Sonntag, 3. Mai 2009

Lippenlesen - wie funktioniert das überhaupt?

Häufige Blogbesucher hier sind schon das eine oder das andere Mal über die Worte wie "freies Hörvermögen", "Lippenlesen", "Mundbild" gestolpert.

Wer nicht hört, der sieht mit den Augen. Meine Augen, obgleich sehr hübsch, sind nicht nur zum Sehen und zum Eintauchen in ihnen auf dieser Welt, sondern auch um MIR Informationen mitzuteilen. Puuh, ich stinke jetzt bestimmt meilenweit gegen den Wind, denn wie sagt man so schön: "Eigenlob stinkt." ;-)

Okay, kommen wir mal zum Lippenlesen und einer interessanten Studie dazu. Englische Forscher haben Babys im Alter bis zu 7 Monaten ein Video ohne Ton vorgespielt. Einmal war das Video mit der Muttersprache der Babys, also in dem Fall Englisch und einmal auf Französisch. Sie konnten eine gesteigertes Interesse der Babys nachweisen, wenn die Muttersprache im tonlosen Video zu sehen war, aber dagegen totales Desinteresse, wenn im Video französisch gesprochen wurde.

Wie schon eingangs erwähnt, das Video wurde ohne Ton vorgespielt, was die Schlussfolgerung logisch erscheinen lässt: Alle Babys, sofern sie nicht blind oder anderweitig stark sehbehindert können durch die Bewegungen in den ersten 7 Lebensmonaten bereits anhand der Lippenbewegungen unterscheiden, welche Sprache gesprochen wird. Ab dem 6.Lebensmonat verliert diese Fähigkeit durch die Dominanz der erlernten Fähigkeit des Gehirns Geräusche im Nu auseinander halten und zuordnen zu können, sofern das Baby hörend ist.

Gehörlose und Schwerhörige Babys haben also schon in den ersten Lebenswochen einen sehr stark visuell ausgeprägten Sehsinn.

Lippenlesen ist nichts anders als das visuelle Erkennen von gesprochenen Informationen über die Lippenbewegungen des Sprechers. Ich lese also jemandem buchstäblich alles von den Lippen ab im wahrsten Sinne des Wortes!

Wie das funktioniert? Die bei den verschiedenen Lauten jeweils unterschiedlichen Stellungen der Lippen und der Mundregionen einschliesslich der von außen sichtbaren Zungenstellung formieren sich zu dem Mundbild.

Hört sich im Prinzip eigentlich ganz einfach an - für mich jedenfalls und das ist es auch für mich, wenn mein Gegenüber so einiges beachtet, was ich hier schon mal erklärte.

Jetzt kommen wir zu den Tücken. Deutsche Sprachforscher haben herausgefunden, dass nur etwa 15% der deutschen Sprache ablesbar sind für Lippenleser, was daran liegt, dass im Deutschen vielfach lautsprachlich ähnliche Wörter existieren, die aber eine unterschiedliche Bedeutung haben.
Man denke nur mal an: "Butter-Mutter", "Tisch-Fisch.", "Greifen-Reifen.", "Achtzig - hat sich" und noch so einige andere Wörter.

Sprachforscher schätzen deshalb, dass geübte Lippenleser daher etwa nur 30% von den Lippen ablesen können, was ich aber nicht so bestätigen kann aufgrund der Tatsache, dass Laborbedingungen nicht vergleichbar sind mit den tausend verschiedenen Faktoren im wahren Leben.

Ich kenne sehr viele Gehörlose, die auch sehr gut Lippenlesen können, aber was heißt in dem Fall gut lippenlesen? Ab wann sind Informationen wirklich informativ, bzw. wieviel Prozent von einer Information muss man mitbekommen haben, damit sie wirklich informativ ist, ohne dass allzuviel von der Information verloren geht?

Es kommt beim Lippenlesen auf sehr viele Faktoren an, um auch als oder gerade als Gehörloser/Schwerhöriger Mensch gut darin zu sein.

1. Verhältnis zum Gegenüber: Wie gut kennt man sich und dessen Mundbild?
2. Lichtverhältnisse
3. Situation: Einzeltrefffen oder größere Anzahl von Personen?
4. Handelt es sich um einen Vortrag oder ähnliches?
5. Wie "wach" ist man gerade?
7. Wortschatz/Allgemeinwissen der lippenlesenden Person (gerade dieser Faktor ist einer der wichtigsten, wenn nicht der allerwichtigste neben der Verhältnisfrage!)
6. Es gibt noch einige andere Faktoren, die man ins Feld führen könnte, aber die 5 reichen vorerst mal aus.

