sterben ist. Chatpartner pflichtet mir bei, dass er auch schon davon gehört habe. Ich baue einen Kopfschüttelsmiley in den Satz ein: "Und das, wo 1998 die Kooperation von AOL und WARNER Bros. das ganz große Ding war damals.." Die Neuronen vom Gesprächspartner feuern auf einmal mächtig und ihm fällt ein: "Ich war mal AOL-BETA-Tester damals.." Zu dem Satz fällt mir nun wieder die damaligen Werbeclips mit Bobbele bzw. Boris Becker ein: "Bin ich denn schon drinnen? Das war ja einfach!" "Willkommen" schreibt der Gesprächspartner und will mir die SprachDatei: "You've got Mail.mp3." schicken. Für alle NICHT-AOLer: "Willkommen" und "You've got Mail." dröhnte einem damals sehr blechern entgegen, wenn man sich bei AOL eingeloggt hat.

Ich lehne die Datei ab und weise ihn charmant darauf hin, dass mir die Datei nicht viel bringt, weil ich doch nicht hören kann (jedenfalls nicht ohne das CI).

Darauf hin verstummt der Chatpartner - oh es ist im peinlich, sogar sehr peinlich, dass er nicht daran gedacht hat und ich merke, wie er nach Worten sucht und versucht sich zu retten, weil er sich nach seiner Meinung nach in einen gewaltigen Fettnapf begeben hat. Und was mache ich derweil? Er schickt mir zur Abmilderung einen bekümmerten Smiley, worauf ich grinsend zurückschreibe: "Das macht nichts!" Er wirft sich noch mehr in den Staub, da er mit "Doch!" antwortet. Ich schreibe zurück, dass es wirklich nichts macht. Und wie in ca. 95% der Fälle kommt dann die Antwort: "Magst du was darüber erzählen?/Wieso ist das eigentlich so?"

In einem Livegespräch würde ich den Fragenden wohl aufklären und bis vor der Geburt von diesem Blog hätte ich wohl auch eine knappe Erklärung abgegeben, aber JETZT gebe ich in einem Online-Dialog nur noch lässig die Adresse meines Blog hier weiter.

Ist das nicht lässig von mir? :-D Also, jetzt echt: Die armen Hörenden manchmal - jetzt haben sie SOVIEL zum Lesen, wenn sie auf dieses Blog kommen und das alles nur, um aus diesem Fettnapf herauszukommen...

Dienstag, 26. Januar 2010

Gebärdensprache in der Werbung

Heute auf www.taubenschlag.de entdeckt und sogleich weiterverwertet als Blogeintrag!

Den Typen in der niederländischen Senseo-Reklame hätte ich am liebsten geknutscht...und die Aussage des Werbespots am Schluss ist: "Es kommt nicht darauf an, was du sagst, sondern darauf, was ihr euch teilt."

http://www.youtube.com/watch?v=NEFIs3fVjTk&feature=player_embedded

Und in Italien spricht McDonalds gezielt gehörlose Jugendliche an mit einem Werbespot - am Schluss erscheint der Satz: Universally spoken: Ich liebe es."

http://www.vlog-sordi.com/2009/11/mcdeaf.html

Und die thailändische Nescafe-Werbung ist zum Brüllen komisch - Gebärden können gefährlich sein für Umstehende.. ;-)

http://www.youtube.com/watch?v=QtbyqJjMnqw&feature=player_embedded

Aber mir gefällt diese Werbung hier von Patene wirklich immer noch am meisten, denn sie erzählt eine Geschichte und ist zudem noch wunderschön gefilmt.



Nachtrag von 10:50 Uhr: Dieser Werbespot "Bob's House" von Pepsi darf natürlich nicht fehlen, denn er ist sehr witzig und in Amerika ziemlich bekannt, denn er wurde vor dem Anpfiff des SuperBowl-Tags gesendet. 60 Sekunden ohne Ton - nur offene Untertitel und Gebärdensprache. Offene Untertitel heißt, dass dieser Spot feste Untertitel hat, die für alle sichtbar sind und nicht extra angefordert werden muß über Videotext, sofern sie verfügbar sind.

http://www.youtube.com/watch?v=ffrq6cUoE5A

Behind the Scenes of Bob's House: http://www.youtube.com/watch?v=Wl1UdFFeopo&feature=video_response

Nachtrag von 11:52 Uhr: Ha, ich hab mich an einen Videoclip erinnert, den ich mal auf Youtube gesehen hatte und ihn erst jetzt gefunden. Da liegt man so morgens zu zweit im Bett und merkt erst nach der Unterhaltung, dass man Mundgeruch hat. Wie geht das denn?

Diese asiatische Werbung zeigt das: http://www.youtube.com/watch?v=BkjWqp9RhwI

Und selbst Apple setzt auf Gebärdensprache in der Werbung - hier ein netter Clip über den ipod Shuffle: http://www.youtube.com/watch?v=GTy2PxfpDvQ

Und hier ein Werbungsvideo von einem Dolmetscherbüro aus der Ukraine:
http://www.youtube.com/watch?v=rKvLnXgoHlc

Ich fand außerdem noch ein Video von HUMANIC Schuhe mit Gebärdensprache aus dem Jahre 1977 - allerdings find ich die Kombination mit der Hand teilweise vor dem Mund in dem Video etwas unglücklich, aber trotzdem ein interessantes Video!

http://www.youtube.com/watch?v=6cYhOyaHj_4

Samstag, 9. Januar 2010

Sendungshinweis!