Ich hatte vor gut 2 Jahren an der MHH in Hannover, der Klinik, die mir damals Anno 1994 ein Cochlear Implantat verpasste, ein lustiges Erlebnis.
Ich mußte einen Test machen, weil die sehen wollten, wie gut ich Sprache verestehe. Ich wies die Professorin darauf hin, dass ich über kein freies Hörvermögen verfüge, d.h. ohne Absehen geht bei mir gar nichts! Daraufhin einigten wir uns, dass ich mal online mit dem Implantat und einmal offline ihr von den Lippen ablesen solle. In beiden Fällen erreichte ich 100% des vorgelesenen Textes und die arme Frau fragte mich ganz verzweifelt: "Wozu haben Sie eigentlich das Implantat, wenn sie so perfekt darin sind?"

Ich kann ganz gut lippenlesen, da ich sehr oft mit Hörenden Kontakt habe und quasi daran gewöhnt bin, dies pausenlos zu tun. Auch das Englische kann ich ganz gut lippenlesen, wenn man mich vorher darauf hinweist, dass man aufs Englische umschaltet, weil ich dann mein Gehirn dann entsprechend daruf hinweisen kann, dass ich darauf achten muss, wie man im Englischen redet. ;-)

Wikipedia erklärt das Lippenlesen schon ganz gut: http://de.wikipedia.org/wiki/Lippenlesen

Kommentare:

  1. es bleibt mir nach wie vor gänzlich unverständlich wie es funktionieren kann.
    ich bewundere das total!

    man denke nur an die ganzen nuschler unter uns ...

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  2. Sehr informativ und wirklich interessant wie das funktioniert! Vor allem das mit den Fremdsprachen...echt bemerkenswert! Wie ist ist bei Sprachen, die Du nicht kennst, kannst Du trotzdem erlesen, um welche Sprache es sich handelt?
    Ist Lippenlesen für Dich anstrengend? Schaust Du dann von den Lippen zu den Augen immer quasi hin und her oder hast Du beides gleichermassen im Blick?

    Sorry, für die vielen Fragen.
    LG aus down under!

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  3. Ich meine mich zu erinnern, dass Du mir mal erzählt hast, dass es ein großes Problem für Taube ist, dass sie zu wenig mit Hörenden zu tun haben.
    Kann es sein, dass daher auch die niedrige Prozentrate von 30% herrühren? Du liegst ja weit darüber.

    Wäre natürlich auch mal interessant zu wissen, wieso Taube nur so stark unter sich bleiben.

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  4. Meines Erachtens wissen wir Hörende sowenig von der Gebärdensprache, weil unser System, wenn es fördert trennt und nicht integriert. Eine Ausstellungskonzept des Museums für Kommunikation in Frankfurt hat einen Schritt getan die Welt der Gebärdensprache vor zu stellen. Dialog im Stillen, die Führung übernehmen Gehörlose. Ich bin mit meinem Sohn dort gewesen, sehr spannend und aufregend. Was mich erstaunt hat war, auch in der Gebärdensprache gibt es Dialekte und die Sprache ist gar nicht internationalisiert, also der Gehörlose Holländer, Franzose usw. sich u.a. nicht per se verstehen. Ich dachte die Gebärdensprache wäre in ihren Gebärden wie Esperanto aufgebaut. ganz witzig finde ich die Namen, die man sich gibt - es ist ja kein Rufnahme. Sehr spannend und wir sind privilegiert, wenn wir beide Welten kennen lernen. dürfen.

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  5. 100% ohne CI? Das ist wirklich beachtenswert! Die ersten 5 Lebensjahren war ich taub, und daher kann ich auch noch Lippen ablesen. Aber leider nicht mehr so perfekt wie früher, da ich fast nie im Alltag mein Ohr "ausschalte". Ich zum Beispiel kann die Sprecherin oder der Sprecher vom Tagesschau ohne CI nahezu problemlos verstehen. Meine persönliche Lippenablese-Rate würde ich im Moment auf ca 50% setzen, da ich schon seit mehr als 15 Jahre nicht mehr intensiv Lippen abgelesen habe.

    Mein Tip an den hörenden Kommentaren, die unbedingt Lippenablesen beherschen wollen: Jeden Tag 3 oder 4 Stunden die Ohren dicht machen und im Alltag irgendwie damit durchboxen, auch wenn's schwer fällt! :)

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  6. Das mit dem "Umschalten" ist auch bei Hörenden so. Wenn ich mitten in einem Deutschen Text einen englischen Satz höre, brauche ich auch erst einen Moment, bis ich das Gesagte dekodieren kann. Häufig muß ich mir den Satz dan im Geiste nochmal anhören, damit das klappt. Das geht natürlich auf Kosten des folgenden Textes. Manchmal klappt das mit dem Dekodieren auch gar nicht mehr. Die "Umschalterei" ist jedenfalls für Menschen, die nicht unbedingt fließend zweisprachig sind, vermutlich einfach normal.

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