Am Sonntag, den 10.01. zeigt das ZDF von 09:02-9:30 im Rahmen der Sendung "Sonntags" einen interessanten Bericht:

Jung, erfolgreich, gehörlos
Wie Helene Jarmer als erste gehörlose Politikerin sich im Wiener Parlament Einfluß verschafft

Gemeinsam mit Gebärden durchs Leben gehen
Sprachenvielfalt in einer Familie von Hörenden und Gehörlosen

http://sonntags.zdf.de/ZDFde/inhalt/11/0,1872,2042251,00.html?dr=1

Wenn man auf der rechten Seite der Sendungseite guckt, da wo die Filminformationen sind, sieht mal lediglich in welchem Bildformat die Sendung ausgestrahlt wird, aber nicht, ob diese auch mit Untertiteln ausgestrahlt wird.

Laut den Informationen des Taubenschlags soll sie aber untertitelt werden! Bin mal gespannt, ob das stimmt.

Nachtrag vom 26.01.2010: In der ZDF-Mediathek kann man jetzt diese Sendung online sehen und sogar mit Untertiteln, die man über das Symbol mit dem durchgestrichenen Ohr hinzuschalten kann! Da hat sich das ZDF wohl bei der Mediathek vom WDR orientiert, die eine solche gehörlosenfreundliche Mediathek schon seit längerem anbieten. Zum Beispiel kommt "Quarks" im Fernsehen mit Untertiteln und später wird die Sendung auch in die Mediathek geschoben, selbstverständlcih mit Untertiteln.

Sonntag, 3. Januar 2010

So kann man doch nicht berichten!

Ich bin über diesen Zeitungsbericht hier gestolpert, es geht um einen Fotografen, der auch als Gebärdensprachdolmetscher arbeitet. So weit, so schön. Aber der Artikel strotzt nur so von Fehlern, die nicht nachvollziehbar sind für mich.

Auf der Couch mit Michael Krupinski

Die Einleitung liest sich ja ganz einfühlsam, aber dann stellen sich meine Haare zu Berge auf, wenn ich das hier lese: "Krupinskis Eltern sind gehörlos, also taub und stumm." Hä? Hat da die Volontärin Julia Weigelt versucht das Wort "gehörlos" als das neue "taubstumm" zu verkaufen?

Und so geht's weiter im Artikel - da wird von einem Gehörlosen berichtet, der sein Autoradio von der Werkstatt auf Maximum eingestellt bekam und als scheinbarer Verkehrsrowdy zur Rechenschaft gezogen wurde. Der Widerspruch ist doch offensichtlich - ich kenne genügend Gehörlose, die mit voller Lautstärke und das ganz wissentlich Auto fahren, damit sie noch etwas von der Musik bemerken. Man kann mir nicht erzählen, dass ein Gehörloser die Vibrationen des Autoradios nicht mitbekommen hat! Ich denke eher, es war die Schlitzohrigkeit der Gehörlosen an sich, die ihn dazu brachte sich "dumm" zu stellen für die Polizei. ;-) Aber vielleicht war es ja wirklich so, dass dieser Gehörlose nicht gemerkt hat.

Der Artikel ist eigentlich nett, aber er ist sehr unausgegoren und mich stört, dass Gehörlose als hilfsbedürftige Menschen dargestellt werden, die auf den guten Willen ihrer Umwelt angewiesen sind.

Schade, dass das Potential, dass in dem Artikel steckte, nicht ganz zum Zuge kam, denn daraus hätte man wirklich mehr machen können.

Man hätte z.b. den Fotografen fragen können, ob er als Fotografen durch die Linse mehr sieht, weil er von seinen Eltern vermutlich das visuelle Sehen übernommen hat...

Schade darum!

Samstag, 2. Januar 2010

"Der Schlitten ist ein Teil von mir"

Das ist die Aussage von einem bekannten Rennrodler, dessen Name der breiten Masse bekannt ist: David Möller - Homepage von David

Was weniger bekannt ist, dass er ein CODA (Child(ren) of deaf Adults) ist, d.h. er hat gehörlose Eltern.

Bei "Sehen statt Hören" lief am 20.2.2009 ein Bericht über ihn, der sehr interessant war.

Wo hat man schon mal die Gelegenheit einen hörenden Spitzensportler zu erleben, der der Gebärdensprache von klein auf mächtig ist?

Aktuell liegt David in der noch jungen Saison in der Weltcup-Wertung auf Platz 4 und in der Challenge-Cup-Wertung auf Platz 3.

Ich drücke ihm die Daumen für Olympia und den Weltcup. Bin mal gespannt, was in dieser Saison alles drin ist für David!

Bei Wikipedia kann man nachlesen, dass David kein unbeschriebenes Blatt ist im Rodelsport.


Übrigens: Der Skispringer Gregor Schlierenzauer ist auf einem Ohr taub. Nachzulesen ist das hier im Interview.